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Rhythmus als Problemfeld im Musikunterricht

Analysen zu Vermittlungskonzepten für die Sekundarstufen an allgemeinbildenden Schulen

Examensarbeit 2009 95 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. EINFÜHRUNG
1. Rhythmus - Erfahrungen und persönliche Motivation
2. Zum Arbeitsinteresse

B. RHYTHMUS - DEM PHÄNOMEN AUF DER SPUR
1. Zur Definition von Rhythmus
2. Mensch und Rhythmus
2.1. Der Mensch als ursprünglich rhythmisches Wesen
2.1.1. Rhythmus ist Leben
2.2. Rhythmus und Bewegung
2.3. Rhythmus und Sprache
2.4. Rhythmus und Wirkung
3. Musik und Rhythmus
3.1. Metrum / Puls
3.2. Takt
3.3. Tempo
4. Musik und Rhythmus und Mensch
4.1. Die Urelemente Musik und Bewegung
4.2. Wirkungen von Musik und Rhythmus auf den Menschen
4.3. Es „groovt“!
4.3.1. Die strukturelle Dimension
4.3.2. Die soziale Dimension
5. Rhythmus und Kultur
5.1. Ein Beispiel: Der Rhythmus afrikanischer Musik
6. Rhythmus im musikpädagogischen Blickfeld
6.1. Die rhythmisch-musikalische Erziehung
6.2. Rhythmus in der zeitgenössischen Musikpädagogik
6.2.1. Das Problemfeld Schulmusik

C. RHYTHMUS - ANALYSE VON UNTERRICHTSKONZEPTEN
1. Rhythmus im Musikunterricht: Thesen
2. Bemerkungen zum Untersuchungsverfahren
2.1. Fragekomplexe zur Konzeptanalyse
2.2. Hypothesen
3. Vorstellung der ausgewählten Unterrichtskonzepte
3.1. „Schlag auf Schlag“ (in: „Soundcheck 2“)
3.2. „Der Rhythmus macht’s“ (in: „Hauptsache Musik 9/10“)
3.3. „Rhythmus ist leicht?!“ (in: „Klasse Musik“)
3.4. „Rhythmus der Woche“ (in: „Klasse Musik“)
3.5. „Im Groove der Mandalas“ (in: „Musik & Bildung“)
3.6. „African HipHop“ (in: „Klasse Musik“)
3.7. „BBBBBeat“ (in: „Klasse Musik“)
3.8. „Im Freiraum des Rhythmus“ (in: „Musik und Unterricht“)
3.9. „Rhythm in the classroom“ (in: „Musik & Bildung Spezial“)

D. DARSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE

E. AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE

F. ZUSAMMENFASSUNG

G. ANHANG

1. Literaturverzeichnis

A. Einführung

1. Rhythmus - Erfahrungen und persönliche Motivation

Ich erinnere mich gut an eine Musikunterrichtsstunde, die ich vor einigen Jahren im Rahmen meines Orientierungspraktikums an einem Gymnasium erlebte: In großen Lettern stand an der Tafel geschrieben: „Rhythmus“. Dies war das Thema, das die Schüler und mich in dieser Stunde erwartete, und ich war gespannt, wie die Lehrerin dieses mir sehr sympathische Themengebiet wohl angehen würde. Nach kurzen Begrüßungsworten wurde der Overhead−Projektor zum Leben erweckt und an der Wand strahlte eine schematische Übersicht, die alle Notenwerte von einer Ganzen bis zu einer Sechzehntelnote in ihren Relationen darstellte. Eifrig übernahmen die Schüler die Folie in ihren Hefter, währenddessen die Lehrerin an der Tafel kleine „Rechenaufgaben“ vorbereitete, bei denen es zu ermitteln galt, welche Tondauer resultiert, wenn zum Beispiel einer Viertelnoten zwei angebundene Sechzehntelnoten folgen. Nach einer kurzen Einzelarbeitsphase wurden die Ergebnisse verglichen, und nun sollte das erlernte Wissen musikpraktisch umgesetzt werden. Einige der Schüler bekamen einfache Percussion−Instrumente (Klanghölzer, Triangel, Schellenring u.a.) in die Hände gedrückt, andere sollten in Ermangelung ausreichenden Instrumentariums auf die Schulbank klopfen. Die Lehrerin präsentierte eine weitere Folie, auf der sie jeweils 4 taktige Rhythmus−Pattern aus den gelernten Notenwerten zusammengestellt hatte. Die Schüler „musizierten“ unisono die vorgegebenen Rhythmen, während die Lehrerin an ihrem Lehrertisch sitzend mit einer Trommel den Takt angab.

