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Der DGB: Veränderungen in der Programmatik und im Selbstverständnis von 1949 bis 1963

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 28 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

Hinweis an den Leser

Definitionen

1. Zur Kritik an der Rolle der Gewerkschaften: Eine Einleitung

2. Historische Bedingungen für den Aufbau der westdeutschen Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg
a) Die westlichen Siegermächte
b) Gesellschaftliche und politische Determinanten des Neuaufbaus

3. Der organisatorische Neuaufbau
a ) Politische Faktoren
b) Zwischenschritte auf dem Weg zum DGB

4. Die Neuordnungsvorstellungen des DGB
a) Das Grundsatzprogramm von 1949
b) Das Scheitern der Neuordnungsvorstellungen

5. Anpassung an veränderte Bedingungen
a) Das Aktionsprogramm von 1955
b) Das neue Grundsatzprogramm von 1963

6. Fazit: Die Veränderungen im Selbstverständnis des DGB

Literatur
a) Primär
b) Sekundär

Hinweis an den Leser

Weiterführende Literaturhinweise, die zum Erstellen dieser Arbeit nicht unbedingt erforderlich waren, werden in den Fußnoten in vollständiger Form wiedergegeben und im Literaturverzeichnis nicht aufgeführt. Die unmittelbar benutzte Literatur wird in Kurzform zitiert (z. B. Bergmann/Jacobi/Müller-Jentsch 1975, S. 80) und am Ende der Arbeit, mit den vollständigen bibliographischen Angaben, im Literaturverzeichnis wiedergegeben.

Definitionen

Anmerkung:

Die im Text verwendeten Definitionen werden in den Fußnoten erläutert. Zum leichteren Auffinden einer Definition werden diese im folgenden Verzeichnis in alphabetischer Reihenfolge mit der Nummer der Fußnote und der Seitenzahl wiedergegeben. Die Definitionen entstammen folgenden Lexika:

(a) Weltbild. Der Brockhaus von A-Z in drei Bänden, Mannheim/Augsburg 2000;
(b) Endruweit, Günter/Trommsdorff, Gisela (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie in drei Bänden, Stuttgart 1989.

Die in Klammern gesetzten Buchstaben hinter den Begriffen geben an, aus welchem Lexikon die jeweilige Definition entnommen wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Zur Kritik an der Rolle der Gewerkschaften: Eine Einleitung

Die konservative Kritik an den Gewerkschaften[1] hat sich seit Beginn der 60er Jahre in ihren prinzipiellen Inhalten kaum geändert[2]. Den Gewerkschaften wird vorgeworfen, daß sie als Gegenmacht zur bestehenden Gesellschaftsordnung angetreten seien, nämlich um die Staatsführung durch planwirtschaftliche[3] Vernichtung des kapitalistischen[4] Unternehmertums zu übernehmen. Von ihnen drohe die Gefahr einer syndikalistischen[5] und kollektivistischen[6] Wirtschaft und Gesellschaft[7].

Progressive Kritiker argumentieren dagegen, daß die Gewerkschaften zunehmend zu einem Instrument der Einordnung der Arbeitnehmer in die gegebene politisch-ökonomische Machtverteilung würden und zur Stabilisierung des kapitalistischen Systems beitragen. Diese Systemstabilisierung werde durch die Verteilung von Gratifikationen an die Gewerkschaftsmitglieder vollzogen, indem insbesondere „Vollversicherungen“ für Streiks und Aussperrungen angeboten würden[8].

Analysierte man die von 1949 bis 1963 wichtigsten programmatischen Äußerungen des DGB – insbesondere das Grundsatzprogramm von 1949, das Aktionsprogramm von 1955 sowie das neuere Grundsatzprogramm von 1963 – im Hinblick auf die genannten Aussagen der Kritiker, dann ließe sich leicht feststellen, auf welche Äußerungen sich diese beziehen.

Die konservativen Kritiker würden vor allem das Münchner Grundsatzprogramm von 1949 heranziehen, um ihre These von der „Übernahme der Staatsführung“ durch die Gewerkschaften mittels der „planwirtschaftlichen Vernichtung des kapitalistischen Unternehmertums zu belegen“.

Die Kritik progressiver Kreise würde sich dagegen auf das Aktionsprogramm von 1955 und vor allem auf das Grundsatzprogramm von 1963 stützen. Aus diesen Programmen ließe sich vermutlich recht eindeutig die „Einordnung der Arbeitnehmer in die gegebene politisch-ökonomische Machtverteilung“ ableiten.

Jeder der genannten Kritiker unterstellt den Gewerkschaften damit ein anderes Selbstverständnis, das aus der jeweils aktuellen Programmatik resultiert. Die Frage, die uns in diesem Aufsatz beschäftigen wird lautet deshalb: Welches Selbstverständnis der Gewerkschaften läßt sich aus den Programmen des DGB herauslesen und welchen Wandlungen war es im Laufe der Zeit unterworfen?

2. Historische Bedingungen für den Aufbau der westdeutschen Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg

a) Die westlichen Siegermächte

Der organisatorische Wiederaufbau und die Programmgebung der westdeutschen Gewerkschaften fanden nach 1945 unter besonderen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen statt. Ein Resümee der wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen dieser Wiederaufbau stattfand, würde den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen und deshalb wird in diesem Abschnitt auf die politischen Bedingungen eingegangen[9], unter denen sich der Neuaufbau der Gewerkschaften und deren Handeln in den ersten Nachkriegsjahren vollzog.

Mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 in Reims und Berlin-Karlshorst lieferte sich das Land den vier Siegermächten Frankreich, Großbritannien, der Sowjetunion und den USA aus. Mit der Unterschrift der deutschen Vertreter unter die Kapitulationsurkunden ging die absolute Exekutivgewalt auf dem Territorium des Deutschen Reiches auf die vier Siegermächte über und diese bestimmten auf Jahre hinaus die wirtschaftliche und politische Nachkriegsentwicklung des Landes.

Hinsichtlich der Besatzungspolitik der Siegermächte in Westdeutschland lassen sich mehrere Phasen unterscheiden:

1. Eine restriktive Phase[10], die von 1945 bis zum Frühjahr 1947 andauerte und durch Demontagen, Reparationen, industrielle Abrüstung und wirtschaftliche Dezentralisierung (bspw. die Zerschlagung der IG Farben) als Ziele der Besatzungsmächte gekennzeichnet war[11]. In dieser Zeit waren von deutscher Seite praktisch keine Einflußmöglichkeiten vorhanden und nur eine Anpassung an die Interessen bzw. Direktiven der Siegermächte möglich.
2. Die sogenannte konstruktive Phase unter amerikanischer Führung, in welcher der wirtschaftliche Wiederaufbau und die Restitution eines bürgerlich-parlamentarischen Staates im Mittelpunkt standen. Diese Phase stand im Zeichen des beginnenden Ost-West-Konflikts, und die Bestrebungen der westlichen Alliierten waren darauf ausgerichtet aus den Besiegten Verbündete zu machen. Einen vorläufigen Höhepunkt erlebte diese Phase zum Jahresende 1949 mit dem Petersberger Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den drei westlichen Besatzungsmächten, in dem die Reparationsfrage abschließend geklärt und das Land in westliche Organisationen integriert wurde. Endgültig abgeschlossen wurde sie im Jahre 1954 im Rahmen der sogenannten Pariser Verträge, als die Bundesrepublik Mitglied in der “Westeuropäischen Union“ (WEU) und in der „North Atlantic Treaty Organization“ (NATO) wurde.

[...]


[1] Gewerkschaft (=Def.): Organisation lohn- oder gehaltsabhängiger Arbeitnehmer, die das Ziel einer bestmöglichen Interessenvertretung ihrer Mitglieder in allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, verfolgt.

[2] Helga Grebing nennt als Beleg das Buch von Goetz Brief „Zwischen Kapitalismus und Syndikalismus“. Vgl. Grebing 1981, S. 54.

[3] Planwirtschaft (=Def.): Wirtschaftsordnung, in der eine zentrale Planungsbehörde entsprechend den allgemeinen Zielvorgaben der Staatsführung Volkswirtschaftspläne (vor allem für Produktion und Investition) erstellt und in Einzelpläne aufschlüsselt, die dann von nachgeordneten Stellen (Fachministerien, Betrieben) weiter ausgearbeitet werden.

[4] Kapitalismus (=Def.): Bezeichnung für eine Wirtschaftsform, die durch Privateigentum an Produktionsmitteln und Steuerung des Wirtschaftsgeschehens über den Markt gekennzeichnet ist.

[5] Syndikalismus (=Def.): Eine in der Arbeiterbewegung Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Richtung, die in den gewerkschaftlichen Zusammenschlüssen der Lohnarbeiter (Syndikate) den Träger revolutionärer Bestrebungen sah. Der Syndikalismus lehnte den politischen (parlamentarischen) Kampf als Umweg ab; der Klassenkampf müsse vielmehr in dem die Klassengegensätze verursachenden ökonomischen Bereich, im einzelnen Betrieb, durch die direkte Aktion geführt werden. In Theorie und Praxis eng mit dem Anarchismus verbunden, ist das Ziel des Syndikalismus eine Gesellschaft ohne staatliche Zentralgewalt.

[6] Kollektiv (=Def.): Gemeinschaft, Gruppe; in der Theorie insbesondere sozialistischer Gesellschaftssysteme eine von gemeinsamen Zielvorstellungen getragene Arbeits- und Produktionsgemeinschaft, die von gegenseitiger Unterstützung bei gleichen Rechten und Pflichten abhängig ist.

[7] Grebing 1981, S. 54.

[8] Dies., a. a. O., S. 54f.

[9] Einen Überblick über den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Neuaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bietet die Arbeit von Benz 1994. Außerdem Engelsing 1983, S. 185ff.

[10] Diese Einteilung in Phasen basiert auf der Arbeit von Bergmann/Jacobi/Müller-Jentsch aus dem Jahre 1975, S. 120f.

[11] Literatur zu diesem Thema ist zahlreich vorhanden. Mit der Demontagepolitik in der französischen Besatzungszone beschäftigen sich z. B. Manz, Mathias, Stagnation und Aufschwung in der französischen Besatzungszone von 1945 bis 1948, Diss. phil. Mannheim 1968. Außerdem Grohnert, Reinhard u. a., Demontagen, Kaufmonopol, Nahrungsmittelentnahmen. Französische Richtlinien zur Wirtschaftspolitik, in: Wolfrum, Edgar u. a., Krisenjahre und Aufbruchszeit. Alltag und Politik im französisch besetzten Baden 1945 – 1949, München 1996, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Südwestdeutschland Bd. 3, hrsg. von Dieter Langewiesche und Klaus Schönhoven, S. 230 – 238.

Details

Seiten
28
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638197069
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14245
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Soziologie
Note
2+
Schlagworte
Veränderungen Programmatik Selbstverständnis Gewerkschaften Deutschland Kooperation Konfrontation

Autor

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