Lade Inhalt...

„Leben zwischen den Kulturen“ - Aspekte der Identitätsfindung junger Erwachsener im interkulturellen Spannungsfeld

Analyse anhand ausgewählter Werke des cinéma beur und des Deutsch-türkischen Films

Magisterarbeit 2007 170 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

I. Analyseziel und Stand der wissenschaftlichen Forschung

II. Identitätsfindungsprozesse junger Erwachsener im interkulturellen Kontext - Eine Generation im Umbruch auf der Suche nach sich selbst
1. Die Suche nach Identität im „kulturellen Supermarkt“ oder „Was ist die Mehrzahl von Heimat?“ - Junge Deutschtürken zwischen Traditions- und Zukunftsorientierung
2. Multikulturalität im Kiez und Akkulturationsprozesse im Spannungsfeld Zentrum - Peripherie
3. Hybridkulturalität als Überwindung bipolaren Denkens
4. Identitätsmanagement in spätmodernen Gesellschaften - Die Theorien Heiner Keupps
4.1. Identitätsfindung als ständige Passungsarbeit von Teilidentitäten - Orientierungssuche, Einflussfaktoren und das Meistern interkultureller Krisen
4.2. Identitätsfindung durch Ausloten und Vereinbaren von Herkunft und Zukunft
5. Identität als diskursive Konstruktion durch Rollenspiel und Selbstthematisierung
6. Identität und Alterität - Das Fremde als Projektion in unserem Kopf
7. Emotionalisierung und Komplexitätsreduktion - Die Funktion von Stereotypen im Spannungsfeld von Identität und Alterität
8. Identitätsfindung als Prozess und Ergebnis dreier Haupteinflüsse - Thesenaufstellung basierend auf Thoerien von Alexander Thomas
8.1. Phasenverlauf des Handlungskompetenzerwerbs und des Identitätsfindungsprozesses im interkulturellen Kontext
8.2. Einflussfaktoren des Handlungskompetenzerwerbs und der Identitätsfindung im interkulturellen Kontext
9. Zwischenfazit: Identitätsfindungsprozesse im interkulturellen Spannungsfeld sind auf mehrere Faktoren hin zu analysieren

III. Weshalb Film- für Identitätsanalyse geeignet ist
1. Interkulturelle Psychologie und Filmpsychologie - Die Spannung des Lebens liegt im Prinzip der Polarität
2. Symbiose von Film- und Fremdverstehen - Film als subjektives, aber auch universelles Medium der Gesellschaftsanalyse
3. Film als Spiegel der Gesellschaft? - Die Ambivalente Beziehung Realität - Film
4. Zwischenfazit: Was Film für die Identitätsanalyse leisten kann

IV. Cin é ma beur und Deutsch-türkischer Film - M é tissage deluxe!
1. Wandel von Gesellschaft und Filmlandschaft - Die neue Generation interkultureller Autorenfilmer
2. Das cin é ma beur und seine Entwicklung
2.1. Das cin é ma beur im Kontext des jeune cin é ma fran ç ais
2.2. Cin é ma beur, cin é ma de banlieue, cin é ma d ’ immigration
2.3. Die Entwicklung des genre beur und sein Status heute
3. Der Deutsch-türkische Film und seine Entwicklung
3.1. Das Deutsch-türkische Kino im nationalen Filmkontext
3.2. Entwicklung des Deutsch-türkischen Films von den 1970er Jahren bis heute
3.3. Vielfalt und Variantenreichtum des Deutsch-türkischen Films
4. Cin é ma de m é tissage - Mischkulturenkino bikulturell sozialisierter Regisseure
4.1. Wandel der Filmlandschaft vom Kino der Fremdheit zum cin é ma de m é tissage (am
Beispiel des Deutsch-türkischen Films)
4.2. Cin é ma de m é tissage - Interkulturelles, autobiografisch geprägtes Figurenkino
5. Mehrfachkulturell sozialisierte Regisseure als Kreativpotential des cin é ma de m é tissage (ein Porträt Fatih Akins)
5.1. Fatih Akins emotionaler, doppeltkultureller Blick auf die Gesellschaft
5.2. Authentizität der Figuren und künstlerische Nähe zu seinen Darstellern - Der „Schauspielerregisseur“ Fatih Akin
5.3. Scorseseliebhaber Fatih „Fassbinder“ Akin - Cin é ma de m é tissage mit neuen Perspektiven und intertextuellen Bezügen
6. Zwischenfazit: Bikulturelle Sozialisierung der Regisseure des cin é ma de m é tissage als Chance

V. Cin é ma beur und Deutsch-türkischer Film im Vergleich
1. Unterschiede zwischen cin é ma beur und Deutsch-türkischem Film hinsichtlich des „Genrecharakters“
1.1. Zum unterschiedlichen Forschungsstand der Genrethematisierung
1.2. Mediale Steuerung der Realität und die Rolle der Prototypen als Referenzfilme
1.3. Stilistisch stereotypisierter Genrekanon und Intertextualität betonender Charakter der Arbeit der Nachfolgeregisseure
1.4. Zum Marketingaspekt der Genrepolitik
1.5. Filmkultur als Spiegel der mentalen Programmierungen von Gesellschaften - stereotypenthematisierende Gesellschaftsorientierung des cin é ma beur und bunte, emotionale Individualorientierung des Deutsch-türkischen Films
2. Gemeinsamkeiten von cin é ma beur und Deutsch-türkischem Film - Themen des mittlerweile international codierten cinéma de métissage und Bedeutung von Teilidentitäten im Gesamtwerk Akins und Chibanes
3. Zwischenfazit: Cin é ma beur und Deutsch-türkischer Film als zwei unterschiedliche Vertreter des international codierten cin é ma de m é tissage

VI. Identitätsfindungsprozesse junger Männer in ausgewählten Filmen - Das Erwachsenwerden in multikulturellen Cliquen zwischen Gewalt, Moral und Liebe
1. Hexagon e - Arbeit und Liebe als Anker der Identität im Spannungsfeld von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft
1.1. Themen des Films und intertextueller Kontext
1.2. Negatives Fazit: Scheitern der Versöhnung von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft, Ablösung der Gruppenidentität durch Individualidentität, Abhängigkeit der Identität des Mannes von Frauen
2. kurz und schmerzlos - Gangster- und Liebesfilm im Altonaer Kiez
2.1. Inhalt: Das Schwanken dreier junger Erwachsener zwischen Illegalität und Moral.
2.2. Eine eindrucksvolle Geschichte von Freundschaft und Liebe
2.3. Negatives Fazit für Identitätsfindung, Freundschaft und Liebe
3. Zwischenfazit: Identitätsfindungsprobleme junger Männer im interkulturellen Kontext

VII. Identitätsfindungsprozesse junger Frauen in ausgewählten Filmen - Das Schwanken zwischen Familientradition und Freiheitsdrang
1. Douce France - Komödiantische Aufarbeitung der Spannungen zwischen den Generationen, zwischen traditionell religiösem und modernem Rollenverständnis
1.1. Inhalt: Emanzipationsgeschichte junger Musliminnen mit Hindernissen
1.2. Faridas Identitätsentwicklung durch die Auseinandersetzung mit den Werten der Elterngeneration
2. Gegen die Wand - Der Reifeprozess einer jungen Türkin auf der Suche nach einem selbstbestimmten, grenzenlosen Leben
2.1. Inhalt des Films
2.2. Zweckverbindung zweier selbstzerstörerischer „türkischer“ Außenseiter, um dem bisherigen Leben zu entfliehen
2.3. Weiterentwicklung der Liebebeziehung und des Identitätsfindungsprozesses der Protagonisten - Gibt es ein Happy End?
2.4. Sibels Identitätsfindung als Ergebnis eines langwierigen Reifeprozesses
2.5. Raum, Atmosphäre und Zuschauerwirkung - Akins ungeschönt düstere Gesellschaftskritik zwischen Gut und Böse, Sinnsuche und Zerstörungswut ist Punk pur
2.6. Rolle der Musik und Aufbau des Films in Akten
3. Zwischenfazit: oszillierende Identitätssuche junger Frauen zwischen Familienkultur und Freiheitsdrang

VIII. Wanderer zwischen den Kulturen - Prozess der Identitätsfindung junger Erwachsener im interkulturellen Spannungsfeld in ausgewählten Filmen
1. Getürkt - Frecher Blick auf chamäleonartiges Kulturwandeln als Überlebensstrategie
1.1. Inhalt: Ein junger Deutschtürke auf Heimaturlaub
1.2. Hybridkultur als Resultat des interkulturell kompetenten Auslotens der Identität in einem Spektrum der Möglichkeiten
2. N é s quelque part - Idealablauf des Identitätsfindungsprozesses im Spannungsfeld von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft
2.1. Inhalt: Musikerbeziehung und Liebesbeziehung am Schnittpunkt der Kulturen
2.2. Zusammenhang zwischen interkultureller Dramaturgie und Filmdramaturgie
2.3. Entwicklung der Musikerbeziehung im stereotypenaufarbeitenden Identitätskarussell - Figurenkonstellation und Motivbearbeitung nach dem Prinzip des polaren Gegensatzes
2.4. Reifeprozess Thomas’ und Metamorphose Soukhêinas - Auflösung alter Rollen als Grundlage für ein Happy End der Liebe und Identitätsfindung
2.5. Situationskomik im Kulturkonflikt durch Überzeichnung medial geprägter stereotyper Zuschreibungen und vertauschter Rollen - kunstvoll inszenierte Identitätsentwicklung des Franzosen Thomas im interkulturellen Kontext
2.6. Kommunikationsschwierigkeiten im Weltenkontakt - Verzögerung der identitären Annäherung durch Missverständnisse
2.7. Züge als Bindeglied zwischen Paris und der banlieue - Symbole des Wandelns zwischen den Welten im cin é ma beur
2.8. Der Film als weiterentwickeltes cin é ma beur - Identitätsfindung als doppelter Akkulturationsprozess durch zusätzliche Einbeziehung der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft
3. Zwischenfazit: Identitäre Neuordnung junger Erwachsener durch das Wandern zwischen den Kulturen

IX. Kommentiertes Ergebnis der Analyse

X. Anhang
1. Filmprotokolle
1.1. Gegen die Wand - filmische Dramaturgie
1.2. N é s quelque part - filmische und interkulturelle Dramaturgie
2. Filmografie
2.1. Filme des Regisseurs Fatih Akin
2.2. Filme des Regisseurs Malik Chibane
3. Bibliografie
3.1. Monografien
3.2. Artikel in Sammelbänden, Lexikonartikel
3.3. Interviews, Rezensionen und Statistiken in Fachzeitschriften und Zeitungen (auch im Onlineformat)

Abbildung 1: Identität als Verknüpfungsarbeit

Abbildung 2: Zentrale Determinanten interkulturellen Lernens und Handelns

Abbildung 3: Identitätsfindung im interkulturellen Kontext

Abbildung 4: „Genrecharakter“ des cin é ma beur und des Deutsch-türkischem Films

I. Analyseziel und Stand der wissenschaftlichen Forschung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema der Identitätsfindung junger Erwachsener im interkulturellen Kontext, das heißt in einem Kontext mehrfachkultureller Einflüsse auf die Individuen und der daraus resultierenden kulturellen Spannungen. Trotz des scheinbar abstrakten Charakters der Thematik Identität will die Arbeit verdeutlichen, dass es sich hierbei um ein wissenschaftlich klar definierbares Phänomen handelt, das sogar anhand von Filmen belegt werden kann. Es soll zum einen besonders herausgearbeitet werden, dass Identitätsfindung einen prozessartigen Charakter aufweist und nur durch die Überwindung von persönlichen und identitären Krisen erfolgen kann. Zum anderen sollen zentrale Einflüsse veranschaulicht werden, denen Identitätsfindung unterliegt. Als Analysegegenstand fungieren Filme des cin é ma beur und des Deutsch-türkischen Kinos, beides Formen des thematisch mittlerweile international codierten cin é ma de m é tissage. Herausgegriffen werden speziell Werke der Regisseure Malik Chibane und Fatih Akin, die beide selbst einen bikulturellen Hintergrund haben.