Ich denke, es bedarf keiner weiteren Ausführungen, um einen repräsentativen Eindruck dieses Unterrichts zu erlangen. Bezeichnend waren letztlich auch die Gesichter der Schüler, die beim Verlassen des Unterrichtsraumes in etwa so aussahen, als hätten sie gerade ein mittelmäßiges Referat über das Leben Schostakowitschs gehört. Sollte dies der Normalfall sein, wie der Rhythmus im Musikunterricht deutscher Schulen vermittelt wird, brauchen wir uns über das vermeintlich fehlende Rhythmusgefühl deutscher Kinder, wie es z.B. von Instrumentalpädagogen immer wieder bemängelt wird, nicht wundern.

Meine persönlichen Praxiserfahrungen mit dem Rhythmus in der Musik bilden allerdings das komplette Gegenteil zu dem, was dieser Unterricht den Schülern höchstwahrscheinlich vermittelt hat.

Das jahrelange Mitwirken in verschiedenen Bands, Orchestern und einem Schlagwerk−Ensemble als Percussionist und Schlagzeuger hat mir die Augen geöffnet für die Bedeutung des Rhythmus in der Musik. Wer einmal aktiv erlebt hat, welche extatischen Gefühle sich zu entwickeln vermögen, wenn die Musiker einer Band die Kunst des Rhythmus so beherrschen, dass die Musik plötzlich zu leben beginnt, der sieht ein, dass Rhythmus nicht nur Viertel− oder Achtelnoten sind. Rhythmus ist mehr. Rhythmus ist ein Gefühl. Und als Quintessenz dessen, was ich als aktiver Musiker regelmäßig erfahre, möchte ich behaupten:

Rhythmus ist das Lebenselixier der Musik!

In dieser Aussage steckt so viel: Zum Einen birgt Rhythmus etwas Geheimnisvolles. Die im aktiven Musikmachen durch den Rhythmus manchmal freigesetzte Kraft und Energie scheint rational kaum erklärbar. Die übliche Musiktheorie schafft es nicht, dieses Magische des Rhythmus zu erschließen und nicht zuletzt deshalb strahlt Rhythmus eine enorme Faszination aus. Außerdem bin ich der Meinung, dass Rhythmus als Teil jeder Musik eine überaus wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Bedeutung dafür hat, ob und wie Musik wirken kann. In diesem Zusammenhang sehe ich im Rhythmus auch den wichtigsten Faktor der Freude am Musikmachen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn Musik nicht nur hör− sondern auch spürbar wird, und da dieses Gefühl in erster Linie durch den Rhythmus bestimmt wird, scheint mir Rhythmus der Schlüssel zum Spaß am Musizieren zu sein. Das Gefühl für den Rhythmus und damit diesen Spaß zu vermitteln, erachte ich als höchstes Ziel im Musikunterricht, weshalb ich den Rhythmus und seine Vermittlung zum Gegenstand dieser Arbeit gemacht habe.

2. Zum Arbeitsinteresse

Ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen als Schüler und als Student der Schulmusik in diversen Praktika habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Thema Rhythmus im schulischen Musikunterricht zwar sehr wohl von Bedeutung ist, dass die Vermittlung dessen dem von mir persönlich empfundenen faszinierenden Charakter des Rhythmus allerdings nicht gerecht wird. Aus meiner Sicht, in der es mir ein Bedürfnis ist, meine Begeisterung für den Rhythmus adäquat weiterzugeben, stellt sich die Frage, was mögliche Ursachen sein könnten, die für diese von mir empfundenen Unzulänglichkeiten verantwortlich sind.

- Sind sich einige Lehrer der Bedeutung des Rhythmus möglicherweise nicht in ausreichendem Maße bewusst?
- Könnte der in seiner Faszination teils schwer erklärbare Charakter des Rhythmus Ursache von Zurückhaltung im didaktischen Umgang damit sein?
- Liefern aktuell vorliegende Unterrichtskonzepte eine brauchbare didaktische Grundlage für die Vermittlung von Rhythmus?

