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Jazz im Dritten Reich

Wie der Jazz die Zeit des Nationalsozialismus überdauert hat

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 23 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Themeneinführung

2 Forschungsstand

3 Jazz in Deutschland

4 Jazz im Dritten Reich
4.1 Verfolgung und Verbote
4.2 Reichsmusiktage
4.3 Swing Jugend
4.4 Jazz im Konzentrationslager
4.4 Konsum der Jazzmusik
4.5 Jazz als Propaganda

5 Wie der Jazz die Zeit des Nationalsozialismus überdauert hat

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Themeneinführung

Die Musik des Jazz bereichert seit fast hundert Jahren die Musikkultur aller Kontinente. Von den Spirituals der schwarzen Sklaven Amerikas ausgehend entwickelte sich nach und nach eine völlig neue facettenreiche Musikrichtung, die für jedes Instrument und jeden Musiker gemacht war, der den Beat des Jazz fühlen konnte. Vor allem die Musik der afroamerikanischen Armen und Diskriminierten in den Gettos von New Orleans prägte die verschiedenen Phasen und Stile des Jazz, der sich nach dem Ersten Weltkrieg nach Europa ausbreitete. Die Musiker verknüpften schnell afrikanische Rhythmen mit europäischer Tanzmusik zu einem neuen Stil, der hauptsächlich auf die Improvisation zu einer Grundmelodie basierte. Jeder konnte so mit jedem spielen, wenn die Grundmelodie bekannt war.

Der Jazz wurde in Europa salonfähig zu einer Zeit, die von politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Trotzdem war der Jazz seit seinem Aufkommen von Anfeindungen durch nationalistische und konservative Gruppierungen betroffen, die den Jazz als „Niggermusik“ und „undeutsch“ diffamierten. Diese Diffamierungen erreichten ihren Höhepunkt in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Jazz wurde unter anderem als „entartete Musik“ gebrandmarkt.[1] Dennoch wurde der Jazz nie offiziell in Deutschland als verboten erklärt und erfreute sich in der Bevölkerung, bei den Soldaten, bei der Jugend und sogar unter den Parteifunktionären großer Beliebtheit. Jazz zu musizieren, Jazz zu hören und Jazz zu konsumieren, war aber mit verschiedenen Strafen belegt, die sogar mit einer Deportation in ein Konzentrationslager enden konnten und in vielen nachgewiesenen Fällen auch erfolgte.

Es stellen sich also die Fragen, warum so viele Deutsche die Bestrafungsgefahr ignorierten und weiterhin Jazz konsumierten, wie der Jazz den Nationalsozialismus trotz Gleichschaltung, Verfolgungsgefahr, Schallplattenverkaufsverbot und Einreiseverbot schwarzer Musiker überdauern konnte, und in welcher Form Jazz in der Öffentlichkeit in der Zeit von 1934 bis 1945 präsent war.[2]

Dazu muss einführend geklärt werden, wie sich die Kultur des Jazz in Deutschland entwickelt hat, um aufzuzeigen, wie stark die deutsche Öffentlichkeit vom Jazz geprägt war, und welche Jazzform sie bevorzugt hören wollte. In diesem Abschnitt muss auch berücksichtigt werden, welchen Anfeindungen der Jazz ausgesetzt war. An diese Einführung schließt sich die Frage an, wie die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung den Jazz beurteilten, und zu welchen Verfolgungen und Verboten dieses Urteil führte. Ein besonders interessanter Aspekt ist in diesem Zusammenhang die Darstellungen der Reichsmusikkammertage in Düsseldorf, die zeigten, welche Musik im Reich als „entartet“ und „antideutsch“ galt.[3]

Da der Jazz im Nationalsozialismus als oppositionelle Gegenbewegung angesehen wurde, fühlten sich immer mehr Jugendliche von der Jazzkultur angezogen, um ihre Verweigerung gegenüber dem Regime auszudrücken. Ihre Ziele und ihre Gefahren dürfen daher nicht unberücksichtigt bleiben bei einer Betrachtung des Jazz im Dritten Reich. Genauso interessant wie das Phänomen der Swingjugend ist ein eher unbekannteres Kapitel des Jazz im Nationalsozialismus, nämlich der Jazz in den Konzentrationslagern. Ein Ort des Todes und der Vernichtung, der Sklavenarbeit und des Elends wird zum Nährboden einer ganz besonderen Form des Jazz und trägt während des Nationalsozialismus zu seiner Weiterverbreitung bei.

