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Neuere Entwicklungen im französischen Berufsbildungssystem

Diplomarbeit 2009 131 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Landeswissenschaftliche Grundlagen
2.1 Geographische Rahmenbedingungen
2.2 Historische Rahmenbedingungen
2.3 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
2.4 Politische Rahmenbedingungen
2.4.1 Administrative Strukturen
2.4.2 Das politische System
2.5 Ökonomische Rahmenbedingungen
2.5.1 Wirtschaftspolitische Grundlagen
2.5.2 Wirtschaftspolitische Herausforderungen

3. Grundzüge des französischen Bildungssystems
3.1 Entwicklung des Bildungssystems
3.1.1 Anfänge des Aufbaus eines Bildungssystems
3.1.2 Charakteristika des heutigen Systems
3.1.3 Ziele des Bildungssystems
3.2 Die schulische Bildung
3.2.1 Primarstufe
3.2.2 Sekundarstufe
3.2.3 Sekundarstufe
3.3 Schlussfolgerungen

4. Das französische Berufsbildungssystem
4.1 Stellenwert der Berufsausbildung in Frankreich
4.1.1 Geschichte der Berufsausbildung
4.1.2 Akzeptanz in der Gesellschaft
4.2 Varietäten der französischen Erstausbildung
4.2.1 Schulisch-berufliche Ausbildung
4.2.2 Duale Ausbildungsgänge
4.3 Das Hochschulwesen
4.3.1 Die Grandes Ecoles
4.3.2 Die Universitäten
4.4 Die berufliche Weiterbildung
4.4.1 Anbieter der beruflichen Weiterbildung
4.4.2 Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung
4.5 Finanzierung des Berufsbildungssystems
4.5.1 Finanzierung der Erstausbildung
4.5.2 Finanzierung der Weiterbildung
4.6 Schlussfolgerungen

5. Das deutsche und französische Berufsbildungssystem im Vergleich
5.1 Volkswirtschaftliche Bildungsindikatoren
5.1.1 Makroökonomische Kennziffern
5.1.2 Mikroökonomische Kennziffern
5.2 Institutionelle und bildungspolitische Aspekte
5.2.1 Struktur und Zuständigkeit
5.2.2 Bildungskonzepte und Ziele
5.3 Curriculare und didaktisch-methodische Aspekte
5.3.1 Förderung von Schwachen und Begabten
5.3.2 Ausrichtung der Curricula auf den Arbeitsmarkt
5.4 Ausgewählte Ausbildungsberufe im Vergleich
5.4.1 Kauffrau/-mann im Groß- und Einzelhandel vs. BTS Commerce International
5.4.2 Industriekauffrau/-mann vs. BTS Comptabilité et Gestion des Organisations
5.5 Schlussfolgerungen

6. Tendenzen und Perspektiven des französischen Berufsbildungssystems
6.1 Innerschulische Herausforderungen
6.1.1 Erhöhung des Bildungsniveaus
6.1.2 Senkung des Schulversagens
6.1.3 Integration von Kindern mit Migrationshintergrund
6.2 Arbeitsmarktbezogene Anforderung
6.2.1 Beschäftigungsmaßnahmen für Jugendliche
6.2.2 Anforderungen der modernen Wirtschaft
6.2.3 Europäische Integration
6.3 Schlussfolgerungen

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Anlage 1: Frankreich (geographische Karte)

Anlage 2: Bevölkerungsentwicklung zwischen 1906 und

Anlage 3: Wirtschaftliche Kennzahlen der Regionen

Anlage 4: Französische Gewerkschaften im Überblick

Anlage 5: Anteilen der Sektionen an der Bruttowertschöpfung

Anlage 6: Die Wichtigsten Wirtschaftszweige (1980-2002)

Anlage 7: Entwicklung des Berufsbildungssystems in Frankreich

Anlage 8: Standorte der Universitäten

Anlage 9: Beiträge der Unternehmen für die berufliche Weiterbildung der Beschäftigten (seit 2005)

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Die Verwaltungseinheiten Frankreichs

2 Aufbau der Verfassung von 1958

3 Das französische Bildungssystem

4 Das Berufsbildungssystem

5 Verteilung der Bildungsausgaben nach Sektoren

6 Anteil des Bildungsausgaben am Gesamthaushalt

7 Ausgaben pro Schüler/Studierenden

8 Anteil der Bevölkerung mit einem hoch qualifizierten Arbeitsplatz und Anteil der Bevölkerung mit einem Abschluss im Tertiärbereich

9 Ausbildungsanfänger/innen 2006 (in %)

10 Entwicklung der Schüler- und Studentenzahlen in Frankreich

11 Abiturientenquoten (1980-2007)

12 Anteil der 15-19jährigen, die sich weder in einer schulischen noch beruflichen Ausbildung befinden oder arbeitslos sind

13 Situation professionnelle des jeunes sortis de formation initiale

TABELLENVERZEICHNIS

1 Ausbildungsniveau der Bevölkerung seit 1969

2 Jährliche Ausgaben für Bildungseinrichtungen pro Schüler/Studierende für alle Leistungsbereiche (2005)

3 Chômage des jeunes et de l’ensemble des actifs

1. Einleitung

Die berufliche Bildung gehört in den Staaten der Europäischen Union seit jeher zu dem Bereich, der sich vorwiegend durch nationale Konzepte, wie das duale System in Deutschland, und einem eher geringen internationalen Austausch auszeichnet. Jedes Land, in Deutschland sogar jedes Bundesland, hat sein eigene Bildungsstruktur und tut sich schwer andere Systeme zu akzeptieren. So benötigte es beispielsweise langjährige Einigungsprozesse, um nationale Bildungs- abschlüsse wenigstens im Grundsatz international zu regeln und anzuerkennen.

Durch die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere durch das Zusammenwachsen der europäischen Staaten, ergeben sich für Unternehmen neue Anforderungen und Chancen. Sie brauchen Weiterbildungskonzepte, um gegen die neuen Wettbewerber zu bestehen und um ihre Mitarbeiter auf den Einsatz im Ausland vorzubereiten. Aber warum erst bei der Weiterbildung anfangen? Sollte nicht auch die berufliche Erstausbildung schon auf die Anforderungen des europäischen Markts abzielen?

Aufgrund seiner Lage, seiner Geschichte, seiner Kultur und den vielfältigen Außenbeziehungen ist Frankreich eng mit Europa verbunden. Zusammen mit Deutschland bilden die beiden Länder die Hauptachsen der Europäischen Union. Sie sind einerseits bekannt als der "Motor" der europäischen Einigung und andererseits für ihre Zusammenarbeit im Bereich Forschung und Wissenschaft. Im Oktober 2006 haben zum Beispiel beide Regierungen beschlossen, die Kooperation auf Zukunftsbereiche wie Energie, Klimaschutz, Weltraum und digitale Wirtschaft auszuweiten. An wirtschaftlichen Indikatoren, wie beispielsweise am Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder am Bruttonationaleinkommen (BNE) gemessen, ähneln sich beide Länder und im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten bilden sie mit Skandinavien wirtschaftlich gesehen die Spitze.

Doch die Unterschiede in der Organisation der einzelnen Berufsbildungssysteme in der Europäischen Union sind enorm. Der Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich zeigt dies deutlich. So existiert in Deutschland ein duales System mit starker Einbindung der Wirtschaft und einem vergleichsweise geringen schulischen Teil der Ausbildung, welcher dezentral geregelt wird. In Frankreich hingegen ist die Bildung in einem überwiegend zentralisierten System geregelt, in dem der Staat auf allen Ebenen der Berufsausbildung eine wesentlich höhere Entscheidungsbefugnis als die Unternehmen hat. Dieses folgt aus einem Misstrauen des Staates gegenüber den Unternehmen, die oft nur ihre wirtschaftlichen Einzelinteressen verfolgen.

Doch das französische Berufsbildungssystem wird aufgrund der überaus hohen Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich als besonders problematisch gesehen. Im November 2005 zündeten erst unzählige Jugendliche u. a. Autos, Schulen und Turnhalten an, um ihre Perspektivlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Kurze Zeit später wurden verschiedene Bildungseinrichtungen von Studenten eingenommen, die dadurch die Rücknahme des Vertrages zur Ersteinstellung verlangten und schafften. Dieser Vertrag sollte u. a. eine Antwort auf die Uneinigkeiten vom November 2005 sein. Er beinhaltete eine Regelung zur Lockerung des Kündigungsschutzes für Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren, sodass Unternehmen eher bereit sein sollten junge Menschen einzustellen.