Aus dem genannten Anspruch heraus, Schülern Rhythmus und den Spaß daran in bestmöglichem Maße zu vermitteln, entstand das Ziel, für mich selbst herauszufinden, welche Aspekte in einem meinem Rhythmusbild gerecht werdenden Vermittlungsprozess von Bedeutung sind. Dafür ist es zunächst unerlässlich, sich auf theoretischer Ebene ausführlich mit dem Rhythmus auseinanderzusetzen. Der Titel dieses Theorie−Abschnitts, „Rhythmus − Dem Phänomen auf der Spur“, weist dabei gewissermaßen auf meine Arbeitshypothese hin. Aus meiner Beobachtung heraus kann und möchte ich Rhythmus als ein Phänomen bezeichnen, und anhand eines in seinen Blickwinkeln vielschichtigen Analyseprozesses sollen verschiedene Erscheinungsformen dessen betrachtet und ergründet werden.

- Was macht den faszinierenden Charakter des Rhythmus aus?
- Lässt sich das Phänomen erklären?

Der Ansatz meines Vorgehens bezieht sich auf die Tatsache, dass die Felder Rhythmus, Musik und Mensch eng miteinander verknüpft sind. Ich möchte versuchen, den Rhythmus zu erschließen, indem ich ihn zunächst in seinen Wechselbeziehungen zum Menschen und zur Musik betrachte bzw. untersuche, wie sich alle drei Felder gegenseitig bedingen. Der kulturelle Kontext und die Sicht der Musikpädagogik sind weitere Aspekte, die es zu analysieren gilt.

Sich an den theoretischen und musikdidaktischen Erkenntnissen orientierend soll dann der Transfer zu entsprechenden Unterrichtskonzepten vollzogen werden, die als Anleitung für die Vermittlung des Rhythmus in allgemeinbildenden Schulen geschrieben wurden. Ein Vergleich dieser Konzepte hinsichtlich auf den theoretischen Erkenntnissen aufbauender Kriterien bildet einen zweiten

Hauptteil der Arbeit. Die übergeordneten Fragestellungen dieser Analyse weisen dabei in zwei Richtungen:

- Auf welche Weise spiegeln sich die inhaltlichen Schwerpunkte der theoretischen Analyse sowie aktuelle musikpädagogische Positionen in den vorliegenden Unterrichtskonzepten wieder? und
- Welche Konsequenzen ergeben sich daraus hinsichtlich der Sichtweise bzw. des rhythmischen Wissens und rhythmischer Kompetenzen, die die Schüler als Ergebnis des Lernprozesses erhalten?

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse dienen in Hinblick auf meine eigene musikpädagogische Tätigkeit zunächst vor allem dazu, inhaltliche und methodische Anforderungen auszuloten, die an zeitgemäße rhythmische Vermittlungskonzepte gestellt werden müssen. Ich möchte mich selbst in die Lage versetzen, den Musikunterricht im Fach Rhythmus didaktisch optimal, d.h. dem Gegenstand in allen Facetten gerecht werdend, aufbereiten zu können.

Bewusst richte ich mich mit meinen Ausführungen aber auch an andere Studenten und Berufstätige im musikpädagogischen Feld, für die diese Arbeit ähnlich hohen Gebrauchswert für den Prozess der Unterrichtsplanung haben sollte, und die ich auf diese Weise motivieren möchte, sich der spannenden Welt des Rhythmus durchdacht und intensiv zu widmen. Die Bedeutung des Rhythmus im Musikunterricht kann in meinen Augen nicht hoch genug bewertet werden, und so würde ich mir wünschen, dass möglichst viele Musiklehrer dieser Überzeugung auch in ihrem Unterricht Raum geben.

B. Rhythmus - Dem Phänomen auf der Spur

1. Zur Definition von Rhythmus

Fragt man in Bezug auf Rhythmus nach einer Definition, so findet man schnell Wendungen wie: Rhythmus ist „die regelmäßige Wiederholung zeitlicher Erscheinungselemente“.1 Solche bzw. ähnliche Rhythmusdefinitionen gibt es wie Sand am Meer, doch bei genauerer Beschäftigung mit dem Thema wird schnell klar, dass eine wirklich umfassende Definition nur sehr schwer zu finden ist. Der Rhythmusbegriff ist von großer Vielschichtigkeit geprägt und in starkem Maße interdisziplinär ausgerichtet, weshalb er sich schwer als Ganzes fassen lässt.