Aber nicht nur die Jugend und die Jazzmusiker, die deportiert worden waren, ließen den Jazz weiterleben, sondern auch die Bevölkerung und die Soldaten, die Schallplatten kauften und hörten, Tanzveranstaltungen mit Jazzmusik besuchten und im Radio die neuesten Musiker und Jazzstücke kennenlernen wollten. Ohne den Konsum und bestimmten, fast unglaubhaften Tatsachen, wäre die Gleichschaltung der Musik nur eine Frage der Zeit gewesen, wie in diesem Abschnitt erörtert werden wird.

Zu den Tatsachen gehört auch, dass die Jazzmusik von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken missbraucht worden ist und interessante Nebeneffekte hatte, die dargestellt werden müssen.

Um noch einmal deutlich hervorzuheben, wie der Jazz das Dritte Reich überdauern konnte, werden die Ergebnisse abschließend analysiert zusammengefasst und die Leitfrage der Seminararbeit beantwortet.

Das Thema Jazz im Dritten Reich ist deshalb so interessant, weil der Jazz eine ganz besondere Musikform ist. Jazz wird durch seine afroamerikanischen Wurzeln immer mit Freiheitsdrang und Lebenswillen assoziiert. Zudem wurde der Jazz im Nationalsozialismus als Opposition zum Regime angesehen und trotzdem von einem großen Teil der Bevölkerung gehört. Die Beschäftigung mit dem Jazz im Dritten Reich zeigt also einen besonderen Einblick in das gesellschaftliche Leben während des Nationalsozialismus und auch, wie das Regime mit einer eher kleinen Gruppe von Jazzbegeisterten und Jazzmusikern umging, um seine Allmacht im Alltag zu demonstrieren. Die Analyse des Jazz im Dritten Reich bewegt sich also auf der mikrosoziologischen Ebene. Jazzforschung gehört also zur Sozialgeschichte.[4]

2 Forschungsstand

Literatur und Bücher über den Jazz werden und wurden in unbekannter Anzahl und unzähligen Schwerpunkten von Jazzfans, Musikwissenschaftlern und Musikern in jeder und über jede Jazzepoche von New Orleans bis Modern Jazz verfasst. Auch über den Jazz im Dritten Reich findet sich Literatur, die die Entwicklung des Jazz während des Nationalsozialismus beleuchtet und analysiert. Dabei stechen sowohl einzelne Schwerpunktbücher als auch Werke mit einer Gesamtübersicht über den Jazz im Dritten Reich hervor. Einige sollen hier beispielhaft und als besonders gelungen angeführt werden, um zu zeigen, welchen Status die Forschung zum Thema Jazz im Nationalsozialismus hat.

Einen guten Einblick in das deutsche Jazzgeschehen bietet das Buch von Horst H. Lange[5], der dem Jazz von seinem Aufkommen bis in die Nachkriegszeit 1960 jeweils ein ausführliches Kapitel widmet. Zudem finden sich im Anhang Jazzbilder, die die Zeitabschnitte der einzelnen Kapitel verdeutlichen. Interessant sind auch die lange Literaturliste und eine Discografie mit den beliebtesten und bekanntesten Stücken der verschiedenen Zeitabschnitte. Kritisch anzumerken ist die fehlende Jazzphase bis heute oder eine Anmerkung dazu, da das Buch 1996 in zweiter Auflage veröffentlicht worden ist. Zudem ist die Verwendung des Begriffes „Das Goldene Jazz-Zeitalter“[6], der hier für die Jahre 1920 bis 1931 verwand wird, nach heutigem Forschungsstand nicht mehr klar definiert. In neueren Büchern wie zum Beispiel von Martin Lücke[7] und Mike Zwerin[8] wird der Begriff neu eingeordnet und begründet. Wann das „Goldene Jazz-Zeitalter“ war, ist noch nicht einstimmig konkretisiert worden, und Horst H. Lange erklärt seine Begriffswahl nicht. Richtig ist, dass die 20iger Jahre allgemein als „Goldenes Zeitalter“ angesehen werden.