In der wissenschaftlichen Literatur zum cin é ma beur und zum Deutsch-türkischen Film wurde bislang meist nur der m é tissage -Charakter der Filme einer Betrachtung unterzogen. Nie wurde jedoch herausgestellt, wie Filminhalte und -themen sich mit einzelnen Theorien der Identitätsfindung junger Erwachsener im interkulturellen Kontext vereinbaren lassen. Anhand von Spielfilmen Fatih Akins und Malik Chibanes sollen nun erstmals zentrale Thesen der Kulturpsychologie beleuchtet werden, wobei die Prozessartigkeit der Identitätsfindung in Anlehnung an Alexander Thomas und zentrale Einflussfaktoren auf den Identitätsfindungsprozess nach Heiner Keupp im Mittelpunkt stehen.

Bei intensiven Materialrecherchen in renommierten Bibliotheken, wie der Staatsbibliothek München, der Hochschule für Film und Fernsehen München sowie der Kinemathek Berlin, war ein fast völliges Fehlen wissenschaftlicher Literatur zum Thema Deutsch-türkischer Film auffällig. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt zum Deutsch-türkischen Film unverständlicherweise noch keine einzige Monografie vor. Darüber hinaus gibt es bislang keinerlei vergleichende Studien zum cin é ma beur und Deutsch-türkischen Film. Diese in doppelter Hinsicht bestehende Lücke im Wissenschaftskontext, die eigentlich als Basis der Analyse nutzbar sein sollte, musste die vorliegende Arbeit also zuerst schließen, was einen gewissen Seitenaufwand erforderte. Um die Basis für die eigentliche Identitätsanalyse sicherzustellen, wurde im Bereich des Deutsch-türkischen Films auf die Auswertung von Rezensionen und filmwissenschaftlichen Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften und Webportalen zurückgegriffen. Das Fehlen einer Gegenüberstellung von Deutsch-türkischem Film und cin é ma beur wurde durch Eigenanalyse ausgeglichen, was interessante Aspekte zur unterschiedlichen Genrediskussion eröffnete. Durch Gesamtwerkanalysen Malik Chibanes und Fatih Akins sollen zentrale Themen des mittlerweile international codierten cin é ma de m é tissage verdeutlicht werden.

Das Analyseziel ist die Herausstellung von Prozesscharakter und Einflussfaktoren der Identitätsfindung anhand von Spielfilmen. Der Weg dahin führt über folgende Kapitel:

1. Theorien zur Identitätsfindung im interkulturellen Kontext

2. Was Film- für die Identitätsanalyse leisten kann

3. Cin é ma beur und Deutsch-türkischer Film - cin é ma de m é tissage deluxe

4. Gemeinsamkeiten (Themen) und Unterschiede (Genrecharakter) von cin é ma beur und Deutsch-türkischem Film

5. Detailanalyse ausgewählter Filme bezüglich des Aspekts der Identitätsfindung im interkulturellen Kontext

Zur formalen Gestaltung der Arbeit soll folgende Anmerkung gemacht werden: Gerade im Umgang mit Filmtiteln war in der bearbeiteten Literatur eine Vielfalt an Zitierweisen erkennbar. Aus Gründen der Einheitlichkeit wurde folgendes Vorgehen gewählt: Sowohl im fortlaufenden Text als auch in Zitaten wurden zur Unterstützung der Lesefreundlichkeit Filmtitel, Fachausdrücke und fremdsprachige Ausdrücke stets kursiv gesetzt. Für die Erstellung der vorliegenden Arbeit war das Einbeziehen einer Vielzahl von films beurs und Deutsch-türkischen Filmen nötig. Da aber eine Detailanalyse aller Filme den Rahmen der Arbeit sprengen würde, sollen manche Filme nur genannt oder in ihrem Ergebnis für die Identitätsthematik präsentiert werden. Einzelne Filme werden unter Schwerpunktlegung auf die persönliche Entwicklung der Charaktere besonders ausführlich behandelt.1 Dies sind im Falle Fatih Akins vor allem die Filme getürkt, kurz und schmerzlos und Gegen die Wand und im Falle Malik Chibanes vor allem Hexagone, Douce France und N é s quelque part. Diese Filme sollte der interessierte Leser der Arbeit gesehen haben, um tiefer in die Materie einsteigen zu können.2 3

II. Identitätsfindungsprozesse junger Erwachsener im interkulturellen Kontext - Eine Generation im Umbruch auf der Suche nach sich selbst

1. Die Suche nach Identität im „ kulturellen Supermarkt “ oder „ Was ist die Mehrzahl von Heimat? “ - Junge Deutschtürken zwischen Traditions- und Zukunftsorientierung

Selbstverständnis und Selbstverortung junger Menschen sind identitär und geografisch zunehmend nicht mehr eindeutig definierbar. Durch Globalisierung und Migration haben sich die Grenzen der Heimat verschoben, ist das Zuhause fremd und das Fremde Zuhause geworden. Migration und Globalisierung haben den Boden des gewohnten Lebens unter den Füßen vieler Menschen weggezogen und die Welt erweitert. Die kulturelle Identität von Individuum und Kollektiv ist diesem Wandel ausgesetzt. Jugendliche im interkulturellen Kontext spüren diesen Druck besonders hart, da sie sich erstens aufgrund ihres Alters sowieso in einer Selbstdefinitionsphase in ihrem Leben befinden und zweitens durch den kulturellen Zwiespalt hin- und hergerissen sind. Denn wie definiert man sich, wenn man in haltlosem Terrain schwebt? Wenn man sich vom Alten lösen soll und muss, aber vom Neuen nicht akzeptiert wird? Migrantenkinder der zweiten und dritten Generation leben oft noch zwischen den Stühlen, zwischen den Kulturen. Die schwierige und meist rastlose Suche nach Heimat und Identität ist für ihre Generation besonders bezeichnend. Es handelt sich deshalb um eine Generation im Umbruch, die sich als „Mischprodukt aus beiden Kulturen“ versteht.4

Der Identitätsfindungsprozess gestaltet sich bei den Migrationsnachfahren vor allem deshalb problematisch, weil ihnen weder durch die Herkunfts- noch durch die Zielkultur in vollem Umfang Halt gegeben wird und sowohl geografische als auch soziale Ausgrenzung den Prozess behindern. Migrationsnachkommen kämpfen gegen vermeintlich überkommene Werte der Elterngeneration, um nach „eigenen“ Regeln zu leben. Aber die tradierten Werte bleiben ganz im Sinne Hofstedes tief liegende Ebenen der Persönlichkeit und der eigenen Kultur, die man nicht verleugnen kann.5 Andererseits empfindet auch die Zielkultur die Jugendlichen mit Migrationshintergrund als Fremdkörper und steckt sie weiter in die Schublade der Ausländer. Sie werden also von beiden Seiten nicht ganz akzeptiert und können sich meist mit keiner der beiden Seiten voll identifizieren. Sie können und wollen sich nicht allein auf ein „Deutscher sein“ oder „Türke sein“ festlegen, sondern suchen einen dritten Weg. Die Stigmatisierung von außen („Du bist Türke“ oder „Du bist kein Türke mehr“) ist für junge Migranten deshalb sehr verletzend.6 Diskriminierungen dieser Art finden bei jungen Deutschtürken meist in doppelter Hinsicht statt. Zum einen werden sie von Türken aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten oft nicht mehr als die ihren anerkannt, durch die Mehrheitsgesellschaft der Deutschen dagegen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes als Türken wahrgenommen. Oder aber sie werden kritisiert, weil sie als Türken nicht dem Bild entsprechen, das man von ihnen hat, wenn sie zum Beispiel Alkohol trinken oder kein Kopftuch tragen.7 Das Leben in der Zwischenwelt ist also nicht immer nur selbst gewählt, sondern bisweilen auch durch die Haltung der Umwelt aufgezwungen. Die Diskussionen um die doppelte Staatsbürgerschaft haben in der Vergangenheit die Problematik von Nationalidentität und Nationalitätszugehörigkeit offenbart - ein Problem, das in dieser Form in Frankreich beispielsweise nicht relevant ist.

Wie sieht nun das Leben mit zwei Kulturen, also das Leben mit doppelter Heimat aus? Identitäten schöpfen bei ihrer Bildung zum einen aus der Herkunftskultur und zum anderen aus der Alltagskultur und Zukunftskultur, denn Kultur entwickelt sich im Spannungsfeld von Herkunft und Zukunft. Migrationsnachfahren haben ihre Wurzeln in der Herkunftskultur der Eltern und wachsen meist in traditionellen Familien auf. Also gestalten sie einen wichtigen Teil ihres Lebens auch nach den Vorgaben und Vorbildern ihrer Eltern, die selbst in der Regel noch in der Herkunftskultur verhaftet sind. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass sie über lange Zeit gedacht hatten, eines Tages wieder in ihr Land zurückzukehren. Die jungen Leute übernehmen zwar das Gros der traditionellen Werte der Eltern und zeichnen sich weiterhin durch große Familiengebundenheit aus, doch muss man sich fragen, inwieweit junge Einwanderernachkommen das familiäre Herkunftsland noch als Heimat ansehen. Oft kennen sie dieses nur aus dem jährlichen Jahresurlaub, den sie beispielsweise bei Verwandten in der Türkei verbringen. Die Elternheimat ist zumeist eine fremde Heimat geworden. Sie scheint für die Jugend weit weg und viele Riten und Gewohnheiten sind ihnen unverständlich. Auch die Thematisierung des Rückkehrwunsches ist bei der neuen Generation weitaus geringer ausgeprägt. Und dennoch kann man eine starke „Heimatverbundenheit“ feststellen. Ihre türkische Identität pflegen junge Erwachsene vor allem noch durch ihr Interesse für türkischen Fußball, türkische Politik und türkische Kultur8 - Ersteres ist bekanntermaßen eines der wirksamsten nationalidentitätsstiftenden Elemente weltweit. Trotz der Verbundenheit mit der Elternkultur wissen die Jugendlichen aber, dass ihre Zukunft vordergründig in der Kultur ihrer inländischen Freunde liegt. Sie absolvieren in Deutschland Schule, Ausbildung oder Studium und werden hier ihre Arbeitsstätten suchen und ihre eigenen Familien gründen. Auch wenn sie emotional und kulturell stark mit den Werten der Elternkultur verbunden sind, leben und handeln sie gleichzeitig deutsch. Bleibt die Frage, wie sehr sie ihren Lebensalltag als alleinige Heimat definieren. Im Alltag an der Schule oder der Arbeitsstätte fühlen sie sich als Deutsche und beim abendlichen Ausgehen ist ein klares Bekenntnis zum modernen Leben mit allen Freiheiten vorhanden.9 Ein großer Teil der Freunde im Bildungs- und Arbeitsalltag sind keine Einwanderernachkommen mehr. Auch Deutschland ist Heimat für die Jugendlichen. Haben sie also eine doppelte Heimat?

Besonders im Ablösungsprozess von den Eltern liegt für die Jugendlichen eine schwierige Konfrontation in der Wahl zwischen Tradition und Assimilation. Junge Erwachsene stehen zwischen der kulturellen Tradition ihrer Elterngeneration und der modernen Kultur ihrer Freunde. Beim Versuch, sich an die Alltagskultur anzugleichen, muss man im Gegenzug immer einen Teil seiner Herkunftskultur aufgeben. Für die Eltern erscheint dies oft als Verletzung der Wurzeln oder sogar als Verrat an der Familie. Es ist für Kinder, zumal im Prozess des Erwachsenwerdens, nicht einfach, sich schrittweise von der Herkunftskultur zu lösen und gleichzeitig in der Zielkultur akzeptiert zu werden. Dadurch entsteht ein Übergangsraum, in dem sie wenig Halt finden. Für Immigrantenkinder bedeutet es eine schwierige Gratwanderung, sich adäquat weiterzuentwickeln, ohne die Eltern zu verraten. Einen ungeschönten, aber beeindruckenden Blick auf die problematische Identitätssuche einer jungen Türkin durch die Ablösung von der Tradition und die Flucht ins extreme Gegenteil liefert der Film Gegen die Wand von Fatih Akin.