Während man Rhythmus in erster Linie oft mit musikalischen Erscheinungen in Verbindung bringt (der Rhythmus einer Trommel, einer Melodie, eines Musikstücks), kann Rhythmus aber auch in einem ganz anderen Sinn verstanden werden. Man denke an den Rhythmus gesprochener Sprache, den Rhythmus eines Wellenschlags am Meer, den Nacht−Tag−Rhythmus fast aller Organismen, den Arbeitsrhythmus eines schlagenden Herzens, Lebensrhythmen oder aber den Rhythmus der Jahreszeiten. Die Fülle an rhythmischen Erscheinungsformen lassen Definitionen wie die oben genannte hier nicht ausreichend erscheinen und so stimme ich Jörg Langner zu, wenn dieser sagt:

„Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Rhythmus führt früher oder später zum Staunen − zum Staunen über Rätselhaftigkeit und Widersprüche, zum Staunen aber auch über den Reichtum an Gesichtern und Facetten, welcher sich in den Phänomenen des Rhythmischen zeigt. Bereits das Studieren der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema enthüllt ein sehr komplexes und farbiges Bild, das bis hin zur scheinbaren Unvereinbarkeit von Merkmalen reicht.“2

Das Musiklexikon MGG formuliert fast schon pessimistisch:

„Heute bezeichnet Rhythmus alles, was irgendwie mit der Struktur oder dem Ablauf der musikalischen Zeit, oft auch, was mit Bild − und Raumbewegungen zu tun hat. Das Wort sagt vieles und doch fast nichts mehr.“3

Laut Riemann−Musiklexikon ist Rhythmus „in Tanz, Musik und Versdichtung wirksam als eigenständig zeitliches, im jeweiligen Gesamtphänomen integriertes Ordnungs− und Gestaltungsprinzip. Im Begriff der Ordnung ist dabei das Moment der Regelmäßigkeit […], im Begriff der Gestaltung das Moment der Spontaneität erhalten“.4 Die Tatsache, dass zur Beschreibung hier eine doch auffällig divergente Merkmalskombination aus Regelmäßigkeit und Spontanität verwendet wurde, unterstreicht deutlich den komplexen Charakter des hier behandelten Phänomens, was später noch genauere Beachtung finden wird.

Einen ähnlichen Ansatz findet man beim Rhythmusforscher Paul Fraisse. Seine Gedanken bauen auf der etymologischen Herkunft vom griechischen Wort ῥu&µóç auf. Die Herleitung von ῥέm bzw. ῥsῖv, was so viel wie ,fließen‘ bedeutet, ist zwar nicht unumstritten,5 bildet für Fraisse aber die Grundlage einer Definition, die die ebenso divergenten Aspekte der Form und des Fließens als Hauptmerkmale betont.6

In Hinblick auf den Aspekt des Fließens beschreibt Ludwig Klages den Rhythmus als polarisierte Stetigkeit. Zur Versinnbildlichung dient dabei das Beispiel von Wellen. Genau wie Wellen hat der Rhythmus etwas Unendliches, etwas nicht Greifbares. Rhythmus lebt vom Kommen und Gehen zwischen zwei Polen, wobei das Kommende keinesfalls die Wiederholung etwas schon dagewesenen sei, sondern lediglich etwas Ähnliches. Klages betont den Rhythmus als Prozess stetiger Erneuerung, zu dem − und hier unterscheidet sich seine von vielen anderen Definitionen − auch Störung und Unterbrechung als wesensbildende Merkmale dazugehören.7

Das MGG definiert letztlich aus einem ganz anderen Blickwinkel, hier wird der Aspekt des subjektiven Erlebens stark betont:

„Rhythmus bezeichnet die Ordnung der Bewegung oder Zeiten, die dem menschlichen Sinn unmittelbar deutlich und faßlich ist und deren Wahrnehmung sich mit dem Gefühl des Wohlgefallens verbindet.“8