Das oben genannte Buch von Martin Lücke ist interessant, da es den Jazz im Dritten Reich mit dem Jazz im Stalinismus vergleicht und einige interessante Aspekte aufführt, zum Beispiel wie ähnlich die Regime sich teilweise in ihrer Form waren.

Als Standardwerk über den Jazz im Nationalsozialismus zählt das Buch von Michael H. Kater[9], das sowohl auf englisch als auch auf deutsch erschienen ist. Er beschreibt detailliert, wie sich der Umgang des Regimes des Nationalsozialismus mit dem Jazz entwickelt hat und wie der Jazz im gesellschaftlichen Leben verankert war.

Um einen allgemeinen Einblick in die Musik und Kultur im Dritten Reich zu erhalten, eignet sich das Buch von Joseph Wulf[10]. Er stellt die protegierten Musiker dar, die Institutionen, die sich mit Musik beschäftigten, und macht deutlich, was artfremde Musik war. Besonders interessant ist die ausführliche Quellensammlung.

Ein Einblick, wie sich der Jazz in einer Stadt während des Nationalsozialismus entwickelte, bietet das Buch von Otto Bender[11], welches durch viele Aufnahmen und kurze ansprechende Textabschnitte besticht.

Ein weiteres interessantes Buch ist die Arbeit von Bernd Polster[12], der seine einzelnen Kapitel mit erlebnisreichen Interviews von Zeitzeugen bereichert und eine besondere Authentizität erweckt.

Unter diesem Aspekt ist auch das Buch von Mike Zwerin empfehlenswert, der viele Jazzmusiker und ihre Geschichte im Nationalsozialismus vorstellt und verschiedene Anekdoten präsentiert, die zeigen, dass auch deutsche Offiziere ausgesprochene Jazzfans sein konnten.

Die oben genannten Bücher zeigen exemplarisch auf, welches facettenreiches Bild der Jazzgeschichte im Dritten Reich bis heute erforscht wurde, und wie tiefgründig dabei gearbeitet worden ist. Erst, wenn verschollene Akten auftauchen oder Archivbestände geöffnet werden, bieten sich neue Forschungsperspektiven. Deswegen beschäftigen sich neuere Bücher[13] vornehmlich mit dem Phänomen der Swing Jugend. Unter dem Aspekt der städtischen Betrachtungsweise bieten sich vermutlich noch Forschungslücken wie vielleicht über die Swingjugend des Ruhrgebietes oder von Köln.

3 Jazz in Deutschland

Der Jazz entstand um 1900 in den USA und war von afroamerikanischen Einflüssen geprägt. Er entwickelte sich aus der ländlichen vokalen Volksmusik, dem Gospel und dem Blues der Afroamerikaner.

Ab 1915 verbreitete sich der Jazz in ganz Europa.[14] Schnell entwickelten sich verschiedene Stile vom Dixieland (1900) über den Bebop (1943) bis zum heutigen Popjazz.[15] Horst Lange teilte die deutsche Jazzgeschichte zudem in sechs Zeitabschnitte ein, die hier nicht erörtert werden können.[16] Im Allgemeinen wurde der Jazz in Deutschland zu dieser Zeit eher als Swing bezeichnet, der aber eigentlich einen eigenen Stil ab 1926 darstellte und vor allem als Tanzmusik wahrgenommen wurde.[17]

Musikalisch baut der Jazz auf europäischer Tonmusik und europäischen Instrumenten auf. Die Basis jedes Jazzstückes ist eine Melodie mit Harmoniefolge, die von Soli der einzelnen Instrumente der beteiligten Musiker wie Trompete, Klavier und Bass improvisiert wird. Jeder Jazzmusiker verfügt über ein bestimmtes Repertoire von Stücken aus Filmmusik, Klassik, Blasmusik und der vokalen Musik wie zum Beispiel Gospels. So kann jeder mit jedem Zusammenspielen auf Grundlage einer Melodie, die jeder Musiker kennt.