Es ist eine starke psychische Belastung, zwischen den Welten zu stehen. Man kann sich nirgends eindeutig identifizieren und jeder beantwortet die Frage nach Heimat anders oder nur vage und unzureichend. Aber man ist doch irgendwie in beiden Kulturen zuhause. Also kann man wohl von einer doppelten Identität und Heimat sprechen - von einer Doppelkultur, einer Mischkultur und im Idealfall einer Hybridkultur und erweiterten Heimat. Bestes Beispiel für Hybrididentitäten bieten junge Deutschtürken oder beurs, die sich nur selten ganz einseitig auf Deutschland oder Frankreich als alleinige, identitätsstiftende Einheit festlegen, sondern sich als Zwischenkultur definieren. Sie schwanken oder pendeln zwischen der Identifikation mit dem Herkunftsland der Eltern und dem Land, in dem sie leben und geboren wurden. Sie sehen sich als Generation, die die Wahl zwischen den verschiedenen Lebensalternativen hat. Und für jede Situation suchen sie sich die ihnen passend erscheinende Entsprechung in der familiären Herkunftskultur beziehungsweise der zukunftssuchenden Alltagskultur. Die Optionen bei der Gestaltung des Identitätsfindungsprozesses sind so vielfältig wie das große Angebot der Kulturen selbst. Gordon Mathews spricht in dem Zusammenhang vom Zwang der Selbstfindung von Jugendlichen im „kulturellen Supermarkt.“10

2. Multikulturalität im Kiez und Akkulturationsprozesse im Spannungsfeld Zentrum - Peripherie

Durch ständige Ortswechsel, bedingt durch soziale Migration und stark zunehmende Arbeitsmigration, fungiert normalerweise die Familie als Hauptkonstante im Identitätsbildungsprozess. Durch das Wegbrechen der Familie als Halt gebendes Element sowie aufgrund der weitgehenden Inakzeptanz durch die Gesellschaft sind der zweiten und dritten Generation heute große Konstanten im Identitätsbildungsprozess entzogen. Junge Migrationsnachfahren stehen deshalb doppelter Belastung gegenüber. Sie müssen, wie bereits angedeutet, nicht nur altersbedingt - die Jugendzeit als Rebellions- und Selbstfindungsphase - sondern auch kulturbedingt ihren Weg bei der Identitätsfindung allein meistern. Vor diesem Hintergrund werden vor allem alternative Netzwerke, meist Freundeskreise, für die Jugend „zwischen den Stühlen“ immer wichtiger.11 Einzige Verbündete finden sie oft nur in Gleichaltrigen, die in derselben Lage stecken. Deshalb ist das multikulturelle Element gerade bei Kiez- beziehungsweise banlieue -Jugendlichen besonders ausgeprägt. Der gemeinsame Kampf um Anerkennung und Überleben im kulturellen Alltagskampf schweißt sie zusammen. Sie leben ihr Leben bisweilen abgekapselt von „inländischen“ Jugendlichen ihres Alters, pflegen ihre sozialen Kontakte und Liebesbeziehungen nur untereinander. Griechen, Serben und Türken können sich in Deutschland bisweilen näher sein als Deutsche und Türken, wie der Film kurz und schmerzlos von Fatih Akin anklingen lässt. Multikulturalität ist ein verbreitetes Phänomen und bestimmt den Alltag besonders in den Bereichen, in denen Immigranten und ihre Nachfahren in geografisch und sozial stark abgetrennten Gebieten leben. Die Mischung der Kulturen ist in Einwanderervierteln großer Städte allgegenwärtig. Berliner und Hamburger Kieze sind kulturell genauso bunt wie die cit é s der französischen Vororte, die banlieue von Paris, Marseilles creuset é thnique oder der melting pot New Yorks. Multikulturalität, also das Zusammenleben vieler Kulturen, ist ein Konzept, das stark polarisiert, ein anfangs vielgelobter, aber heute vielfach kritisierter Ansatz. Besonders in den Niederlanden, wo Multikulturalität zu Beginn als großer Durchbruch gefeiert und gelebt wurde, haben sich mittlerweile die Schattenseiten eines, wie sich herausstellte, meist bloßen Nebeneinanderlebens von Kulturen gezeigt. Die Ermordung des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh und die Flucht der Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali in die USA haben betont, wie sehr sich auch auf dem Boden von betonter Kulturvielfalt große Ausländerfeindlichkeit gebildet hat.

Das reine Nebeneinanderleben der Kulturen kann zu starken Spannungen und Missverständnissen führen. Multikulturelle Lebensorte werden von Inländern, Deutschen oder Franzosen, meist als bedrohlich empfunden, denn sie stellen die Gegenwelt zu der zumeist homogeneren Nationalkultur dar. Sie sind zwar in sich heterogen, bilden aber in ihrer Gesamtheit einen Block gegenüber der „rein“ französischen oder deutschen Kultur. Bei genauerer Betrachtung kann man innerhalb multikultureller Gruppen starke Verbindungen, Freundschaften und Beziehungen erkennen. Ist es nur das gemeinsame Außenseitertum, das Verbündete schafft? Das wäre nicht ausreichend. Es bedarf für ein harmonisches Zusammenleben innerhalb eines mehrfachkulturellen Raumes bereits einer interkulturellen Kultur als Grundvoraussetzung, denn, wie Ram Adhar Mall feststellt, ist „die Kultur der Interkulturalität die notwendige und die hinreichende Bedingung für die Möglichkeit einer multikulturellen Gesellschaft. Wer, ohne interkulturell zu sein, multikulturell sein will, unterliegt einer Täuschung und muss enttäuscht werden.“12

In der Ausländerdebatte und der Diskussion um die Stellung von Migrationsnachfahren wird stets der Gegensatz zwischen Mehrheitskultur und Minderheitskultur hervorgehoben. In der Vergangenheit standen Debatten um Integration und Assimilation bzw. Akkulturation im Vordergrund. Die beiden letzteren Begriffe sind nicht miteinander zu verwechseln. „Die Assimilation von Migranten meint ihre vollständige Anpassung an die Mehrheit, häufig auch pejorativ im Sinne von Zwangsassimilierung verstanden.“13

Die Akkulturation schließlich meint die gegenseitige Annäherung verschiedener Kulturen, wobei Elemente der jeweils anderen Kulturen in die eigene aufgenommen werden und sich so neue Gemeinsamkeiten ergeben. Im Gegensatz zur Assimilation ist die Akkulturation als wechselseitiger Prozess zwischen der Mehrheits- und der Minderheitsgesellschaft zu verstehen.14

Akkulturation ist also eher der gegenseitigen interkulturellen Befruchtung gleichzusetzen und Assimilation als zwanghaftere Anpassung an die Mehrheitskultur zu verstehen. In der vorliegenden Arbeit soll die Debatte um Assimilation, vor allem die Integration der Gastarbeitergeneration betreffend, nur am Rande Erwähnung finden. Der Aspekt der Akkulturation ist hier interessanter, geht es doch um das Ausloten subjektiver Identitätsverortung junger Migrationsnachfahren im Angebot mehrerer Kulturen. Akkulturationsvorgänge, die im interkulturellen Raum stattfinden, lassen sich anhand der Analyse des Films N é s quelque part anschaulich belegen.

Problematiken des kulturellen Generationenkonflikts und des Gegensatzes zwischen Mehrheits- und Minderheitskulturen sind seit vielen Jahren das zentrale Motiv bei der Darstellung der Lebenswelt junger Migrationsnachfahren in den Medien. In Frankreich werden diese Spannungsverhältnisse im Fokus der Migrationsdebatten noch um ein nationalspezifisches Element ergänzt. Hier spielt die Diskussion um Zentrumskultur und Kultur der Peripherie vor allem hinsichtlich der Dualität Paris - banlieue eine große Rolle. Frankreich hat durch seine zentralistische Anlage schon seit jeher einen Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie aufgebaut. Diese historisch begründete Ebene Polarität ist auch in kultureller Hinsicht offenkundig.

Das Spannungsverhältnis zwischen Zentrum und Peripherie ist ein von Jurij Lotman aufgegriffenes Phänomen. Er arbeitet mit dem Begriff der Semiosphäre und beschreibt damit einen Raum, innerhalb dessen Zeichen generiert werden und in dem Kommunikation stattfindet.15 Im Zentrum der Semiosphäre steht die Prokultur, die eine gewisse Normierung schafft und in sich unveränderlicher ist. An der Grenze der Semiosphäre besteht mehr Raum für Weiterentwicklungen, weil hier auch der Austausch mit anderen Semiosphären stattfindet. Man könnte zum Beispiel die französische Gesellschaft als Semiosphäre betrachten, die zwar in sich heterogene Züge aufweist, aber durch die Abgrenzung gegen andere Gesellschaften dann doch wieder in ihren Merkmalen bestätigt wird. Im Kern der Gesellschaft sind die Menschen in ihren Denk-, Fühl- und Handlungsstrukturen homogener, aber am Rande der Gesellschaft finden Austauschbewegungen mit anderen Kulturen statt und ermöglichen so eine gegenseitige Beeinflussung und damit Neuorientierung der Denk-, Fühl- und Handlungsmuster. An Grenzen zwischen Kulturen bewegt sich vieles entgegen der gängigen Norm und so entsteht Neues. Dort wo sie aufeinandertreffen, in- und ausländische beziehungsweise traditionelle und innovative Elemente sich begegnen, findet am ehesten eine Weiterentwicklung der Individuen statt. Und genau diese Entwicklung im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie findet auch in der Kunst durch den Kontakt von Mainstream- und Subkulturelementen thematisch und ästhetisch seinen Niederschlag. Ein Beispiel hierfür wäre auch das cin é ma beur als ein am Rande der Semiosphäre film fran ç ais entstandenes Genre.

3. Hybridkulturalität alsüberwindung bipolaren Denkens

Kulturen werden in den Geisteswissenschaften schon seit einiger Zeit auf ihre verstärkt transkulturellen Entwicklungen untersucht. Man spricht im Zusammenhang mit dem Phänomen der Mischung von Kulturen beziehungsweise dem Leben in zwei Kulturen in der romanischen Welt von m é tissage beziehungsweise spezifischer von cr é olit é . M é tissage ist eine französische Sprachprägung für das „Leben in zwei Kulturen“.16 Und vielfach ist die Kultur der m é tissage, die maßgeblich durch das cin é ma de m é tissage verbreitet oder vielleicht sogar erst geschaffen wurde, selbst zur neuen Heimat für Immigrantenkinder geworden. In jedem Falle scheint es einen dritten Raum zu geben, der sich nicht mehr auf die eine oder andere Kultur beschränkt, sondern das „Zwischen den Kulturen“ auslotet. Diese These eines third space und des in-between wurde von vielen maghrebinischen Kulturschaffenden vertreten, deren prominentester Vertreter wohl der Postkolonialismustheoretiker Homi K. Bhabha mit seinen weiterentwickelten „Strategien der Selbstheit“ ist.17

Was sind die jungen Erwachsenen nun: Interkulturell? Bikulturell? Multikulturell? Angesichts der Komplexität der Identitätseinflüsse auf Migranten der Folgegenerationen scheint eine Reduktion auf das Prinzip einer Doppelkultur mittlerweile nicht mehr angebracht. Dieses Stadium ist mittlerweile überwunden, denn die Sozialisation zwingt die Zielgruppe nicht mehr dazu, sich zwischen den zwei Kulturen zu entscheiden. Innerhalb des Kulturbildungsprozesses ist es im Verlauf vielmehr zu Hybridisierungsprozessen gekommen, d.h. zur Überwindung des polaren Gegensatzdenkens zugunsten der dritten hybriden Perspektive, wobei „hybrid“, ganz im Sinne von „gemischt“, wiederum die Idee der m é tissage, der kulturellen Mischung verkörpert. Migrationsnachfahren wachsen meist völlig selbstverständlich mit bestehenden Diskrepanzen zwischen den Kulturen auf. So lernen sie von klein auf, aus beiden Kulturen das für sie Relevante herauszufiltern und dies für sich selbst in ganz individueller Weise zu verbinden. Es entsteht so ein Raum, in dem sich beide Seiten mischen und letztlich eine ganz eigene persönliche und mehrfachkulturell- geprägte Identität entsteht. Man kann diesen Raum folglich als hybriden Identitätsraum bezeichnen und die entstehenden Identitäten als Hybrididentitäten.