Es stellt sich also auf der einen Seite die Frage, warum ein so wirtschaftlich starkes Land solche großen Schwächen in der Berufsausbildung aufweist und auf der anderen Seite welche Stärken des französischen Bildungssystems auf Deutschland übertragbar wären. So gehören zu den französischen Reform- bestrebungen bemerkenswerte Versuche, die nicht kopiert, aber verstanden werden sollten, um daraus Anregungen für die eigenen Reformbemühungen zu ziehen. Bislang wurde noch weitestgehend übersehen, dass Vergleiche der Ausbildungs- und Fortbildungssysteme sich ebenso fruchtbar erweisen wie Betriebsvergleiche in technischer und betriebswirtschaftlicher Hinsicht.

Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die Grundzüge und neuer]en Entwicklungen des französischen Berufsbildungssystem darzustellen, zu verstehen und zu analysieren sowie in Bezug auf die Ziele eines Bildungssystem mit dem deutschen System zu vergleichen und mögliche Rückschlüsse zu ziehen. Außerdem sollen auch die Tendenzen und Perspektiven des Systems u. a. in Hinblick auf die europäische Integrität erörtert werden, weil diese im Zuge der fortschreitenden Globalisierung immer wichtiger wird.

Aufbau der Arbeit

Um dieses nicht einfache, aber wichtige Bildungssystem des Nachbarlandes zu verstehen ist es nötig seine geographischen Besonderheiten, seinen geschichtlichen Hintergrund, seine Bevölkerung und Kultur, sein politisches System und seine Volkswirtschaft in einem ersten Schritt kennenzulernen und anschließend zu erörtern. Dieses ist notwendig, da auch das Bildungssystem auf den Grundsätzen der Französischen Revolution von 1798 beruht. Anders gesagt lässt sich in der Praxis die Wirkungsweise eines Bildungssystems nicht losgelöst von jeglichen gesellschaftlichen Strukturen verstehen. Besonders in Frankreich sind die Eigenheiten des Bildungssystems eng mit bestimmten Merkmalen der französischen Gesellschaft verknüpft.

Nach Beschreibung der landeswissenschaftlichen Rahmenbedingungen sollen die Grundzüge des Bildungssystems kurz betrachtet werden. In diesem Abschnitt stellt sich die Frage, welche Ziele das System verfolgt und wie diese umgesetzt werden. Des Weiteren sollen die Stärken und Schwächen des Systems herausgestellt werden. Es soll geklärt werden, warum es zu hoher Jugend- arbeitslosigkeit kommt und warum sich im Vergleich zu Deutschland nur wenige Jugendliche für eine alternierende Ausbildung, die der dualen Ausbildung ähnelt, entscheiden.

Anschließend wird das Berufsbildungssystem aus dem allgemeinem Schulsystem herausgegriffen und genauer erörtert. Hierbei wird der Fokus sowohl auf die Varietäten der beruflichen Erstausbildung als auch auf das französische Weiterbildungssystem gelegt. Der Begriff der beruflichen Bildung wird in Frankreich umfassend verstanden, sodass das französische Berufsbildungssystem auch Hochschulstudiengänge in diesen Begriff mit einschließt. Infolgedessen wird auch das Hochschulwesen unter dem Überbegriff des Berufsbildungssystems mit betrachtet. Der Trend der Vollzeitschulausbildung zieht sich auch durch das tertiäre Bildungssystem, was interessante Fragen aufwirft. Warum entscheiden sich so viele Schüler dazu eine schulische Vollzeitausbildung oder ein Hochschulstudium zu machen? Welches sind die Vor- und Nachteile dieser Ausbildungsform und mit welchen Problemen müssen sich das Tertiär- und Weiterbildungssystem auseinandersetzten? Im analytischen Teil dieser Arbeit geht es um einen Vergleich des deutschen und des französischen Bildungssystems. Hier steht das weitestgehend schulische Berufsbildungssystem in Frankreich dem traditionell gewachsenen Modell der dualen Ausbildung in Deutschland gegenüber. Interessant ist es zu betrachten, welche Bildungsziele generell von einem System verfolgt werden und wie jene dies- und jenseits des Rheins umgesetzt werden. Anders gesagt soll der Vergleich zunächst auf der institutionellen Ebene und anschließend auf curricularer Ebene erfolgen. Ein direkter Vergleich von ausgewählten Ausbildungsberufen soll beispielhaft die unterschiedlichen Kompetenzen der einzelnen Berufe beleuchten.

Im letzten Kapitel dieser Arbeit sollen die Tendenzen und Perspektiven des französischen Berufsbildungssystems betrachtet werden. Hierbei erscheint es sinnvoll und notwendig zunächst die innerschulischen Herausforderungen zu erläutern und anschließend die arbeitsmarkbezogenen Anforderungen zu erörtern. Hierbei soll u. a. untersucht werden wie sich Frankreich bzgl. der europäischen Integration, die in naher Zukunft immer wichtiger wird, positioniert.

2. Landeswissenschaftliche Rahmenbedingungen

Ein Bildungssystem lässt sich nicht abstrakt ohne Betrachtung von gewissen Rahmenbedingungen verstehen. Vor allem in Frankreich sind die Besonderheiten und Eigenheiten des Bildungssystems eng mit bestimmten Merkmalen der französischen Gesellschaft verknüpft und laut IRIBARNE & IRIBARNE 1999 entspricht diese kaum der theoretischen Vorstellung einer „modernen“ Gesellschaft. So stoßen bildungspolitische Reformvorschläge meistens auf Widerstände und hartnäckige Ablehnung durch das französische Volk. Dieses lässt sich u. a. anhand der Geschichte erklären, die durch viele Volksaufstände geprägt ist. Anders gesagt ist ein Bildungssystem immer durch die geographischen, historischen, sozio-ökonomischen, rechtlich-organisatorischen und kulturellen Kontextbeziehungen des jeweiligen Landes gekennzeichnet. In Folge dessen werden diese Rahmenbedingungen im Folgenden erörtert.

2.1 Geographische Rahmenbedingungen

Das Vorhandensein von Bodenschätzen und einer guten Infrastruktur haben einen unmittelbaren Einfluss auf ein effizientes Bildungssystem. Denn nur wenn Unternehmen investieren und produzieren können, benötigen sie Arbeitskräfte. Des Weiteren muss das Bildungssystem auf die geographischen Besonderheiten ausgerichtet sein. Da Frankreich aufgrund seiner Geographie über zahlreiche touristische Gebiete verfügt, ist es notwenig, dass es berufsbildende Schulen gibt, die speziell auf das Hotelfach ausgerichtet sind. Hierbei handelt es sich um ein sog. Lycée hôtelier et tourisme.

Mit einer Fläche von 544.000km² ist die französische Republik vor Spanien (504.782km²), Schweden (449.964km²) und Deutschland (356.800km²) das größte Land Europas. Sie grenzt an sechs Nachbarländern, im Norden an Belgien und Luxemburg, im Osten an Deutschland und die Schweiß, im Südosten an Italien und im Südwesten an Spanien (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-15).

Die außerordentliche Landschaftsvielfalt bietet Frankreich erhebliche Vorteile. Zum einen liegt Frankreich im Westen direkt am atlantischen Ozean und im Süden am Mittelmeer, was besonders im Sommer viele Touristen anzieht und zum anderen sind das Zentralmassiv im Osten und die Pyrenäen im Süden zentrale

Bestandteile Frankreichs.1 Des Weiteren bildet die französische Republik im Zentrum Europas einen Kreuzungspunkt, der sich durch ein sehr gut ausgebautes Verkehrsnetz auszeichnet. Die östlichen Regionen liegen direkt am weiträumigen Industrie- und Siedlungsgebiet von Belgien, Luxemburg und Deutschland und der Nordwesten ist nicht weit von den Industriezonen Großbritanniens entfernt. Neben den Grenzen zum Atlantik und dem Mittelmeer besitzt die französische Republik noch einen Zugang zur Nordsee und zum Ärmelkanal. Diese ausgedehnten Küsten, die sich über 5.500km erstrecken, erleichtern die Beziehungen zu Nordeuropa, den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Afrika (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 7).