Der Begriff Jazz ist bekannt seit dem Lied „Uncle Josh in Society“. Cal Stewart singt 1909 von einer Dame, die fragt, ob man den Jazz tanzt.[18] Nicht belegbar ist eine Begriffsbestimmung, die das Wort Jazz als „tatkräftige Aktivität“ definiert.[19] Eine wirkliche Definition des Jazz scheint daher bis heute unmöglich. Der Jazz drückt individuelle Freiheit, Modernität und eine liberale kosmopolitische Einstellung aus, und galt als Musik der Unterdrückten.[20] In diesem Sinne passte diese neue Musikrichtung hervorragend in die Epoche der politischen Umbrüche, der wirtschaftlichen Abschwünge und der ungewissen Zukunft sowie der sich nach Abwechslung und Vergnügung sehnenden kriegstraumatisierten Bevölkerung.[21] Unter diesen Vorzeichen entstand auch der Sinnspruch „Mit dem Swing vergisst man den Morgen.“[22]

[...]


[1] Prieberg, Fred K.: Musik im NS-Staat. Frankfurt a. M. 1989, S. 107

[2] Der Zeitraum 1934 bis 1945 grenzt die Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und die Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg ein.

[3] Prieberg, S. 107

[4] Mäusli, Theo (Hrsg.): Jazz und Sozialgeschichte. Zürich 1994, S. 9

[5] Lange, Horst H.: Jazz in Deutschland. Die Deutsche Jazz-Chronik bis 1960. 2. Aufl. Hildesheim 1996.

[6] Ebd., S. 22; Eine Erörterung zum Thema „Goldenes Zeitalter des Jazz“ findet im Rahmen dieser Arbeit leider keinen Platz.

[7] Lücke, Martin: Jazz im Totalitarismus. Eine komparative Analyse des politisch motivierten Umgangs mit dem Jazz während des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Münster 2004.

[8] Zwerin, Mike: La Tristesse de Saint Louis. Swing unter den Nazis. Wien 2000., S. 20

[9] Kater, Michael H.: Jazz im Nationalsozialismus. München 1998.

[10] Wulf, Joseph: Kultur im Dritten Reich. Gütersloh 1963.

[11] Bender, Otto: Swing unterm Harkenkreuz in Hamburg. 1933-1943. Hamburg 1993.

[12] Polster, Bernd: Swing Heil. Jazz im Nationalsozialismus. 1989.

[13] Ueberall, Jörg: Swing Kids. Bad Tölz 2004.

[14] Lange, S. 18

[15] Michels, Ulrich (Hrsg.): Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart. Bd. 2. 4. Aufl. München 1987., S. 505-507

[16] Lange, S. 13-14

[17] Dennoch wird in dieser Seminararbeit von dem „Jazz“ gesprochen, um einen flüssigen Schreibstil zu erhalten. Ausnahmen bilden Verständniserläuterungen!

[18] <http://www.undercovermagazin.de/index.php/2007/10/31/jazz-ist-nicht-tot-er-riecht-nur-komisch> 2008-01-09. “One lady asked me if I danced the Jazz!”

[19] Ebd.

[20] <http://www.br-online.de/kultur-szene/thema/jazzimdrittenreich/nach_wk1.xml> 2008-01-09.

[21] Lücke, S. 43

[22] Zwerin, S. 164

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640514403
ISBN (Buch)
9783640512553
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142185
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
Jazz Dritten Reich Zeit Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Jazz im Dritten Reich