Wer sind die Menschen, die mit Hybrididentitäten leben und wie sieht ihr Leben aus? Hybrididentitäten entwickeln sich in Situationen, in denen Menschen gezwungen sind und lernen, sich wie ein Chamäleon dem fremdkulturellen Handlungskontext anzupassen und das neue Wissen in ihre eigene kulturelle Handlungsfähigkeit einzubauen. Solche Menschen sind zum Beispiel Diplomatenkinder, Erasmuserfahrene, Migrantenkinder oder junge europäische Arbeitsnomaden. Sie alle leben in einer Welt, in der nationale Grenzen verschwimmen und Freunde meist nicht mehr die gleiche Muttersprache sprechen. Sie wachsen in einer globalen Welt auf, in der sie versuchen, zu handeln und zu leben wie ein neuer, universeller Typus Mensch, der sich in der ganzen Welt zuhause fühlt.

Ein erkennbares Zeichen des chamäleonartigen Wandelns zwischen den Kulturen ist bereits im Bereich der Sprache der Betroffenen zu spüren. Als codeswitching bezeichnet man beispielsweise eine Form der interkulturellen Kompetenz, in der von mehrfachkulturell sozialisierten Menschen Elemente aus zwei oder sogar mehreren Sprachebenen zusammen gemixt werden, je nach Bedarf, Kontext, Emotionalität oder Wortschatzkenntnis. Eine besonders amüsante Umsetzung der Identitätsfindung junger Erwachsener im Raum der kulturellen Hybridität ist Akins früher Kurzfilm getürkt, in dem der Protagonist durch codeswitching seine bikulturelle Sprachanlage instrumentalisiert, um sich, ganz opportunistisch, deutsch oder türkisch zu geben. Man kann Hybridkultur in deutsch- türkischen Filmkomödien überdies an der Verwendung der Kanak Sprak festmachen, auch wenn gewisse Theoretiker, wie der kürzlich verstorbene Soziologe Karl Otto Hondrich, behaupten, dass eine Mischung der Kulturen gar nicht möglich sei, sondern nur alle möglichen Zwischenformen ausbilde. Elemente wie die Kanak Sprak seien deshalb nur Ausdruck einer dritten Welt der Jugendlichen, die sich von der ersten der Eltern und der zweiten der deutschen Gleichaltrigen abzusetzen versucht.18 Hierin wird wieder ersichtlich, wie sehr die in alten Strukturen denkende Gesellschaft einer progressiven Entwicklung oft noch Steine in den Weg legt. Doch die junge Generation kann in diesen Strukturen nicht mehr leben. Sie muss sich neue schaffen. Und in diesem Prozess des Umbruchs und der noch mangelnden Vereinbarkeit der Strukturen kommt es immer wieder zu Konfrontationen, die starke Identitätsfragen auslösen. Die vorliegende Analyse soll sich deshalb speziell auf die Identitätsfindungsprozesse junger Erwachsener im interkulturellen Spannungsfeld konzentrieren.

4. Identitätsmanagement in spätmodernen Gesellschaften - Die Theorien Heiner Keupps

4.1. Identitätsfindung als ständige Passungsarbeit von Teilidentitäten - Orientierungssuche, Einflussfaktoren und das Meistern interkultureller Krisen

Identitätsfindung stellt für junge Menschen eine zentrale Herausforderung dar und ist derzeit mit einer starken Verunsicherung verbunden. Der Grund dafür liegt in den enormen Umbruchserfahrungen der spätmodernen Gesellschaften, zu denen Heiner Keupp vor allem folgende zählt19:

- Subjekte fühlen sich „entbettet“
- Entgrenzung individueller und kollektiver Lebensmuster
- Erwerbsarbeit wird als Basis von Identität brüchig
- „Multiphrene Situation“ wird zur Normalerfahrung
- „Virtuelle Welten“ als neue Realitäten
- Zeitgefühl erfährt „Gegenwartsschrumpfung“
- Pluralisierung von Lebensformen
- Dramatische Veränderung der Geschlechterrollen
- Individualisierung verändert das Verhältnis vom Einzelnen zur Gemeinschaft
- Individualisierte Formen der Sinnsuche

Früher waren Gesellschaften homogener und Individuen, die anders waren als die Mehrheit, wurden immer vor dem Hintergrund stabiler Gesellschaften betrachtet, von denen sie sich zwar abhoben, aber in deren Kontext sie trotzdem eingebettet waren. In den 1950er bis 1970er Jahren „erlebten die westlichen Länder [...] eine sehr stabile Periode des „embedding“, der Einbettung individueller Entwicklungen in gesellschaftliche Praktiken. Eine Phase konservativer Restauration unter ökonomisch sehr positiven Rahmenbedingungen. Jeder wusste, wo es langging. Zwar erlebte der Einzelne sein Leben als Veränderung, aber in einem wohlgeordneten gesellschaftlichen Kontext, der Stabilität signalisierte.“20 Heute ist diese Einbettung, das embedding, kein Regelfall mehr. „Das Problem spätmoderner Identitäten besteht darin, dass die soziale Welt pluraler und widersprüchlicher geworden ist.“21 Die Gesellschaft, die den Hintergrund für Identitätsentwicklung bildet, präsentiert sich mittlerweile viel komplexer.

Junge Menschen in fortschrittlichen Industrieländern teilen Erfahrungen von „einer radikalen Enttraditionalisierung, dem Verlust von unstrittig akzeptierten Lebenskonzepten, übernehmbaren Identitätsmustern und normativen Koordinaten. Subjekte erleben sich als Darsteller auf einer gesellschaftlichen Bühne, ohne dass ihnen fertige Drehbücher geliefert würden.“22 Es wird zunehmend allgegenwärtig, dass Identitäten sich vor dem Hintergrund einer Vielzahl gegebener Optionen entwickeln müssen. Man hat die Wahl zwischen einem Leben in verschiedenen Städten, zwischen dauerhaften und kurzfristigen Partnerschaften, zwischen großen und exklusiven Freundeskreisen, zwischen „Deutschsein“ und „Türkischsein“. Dieses Überangebot kann zu Orientierungsproblemen und Haltlosigkeit führen. Heiner Keupp beschreibt diese veränderte Ausgangsbasis für die Identitätssuche der Individuen überaus trefflich:

Wie wir gesehen haben, lässt sich das Hineinwachsen in die jeweilige Gesellschaft bis in die Gegenwart hinein als ein Prozess beschreiben, in dem sich das Subjekt in einem vorgegebenen Identitätsgehäuse einzurichten hatte. In den letzten Jahren entwickelt sich zunehmend die Gewissheit, dass dieses moderne Identitätsgehäuse seine Passform für die aktuelle Lebensbewältigung verliert [...]. Das erleben viele Menschen als Verlust, als Unbehaustheit, als Unübersichtlichkeit, als Orientierungslosigkeit und Diffusität, und sie versuchen, sich mit allen Mitteln ihr gewohntes Gehäuse zu erhalten.23

„Identität entsteht als Passungsarbeit an der Schnittstelle von Innen und Außen. Auch wenn die Identitätsentwicklung ein im Subjekt stattfindender Prozess ist, so basiert dieser stets auf dem [...] Aushandlungsprozess des Subjekts mit seiner gesellschaftlichen Umwelt.“ Aufgrund der ständigen gesellschaftlichen Weiterentwicklungen sind die Individuen gezwungen, auch ihre Identität ständig zu adaptieren. Wenn man Identitätsbildung genau untersucht, so kann man feststellen, dass Selbsterfahrung durch Wahrnehmungs- und mentale Verarbeitungsprozesse des Individuums hinsichtlich dreier Komponenten erfolgt. Diese Elemente zieht Heiner Keupp als Haupteinflüsse in Betracht, wenn er „Identität als Verknüpfungsarbeit“ darstellt.

1. Zeitliche Verknüpfung, d.h. der Bezug zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
2. Lebensweltliche Verknüpfung, d.h. Gegensätze Arbeit - Freizeit, Mann - Frau 3. „Inhaltliche“ Verknüpfung, d.h. Feststellung von Ähnlichkeiten und Differenzen

Abbildung 1: Identität als Verknüpfungsarbeit24

Diese drei Faktoren sind nicht nur bei Heiner Keupp, sondern in ähnlicher Form auch bei einem anderen Kulturpsychologen, Alexander Thomas, zu finden. Er sieht die Determinanten interkulturellen Handelns in:

1. Der gegenständlichen Umwelt, z.B. Raum und Zeit
2. Der sozialen Umwelt, z.B. soziale Beziehungsstrukturen und Kommunikationsverhalten
3. Der personalen Umwelt, die z.B. Werte und Einstellungen umfasst

Zentrale Faktoren, die Identität mitbestimmen und die den Schlüssel zu einem zufriedenen Leben mit sich selbst darstellen, bestehen in folgenden Bereichen, die Heiner Keupp als Teilidentitäten bezeichnet:

- Arbeit und andere materielle Ressourcen
- Partnerschaften
- Soziale Netzwerke, soziale Integration und Anerkennung
- Kulturelle Identität
- ethnische und religiöse Identität
- die Geschlechts- und Körperidentität

Je nach Situation erscheinen die einzelnen Faktoren wichtiger oder nebensächlicher. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen diesen Komponenten ist nicht immer möglich, einzelne Komponenten fehlen zeitweise völlig. Teilidentitäten überschneiden sich oft oder stehen zumindest miteinander in Bezug. Sie sind auch ständigen Veränderungen unterworfen, was auf die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse zurückzuführen ist. Es ist deshalb wichtig, dass der Mensch seine Konzentration nie nur auf einzelne Teilidentitäten lenkt oder sich verliert, wenn diese im Wandel begriffen sind. Er muss sich stattdessen immer als plural angelegtes System begreifen, damit „die innere Vielfalt oder „Multiplizität“ zu einem eigenwilligen, flexiblen und offenen Identitätsmuster komponiert werden kann.“25 Besonders die „kulturelle Identität entwickelt sich [heute] als „Patchwork“ verschiedener kultureller Identitäten“.26 Für die heutige spätmoderne Gesellschaft scheint deshalb fast der Begriff des „Identitätsmanagements“ angebracht, das gerade in seiner Pluralität den Schlüssel zum Erfolg sieht.