Ebenso wie für die touristischen Küsten ist Frankreich auch für sein reichhaltiges Kulturerbe und für die vielfältigen Landschaften bekannt. Im Westen der Diagonale der Städte Bayonne bis Sedan ist das Relief mit einer Höhe von 200m relativ flach. Die südöstliche Region ist dagegen wesentlich gebirgiger. Manche Alpenketten haben sehr hohe Gipfel und sehr schmale Täler, was ein erhebliches Hindernis für das Verkehrsnetz darstellt (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 9f.).

Bezüglich der Flüsse Frankreichs sind die bekanntesten die Loire (1.012km), die Garonne (575km), die Seine (776km) und die Rhône (522km). Diese bilden wichtige Verkehrsadern und haben dementsprechend auch eine besondere Bedeutung für die industrielle und städtische Entwicklung des Landes. Auch der Rhein, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bildet, hat eine zentrale Bedeutung, denn er ist einer der wichtigsten Schifffahrtswege auf der Welt.

Betreffend des Bodens in Frankreich liefert dieser zwar viele Baumaterialien, wie Kies, Sand und Kalk sowie Rohstoffe, wie zum Beispiel Porzellanerde, Talk, Schwefel, Salz und Kali, aber Energiequellen und Erze sind kaum vorhanden. So decken die Erdöl- und Erdgasvorkommen weniger als 5% des französischen Bedarfs. Des Weiteren geht die Kohleproduktion ständig zurück und alle Bergwerke sind bereits geschlossen. Allerdings besitzt Frankreich relativ viele Wasserkraftwerke, wobei der Bau dieser Anlagen bereits abgeschlossen ist (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 14).

Bezüglich des Klimas liegt Frankreich zwischen dem 41. und 52. nördlichen Breitengrad am westlichen Rand des eurasischen Kontinents und gehört somit der klimatisch gemäßigten Zone an. Das Klima in Frankreich ist besonders durch den Einfluss des Meeres besonders vielfältig. So ist im Westen zum Beispiel das Seeklima, welches sich durch regelmäßig auftretende Niederschläge, die durch die atlantischen Tiefs hervorgerufen werden, vorherrschend. Zum Landesinnern hin nimmt der Einfluss des atlantischen Ozeans ab. Im Elsass ist somit der kontinentale Einfluss, mit heißem, gewitterreichem Sommer, kälterem Winter und weniger Niederschlägen, bestimmend. Schließlich herrscht Mitterlmeerklima an der Côte d’Azur und auf Korsika, welches durch wolkenlosen Himmel, einen heißen und trockenen Sommer und einen milden Winter gekennzeichnet ist (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 9f.).

2.2 Historische Rahmenbedingungen

Bevor Frankreich durch Julius Caesar erobert wurde, bewohnten keltische Stämme, oft auch Gallier genannt, das Land. Mit der Eroberung der Römer zivilisierte sich das Land, eine erste gallo-romanische Kultur entstand, Straßen und Schulen wurden gebaut und eine gemeinsame Sprache wurde gesprochen. Dadurch, dass die Römer Schulen errichteten und die Infrastruktur des Landes verbesserten, ging die vulgärlateinische, romanische Sprache mit keltischen Substrateinflüssen2 als Siegersprache im Konflikt zwischen der lateinischen und keltischen Sprache hervor. Damit zählt die französische Sprache heute zu den romanischen Sprachen, obwohl die Bevölkerung nicht überwiegend römischer Abstammung ist. Allerdings ist die keltische Sprache nicht ausgestorben. In der heutigen Bretagne gibt es eine Minderheitensprache, das Bréton, welches eine keltische Sprache ist und als Regionalsprache in der Bretagne unterrichtet wird (vgl. GECKELER & DIETRICH 1995, S. 139ff.).

Unter dem Frankenkaiser „Karl der Große“ bzw. „Charlemagne“ entstand das Westfränkische Reich, welches den Kern des späteren Frankreichs bildete. Einerseits konnte dieser Kern seine Grenzen ab dem 14. Jahrhundert nach Nordosten, Osten und Südosten ausdehnen und anderseits gelang es den französischen Königen schrittweise eine starke Zentralgewalt zu errichten, sodass Frankreich eine Vormachtstellung in Europa erringen konnte (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-15).

Unter der Regierung von Louis XIV, dem Sonnenkönig, erreichte Frankreich im 17. Jahrhundert den Höhepunkt des Absolutismus. Jener Monarch prägte den Spruch „l’État c’est moi“3 und machte sich und seine höfischen Anhänger somit zu einer beinahe allmächtigen Zentralverwaltung. Die Lebensart der letzt- genannten wurde zum allgemeinen Bildungsideal des gesamten europäischen Adels. Doch das französische Volk setzte sich zur Wehr und schaffte mit dem Schlachtruf „Liberté, Egalité, Fraternité“4 in der Französischen Revolution von 1789 die Vormachtstellung des Adels ab. Seither ist der „Sturm auf die Bastille“ vom 14. Juli 1789 der französische Nationalfeiertag. Die Zeit nach diesem Ereignis wurde geprägt durch die Terrorherrschaft der Jacobiner, die jeden, der sich gegen die Revolution stellte, ohne Prozess hinrichteten. Eine weitere Folge war, dass die Kirchen geschlossen wurden und somit der Unterricht, der bisher von der Kirche getragen wurde, abgeschafft werden musste. Diese Herrschaft hielt an bis 1804 Napoléon I. zum Kaiser gekrönt wurde. Dieser versuchte während seiner Kaiserherrschaft (1804-1815) ganz Europa einzunehmen. Er scheiterte allerdings in Russland, wurde später nach Elba verbannt und starb auf Sankt Helena (vgl. GROßE 1996, S. 330ff.).

Viele Jahre hatten die Franzosen ein positives Bild Deutschlands, welches durch die Herkunft von Goethe und Kant geprägt wurde. Doch spätestens seit dem deutsch-französischen Krieg vom 1870/71 teilte sich dieses Bild. Auf der einen Seite war Deutschland noch immer das Heimatland Goethes und Schillers, doch auf der anderen Seite sprachen die Franzosen nun von einem Bismarck, der als Feind im Eroberungsrausch gesehen wurde. Zunehmend verbreitete sich laut GROßE 1996 der Mythos einer „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich, welche nach dem deutsch-französischen Krieg durch zahlreiche Kriegsentschädigungen und vor allem den Abtritt Frankreichs von Elsaß- Lothringen verstärkt wurde. Eine Art Revanche von französischer Seite aus wurde dann im Friedensvertrag von Versailles verfasst, der sozusagen unerfüllbare Reparationslasten auf Jahrzehnte für Deutschland enthielt (vgl. GROßE 1996, S. 341).

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es dann erste Versöhnungsversuche der beiden Länder, bei denen General Charles de Gaulle5 und Bundeskanzler Konrad Adenauer eine wichtige Rolle spielten. Es entstand zunehmend der Gedanke einer engen westeuropäischen Kooperation mit deutsch-französischem Kern. So schlug Adenauer am 7. März 1950 eine politische Union der beiden Länder vor, dem General de Gaulle am 16. März 1950 zustimmte. Sieben Jahre später wurden dann die Römischen Verträge durch Frankreich, die Benelux-Staaten, Italien und Deutschland unterschrieben, die später zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft führen sollten. Des Weiteren schlossen General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer am 22. Januar 1963 in Paris den Elysée-Vertrag, den „Vertrag über deutsch-französische Zusammenarbeit“, welcher eine zentrale Rolle für viele Teilbereiche der Politik der beiden Länder hat und zugleich ihre Aussöhnung besiegelte. Die mit dem Vertrag gegründete Kooperation versteht sich als ein Beitrag zur Stärkung der deutsch-französischen Beziehungen vor dem Hintergrund der europäischen Einigung und Zusammenarbeit. (vgl. KÄSTNER 1999, S. 9 UND PLETSCH 2003, S. 334).