Es scheint, und damit soll dem Anspruch einer grundlegenden Definition hier zumindest ansatzweise genüge getan sein, als lässt sich die Rhythmusforschung im Kern auf zwei Aspekte rhythmischer Prozesse konzentrieren: Erstens auf den Aspekt der Ordnung (Rhythmus wohnt eine wie auch immer geartete Systematik inne) und zweitens auf den Aspekt der Bewegung, also einer zeitlich dynamischen Veränderung.9 Schon der griechische Philosoph Platon schrieb vor unserer Zeitrechnung: „Rhythmus ist die Ordnung der Bewegung“10 Dass darüber hinaus die subjektive Wahrnehmung von Rhythmus ein immanenter Bestandteil zu sein scheint, ist schon kurz angeklungen, und führt mich zum ersten großen Analysefeld, nämlich der Frage, wie Mensch und Rhythmus miteinander in Verbindung stehen.

2. Mensch und Rhythmus

"Rhythmus ist überall, alles ist rhythmisch.

Rhythmus ist das Gesetz der "maßgebenden" Kraft das geheime Prinzip der Schöpfung,

alles strukturierend und wandelnd.

Rhythmus ist Wechsel und Wiederkehr, Fortbewegung und Innehalten, Spannung und Entspannung, Zusammensetzung und Spaltung, Freude und Schmerz,

Leben und Tod, Klang und Stille,

Geduld und blitzschnelles Handeln.

Wir erfahren früh die Schnelligkeit vom "Rhythmus des Augenblicks", des unerwarteten, blitzartigen Situations− und Gemütswechsels,

und gewöhnen uns allmählich an den Rhythmus von Tag und Nacht,

von Stunden, Minuten und Sekunden, von Jahreszeiten, Monaten und Wochen.

Gehen ist Rhythmus

und bedeutet das komplexe Verhältnis von Schwerkraft gegenüber unserem Bewegungsapparat und Gleichgewichtssinn.

Sprache ist Rhythmus.

Jeder hat seinen persönlichen Rhythmus beim Sprechen und auch jede Sprache hat ihren eigenen Rhythmus.

Musik ist rhythmische Klangsprache."11

Die Worte Peter Gigers beschreiben sehr gut die oben schon angerissene Vielschichtigkeit des Phänomens Rhythmus und bringen darüber hinaus umfassend zum Ausdruck, wie eng das gesamte menschliche Leben damit in Verbindung steht.

2.1. Der Mensch als ursprünglich rhythmisches Wesen

Rhythmus ist allgegenwärtig. Fast alle Prozesse der Natur basieren auf rhythmischen Zyklen, Rhythmen bilden das Fundament, das jegliches Leben trägt. Unser Sonnensystem durchläuft alle 240.000.000 Jahre einmal die Milchstraße. Hier findet sich ein Rhythmus genau wie auch im kleinsten Elementar−Teilchen, das − und hier erreichen wir schnell die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens − genau genommen eben keine fest Materie, sondern rhythmisch pulsierende Energie ist.12

Und auch im ganz alltäglichen Leben ist unser Menschsein zahllosen rhythmischen Zyklen der Natur unterworfen: Dem Kreisen der Erde um die Sonne, den Phasen des Mondes, dem Wechsel von Tag und Nacht, von Ebbe und Flut, den Jahreszeiten und damit festen zyklischen Veränderungen in der Tier− und Pflanzenwelt und vielem mehr. Unser menschlicher Körper steht mit diesen Rhythmen der Natur in ganz engem Zusammenhang. Hier wechseln in gleicher Weise Wachen und Schlafen, Frische und Müdigkeit, Hunger und Sättigung, Bewegung und Ruhe. Die Anpassung unseres Tagesablaufs an den Tag−Nacht− Rhythmus bzw. die Synchronisation unserer Jahresplanung mit natürlichen, jahreszeitlichen Veränderungen sind ganz einfache Beispiele für dem Menschsein immanente Rhythmen, die sicher kaum reflektiert werden, und für unser Leben aber doch von enormer Bedeutung sind.13