Gesundheit und Glück in der dezentralisierten pluralistischen Welt von heute findet man dadurch, dass man selbst dezentralisiert und pluralistisch ist. [...] Eine solche Vorstellung führt uns zu einem Verständnis der Individuen als offene Systeme - ständig auf der Suche nach neuen Kontakten, bereit neue Informationen aufzunehmen, willens Grenzen zu verändern, ohne Furcht vor Veränderungen.27

Gelungene Identität erfordert zuallererst eine ausgewogene Kombination aus materiellen Ressourcen und sozialer Integration und Anerkennung. Darüber hinaus sind besonders „die Fähigkeit zum Aushandeln und ein geschärfter Möglichkeitssinn“28 vonnöten. Die Welt bietet viele Optionen, die es wahrzunehmen gilt und deren Angebot man sich trickreich bemächtigen muss, um immer wieder neu seinen Weg zu finden. Von herausragender Bedeutung ist dabei im interkulturellen Kontext eine hohe Ambiguitätstoleranz, als „Voraussetzung für eine produktive, bejahende Annahme dieser Vieldeutigkeit und Offenheit“.29 Die Fähigkeit, das Andere zu erkennen, zu akzeptieren und für seine eigene Identitätsentwicklung zu nutzen, gilt zu Recht als Schlüssel für interkulturelle Kompetenz. Dass diese Entwicklung nicht immer ohne persönliche Krisen ablaufen kann, liegt in der Natur der Konfrontation. Doch die Überwindung der Krisen durch persönliche Weiterentwicklung, durch das Erkennen der Bedeutung von Offenheit und Flexibilität macht den Weg zur Identitätsfindung überhaupt erst frei. Und aus gebrochenen Idealen, abgestellten Gewohnheiten, überkommenen Stereotypen und neuem Blick auf sich selbst lernt man und geht einen Schritt nach vorne. Die junge Generation, die wie keine andere diese Entwicklungen der Spätmoderne erlebt, steht vor großen Herausforderungen im Bereich der Identitätsbildung. Sie muss es schaffen, fremdkulturelle Orientierung in die eigenkulturelle Orientierung einzubauen und so durch den Kontakt mit dem Fremden das Selbst erst zu finden.30 Sich nach Kulturkonflikten und Krisen relaxt im Dickicht der gesellschaftlichen Umwälzungen bewegen zu können, kann reinigende Wirkung haben und bringt das Individuum zu sich selbst. Denn der Kulturkonflikt gilt gemäß der kulturanthropologischen und kulturwissenschaftlichen Perspektive als wichtigster Auslöser von Suchprozessen zur Etablierung kultureller Identität. Diese Selbstdefinition und deren Darstellung in der Literatur oder im Film erfolgen über die Ebenen der kulturellen Verortung, des kulturellen Gedächtnisses und der Konstruktion des Ichs.31 Die vorliegende Arbeit konzentriert sich vor allem auf den ersten und den letzten der drei Bereiche.

In jedem Fall kann man sagen: „Die Kompetenz einer aufgeklärten Umgangsweise mit bedrohter und gebrochener Identität gehört zu den Grundausstattungen der Lernprozesse, die auf die Zukunft gerichtet sind.“32 Die spätere Analyse ausgewählter Filme soll vor allem Umbrüche junger Erwachsener im Bereich Arbeit, Partnerschaften, Rollenverständnis und Werteverständnis sowie deren Auswirkungen auf die Identitätsfindungsprozesse veranschaulichen.

4.2. Identitätsfindung durch Ausloten und Vereinbaren von Herkunft und Zukunft

Identitätsfindung ist eine ständige Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder, anders bezeichnet, mit seiner Herkunft, seinem Alltag und seinen Wünschen. Dass dies nicht mehr so leicht ist wie früher, liegt auf der Hand, da Herkunft und Heimat im Zeitalter der Globalisierung und Migration dehnbarere beziehungsweise schwer definierbare Begriffe geworden sind. Der Alltag ist weniger klar eingegrenzt als früher. Er findet vielerorts statt, kann einsam sein oder auch durch eine Flut an Kontakten überladen. Zukunftswünsche lassen sich scheinbar nicht mehr gesichert realisieren, man hat Angst vor Arbeitslosigkeit und Vereinsamung durch notwendige Arbeitsmigration und schwindende soziale und familiäre Bindungen. Der amerikanische Psychologe Gelatt meint dazu:

Vor einem Vierteljahrhundert war die Vergangenheit bekannt, die Zukunft vorhersagbar und die Gegenwart veränderte sich in seinem Schrittmaß, das verstanden werden konnte.[...] Heute ist die Vergangenheit nicht immer das, was man von ihr angenommen hatte, die Zukunft ist nicht mehr vorhersagbar, und die Gegenwart ändert sich wie nie zuvor.33

Doch gerade in dieser veränderten Situation sei auch eine Chance zu sehen für neue Wege und Entscheidungen, die Gelatt als „positive Unsicherheit“ bezeichnet. Die Frage nach dem Sein und Werden ist also ein zentraler Bestandteil gelungener Identitätsfindung. In diesem Zusammenhang ist Identität immer auch in ihrem Charakter der Prozessartigkeit zu betonen. Identität ist das Sich-selbst-Finden. Es kann den Prozess der Identitätsentwicklung selbst oder dessen Resultat bedeuten, wobei man überlegen muss, ob Identitätsfindung überhaupt endgültig erfolgen kann. Denn Identität ist jeden Tag neu auszuhandeln, in ständiger Entwicklung begriffen und deshalb die vielleicht spannendste Lebensaufgabe überhaupt.

Identitätsarbeit, -suche, -findung, -bildung: All diese Begriffe betonen den Entwicklungsaspekt von Identität. Identitätsprobleme hat man dann, wenn dieser Weg steinig wird. Identität so verstanden ist nicht etwas, was man von Geburt an hat, sondern was man entwickelt, ein Weg, der viele Verläufe nehmen kann und vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Identität als ein Projekt, das den Menschen zu sich selbst führt, ein Entfaltungs- und Entwicklungsbegriff.34

Kulturelle Identität als ein wichtiger Faktor der Identität muss ständig neu überdacht werden. Denn Identitäten können genauso wenig statisch sein, wie Kulturen es sind. Das Nachdenken über Wertorientierungen, Kulturstandards, Identitäten, Mentalitätszüge bringt die interkulturell wohl interessantesten Schnittpunkte zwischen den Bereichen Anthropologie, Ethnologie, Soziologie und Psychologie zum Vorschein. An der Schnittstelle von Kulturen passiert viel. Wichtig ist festzuhalten, dass Identitäten wie Kulturen nicht als statisch verstanden werden dürfen. In Anlehnung an die Theorien Halls ist folgende Aussage möglich: „Kultur ist sowohl Geschichte als auch Zukunft. Kulturelle Identität ist eine Frage des „Werdens“ und „Seins“ zugleich.“35 Deshalb ist Kultur nie stagnierend, sondern immer in stetem Wandel begriffen. „Kultur ist also nichts Feststehendes, Undynamisches, sondern das Ergebnis von Auseinandersetzung, Kommunikation, Kampf, Selbstbehauptung und Verhandlung.“36 Alltagssituationen, Erfahrungen, Kontakte - das alles sind Dinge, die unsere mentale Programmierung, d.h. die Muster unserer kulturellen Denk-, Fühl- und Handlungsschemata erweitern und verändern können37.

5. Identität als diskursive Konstruktion durch Rollenspiel und Selbstthematisierung

Identitätsfindung im interkulturellen Kontext bedeutet den Prozess der Selbstfindung durch eine Auslotung zwischen verschiedenen Lebensalternativen, vor allem beim Schwanken zwischen verschiedenen Kulturen. Interkulturalität ist ein Begriff, der vor allem den dynamischen Raum zwischen den Individuen erfasst und Kultur als stete Aushandlung zwischen Personen(-gruppen) begreift. Da Kulturen und Identitäten nie starr, sondern vielmehr in ständiger Veränderung und Weiterentwicklung begriffen sind, wächst der Raum für Interkulturalität und interkulturelle Identitätsaushandlung ständig.

Identität ist eine soziale Konstruktion, d.h. dass Identitätsfindungsprozesse immer in einem Spannungsfeld von Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung ablaufen. Identität und Alterität (von lat. alter = der Andere) sind somit „untrennbar verbunden“. Individuen definieren sich über ihre Position in der Gesellschaft, ihre Macht, ihre soziale Verantwortung etc. Genauso bedeutend ist demzufolge auch die identitäre Verortung der Menschen, das Sich- selbst-Sehen“, das Andere-Sehen und das Von-anderen-Gesehen-werden. Die „Grundspannung zwischen Selbstbild und Fremdbild als Quelle der Dynamik im Identitätsprozess“38 ist ein Element jeder interkulturellen Interaktionssituation. Diese Konfrontation und die daraus entstehenden Krisen zu meistern, führt zu einer neuen Eigenwahrnehmung, denn „[d]ie Konstante des Selbst besteht nicht darin, eine Identität aufrechtzuerhalten, sondern eine dialektische Spannung zu ertragen und immer wiederkehrende Krisen zu meistern.“39 Um zu sich selbst zu finden, muss man oft verschiedene Lebensmöglichkeiten ausloten, um dann letztlich die richtige für sich zu wählen. Auf dem Weg zur Selbstfindung schlüpft man deswegen mehr oder weniger unbewusst in Rollen, um sich darin auszuprobieren.40 Schauspielern und doch Bei-sich-sein-Wollen liegen deshalb im Umwälzungsprozess Richtung Identität nahe beieinander. Beim Umgang mit dem Anderen scheint es so, dass das Andere immer entweder „einverleibt und angeeignet oder restlos abgelehnt wird. Es gibt eine Dialektik der Ent-Fremdung und An-Eignung. So ist die Interkulturalität durch die ständige Suche nach Überlappungen gekennzeichnet und sie lebt davon.“41 Der Aspekt der Interkulturalität und die Identitätsfindung im interkulturellen Spannungsfeld sollen an späterer Stelle vor allem anhand des Films N é s quelque part veranschaulicht werden.

„Identität ist sozial konstruiert. Das Medium der Konstruktion ist Sprache. Die Strukturierung geschieht erzählend, narrativ.“42 In diesem Zusammenhang spricht man bei der Selbstfindung über kommunikative Abläufe von „narrativer Identität“. Diese kann definiert werden als „die Einheit des Lebens einer Person, so wie diese Person sie in den Geschichten erfährt und artikuliert, mit denen sie ihre Erfahrungen ausdrückt““.43 Die Bewusstwerdung über eigene Identitätsvorstellungen läuft also oft über Selbst-Narration, über ein ständiges Sich-selbst- Erzählen an die Adresse Anderer. Dadurch kann man in der Vergangenheit gemachte Erfahrungen, gegenwärtige Alltagsthemen und zukunftsorientierte Wünsche kanalisieren und sein Selbstbild neu ordnen. In Abhängigkeit vom Gegenüber gestaltet man diese Selbstfindungsdialoge unterschiedlich intensiv oder emotional und oft vollzieht man die Selbstbestimmung in Gedanken, noch bevor man mit seinem Gegenüber spricht, beispielsweise in der Überlegung, wie man sich selbst mit welchem sprachlichen Register darstellen soll. Identität ist somit zu einem „Konstruktionsprozess geworden, der sich in der dialogischen Erfahrung in sozialen Netzwerken vollzieht. [...] Identität wächst nicht mehr aus einer gemeinsamen Welt-Sicht vieler, einem ideologischen, moralischen Normenpaket, sondern aus der dialogischen Welterfahrung der einzelnen in ihren Lebenswelten [...]“44 Das Wichtigste aber ist, in jedem Falle Folgendes festzuhalten: „Wir haben es [...]nicht mit einer abgeschlossenen, abrufbaren Generalerzählung zu tun, sondern wiederum mit einem Prozessgeschehen, dessen situative Resultate kontextabhängig sind und sich mit dem Kontext und der Zeit verändern.“45 Durch die andauernde Beschäftigung mit sich selbst und das In- Beziehung-Setzen des Ichs mit der Außenwelt bestätigt sich, dass es sich bei der Identitätsfindung um eine fortwährende Passungsarbeit zwischen innen und außen, zwischen Selbst- und Fremdbild handelt.