Zu den großen Belastungsproben Frankreichs zählten zum einen der Algerienkrieg, der erst im Jahre 1962 in den Verträgen von Evian zu Ende ging und zum anderen die Mai-Revolution von 1968. Bezüglich des Algerienkriegs musste die französische Regierung erkennen, dass dieser nicht zu gewinnen war. Seither herrscht zwischen Algerien und Frankreich ein sehr gespanntes Verhältnis. Die Mai-Revolution ging von einer Studentenrevolte in Paris aus, die zunächst gegen ein weitgehend veraltetes Bildungssystem protestierten. Allerdings entwickelte sich aus dieser Revolte eine Bewegung, die innerhalb von wenigen Tagen das ganze Land in einen revolutionsähnlichen Zustand versetzte. Dieses war nur möglich, weil sich eine starke Solidarisierung zwischen den Gewerkschaften und politischen Parteien ergab. Zwar gelang es General de Gaulle sich durchsetzten, doch als das Referendum zur Regionalpolitik am 28. April 1969 scheiterte, trat er zurück (vgl. PLETSCH 2003, S. 334).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Frankreichs Geschichte nach der Herrschaft von Louis XIV fast ausschließlich durch Revolutionen entwickelt hat. Damit lässt sich auch erklären, warum politische Willensäußerungen auch heute noch leicht revolutionäre Ausmaße annehmen. Außerdem zeigt die Geschichte, wie sich ein Volk in Notzeiten immer wieder neu gefunden hat, was das National- und Kulturbewusstsein sowie die Zusammengehörigkeit des Volkes verstärkt hat.

2.3 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Mit einer Einwohnerzahl von 64,1 Millionen Menschen nimmt Frankreich den vierten Platz nach Deutschland, Großbritannien und Italien ein. Bezüglich der Bevölkerungsdichte belegt Frankreich mit 117,8 Einwohnern je km² nach Irland, Griechenland und Spanien wiederum den vierten Rang innerhalb der europäischen Gemeinschaft (vgl. CIA 2008).

Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist allerdings wenig aussagekräftig, da die französische Bevölkerung sehr ungleich verteilt ist. So lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in der Pariser Region, die lediglich 10%, also 54.400km², des Staatsgebietes umfasst. Damit hat diese Region eine ungefähre Bevölkerungs- dichte von 588,2 Einwohnern pro km². Dagegen gibt es auch andere Landstriche mit sehr dünnen Bevölkerungsdichten von ungefähr 10 bis 20 Einwohnern je km². Diese findet man oft in der Nähe der Pyrenäen bis hin zu den Ardennen, also quer durch Frankreich. An diesen Zahlen erkennt man, dass die Franzosen eher das Leben in der Stadt als auf dem Land bevorzugen. Dieses liegt u. a. an der Infrastruktur und den beruflichen Aussichten der Stadt. Besonders im französischen Staat, der vorwiegend zentral von Paris aus organisiert wird, lassen sich die großen Bevölkerungsunterschiede und die Verstädterung gut erklären. Allerdings erfolgte diese erst relativ spät verglichen mit den anderen großen Industrienationen Europas. So überstieg die Zahl der Städter erst im Jahre 1930 die Zahl der Landbevölkerung. Laut dem INSEE6 zogen ab den 50er Jahren viele Menschen in die Städte und 1996 lebten bereits 76,4% in städtischen Regionen.

Allerdings fand in den 70er Jahren ein Umschwung statt und so wichen viele Menschen in die Vororte aus. Die größten Ballungsgebiete neben Paris sind heute Marseille (826.700 Einwohner) und Lyon (467.400 Einwohner). Die beiden letztgenannten liegen aber weit hinter der Hauptstadt, die sich bzgl. der Einwohnerzahl mit den großen Metropolen wie New York und Mexiko-Stadt vergleichen kann. Zukünftige Bevölkerungszuwachse sind in den wachstumsstärksten Regionen wie Rhône-Alpes, Languedoc-Roussillon, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Centre und Aquitanien zu erwarten. Dagegen wird in den Regionen wie Limousin und Auvergne die Bevölkerung eher stagnieren oder zurückgehen, da es sich bei letztgenannten vorwiegend um ländliche Regionen handelt. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Verstädterung weiterhin zunehmen wird (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 30ff.).

Bezüglich der demographischen Entwicklung verlief jene in Frankreich ganz unterschiedlich. Während das Land zu Zeiten der Französischen Revolution noch mit 28 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land in Europa war, verzeichnete Frankreich im 19. Jahrhundert dagegen lange Perioden rückläufiger Geburtenraten. Dieses könnte u. a. mit der Terrorherrschaft der Jacobiner in diesem Jahrhundert begründet werden. Während also die Bevölkerung in Frankreich zwischen 1800 und 1900 nur um 40% stieg, verdoppelte oder verdreifachte sie sich in den Nachbarstaaten. Auswirkungen dieses geringen Bevölkerungszuwachses wirkten sich vor allem auf die Wirtschaft und den technischen Fortschritt des Landes aus und so lässt sich auch der Rückstand in Bezug auf die Industrialisierung erklären. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung und verzeichnete ab den 50er Jahren einen beträchtlichen Baby- Boom.7 Jener hielt bis Ende der 70er Jahre an (vgl. KEMPF 2007, S. 362f.).

Heute steht Frankreich ein bisschen besser als die andern Industriestaaten Europas dar. Zwar hat auch Frankreich das Problem, dass die Geburtenraten immer weiter zurückgehen und die Bevölkerung immer älter wird, doch halten sich die Raten zurzeit etwa die Waage. So hat Frankreich gemäß dem CIA 2008 eine Wachstumsrate von 0,574%, eine Geburtenrate von 12,7 Promille und eine Sterblichkeitsrate von 8,48 Promille. Deutschland dagegen hat eine Geburtenrate von 8,18 Promille und eine Sterblichkeitsrate von 10,8 Promille und steht somit wesentlich schlechter als sein Nachbarland dar. Allerdings profitiert Frankreich noch aus dem Baby-Boom in den 70er Jahren und es ist damit zu rechnen, dass die Geburten- und Sterblichkeitsraten in den kommenden Jahren konvergieren werden. Zweifellos werden von der Überalterung sowohl das Gesundheitswesen in Hinblick auf die Kostenentwicklung als auch der Generationenvertrag stark betroffen sein. Heute müssen in Frankreich 2,03 Erwerbstätige den Ruhestand einer Person finanzieren. Bis zum Jahre 2010 wird sich dieses Verhältnis noch auf 1,41:1 verschlechtern (vgl. KEMPF 2007, S. 363).

Ein negatives Verhältnis der Geburten- und Sterblichkeitsrate sollte durch Einwanderer anderer Staaten kompensiert werden. Die Einwanderung nahm vor allem am Ende der 50er Jahre erheblich zu. Aufgrund einer Hochkonjunktur brauchte Frankreich auch viele Gastarbeiter. Zunächst kamen diese aus Italien, Spanien, Portugal und Nordafrika. Doch nach Abschwung der Konjunktur stieg die Arbeitslosigkeit und so mussten politische Maßnahmen ergriffen werden, um die äußerst starke Einwanderung zu stoppen. So nimmt Frankreich bis heute kaum mehr Gastarbeiter auf. Bei den Migranten handelt es sich in der jetzigen Epoche vor allem um Einwanderer aus Osteuropa, Lateinamerika, Russland und Nordafrika. Wie auch die anderen Länder der Europäischen Union, ist auch Frankeich stark von der illegalen Einwanderung betroffen, die logischerweise kaum zu erfassen ist. Schätzungen variieren sie zwischen 300.000 und 1 Million Menschen (vgl. KEMPF 2007, S. 367).

Bezüglich der Religion sind in Frankreich ca. 80% der Menschen katholisch, 4% moslemisch, 1% protestantisch und 1% jüdisch. Des Weiteren geben rund 14% an, dass sie keiner Glaubensrichtung angehören. Außerdem gibt es viele sprachliche Minderheiten, wie die Basken, Bretonen, Elsässer, Flamen, Katalanen oder Okzitanien. Diese Sprachen wurden von der zentralistischen Politik jahrelang nicht akzeptiert und mit Hilfe der Schulpolitik sollten diese Sprachen sogar ganz unterdrückt werden und nur nach das „richtige Französisch“ gesprochen werden. Heute genießen einige Minderheitensprachen in bestimmten Regionen einen Sonderstatus und werden auch in den jeweiligen Schulen unterrichtet (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-14ff.).

2.4 Politische Rahmenbedingungen

Nach Betrachtung der geographischen, historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflussen auch die administrativen Strukturen und das politische System die Entwicklung des Berufsbildungssystems. So sind die Regionen beispielsweise heute für die Lehrlingsausbildung und die beruflichen Weiterbildung verantwortlich. Zunächst werden die administrativen Strukturen und anschließend das politische System erörtert.