Betrachten wir den menschlichen Körper in Hinblick auf unsere Körperorgane, so fällt auf, dass auch diese alle rhythmisch arbeiten. Selbst die kleinste Zelle unseres Körpers ist rhythmisch organisiert. Sie erneuert sich in rhythmischen Zyklen, sie bewegt sich rhythmisch, und basierend auf elektrochemischen Impulsen des zellinternen energetischen Aktionspotentials reagiert sie sogar in rhythmischer Weise auf Umweltreize. Nach Mayer ist die Organisation der Zelle beispielhaft für jegliches Leben zu sehen. Das Leben kann einerseits als selbstständiges und selbsttätiges Energie− und Organisationssystem verstanden werden, das andererseits zugleich auch immer von der Umwelt abhängt und ständig auf sie reagieren muss. Diese Wechselbeziehung des Lebens werde getragen von pulsierend−rhythmischen Vorgängen, da diese hinsichtlich der Energieeffizienz und der Regulation der Stabilität des Systems nichtrhythmischen Prozessen überlegen sind.14

Beispiele für weitere körperinterne rhythmische Prozesse bzw. zyklische Regulationen sind der Kreislauf, der Blutdruck, die Atmung, die Körpertemperatur, der Stoffwechsel, die Verdauung, die Hormon− und Blutbildung und vieles mehr. All diese Körperprozesse arbeiten in ihrem eigenen Rhythmus, wobei davon auszugehen ist, dass sie sich entsprechend ihrer Funktion und unter Einfluss anderer Rhythmen der Natur auf bestimmte Zeiten konditioniert haben. Unser Herz schlägt in etwa einsekündigen Intervallen, ein menschlicher Atemzyklus dauert ca. 6 Sekunden, die Gedärme ziehen sich ca. alle 5 Sekunden zusammen, unser Magen alle 20 Sekunden. Die Tiefschlaf− und Wachtraumphasen im Schlaf des Menschen wechseln etwa in einem 90−Minuten− Zykles, derselben Zeitdauer, die eine übliche menschliche Aktivitätsphase aufweist, nach der wir einer ebenso langen Erholungspause bedürfen. Und alle diese scheinbar gänzlich voneinander unabhängigen Rhythmen existieren keineswegs nebeneinander im menschlichen Körper, sondern sie sind aufeinander abgestimmt. Erst in diesem Zustand kann der Körper funktionieren, und das wiederum auch nur, weil die innere (endogene) rhythmische Energie der Organe des Körper (wie sie genetisch programmiert ist) zusätzlich mit äußeren (exogenen) Faktoren, die quasi als Zeitgeber fungieren, synchronisiert wird. Der Tag− und Nachtrhythmus, also der Wechsel von Licht und Dunkelheit durch die Erdumdrehung, ist beispielsweise ein derartiger exogener Faktor, an den sich der Eigenrhythmus eigentlich aller Organe angepasst hat. Als Nachweis endogener menschlicher Rhythmen und deren Abhängigkeiten hat man Experimente in isolierten Bunkern durchgeführt. Unter Ausschluss aller äußeren Zeitgeber zeigte sich, dass die Rhythmen der einzelnen Organe asynchron und frei in jeweils eigenen Zyklen verliefen.

Auch die Gehirnverarbeitung und das Zentralnervensystem funktionieren rhythmisch. Analog zum Verhalten jeder einzelnen Zelle nimmt das Gehirn über die Sinnesorgane Umweltreize auf, formt diese in entsprechende Erregungen um und gibt sie im Rhythmus eines pulsierenden Schwingungsmusters weiter. Darüber hinaus lassen sich konstante Reaktionsintervalle feststellen, was bedeutet, dass das Gehirn in Phasen der bewussten Gehirnaktivität mit anderen Schwingungswellen arbeitet als in Phasen geistiger Ruhe. Mit diesem zyklisch wechselnden Oszillationsmechanismus hängt auch die Verarbeitungskapazität unseres menschlichen Gehirns zusammen. Im Gehirn eintreffende komplexe Informationen werden in mengenmäßig und zeitlich begrenzte Einheiten zusammengefasst, die den Aktivitätsintervallen entsprechen.15

Die Forschung zum Rhythmus des menschlichen Körpers hat selbstverständlich noch viele weitere verblüffende Fakten und Zusammenhänge der rhythmischen Funktionsweise unserer Organe zu bieten, nur scheint mir bei der Betrachtung des Menschen als, wie gezeigt, „durch und durch“ rhythmisches Wesen hier vor allem von Wichtigkeit zu sein, wie eine solche quasi natürliche bzw. biologische rhythmische Prägung des Menschen zu erklären ist.