6. Identität und Alterität - Das Fremde als Projektion in unserem Kopf

Identität und Alterität bzw. Eigen- und Fremdwahrnehmung werden also durch ständige Prozesse der Abgrenzung geschaffen oder neu überdacht. Entscheidend ist, „daß die Bilder, die wir vom Fremden haben, nicht nur auf der individuellen psychologischen Ebene funktionieren, sondern daß sie auch kollektiv wirksam sind, weil sie auf einer langen kulturellen Tradition aufbauen. Immer schon ist Außenseitertum mit einem von der Mehrheit differenten Erscheinungsbild in Verbindung gebracht worden.“46 Vor allem, wenn man von „Ausländern“ spricht - die heutzutage ja eigentlich meist „Inländer“ sind - sind die Begriffe „fremd“ und „anders“ sehr gängig. Doch eine derartige Pauschalisierung würde die Realität zu stark vereinfachen. Nicht alle Deutschen sind gleich und auch jede einzelne Person macht ständige Veränderungsprozesse durch. Ebenso trifft dies auch auf die „Anderen“ zu. Was also ist überhaupt anders? Und wer ist man selbst? Diese Fragen bilden die essentielle Grundlage des Identitätsfindungsprozesses im interkulturellen Spannungsfeld.

Man erlebt einen Prozess der Selbstwahrnehmung vor allem durch den Zwang zur Fremdwahrnehmung, d.h. durch die Abgrenzung dessen, wie man sich selbst sieht, von dem, was man als fremd betrachtet. Man idealisiert meist die Tatsache, Teil der positivierten Zentrumskultur zu sein, deren „kulturelle Homogenität kein erreichter Zustand ist, sondern einer, der geschaffen werden muss, indem die „anderen“ ausgegrenzt werden.“47 Um Fremdheit konstatieren zu können, muss in der Regel ein bestimmtes Ereignis vorausgehen, das ein Eindringen eines Anderen in die eigene Sphäre darstellt.48 Aus Selbstschutz wird das Andere dann nicht als Individuum, sondern als „Fremdes“ entpersonalisiert wahrgenommen.49 Fremdheit ist deshalb auch subjektiv. Bewertet ein Betrachter eine Sache, die mit seinem Selbstverständnis und seiner Einstellung nicht vereinbar ist und die ihn deswegen beunruhigt, so klassifiziert er sie als fremd. Es ist also das Auge des Betrachters, das die Fremdheit schafft, und nicht das ungewohnte Gegenüber selbst.

Der Psychoanalytiker Werner Bohleber hat darauf aufmerksam gemacht, dass das andere Aussehen seine besondere Funktion in der Konstruktion des Fremden jedoch vor allem dadurch erhält, dass es zur Fläche für unsere eigenen Projektionen wird.

Das Fremde als etwas, das zunächst weder Freund noch Feind ist, das unentschieden und nicht festgelegt ist, wird durch unsere eigenen Projektionen aufgeladen. Alles „was uns ängstigt und in unsere Ordnung nicht hineinpasst“, wird auf das Fremde projiziert. „Projektion ist ein Verteidigungs- und Entlastungsmechanismus. Wir schieben dem Fremden zu, was uns selbst als unannehmbar erscheint.50

Übertrieben gesteigertes Misstrauen gegenüber dem Fremden kann letztlich zum Aufbau eines Negativbildes führen.51 Die Herstellung von Alterität durch die Abgrenzung zur Identität birgt deshalb auch Gefahren für das Verhältnis zwischen Eigenem und Fremdem. Vor allem die Reduktion kultureller Vielfalt auf eine radikale Gegenüberstellung von Eigenem und Fremdem kann schnell zur Stigmatisierung des fremden und zur Idealisierung des eigenen Lebensstils führen.

Die reduktionistische Rede von der Kultur der „anderen“ hat zwei Effekte: Sie verstellt erstens den Blick auf die Diversität „unserer eigenen“ Kultur; zweitens stigmatisiert sie diejenigen, über die geredet wird. „Unser“ eingebildeter homogener Lebensstil wird idealisiert und zum Maßstab erhoben. Die „anderen“ werden hieran gemessen und beurteilt und in diesem Prozess mit bestimmten - häufig negativ bewerteten - Zuschreibungen belegt.52

Um Gefahren zu entgehen, sollte interkulturelles Verstehen also immer gleichberechtigt von zwei Seiten angegangen werden, denn das „Fremdsein ist keine Einbahnstraße. Wer einsieht, dass wir uns gegenseitig fremd sind, transzendiert den engen Horizont des Verstehens und entdeckt ein umfassenderes Verstehen, in dem beide Seiten gleichberechtigt sind. Es ist richtig, dass es kein Fremdverstehen ohne Selbstverstehen gibt, dennoch soll das zu Verstehende nicht nach dem eigenen Bild verändert werden. Wer das Andere so versteht, betreibt eine Verdoppelung des Selbstverstehens.“53

7. Emotionalisierung und Komplexitätsreduktion - Die Funktion von Stereotypen im Spannungsfeld von Identität und Alterität

Kulturen sind nie homogen, selbst wenn dies auf den ersten Blick so scheinen mag, sondern wie die meisten Strukturen und Organismen in sich komplex und immer wieder im Umbau begriffen. Dies erschwert die Betrachtung dieser nicht greifbaren Materie. Abstrakte und umfassende Vorgänge und Situationen zu beschreiben, erfordert meist eine Reduktion auf bestimmte Formeln. Besonders beim Versuch, Eigenes und Fremdes festzulegen, ist man erst einmal versucht, die Komplexität durch Stereotypisierung abzufedern. Die Vereinfachung der Masse der Wahrnehmungen ermöglicht so eine bessere Einordnung und erleichtert die Fassung des Vergleichs in Worten. Stereotype wurden vielfach untersucht und auf unterschiedliche Art definiert. Elisabetta Mazza Moneta filtert daraus eine Grundaussage, die allen Definitionen gemein ist: laut ihr verkörpern Stereotype „bestimmte Eigenschaften [...], die einer gewissen Gruppe zugeschrieben werden“.54 Wichtig ist festzuhalten, dass es sich bei Stereotypen immer um Werturteile handelt, was letztlich ihre Untersuchung anhand des Mediums Film anbietet. Stereotype sind deshalb nicht nur bei Prozessen der Selbst- und Fremdwahrnehmung ein wichtiges Analyseinstrument. Auch in Filmen werden sie bemüht, um komplexe Sachverhalte zuseherfreundlich, weil in der Komplexität reduziert, und plakativ darzustellen. Für eine erste Kategorisierung von Filmen und natürlich für das Erreichen eines (meist analytisch wenig geschulten) Massenpublikums ist dies stets hilfreich.

Stereotype dienen aber nicht nur zur Reduktion gesellschaftlicher Komplexität. Sie sind auch stark gruppenspezifisch, d.h. sie zeichnen zwar persönliche Weltbilder und Selbstbilder, aber werden „gesellschaftlich vermittelt“ und von „Mitgliedern einer sozialen Gruppe geteilt“.55 So können Stereotype für Individuen eine identitätsstiftende Hilfestellung darstellen und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe mit gleichen Wertvorstellungen und Handlungsmaßstäben bestätigen, mit der man sich emotional verbunden fühlt. „Dies erklärt auch, warum Autostereotype meistens viel positiver als Heterostereotype ausfallen.“56 Der subjektive Charakter der Stereotype rührt von der zuvor beschriebenen Tatsache her, dass Fremdbilder immer Projektionen im Kopf des Betrachters sind. Und wenn die Wahrnehmung des Fremden nicht ins eigene Weltbild passt, dann wird sie passend gemacht. Das bedeutet, dass das Fremde in seiner Wahrnehmung dem Stereotyp angeglichen wird.

Fremdstereotype beeinflussen außerdem die Selbststereotype, d.h. unter dem Einfluss eines stereotypen Fremdbildes ändert sich das Selbstbild. Man wird nicht nur in seiner Einstellung gegenüber dem Fremden geprägt, sondern auch in seinem Benehmen gegenüber dem Fremden, in der ganzen „Form, die die zwischenmenschliche Interaktion annehmen wird.“57 Wichtig ist zudem die Unterscheidung zwischen Stereotypen und Vorurteilen. „Stereotypen gehören der kognitiven Ebene an, Vorurteile sind eher in der affektiven Ebene anzusiedeln.“58 Stereotypen sind nicht zwingend negativ, Vorurteile jedoch schon. „Vorurteile sind die emotionsgeladenen Folgen von negativen Stereotypen.“59 Analog zu den vorherigen Betrachtungen der Konstruktion des Fremden und der Stereotype „erfüllen Vorurteile auch eine Selbstbehauptungsfunktion“, indem sie Andere abwerten. Sie sind so Grundlage für Diskriminierungen - seien es nun negative oder positive60

Die vorliegende Analyse will nicht Stereotype anhand von Eigenschaftslisten oder Diskursanalysen ermitteln, sondern konzentriert sich allein auf die Verarbeitung und kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Stereotypen in ausgewählten Filmen. Einer, der die Stereotypenthematisierung meisterlich in Bilder umsetzt, ist Malik Chibanes N é s quelque part.

8. Identitätsfindung als Prozess und Ergebnis dreier Haupteinflüsse - Thesenaufstellung basierend auf Thoerien von Alexander Thomas

8.1. Phasenverlauf des Handlungskompetenzerwerbs und des Identitätsfindungsprozesses im interkulturellen Kontext

Der Prozess des interkulturellen Handlungskompetenzerwerbs61 nach Alexander Thomas basiert auf der Grundidee, dass infolge einer Kulturkonfrontation ein Austausch und Lernprozess stattfindet, der Kulturen zueinander führt.

In einer kulturellen Interaktionssituation werden Unterschiede festgestellt, die zu einer Bemühung um interkulturelles Lernen anregen. Dieses interkulturelle Lernen führt, wenn es erfolgreich ist, zu interkulturellem Verstehen, was dann wiederum Grundlage für erfolgreiches interkulturelles Handeln ist. Aufbauend auf Thomas’ Definition der Kulturstandards62, ist erfolgreiches interkulturelles Handeln dann gegeben, wenn man durch neu kennen gelernte, fremdkulturelle Denk-, Fühl- und Handlungsmuster seine eigenkulturellen Denk-, Fühl- und Handlungsmuster bereichert und erweitert. Der interkulturelle Handlungskompetenzerwerb als Prozess umfasst damit folgende Phasen:

Interkulturelle Überschneidungssituation (Kulturkonfrontation)63

=>

Kulturkonflikt =>

Interkulturelles Lernen64 =>

Interkulturelles Verstehen65 =>

Interkulturelle Handlungskompetenz66

In Anlehnung an die Konzepte von Thomas soll für die folgende Analyse die These aufgestellt werden, dass auch der Identitätsfindungsprozess in Phasen verläuft. Auf der Theorie von Thomas aufbauend, könnte man einen Prozess beschreiben, der in folgenden Etappen verläuft:

Konfrontation mit einer anderen Lebensalternative =>

Hinterfragen der bisherigen und einer möglichen anderen Lebensalternative =>

Konfliktsituation und Krise =>

„Kulturstandards und ihre handlungsregulierende Funktion werden nach erfolgreicher Sozialisation vom Individuum innerhalb der eigenen Kultur nicht mehr bewusst erfahren. Erst im Kontakt mit fremdkulturell sozialisierten Partnern können die Kulturstandards und ihre Wirkungen in Form kritischer Interaktionserfahrungen bemerkt werden.“ Ebd. S. 381

Phase der Persönlichkeitsweiterentwicklung durch Lernen aus begangenen Fehlern und

Bewusstwerdung der eigentlichen Lebensziele

=>

Gelungene Identitätsfindung

Die Theorie von Thomas könnte weitergeführt werden, wenn man annimmt, dass der Identitätsfindungsprozess im interkulturellen Spannungsfeld erst abgeschlossen werden kann, wenn der grundlegende Ablauf, den Thomas skizziert, bereits erfolgt ist. Gerade die Entwicklung einer Identität im interkulturellen Spannungsfeld, deren Idealform derzeit wohl die Hybrididentität darstellt, baut noch auf der interkulturellen Handlungskompetenz von Thomas auf. Man könnte also folgenden Phasenverlauf erstellen:

Interkulturelle Überschneidungssituationen - Auslöser der Wahrnehmung von Unterschieden =>

Interkulturelles Lernen, um fremdkulturelle Orientierung kennen zu lernen =>

Interkulturelles Verstehen bedeutet Verstehen der Unterschiede =>

Interkulturell kompetentes Handeln bedeutet, die Fähigkeit zu besitzen, das Wissen über die fremdkulturelle Orientierung in die eigenkulturelle Orientierung einzubauen und so seine eigene Kultur zu erweitern und mit dem Fremden adäquat umgehen zu können

=>

Hybridkulturalität als Resultat der durch eine Mehrfachpräsenz der Kulturen ausgelösten Identitätsfindungsprozesse der Individuen

8.2. Einflussfaktoren des Handlungskompetenzerwerbs und der Identitätsfindung im interkulturellen Kontext

Der Kulturpsychologe Alexander Thomas beschreibt des Weiteren, dass die Handlungen eines Menschen im interkulturellen Spannungsfeld immer durch verschiedene Einflüsse geprägt werden, die er als „Determinanten des interkulturellen Lernens und Handelns“67 bezeichnet. Diese sind:

1. Der gegenständlichen Umwelt, z.B. Raum und Zeit
2. Der sozialen Umwelt, z.B. soziale Beziehungsstrukturen, Kommunikationsverhalten
3. Der personalen Umwelt, die z.B. Werte und Einstellungen umfasst

Abbildung 2: Zentrale Determinanten interkulturellen Lernens und Handelns68

Wenn man dieses Diagramm auf den Identitätsfindungsprozess übertragen würde, so könnte man folgern, dass auch jeder Identitätsfindungsprozess von diesen drei Einflussfaktoren abhängig ist: Von der gegenständlichen Umwelt, z.B. Raum und Zeit, von der sozialen Umwelt, z.B. sozialen Beziehungsformen und Verhaltensregeln, und letztlich von der personalen Umwelt, die z.B. Werte und Einstellungen umfasst. Identitätsfindung im interkulturellen Spannungsfeld würde zudem durch die Mehrfachpräsenz einwirkender Kulturen noch komplexer, da die drei Faktoren gegenständliche Umwelt, soziale Umwelt und personale Umwelt in sich noch heterogener erscheinen würden.

Man kann deshalb das Dreieck von Alexander Thomas erweitern und daraus eine Übersicht möglicher Identitätsbestimmungsfaktoren im interkulturellen Kontext entwickeln, welche an späterer Stelle in den Filmanalysen inhaltlich immer wieder aufgegriffen werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Identitätsfindung im interkulturellen Kontext69

Aus den vorangegangenen Überlegungen soll an dieser Stelle die Doppelthese der Magisterarbeit aufgestellt werden, dass Identitätsfindung im interkulturellen Kontext nach demselben Ablauf erreicht wird, wie das von Alexander Thomas beschriebene richtige Handeln im interkulturellen Kontext, nämlich:

1. als Ergebnis eines Prozesses der lehrreichen Selbstfindung, der nur über das Meistern von interkulturellen Krisen erfolgreich sein kann

2. als persönliches Fazit der Selbstbestimmung im Dreieck der identitären Haupteinflussbereiche gegenständliche Umwelt, soziale Umwelt und persönliche Umwelt

9. Zwischenfazit: Identitätsfindungsprozesse im interkulturellen Spannungsfeld sind auf mehrere Faktoren hin zu analysieren

1. Der Identitätsfindungsprozess im interkulturellen Spannungsfeld betrifft vor allem bikulturell sozialisierte junge Erwachsene, die im „Supermarkt der Kulturen“ den für sie individuell richtig kombinierten Identitätsansatz ermitteln müssen, der meist in einer Mischung der kulturellen Einflüsse liegt.
2. Der Identitätsfindungsprozess erfolgt durch die (oft stereotype) Abgrenzung von Identität und Alterität im Raum zwischen den Lebensalternativen und Kulturen.
3. Der Identitätsfindungsprozess besteht in der ständigen Reflexion über die persönliche Herkunft, Gegenwart und Zukunft.
4. Der Identitätsfindungsprozess ist ein Ablauf in Phasen, der letztlich erfolgreich enden kann, aber nicht muss, wenn er nicht zuende geführt wird. (A. Thomas)
5. Der Identitätsfindungsprozess im interkulturellen Spannungsfeld wird durch verschiedene Einflüsse bestimmt, die vor allem die gegenständliche, soziale und personelle Umwelt betreffen. Die wichtigsten Faktoren für die Selbstfindungsanalyse liegen im Bereich der Teilidentitäten Arbeit, soziale Beziehungen, Partnerschaften, kulturelle Identität, ethnische Identität, Geschlechteridentität. Der ständige Neuorientierungszwang der Individuen in der heutigen variablen Gesellschaft hat den Begriff des modernen Identitätsmanagements geprägt. (H. Keupp)

III. Weshalb Film- für Identitätsanalyse geeignet ist

Film ist ein Medium und damit darauf ausgerichtet, dass Inhalte von Regisseuren codiert und vom Zuseher wieder decodiert werden. Dieses Kapitel soll aufzeigen, wie Vorgänge der Bedeutungsgebung und Bedeutungsentschlüsselung technisch umgesetzt werden können. Dies soll verdeutlicht werden, wieso sich Filme besonders gut als Analysegegenstand für die Ergründung der Identitätsfindungsthematik im interkulturellen Kontext eignen.

D’une part, les histoires racontées par les films décrivent des comportements humains et font le portrait des relations sociales. Les symboles spécifiquement culturels se trouvent codifiés dans l’œuvre cinématographique. D’autre part, l’art du cinéma est par lui-même une manière de former et d’expérimenter des particularités culturelles. Le cinéma peut être le noyau de la cristallisation servant à la recherche d’identité. Résumé en mots brefs : Le film est témoignage et sujet de la culture.70

1. Interkulturelle Psychologie und Filmpsychologie - Die Spannung des Lebens liegt im Prinzip der Polarität Jede Spannung schöpft ihre Kraft aus der Existenz zweier gegensätzlicher Entscheidungsvarianten und damit unterschiedlicher Ausgänge. Auch der Charakter des Filmschaffens und auch der Interkulturalität fußt auf dem Prinzip der Polarität, wobei Polarität definiert werden kann, als „das Verhältnis der Gegensätzlichkeit zwischen zwei voneinander unabhängigen, sich gegenseitig bedingenden Momenten oder Prinzipien“.71

- Polarität formt alles Leben, Denken, Handeln und alle Entscheidungen des Menschen, der immer abwägt zwischen Gut und Böse, zwischen Angenehmem und Unangenehmen, zwischen Einfachem und Schwierigem usw.
- Polare Gegensätze72 bestimmen nicht nur die Natur des menschlichen Lebens, sondern auch dessen Darstellung in der Kunst, hier im Medium Film. Die Kunst schwankt immer zwischen Extremen wie Schwarz und Weiß, Komödie und Tragödie, Entstehen und Vergänglichkeit, Realität und Fiktion usw.
- Auch Identitätsfindung läuft nach dem gleichen Prinzip der Polarität ab, nämlich durch das lehrreiche Schwanken zwischen Erkenntnissen aus der Vergangenheit und Wünschen für die Zukunft, zwischen fremdkulturellem und eigenkulturellem Orientierungshorizont.

Die vorliegende Arbeit greift alle diese Gegensätze auf und beschreibt im Medium Film, also immer schwankend zwischen Realität und Fiktion, das Handeln der Protagonisten auf der Suche nach Identität. Im Fokus der Arbeit steht die Identitätssuche im Spannungsfeld mehrerer Kulturen (Gegensatz französisch - arabisch und Gegensatz deutsch - türkisch) und der Geschlechteridentitäten (Gegensatz Mann - Frau sowie Gegensatz traditionelle Geschlechterrolle - moderne Geschlechterrolle). Mehrdimensionalität ist sowohl hinsichtlich der Interkulturalität als auch des Filmschaffens das wichtigste Merkmal schlechthin. Die filmische Umsetzung der Spannungsfelder schlägt sich in starken Gegensätzen bei der Auswahl der Schauplätze, Charaktere und Handlungen nieder. In der Gegensätzlichkeit der Protagonisten liegen beispielsweise immer das Reibungspotential und der Spannungspunkt jeder Geschichte. Gleichzeitig besteht aber auch der Wunsch des Filmsehenden und damit des Filmschaffenden, die Reibung aufzulösen, d.h. die Komponenten zusammenzubringen und neue Verbindungen zu schaffen, diese zu testen und siegen oder scheitern zu sehen. Auch bei der Gegensätzlichkeit der Kulturen gilt dasselbe Prinzip. Wenn Fremdes aufeinander trifft, entsteht Reibung. Durch die Reibung werden am Schnittpunkt aber auch Gemeinsamkeiten und vor allem Unterschiede sichtbar. Durch das Erkennen und Hinterfragen dieser Unterschiede kommt es zu einem Prozess der Bewusstseinsänderung der stark auf dem Prinzip der Eigen- und Selbstwahrnehmung fußt. Es werden Überlappungen sichtbar und interkulturelle Kontakte aufgebaut, die sich in der Folge als durch Stereotypen belastet, konfliktreich, aber auch stereotypenkorrigierend und konfliktlösend herausstellen können. Das Siegen und Scheitern von Handlungsfiguren im Film kann also auf ähnliche Weise betrachtet werden, wie das der Menschen im interkulturellen Kontext.

Filme sind besonders geeignet, um dem Zuschauer komplexe Prozesse, wie den der Identitätsfindung, nahe zu bringen, denn sie sind dank ihres mehrdimensionalen, audiovisuellen Charakters in der Lage, auch Abstraktes eindrucksvoll zu veranschaulichen. Damit haben sie die Möglichkeit, nicht Greifbares greifbar zu machen. Sie können Emotionen visualisieren und Subjektivität unterstreichen, Fremdes vermitteln und eine Brücke zwischen Filmemacher und Zuschauer bauen, wobei letzterer immer der entscheidende Sinnstifter ist. Man könnte viele Filmtechniken nennen, mittels derer die Abbildung von Unsichtbarem gelingen und so die Identitätssuche vermittelt werden kann. Namhafte Filmtheoretiker wie Knut Hickethier73, Werner Faulstich74 und Helmut Korte75 haben eine Vielzahl von Varianten beschrieben. Im Zusammenhang mit der Identitätsfindung wird hier jedoch nur eine Auswahl der Techniken genannt, die im Rahmen der Arbeit von Relevanz waren. Die Suche nach Identität als lebensbestimmendes Ereignis kann durch Handlung im Film auf mehreren Ebenen aufgegriffen werden:

- Identitätsfindung ist im Film als Resultat des Lernens im Zusammenspiel zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmungsprozessen inszenierbar. Das Fremde und Interkulturelle, das Selbstsuchen und -finden lässt sich, wie vor allem im Film N é s quelque part sehr anschaulich wird, durch den geschickten Einsatz von Symbolen, Klischees, Stereotypen, Musik, Sprache, Codes und Kostümen veranschaulichen. x Interessant ist auch die Verortung der Charaktere im Raum. Das Gefühl von Heimat oder Fremde kann durch die gezielte Gestaltung des filmischen Raumes erfolgen, vor allem durch die Harmonisierung oder Kontrastierung zwischen Figur und Raum. Isolation kann durch die Einbettung der Figur als kleines Element in einer von der Kamera in der Totalen erfassten großen Lebenswelt unterstützt werden. x Im Film kann besonders durch die Kameratechnik viel bei der Vermittlung der Gefühle und Einstellungen der Personen erreicht werden: Haltlosigkeit, Nervosität und Verwirrung durch schnelle Schnitte, Inneneinsicht in die Personen durch Frontalblicke der Kamera auf die Augen, Gefahr durch Untersichten, Dominanz durch Aufsichten, Spiritualität und freies Nachdenken über einen Zustand durch die Vogelperspektive und Schwenks in die Totale. Fatih Akins kurz und schmerzlos ist hier ein guter Beleg. Die Kamera ist einerseits das Auge des Regisseurs, denn sie präsentiert das inszenierte Geschehen so, wie der Regisseur es darstellen möchte. Andererseits fungiert sie auch als Auge des Zuschauers, weil der Regisseur bei der Konzeption seines Filmes geschickt den Zuschauerblick zu lenken vermag - diese hohe Kunst der Zuschauersteuerung ist besonders beim Kriminalfilm von großem Belang, indem die Spannung bis zum letzten Moment gesteigert werden soll, um sich dann erst aufzulösen. Der Regisseur Fatih Akin bezieht in seinen Filmen zwar eine unmittelbare Nähe zu den Protagonisten, was den Zuschauer direkt ins Geschehen versetzt, aber die Zuschauerlenkung spielt hier weniger eine Rolle. Das Gegenteil dazu bildet der Film N é s quelque part von Malik Chibane. Die Darstellung des Prozesses der Identitätsfindung im interkulturellen Spannungsfeld zwischen beurs und Franzosen der Mehrheitsgesellschaft folgt einem klaren Spannungsaufbau, der die Zuschauerreaktion instrumentalisiert.