2.4.1 Administrative Strukturen

Die französische Gebietsverwaltung besteht aus drei Ebenen, nämlich den Gemeinden, den Départements und den Regionen, die sowohl Verwaltungsbezirke des Staates als auch dezentralisierte Gebietskörperschaften sind. Folgende Abbildung zeigt die 21 Regionen und die 96 Départements des Mutterlandes.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Verwaltungseinheiten Frankreichs, Quelle: KEMPF 2007, S. 12

Aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit gehören neben dem französischen Mutterland noch die Überseegebiete, die vier Départements d’Outre Mer, kurz DOM (Guadeloupe, Martinique, Guyane und La Réunion) und die drei Territoires d’Outre Mer, kurz TOM (Mayotte, Staint-Pierre-et-Miquelon und Wallis-et- Futuna) zum französischen Staatsgebiet. Sie umfassen noch einmal rund zwei Millionen Einwohner. Die TOM unterscheiden sich von den DOM vor allem durch eine größere Autonomie in der Selbstverwaltung, der Regierungsform sowie in der Bewahrung kulturellen Traditionen. Neben diesen besonderen Départements gibt es auch im französischen Mutterland Gebietskörperschaften mit Sonderstatus, wie Paris, Marseille und Lyon sowie die Insel Korsika (vgl. KEMPF 2007, S. 322).

Mit der Französischen Revolution wurden bereits die Gemeinden eingeführt, die die Grundlage der französischen Verwaltungsorganisation bilden. Insgesamt gibt es davon über 37.000. Infolgedessen sah sich der Staat veranlasst, die einzelnen Gemeinden zu Städtegemeinschaften und Gemeindezweckverbände zusammen- zufassen. Wie das Département und die Region verfügt auch die Gemeinde über ein beschließendes Organ, den Gemeinderat (Conseil municipal) und den Bürgermeister (Maître), welcher wiederum vom Gemeinderat gewählt wird. Die Aufgaben des Gemeinderats umfassen u. a. die Verteilung des Haushaltsbudgets für Schulgebäude und -anlagen der Primastufe als auch die Regelungen über die Arbeitsweise der öffentlichen Verwaltung. Anschließend werden die Beschlüsse des Gemeinderats vom Bürgermeister umgesetzt, welcher auch vor allem für die öffentliche Sicherheit verantwortlich ist. Des Weiteren unterstützt die Gemeinde Betriebe hinsichtlich der Arbeitsplatzbeschaffung. Damit ist die Gemeinde also einerseits zu einem wichtigen Partner bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und andererseits ein aktiver Faktor bei der wirtschaftlichen Umstrukturierung und Entwicklung neuer Wirtschaftstätigkeiten geworden (vgl. MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000, S. 71ff.).

Neben den vier Überseedépartements gibt es im Mutterland noch 96 weitere Départements, die überwiegend für das Gesundheits- und Sozialwesen, die Infrastruktur sowie für die Investitions- und Betriebsausgaben der Collèges9

zuständig sind. Des Weiteren unterstützt es die schwachen Kommune in ländlichen Gebieten bei ihrer Infrastrukturentwicklung, wie z. B. durch Wasser- und Elektrizitätsversorgung. Besonders im ländlichen Raum ist die administrative Ebene des Departements sehr wichtig, um die unterschiedlichen Struktur- schwächen der Gemeinden auszugleichen. In Ballungsgebieten dagegen nehmen die Bürger die Arbeit der Départementverwaltung kaum mehr wahr. Trotzdem bildet sie die zentrale Rolle zwischen der zentralstaatlichen und kommunalen Ebene. Genauso wie die Gemeinden hat auch ein Département einen Rat (Conseil général), der seit 1848 für jeweils sechs Jahre in zwei Wahlgängen nach der Mehrheitswahl bestimmt wird. Im Rat überwiegen allerdings deutlich die konservativen Kräfte, was die Entscheidungen des Rats oft sehr einseitig gestaltet. Trotzdem kann sich diese Gebietskörperschaft als großer Gewinner der Dezentralisierung von 1983 sehen, da der Départementsratsvorsitzende (Président du Conseil général) den Präfekten an der Spitze der Executive abgelöst hat und zum wichtigsten politischen Akteur im Départment geworden ist (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 124f.).

Frankreich besteht des Weiteren aus insgesamt 26 Regionen, 21 im Mutterland, vier in Überseegebieten und die Insel Korsika. Die Regionen sind zugleich die jüngsten und schwächsten der lokalen Gebietskörperschaften Frankreichs, das sich u. a. aufgrund des Personalstands herleiten lässt. So hatte im Jahr 2003 der Zentralstaat ungefähr 2,53 Mio. Beschäftigte, die Gemeinden 1,36 Millionen, die Départments etwa 275.000 und auf regionaler Ebene wurden lediglich 12.500 Beschäftigte gezählt. Die Regionen wurden 1955 im Rahmen der Raumordnungspolitik geschaffen und erhielten 1982 letztendlich den Status einer Gebietskörperschaft. Das beschließende Organ ist der Regionalrat (Conseil régional), dessen Mitglieder für sechs Jahre gewählt und von einem regionalen Wirtschafts- und Sozialausschuss unterstützt werden. Letztgenannte besteht aus Vertretern der Unternehmerschaft, der freien Berufe, der Gewerkschafts- und Arbeitnehmerorganisation und der regionalen Vereinigungen.

Eine Region umfasst heute zwei bis acht Departements und kümmert sich vorwiegend um die Wirtschaftsplanung, die Raumordnung und die Wirtschafts- förderung. Im Bildungsbereich wurden den Regionen in der ersten Phase der Dezentralisierung Kompetenzen im Bereich der Berufsbildung, der Lehrlings- ausbildung und der beruflichen Weiterbildung übertragen, die in der zweiten Phase noch ausgeweitet wurden und die jetzt eigenständig und nicht mehr in geteilter Verantwortung mit dem Staat ausgeübt werden müssen. Auch sind es die Regionen, die sich um den Bau und Unterhalt der Lycées10 kümmern. Allerdings sind sie nicht für das pädagogische Personal und die Curricula zuständig. Diese werden nach wie vor von der Zentralregierung konsultiert, die sich auch um die Hochschulen kümmert. Beteiligungen der Regionen an dieser Planung sind allerdings auch möglich. Trotzdem muss festgehalten werden, dass trotz der Dezentralisierungsgesetze die Befugnisse der Gebietskörperschaften weitgehend auf den Bau und Unterhalt der Bildungsstätten beschränken. (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 126ff. und KEMPF 2007, S. 393).

2.4.2 Das politische System

In seiner Vergangenheit durchlief Frankreich verschiedene politische Systeme, die jeweils auch Europa mehr oder weniger stark beeinflusst haben. Nach der Französischen Revolution von 1789 folgten die I. Republik (1792-1804) und die II. Republik (1848-1852). Beide waren aber nur von kurzer Dauer, da die „richtige“ Staatsform für Frankreich noch nicht gefunden war. Deshalb folgten nach den ersten beiden Republiken im 19. Jahrhundert noch einmal drei Könige und zwei Kaiser. Schließlich setzte sich mit der III. Republik (1870-1940) endgültig das republikanische Regime durch. Die IV. Republik erlebte anschließend 25 verschiedene Regierungen in zwölf Jahren. Trotzdem war man immer noch vom republikanischen Regime überzeugt und so kam General de Gaulle im Mai 1958 an die Macht zurück und wurde im Dezember 1958 der erste Präsident der V. Republik, die zuvor, am 28. September 1958, durch eine Volksabstimmung angenommen wurde (vgl. MÉNUDIER 2004, S. 131). Durch das Mehrheitswahlrecht kann das Volk nun unmittelbar die Abgeordneten der Nationalversammlung11 (Assemblée Nationale) in zwei Wahlgängen wählen. Dagegen kann der Senat, die zweite Kammer, nur mittelbar vom Volk gewählt werden. Das Assemblée Nationale ist die wichtigere der beiden Instanzen, da nur sie die Regierung stürzen kann. Verglichen mit dem deutschen Bundestag, hat die französische Nationalversammlung allerdings weniger Entscheidungsbefugnis. Dieses kann auf die instabilen Verhältnisse der IV. Republik zurückgeführt werden, da die ständig wechselten Mehrheiten oft das Parlament blockiert haben und somit eine kontinuierliche Regierungsarbeit nicht möglich war (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-16). Den Aufbau der Verfassung zeigt folgende Graphik.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Aufbau der Verfassung von 1958, Quelle: MINISTÈRE MINISTÈRE DES AFFAIRES ETRANGÈRES 2000

Die mächtigste Instanz der V. Republik ist folglich der Staatspräsident12. Jener hat wesentlich mehr Einfluss und Machtbefugnisse als der deutsche Präsident bzw. Kanzler. Neben den traditionellen Aufgaben eines Staatsoberhauptes ernennt und entlässt der Präsident der Republik den Premierminister (Art. 5). Des Weiteren führt er den Vorsitz im Ministerrat (Art. 13) und kann Volksentscheide durchführen, wie zum Beispiel die Abstimmung über die Erweiterung der EG von 1972 oder über den Vertrag von Maastricht von 1992. Außerdem kann der Präsident die Nationalversammlung auflösen und erhält in Krisenzeiten gemäß Artikel 16 außerordentliche Vollmachten. Jener Artikel erinnert an die Machtbefugnisse des Staatsoberhauptes der Weimarer Republik und wird demnach in der Literatur als äußerst kritisch gesehen, da er dem Präsidenten einerseits zu viel Macht zuspricht und andererseits keine Formulierung über die Dauer des Notstandes enthält.