Dass sich rhythmische Prozesse in der Natur und damit auch in jedem Organismus als besonders effizient und damit systemstabil bewiesen haben, ist schon angeklungen, einen weiteren und spezifisch auf den Menschen bezogenen Ansatz findet man bei Mayer, der die Ursprünglichkeit des menschlichen Rhythmus sehr plausibel mit der rhythmischen Prägung des Embryo im Mutterleib belegt. Schon vor unserer Geburt kommen wir kontinuierlich mit einem bzw. mehreren körperlich wirksamen Rhythmen in Berührung: Dem eigenen, auf das Gehirn einwirkenden Herzschlag, und dem auf den embryonalen Körper einwirkenden mütterlichen Herzschlag.

„Ausgangspunkt aller Erfahrungen des entstehenden menschlichen Lebens sind somit rhythmische Energieimpulse, nämlich Herz− und Pulsschlag der Mutter, an die sich wiederum der embryonale Herzschlag koppelt.“16

Dass dem vorgeburtlich erfahrenen mütterlichen Herzschlag eine besondere Bedeutung zukommt, ist längst bewiesen. Er suggeriert dem Embryo Ruhe und Geborgenheit, ist Ausdruck einer starken Verbindung zwischen Mutter und Kind, und besitzt somit zwangsläufig eine prägende Kraft, die zugleich Ursache und Wirkung eines einmaligen Rhythmus−Erlebnisses ist, welches das wachsende menschliche Nervensystem durch weit mehr als 100.000 pulsierende Schläge pro Tag über fast 9 Monate ununterbrochen beeinflusst. Ohne darauf näher eingehen zu wollen, sei hierbei ergänzend erwähnt, dass sich fast alle Rhythmen unserer Organe auf einen Grundzeitwert des Körpers (ca. 0,8 Sekunden) zurückrechnen lassen, der wiederum auf den Herzschlag der Mutter (ca. 72 − 80 Schläge pro Minute bei einem gesunden Menschen) zurückgeht. Zur Dimension dieser rhythmischen Prägung sagt Mayer selbst:

„Von dieser Darstellung des Rhythmus als der immer wiederkehrenden Prägung unseres Zentralnervensystems in der Embryonalzeit kann in allen Bereichen ausgegangen werden, wann immer vom Rhythmus die Rede ist. Aus dieser rhythmischen Prägung heraus entwickeln sich menschliche Sprache, Musikempfinden, Bewegungsgefühl. Die Auswirkungen dieser rhythmischen Prägung zeigen sich auf verschiedenen Gebieten.“17

Vor diesem Hintergrund scheint sich die oft gestellte Frage, ob musikalisches Rhythmusgefühl etwas Angeborenes oder etwas Erlerntes ist, zu erübrigen. Sehr aktuelle psychologische Forschungen der Akademie der Wissenschaften Budapest, bei denen die Hirnaktivität Neugeborener unter Beschallung mit verschiedenen rhythmischen Schlagzeugklängen untersucht wurde, können dies zumindest auf einfachem Niveau (Es existiert ein angeborener Sinn für Periodizität.) auch beweisen.18

2.1.1. Rhythmus ist Leben

Die Einsicht in die Rhythmizität des Menschen und der gesamten Natur führt an dieser Stelle schon zu einer wesentlichen Schlussfolgerung bezüglich des Charakters des Rhythmus: Rhythmus ist etwas Dynamisches, etwas Lebendiges.

„Wenn Tiefe und Dauer des Atems, Häufigkeit und Stärke des Pulses allerdings ihre täglichen Runden machen, so folgt daraus nur eben nicht, daß sei es selbst der gesündeste Mensch bei größter Gemütsruhe allmorgendlich genau den selben Morgenpuls fände […]“19

Diese, wie in 1. schon kurz erwähnt, vor allem auf Klages zurückgehende Ansicht von der Lebenszugehörigkeit des Rhythmus, und damit das Fehlen abstrakter messbarer Gesetzmäßigkeiten ist wohl einer der Schlüssel zur Ergründung des Phänomens, und muss auch bei den folgenden Untersuchungen stets mit bedacht werden.

2.2. Rhythmus und Bewegung

Ebenfalls im anfänglichen Versuch einer Definition schon kurz angeklungen, darf ein Aspekt auch bei der Untersuchung der Erscheinungsformen des Rhythmus‘ im menschlichen Dasein nicht ausgelassen werden: Der enge Zusammenhang der Erscheinungen Rhythmus und Bewegung. In vielerlei Analysen wird Bewegung als der wichtigste Aspekt des Phänomens Rhythmus angesehen.