[...]


1 An dieser Stelle sei auf die im Anhang befindlichen detaillierten Filmablaufprotokolle zu N é s quelque part und Gegen die Wand hingewiesen.

2 Mathews, Gordon: Global Culture/ Individual Identity. Searching for home in the cultural supermarket. London: Routledge, 2000.

3 Kemal, Kurt: Was ist die Mehrzahl von Heimat? Bilder eines türkisch- deutschen Doppellebens. Reinbek: Rowohlt, 1995.

4 Atabay, ølhami: Zwischen Tradition und Assimilation. Die zweite Generation türkischer Migranten in der Bundesrepublik. Univ.-Diss. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag, 1998. S. 186.

5 Hofstede, Geert/ Hofstede Gert Jan: Lokales Denken, Globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management. München: Dtv, 2006. S. 8.

6 Atabay, ølhami: Zwischen Tradition und Assimilation. S. 181.

7 Ebd. 182.

8 Ebd. S. 186.

9 Ebd.

10 Mathews, Gordon: Global Culture/ Individual Identity. S. 5.

11 Roudometof, Victor: “Transnationalism, Cosmopolitanism and Glocalization.” In: Current Sociology, Volume 53, Number 1. London: SAGE Publications, January 2005. S. 113f.

12 Mall, Ram Adhar: „Kulturelle Begegnungen aus interkultureller Sicht“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. Zur Inszenierung von Fremden im Film. Marburg: Schüren, 1995. S. 66.

13 Türkei-Programm der Körber-Stiftung (Hg.): Was ist ein Deutscher? - Was ist ein Türke? = Alman olmak nedir? - Türk olmak nedir?/ Deutsch-türkisches Symposium Hamburg: Ed. Körber-Stiftung, 1997. S. 24.

14 Ebd. S. 24.

15 Lotman, Jurij: Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. Bloomington, 2000. S. 123-155.

16 Seeßlen, Georg: „Das Kino der doppelten Kulturen/ Le Cinéma de métissage/ The Cinema of inbetween. Erster Streifzug durch ein unbekanntes Terrain“. In: Epd Film, Nr. 12, Dezember 2000. Konsultiert als PDF auf URL:

www.filmportal.de/public/pics/IEPics/d1/03D8FBEE873A4C20856ACAADA2376272_mat_seexxlen_neu.pdf (letzter Zugriff am 20.07.07). S. 1.

17 http://www.deutschlandstudien.uni-bremen.de/tagungen/Johnson_2005.htm (letzter Zugriff am 07.05.07)

18 Seibel, Andrea: „Kulturen vermischen sich nicht.“ Interview mit dem Soziologen Karl Otto Hondrich. In: Die Welt am 16.07.07. S. 3.

19 Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt, 1999. S. 46.

20 Ebd. S. 76.

21 Ebd. S. 276.

22 Ebd. S. 53.

23 Ebd. S. 55.

24 Ebd. S. 191.

25 Ebd. S. 58.

26 Lutz, Helma: „Ist Kultur Schicksal? Über die gesellschaftliche Konstruktion von Kultur und Migration“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. Zur Inszenierung von Fremden im Film. Marburg: Schüren, 1995. S. 80.

27 W. T. Anderson zitiert in: Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 84.

28 Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 279.

29 Ebd. S. 280.

30 Thomas, Alexander: „Psychologie interkulturellen Lernens und Handelns“. In: Thomas, Alexander (Hrsg.): Kulturvergleichende Psychologie. Eine Einführung. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe, 1993. S.382.

31 Schumann, Adelheid : Zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Die beurs, Kinder der maghrebinischen Immigration in Frankreich. Frankfurt a.M.: IKO- Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 2002. S. 18.

32 O. Negt zitiert in: Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 281.

33 H. B. Gelatt, zitiert in: Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 280.

34 Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 65.

35 Atabay, ølhami: Zwischen Tradition und Assimilation. S. 180.

36 Lutz, Helma: „Ist Kultur Schicksal? Über die gesellschaftliche Konstruktion von Kultur und Migration“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. S. 80.

37 Hofstede, Geert/ Hofstede Gert Jan: Lokales Denken, Globales Handeln. S. 2.

38 Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 85.

39 Ebd. S. 85.

40 Ebd. S. 69.

41 Mall, Ram Adhar: „Kulturelle Begegnungen aus interkultureller Sicht“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. S. 75.

42 Keupp, Heiner/ Ahbe, Thomas/ Gmür, Wolfgang/ Höfer, Renate/ Mitzscherlich, Beate/ Kraus, Wolfgang/ Straus, Florian: Identitätskonstruktionen. S. 69.

43 Ebd. S. 102.

44 Ebs. S. 99.

45 Ebs. S. 104.

46 Hickethier, Knut: „Zwischen Abwehr und Umarmung. Die Konstruktion des anderen in Filmen“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. Zur Inszenierung von Fremden im Film. Marburg: Schüren, 1995. S. 26.

47 Lutz, Helma: „Ist Kultur Schicksal? Über die gesellschaftliche Konstruktion von Kultur und Migration“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. S. 83.

48 Mazza Moneta, Elisabetta: Deutsche und Italiener - Der Einfluss von Stereotypen auf interkulturelle Kommunikation. Deutsche und italienische Selbst- und Fremdbilder und ihre Wirkung auf die Wahrnehmung von Italienern in Deutschland. Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2000. (Angewandte Sprachwissenschaft, Band 2). S. 28.

49 Ebd. S. 29.

50 Bohleber zitiert in: Hickethier, Knut: „Zwischen Abwehr und Umarmung. Die Konstruktion des anderen in Filmen“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. S. 26.

51 Mazza Moneta, Elisabetta: Deutsche und Italiener - Der Einfluss von Stereotypen auf interkulturelle Kommunikation. S. 21.

52 Lutz, Helma: „Ist Kultur Schicksal? Über die gesellschaftliche Konstruktion von Kultur und Migration“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. S. 81.

53 Mall, Ram Adhar: „Kulturelle Begegnung aus interkultureller Sicht“. In: Karpf, Ernst/ Kiesel, Doron/ Visarius, Karsten (Hrsg.): Getürkte Bilder. S. 69 f.

54 Mazza Moneta, Elisabetta: Deutsche und Italiener Kommunikation. S. 35.

55 Ebd. S. 38.

56 Ebd. S. 40.

57 Ebd. S. 39.

58 Ebd. S. 41. - Der Einfluss von Stereotypen auf interkulturelle

59 Ebd. S. 42.

60 Ebd. S. 43f.

61 Thomas, Alexander: „Psychologie interkulturellen Lernens und Handelns“. In: Thomas, Alexander (Hrsg.): Kulturvergleichende Psychologie. S. 379-383.

62 „Unter Kulturstandards werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Eigenes und fremdes Verhalten wird auf der Grundlage dieser Kulturstandards beurteilt und reguliert.“ Ebd. S.381

64 „Interkulturelles Lernen findet statt, wenn eine Person bestrebt ist, im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur, deren spezifisches Orientierungssystem der Wahrnehmung, des Denkens, Wertens und Handelns zu verstehen, in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren und auf ihr Denken und Handeln im fremdkulturellen Handlungsfeld anzuwenden. Interkulturelles Lernen bedingt neben dem Verstehen fremdkultureller Orientierungssysteme eine Reflexion des eigenkulturellen Orientierungssystems.“ (S. 382)

65 „Interkulturelles Lernen ist dann erfolgreich, wenn es zu einem interkulturellen Verstehen führt, das einerseits die Kenntnisse über fremde Kulturstandards und ihre handlungssteuernden Wirkungen umfasst und andererseits in der Fähigkeit zum Wahrnehmen, Denken, Urteilen und Empfinden im Kontext des fremdkulturellen Orientierungssystems besteht.“ Ebd. S.383

66 „Erfolgreiches interkulturelles Lernen und ein hohes Maß an interkulturellem Verstehen sind Voraussetzungen zum produktiven interkulturellen Handeln, definiert als ein Handeln, das in kulturellen Überschneidungssituationen stattfindet, in denen der Handelnde zunächst zwar sein eigenes kulturspezifisches Orientierungssystem zur Handlungssteuerung in einem fremdkulturell strukturierten Handlungsfeld verwendet, dann aber bereit und fähig ist, dieses Orientierungssystem entsprechend den fremdkulturellen Standards so umzustrukturieren (Verändern und Erweitern), dass beide Orientierungssysteme in einer aufeinander abgestimmten Weise zur effektiven Handlungssteuerung in der kulturellen Überschneidungssituation zum Einsatz kommen.“ Ebd. S. 383

67 Thomas, Alexander: „Psychologie interkulturellen Lernens und Handelns“. In: Thomas, Alexander (Hrsg.): Kulturvergleichende Psychologie. S. 384.

68 Ebd.

69 Eigene Darstellung 31

70 Becker, Gerd: « Le cin é ma beur - la civilisation cinématographique franco-arabe ». In : Berriane, Mohamed/ Popp, Herbert (Hrsg.) : Migrations internationales entre le Maghreb et l ’ Europe - les effets sur les pays de destination et d ’ origine. Actes du colloque maroco-allemand de München 1997. Passau: L.I.S. Verlag, 1998. S. 69.

71 Der Große Brockhaus - Kompaktausgabe in 26 Bänden. Wiesbaden: F.A. Brockhaus, 1983[18]. Band 17, S. 124.

72 Definiert als: „das Verhältnis zweier entgegengesetzter, aber zusammengehöriger Momente (Teile, Aspekte) eines Ganzen“. In: Der Große Brockhaus - Kompaktausgabe in 26 Bänden.. Band 8, S. 37.

73 Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart: J.B. Metzler, 2001[3].

74 Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse. München: Wilhelm Fink, 2002.

75 Korte, Helmut: Einführung in die systematische Filmanalyse. Berlin: Erich Schmidt, 2004[3].

Details

Seiten
170
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640528967
ISBN (Buch)
9783640528721
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142500
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Romanistik
Note
2,0
Schlagworte
Film Identität Deutsch-türkischer Film Cinéma beur Interkulturalität Multikulturalität junge Erwachsene Leben zwischen den Kulturen Identitätsfindung Filmanalyse

Autor

Teilen

Zurück

Titel: „Leben zwischen den Kulturen“  - Aspekte der Identitätsfindung junger Erwachsener im interkulturellen Spannungsfeld