„Artikel 16 der „Notstandsartikel“ der Verfassung, verleiht dem Staatspräsidenten in Ausnahmesituationen außerordentliche Macht- befugnisse. Wenn er den Notstand proklamiert, ist seine Macht verfassungsmäßig unbegrenzt. […] Eine „eingebaute Bremse“, welche die Aufhebung der Notstandsmaßnahmen zwingend bewirkt, gibt es nicht. Auch das Parlament bildet kein Gegengewicht.“ (KEMPF 2007, S. 63f.).

Hinzu kommt noch, dass der Staatspräsident alle Richtlinien in der Außenpolitik bestimmt und der Oberbefehlshaber der Armee ist (Art. 15). Seit 1962 wird er jeweils über sieben Jahre vom Volk gewählt (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-16). Zusammenfassend lässt sich also folgern, dass der Präsident auf der einen Seite zu viel Macht besitzt und auf der anderen Seite wird die Amtsdauer mit sieben Jahren als zu lange erachtet. Somit könnte also ein „böswilliger“ Präsident der Republik sehr gefährlich werden.

Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammern und Gewerkschaften Neben den beiden bereits erwähnten Kammern der Regierung sind besonders bei Betrachtung des Berufsbildungssystems die Handwerks-, Industrie- und Handelskammern sowie die Gewerkschaften sehr wichtig, die im Folgenden betrachtet werden sollen. Das Handwerk ist ein beliebter Ausbildungsbereich und wird demzufolge von 60% aller Lehrlinge gewählt. Die Handwerkskammer (Chambres de Métiers) betreut sowohl die traditionellen Handwerksbetriebe als auch alle anderen Betriebe, die keiner anderen Kammer oder anderem Wirtschaftsbereich zugeordnet werden können, wie z.B. Taxiunternehmen. Allgemein gilt, dass die Kammerarbeit in Deutschland und Frankreich größtenteils übereinstimmt, was damit zu begründen ist, dass Frankreich erst 1925 die Handwerkskammer nach deutschem Vorbild gegründet hat. Neben dieser Kammer gibt es noch ca. 180 Industrie- und Handelskammern (Chambres de Commerce et d’Industrie, CCI) von sehr unterschiedlicher Größe. Genauso wie in Deutschland haben sie einen öffentlich-rechtlichen Status und, weil alle Unternehmen gezwungen werden ihnen beizutreten, haben sie relativ viele finanzielle Mittel zur Verfügung. So gibt die CCI Paris 60% ihres Budgets für Ausbildungszwecke aus und betreibt von diesen Ausgaben u. a. sechs Schulen mit 4.000 Schülern direkt in Paris und weitere 26 im Umland. Zwar hat ein Lehrling im französischen alternierenden System13 einen Ausbildungsvertrag, der dem deutschen Vertrag ähnelt, jedoch behält der Auszubildende in Frankreich seinen Schülerstatus bei und damit unterliegt er den Ministerien der Schulausbildung, welche die Lehrlingsausbildung überwachen (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-25ff.).

Die französischen Gewerkschaften (les syndicats) sind durch ihre Zersplitterung in Richtungsgewerkschaften, die finanziell schlecht ausgestattet sind und in deutlicher Konkurrenz zueinanderstehen, gekennzeichnet.14

„Die französische Gewerkschaftsbewegung ist historisch der „anarcho- syndikalistischen“ Tradition verbunden, die den Kampf für eine neue Gesellschaft mit einer antistaatlichen, dem Anarchismus nahe stehenden Gesellschaftskonzeption verband. So haben sich die Gewerkschaften in ihrer großen Mehrheit als definitorischer Gegner des kapitalistischen Systems und von daher als Träger eines am Begriff der Emanzipation orientierten Programms sozialer Veränderung verstanden.“ (SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 244)

Wie auch in den anderen westeuropäischen Ländern hat die Bedeutung der Gewerkschaften stark abgenommen und der Prozentsatz der organisierten Arbeitnehmer liegt heute bei knapp über 10%, nachdem er 1975 noch bei 22,8% lag. Für diesen dramatischen Rückgang seit Ende der siebziger Jahre werden sozialpsychologische, ökonomische und politisch-ideologische Ursachen genannt. Neben dem Strukturwandel der heimischen Wirtschaft wirkte sich auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit, Betriebsstilllegungen in klassischen Sektoren wie der Stahlindustrie und der Bedeutungszuwachs der Dienstleistungs- und High- Tech-Bereiche, in denen Gewerkschaften nie eine große Rolle gespielten, negativ auf die Mitgliederzahl der Gewerkschaften aus.

„En France aujourd’hui, environ 10% des salariés appartiennent à un

syndicat. […] Il exsiste en effet cinq “grandes confédérations

representative” (CGT, CFDT, FO, CFTC, CFE-CGC) auxquelles

s’ajoutent la FEN […] et une dizaine d’organisations autonomies.” (LABBE & CROISANT 1992, S. 19)

Neben diesen traditionellen Gewerkschaften gab es im Bildungswesen 50 Jahre lang eine Besonderheit. Die bereits erwähnte FEN (Fédération de l’Education Nationale) entstand 1947 nach der Spaltung von CGT (Confédération Générale du Travail) und CGT-Force Ouvrier als autonome Einheitsgewerkschaft des Erziehungswesens. Nachdem sich in den 90er Jahren ideologische und berufsständische Kontroversen an erster Stelle befanden, spaltete sie sich und es entstanden mehrere Einzelgewerkschaften unter dem Dachverband der FSU (Fédération Syndicale Unitaire), die der kommunistischen Partei sehr nahe steht. Infolgedessen fühlt sie sich dem Grundsatz der Egalité und dem Prinzip der Laicité stark verpflichtet und steht der Öffnung des Bildungswesens hinsichtlich der Unternehmenswelt sehr skeptisch gegenüber. Allerdings hat sie nur einen mittelbaren Einfluss auf die Berufsausbildung, da letztendlich das Ministère de l’Education Nationale (Erziehungsministerium) über alle Bildungsfragen entscheidet (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 248ff. und LAUTERBACH ET AL. S. F-29f.).

2.5 Ökonomische Rahmenbedingungen

Die wohl wichtigsten Einfluss auf das Berufsbildungssystem stellen die ökonomischen Rahmenbedingungen dar, denn Bildung und Wohlfahrt eines Landes korrelieren positiv miteinander. Die berufliche Bildung hat zum Ziel die Menschen hinsichtlich des Arbeitsmarkts vorzubereiten und so ist es notwendig diesen genauer zu analysieren. Zwar haben auch andere Märkte, wie z. B. der Finanzmarkt mittelbare Auswirkungen15 auf die berufliche Bildung, doch der Arbeitsmarkt stellt die größte Herausforderung für das Berufsbildungssystem dar.

2.5.1 Wirtschaftspolitische Grunddaten

Gemäß dem CIA 2008 gehört die französische Republik mit einem BIP von 2.075 Billionen Dollar, einem BNE von 2.56 Billionen Dollar und einem Pro-Kopf- Einkommen von 32 600 Dollar zu den stärksten Industrienationen der Welt. Gemessen an seinem Welthandel ist Frankreich mit 6,4% nach den USA (12,1%), Deutschland (11,6%) und Japan (9,2%) die viertwichtigste Handelsnation der Erde. Bemerkenswert ist auch, dass 62,7% seiner Exporte innerhalb der EU und vor allem mit Deutschland (17,6%) abgewickelt wurden, welches die sehr wichtige Handelsbeziehung zwischen Deutschland und Frankreich betont. Auch bezogen auf die Importe ist Deutschland mit 18,5% der wichtigste Partner Frankreichs. Des Weiteren ist Frankreich der bedeutendste Agrarexporteur Europas und nach den USA der Zweitwichtigste der Welt. Vor allem sind Wein, Obst, Michprodukte, wie z. B. Käse und Getreide die wichtigsten Handelsgüter Frankreichs (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-20).

Wenn man den Außenhandel etwas genauer betrachtet, so verzeichnete Frankreich im Jahre 1992 nach 15 Jahren Handelsbilanzdefiziten wieder einen Überschuss von 31 Milliarden Franc16. Seitdem hat sich dieser kontinuierlich erhöht. Erst seit 2004 übersteigen wieder die Importe die Exporte, was u. a. an der Erdölpreis- erhöhung liegt. Für Betrachter dieser Daten ist es nur schwer vorstellbar, dass das Land am Ende des zweiten Weltkriegs nur über eine bescheidene Industrie verfügte. Wie bereits erwähnt, entwickelte sich die Industriealisierung und Bevölkerung nur sehr langsam, was sich auch in jahrelangen Handelsbilanz- defiziten niederschlug. Doch mit Hilfe mehrjähriger staatlicher Entwicklungs- pläne wurden einerseits alle kriegsbedingten Zerstörungen beseitigt und zum anderen Modernisierungsprozesse der einzelnen Industriebranchen eingeleitet. Gleichzeitig profitierte das Land von dem Beginn eines weltweiten Wachstums. Sowohl die Marshallplanhilfe als auch der Produktionsaufschwung infolge des Korea-Kriegs trugen dazu bei, dass das BNE jährlich um 4,6% stieg. Unter Charles de Gaulle und dem Beitritt Frankreichs zur EWG nahm Frankreich trotz vieler Bedenken von Seiten der Unternehmen verstärkt am Außenhandel teil. Die Folgen waren durchweg positiv. Devisenkontrollen wurden aufgehoben, die Währung wurde gesichert und stabilisiert, der Franc wertete auf und das BNE wuchs jährlich um rund 5,5%. Nach vielen wirtschaftlichen Booms und Depressionen, stiegt das BIP kontinuierlich an. Problematisch ist allerdings zu sehen, dass im Zuge des schnellen nachgeholten Modernisierungsprozesses nur einige Sektoren, wie die Industrie oder die Großkonzerne viele Finanzmittel erhielten. Diese Nischenstrategie führte dazu, dass Frankreich bezüglich der mittelständigen Unternehmen auch heute noch Wettbewerbsschwächen aufweist (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 197).

Nach der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG befanden sich im Jahre 2005 unter den 100 stärksten Industriekonzernen der Welt sechs französische Unternehmen. Der erfolgreichste Konzern Frankreichs, die Total SA17, befand sich auf Platz sechs. Bezogen auf die französischen Großbetriebe gehörten 11 französische zu den 100 größten Unternehmen Europas. Im Banksektor zählen vier französische Kreditinstitute zu den erfolgreichsten Banken Europas. Zu den Spitzenunternehmen gehören der bereits erwähnte Mineralölkonzern Total SA, die Unternehmen Peugeot und Renault aus dem Automobilsektor, die Firma Compagnie de Saint-Gobin und der Dienstleistungskonzern Vivendi Universal. Hinsichtlich des europäischen Marktes, kommen die führenden Unternehmen Frankreichs aus den Bereichen Handel (Carrefour, Auchan und Leclerc), Versicherungen (Axa und CNP Assurance), Industrie (z.B. der Pharmakonzern Sanofi-Aventis) und aus dem Dienstleistungssektor (Electricité de France und Suez). Außerdem zählt der Konzern Michelin zu den drei größten Reifenherstellern der Welt und der Hersteller europäischer Großraumflugzeuge, Airbus, überflügelt bereits den einst größten Flugzeugkonstrukteur, Boeing (vgl. KEMPF 2007, S. 326).

Bezüglich der wirtschaftlichen Sektoren spielt die Landwirtschaft Frankreichs für die EU die wohl wichtigste Rolle. Heute nimmt die französische Landwirtschaft eine führende Position innerhalb der EU ein. Obwohl es nur 1,0 Millionen Beschäftigte im Agrarsektor gibt, werden allein in Frankreich 20% der landwirtschaftlichen Wertschöpfung der EU erwirtschaftet, womit das Land gemäß dem INSEE mit Spanien zusammen auf dem ersten Platz liegt. Der Außenhandelsüberschuss mit landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungs- mitteln betrug in den vergangenen Jahren ungefähr 7 Mrd. Euro. Dies ist für ein Land, welches oft und lange Zeit ein defizitäres Handelsbilanzergebnis hat, ein großer Aktivposten. Somit kann auch erklärt werden, warum es der französische Staat mit seinen vielen Direktbeihilfen für Landwirte, Preis-Mengen-Garantien und Ausfuhrsubventionen gewesen ist, der sich mit der Reform der EU- Agrarsubventionen so schwer tut. Außerdem versteht man so auch, dass sie mit dem Kompromiss der GATT-Verhandlungen über die Einschränkungen ihrer Agrarprodukte nicht einverstanden sind (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 190f.). Weitere wichtige Wirtschaftsbereiche sind in Frankreich, wie in allen anderen westlichen Staaten auch, der Industrie- und Dienstleistungssektor, welche sowohl für die wirtschaftlichen Indikatoren als auch für die Beschäftigung sehr wichtig sind.18

2.5.2 Wirtschaftspolitische Herausforderungen

Die wohl wichtigste Herausforderung bezogen auf das Berufsbildungssystem ist der Arbeitsmarkt, denn für diesen sollte ein System der beruflichen Bildung konzipiert sein. Aufgrund des schnellen Strukturwandels seit 1945 hat sich die Entwicklung der Erwerbsbevölkerung allerdings erheblich verändert. Als die geburtenstarken Jahrgänge Anfang der 60er Jahre auf den Arbeitsmarkt zu drängen begannen kam es zu einem stetigen Zuwachs der Erwerbspersonen.

Dementsprechend stieg die Zahl der Arbeitsuchenden von 19 erst auf 24

Millionen Suchende und 2002 nochmals auf 27 Millionen (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 234f.). Neben der Zunahme der Erwerbspersonen war noch eine Veränderung des Erwerbsverhaltens zu beobachten. Dieser könnte u.a. durch die geänderten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen begründet werden. Zum einem ist ein Rückgang der Erwerbsquote von Jugendlichen im Alter von 15-24 Jahren zu beobachten, da sich letztgenannte heute eher für weiterführende Schulen und Universitäten entscheiden und somit die Ausbildungszeiten länger werden und sich der Eintritt ins Berufsleben verzögert. Eine vergleichbare Tendenz lässt sich bei Männern über 50 beobachten. 1967 stand z. B. noch über die Hälfte der männlichen Erwerbstätigen im Berufsleben, Ende der 80er war es nur noch ein Drittel und seitdem ist ein weiterer Abwärtstrend zu beobachten. Dieses könnte das Ergebnis der Strukturkrise in der Industrie, die in zahlreichen Fällen zu Vorruhestandsregelungen und damit zum Ausscheiden älterer Arbeiter aus dem Erwerbsleben führte, sein. Ein bemerkenswerter Langzeittrend ist allerdings seit den letzten 30 Jahren eine stetige Zunahme der Frauenerwerbsquote von 45% auf über 70%. Zwar arbeitet die Mehrzahl der Frauen vorwiegend Teilzeit und überwiegend im Dienstleistungssektor, doch aufgrund des oft besseren Ausbildungsniveaus im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen, nehmen Frauen in den letzten Jahren immer verstärkter Führungspositionen in Politik und Wirtschaft ein. Schließlich ist noch ein sektoraler Wandel auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten.19 Während die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und in der Industrie kontinuierlich zurückgehen, weiten sich der Dienstleistungssektor sowie die Beschäftigung im öffentlichen Dienst und im privaten Bereich erheblich aus (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 234f.).

Trotz der starken Zunahme von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und in den Führungspositionen, sind sie von der Arbeitslosigkeit wesentlich stärker betroffen als Männer. Besonders stark triff es junge Frauen im Alter von 15-24 Jahren. Bei ihnen ist die Arbeitslosenquote doppelt bis viermal so hoch als in allen übrigen Altersgruppen. Überdurchschnittlich sind junge Frauen (Arbeitslosenquote über 35%) dann betroffen, wenn sie keine ausreichende Ausbildung nachweisen können. Gebiete mit besonders hoher Arbeitslosigkeit sind die altindustriellen Regionen und die südöstlichen Regionen Languedoc-Roussillon und Provence- Côte d’Azur. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit stellt allerdings ein französisches Sonderproblem dar, das eng mit dem durchaus problematisches System der beruflichen Ausbildung zusammenhängt.20 Demgegenüber ist die Arbeitslosigkeit der älteren Beschäftigten im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich hoch. Dies liegt vor allem daran, dass viele dieser Arbeitnehmer durch Vorruhestandsregelungen und die Senkung des Rentenalters bereits den Arbeitsmarkt verlassen hat. Bezüglich der schulischen Qualifikation sind es vor allem die Personen ohne oder mit Hauptschulabschluss, die erwerbslos sind und es sind die Arbeiter und einfach Angestellte, die gegenüber allen anderen Berufsgruppen benachteiligt werden. Damit sind es also die schwächsten sozialen Gruppen, die besonders unter der Arbeitslosigkeit leiden. Infolgedessen plädiert die französische Regierung besonders auf Chancengleichheit im Bildungssystem (vgl. SCHILD & UNTERWEDDE 2006, S. 236).

Die Bildungs- und Arbeitsstatistik hat bezüglich des Ausbildungsniveaus ein differenziertes sechsstufiges Schema entwickelt, welches 1969 in die amtliche Statistik übernommen wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Ausbildungsniveau der Bevölkerung seit 1969 [in % der Gesamtbevölkerung], Quelle: LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-23

An dieser Statistik lässt sich schon erkennen, dass immer höhere Abschlüsse im Laufe der Jahre erreicht werden und damit das Ziel der Politik, die Bildung anzuheben, verwirklicht wird.21 Dieses Stufenmodell der Bildungsqualifikationen wird auch in den Tarifverträgen zur Definition der verschiedenen Lohngruppen zugrundegelegt. Für die Bezahlung ist allerdings nicht das Ausbildungsniveau entscheidend, sondern die Qualifikationserfordernisse des realen Arbeitsplatzes. Dieses ist heute auch in vielen deutschen Unternehmen üblich. Trotzdem spielt der Grad des Ausbildungsniveaus eine erhebliche Rolle bei der Einstellung in private Arbeitsverhältnisse oder in den Staatsdienst. Bezüglich des Beamtenwesens gibt es eine Besonderheit, die darin liegt, dass sich jeder Beamtenanwärter einer gesonderten Prüfung, einem Concours, unterziehen muss, der dem Prinzip der Egalité folgt. Dieses Prinzip beruht auf der republikanischen Tradition und bedeutet, dass der Prüfling nicht angesehen werden darf, so dass nach Qualifikation und nicht nach Sympathie eingestellt werden kann (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2003, S. F-24 und ROSANVALLON 2000, S. 60ff.).

Des Weiteren beschäftigen Unternehmen in Frankreich weitaus mehr Hochschulabsolventen als vergleichbare Firmen in Deutschland, was natürlich Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat. So konzentriert sich die Rekrutierungsstrategie der französischen Unternehmen auf den Bereich der höher qualifizierten Arbeitskräfte mit Hochschulabschluss. Daher haben es Absolventen mit einem mittleren Ausbildungsniveau (CAP, BEP, Bac pro) schwer, eine Anstellung zu finden, was auch einen Grund für die enorme Jugend- arbeitslosigkeit darstellt. Außerdem verfügen französische Betriebe über eine höhere Kaderdichte, also über mehr Führungs- und Kontrollpersonal, als vergleichbare deutsche Unternehmen. Da letztgenannte auf eine im Dualen System ausgebildete Facharbeiterschaft zurückgreifen können, ist es ihnen möglich, die betrieblichen Hierarchien flacher zu gestalten. Anders gesagt können sie mit weniger Führungsebenen auskommen und im Vergleich zum Nachbarland ist auch der betriebsinterne Aufstieg einfacher. In Frankreich entscheidet man sich im Zweifelsfall immer wieder aus Tradition für die Ingenieure mit Universitätsdiplom, statt für aufstiegswillige Beschäftigte aus dem eigenem Unternehmen. Die als Cadre bezeichneten Führungskräfte genießen ein hohes soziales Prestige und sind gleichzeitig die Repräsentanten des modernen Frankreichs. Auch innerhalb der Cadres gibt es eine Klassifizierungen, doch allgemein ist festzuhalten, dass sie ungefähr dreimal soviel verdienen wie die Arbeiter. In Deutschland hingegen verdient eine Führungskraft das Zweieinhalbfache. Das relativ geringe Prestige der Arbeiter wirkt sich mittelbar auf die Struktur der beruflichen Ausbildung aus. So gibt es nur wenig Bereitschaft in der Bevölkerung eine Lehre, besonders eine gewerbliche Ausbildung zu machen (vgl. LAUTERBACH ET AL. 2007, S. F-26).

[...]


1 Schaubild: Frankreich (geographische Karte) siehe Anlage 1

2 Ein „sprachliches Substrat“ liegt vor, wenn in einer bestimmten Region eine Sprache von einer anderen überdeckt wird, allmählich aufgegeben wird und dabei in der siegreichen Sprache Spuren hinterlässt (vgl. Geckeler und Dietrich 1995, S. 139ff.).

3 „Der Staat bin ich.“ (Anm. d. Verf.)

4 „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ (Anm. d. Verf.)

5 Charles de Gaulle war der erste Präsident der V. Republik. Genaueres zu den französischen Republiken und Präsidenten befindet sich in Abschnitt 2.4.2.

6 Institut national de la statistique et de l’économie étrangère (Anm. d. Verf.)

7 Schaubild: Bevölkerungsentwicklung zwischen 1906 und 2006 siehe Anlage 2

8 Wirtschaftliche Kennzahlen der Regionen siehe Anlage 3.

9 Sekundarschulen für alle Schulpflichtigen; vergleichbar mit der deutschen Sekundarstufe I (Anm. d. Verf.) 14

10 Die französichen Lycées entsprechen ungefähr der deutschen gymnasialen Oberstufe (Anm. d. Verf.)

11 Es handelt sich um 577 Abgeordnete, davon 22 aus den Überseegebieten.

12 Seit 1958 hatte die französische Republik sechs Präsidenten: Charles de Gaulle (1959-1969), Georges Pompidou (1969-1974), Valéry Giscard d’Estaing (1974-1981), François Mitterand (1981-1995), Jacques Chirac (1995-2007) und Nicolas Sarkozy (seit 2007). (Anm. d. Verf.)

13 Näheres zum alternierenden System befindet sich in Kapitel 4.2.2.

14 Eine Übersichtstabelle über die französischen Gewerkschaften befindet sich in Anlage 4.

15 Wenn auf dem Finanzmarkt keine Gewinne mehr erzielt werden, können die Unternehmen weder investieren noch produzieren und benötigen somit kein Personal mehr. (Anm. d. Verf.)

16 Das entspricht ungefähr 5 Millionen Euro. (Anm. d. Verf.)

17 Die SA (société anonyme) entspricht etwa einer deutschen Aktiengesellschaft. (Anm. d. Verf.) 22

18 Eine Übersicht über die einzelnen Sektoren mit ihren Anteilen an der Bruttowertschöpfung befindet sich in Anlage 5.

19 Eine Übersicht über die wichtigsten Wirtschaftszweige bezogen auf die Beschäftigung befindet sich in Anlage 6.

20 Näheres hierzu siehe Kapitel 4 und 6.

21 Näheres zu den Zielen der Bildungspolitik siehe Abschnitt 3.2

Details

Seiten
131
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640514205
ISBN (Buch)
9783640515202
Dateigröße
16 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141858
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Wirtschaftspädagogik
Note
2,0
Schlagworte
Neuere Entwicklungen Berufsbildungssystem

Autor

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Titel: Neuere Entwicklungen im französischen Berufsbildungssystem