Bewegung entsteht in der Auseinandersetzung mit der Umwelt und hängt somit eng mit der menschlichen Wahrnehmung zusammen. Es ist der Bewegungssinn, der die grundlegende Beziehung aus Eindruck (Wahrnehmung) und Ausdruck (Bewegung) des Menschen reguliert. Versucht man den Bewegungssinn zu definieren, müsste man wohl sagen, es ist ein Sinn, dessen Organ der ganze sich bewegende Körper ist, und der den Sinn für Zeit, Kraft, Raum und Form beinhaltet. Bewegungssinn kann sich demnach nur in Auseinandersetzung mit diesen Bewegungs− und Umweltkomponenten entwickeln, und ist so, freier definiert, auch als das „Gefühl für Ordnung, Schönheit und richtigen Ablauf der Bewegung“20 zu verstehen. Hier liegt der Verbindungspunkt zum menschlichen Rhythmus. Da jegliche Bewegung, die des Menschen und der Natur im Allgemeinen, vorwiegend als Rhythmus in Erscheinung tritt, bedarf die Entwicklung des Bewegungssinns als Grundlage eines rhythmischen Gefühls, das − und hier erfolgt der Rückschluss auf die These der Ursprünglichkeit − jedem Menschen als Naturgabe mitgeteilt ist. Die Verbindung von menschlicher Bewegung und menschlichem Rhythmus wird hier also wieder stark mit dem Organischen in Verbindung gebracht. Die Rhythmik− Erzieherin Feudel bezeichnet die natürliche Bewegung jedes Menschen als

„Gegenstand der rhythmischen Leibeserziehung“, die wiederum aus „der Kraft des Inneren gespeist“, von „Atmung und Musik getragen“ sei.21 Rhythmisch ist eine Bewegung also immer dann, wenn sie nach dem inneren organischen Rhythmus, also z.B. nach dem Gesetz der Atmung abläuft.

Wenngleich die hier erläuterte Naturhaftigkeit der Bewegung und des Rhythmus die vorherrschende Meinung ausmacht, möchte ich zumindest kurz erwähnen, dass es auch Kritik an dieser These gibt. Der jüngste Aufsatz zu diesem Thema stammt von Gabriele Brandstetter, die sich auf den in den herkömmlichen Argumentationen angeblich übersehenen Gegensatz zwischen den Bereichen Technik (die Technik der Körperbeherrschung) und Rhythmus beruft. Die Bewegung als etwas von Technik und damit Regelung und Kombination getragenes stehe mit der Kontinuität des Rhythmus‘ nicht auf phänomenologischer Ebene, sondern maximal kulturell bedingt in Verbindung.22

2.3. Rhythmus und Sprache

Neben der Bewegung muss auch die menschliche Sprache als Ausdruck der engen Verbindung des Menschen mit dem Rhythmus verstanden werden. Die zeitliche Gestaltung von Sprache ist unverzichtbarer Bestandteil jeder sprachbasierten Kommunikation und so ist die Sprache (ähnlich wie die Musik) ein menschliches Phänomen, das von Gestaltungsmerkmalen wie Rhythmus, Klang, Tempo, Betonung etc. geprägt wird.

Es ist erwiesen, dass der Sprachrhythmus bzw. der Spracherwerb auf den menschlichen Körperrhythmus zurückgehen, was sich darin ausdrückt, dass die schon erwähnte vorgeburtliche rhythmische Prägung des Embryos auch die wichtigste Grundlage der Sprachentwicklung darstellt. Den ersten Funktionsreiz für die Stimmbildung bildet nach Clauser der Rhythmus des mütterlichen Herzschlags.23 Ab dem 6. Schwangerschaftsmonat nimmt der Fötus dann auch den Sprachschall der Mutterstimme wahr. Es kommt zur Speicherung derer rhythmischen Strukturen, die nach der Geburt der Wiedererkennung dient. Die ersten eigenen vorsprachlichen Lautäußerungen eines Kindes, z.B. Prust−, Schrei−, oder Trinkgeräusche, zeigen dann die Auswirkungen der embryonalen Prägung: Sie sind fast immer von einem auf physiologischen Abläufen (z.B. die Atmung) beruhenden regelmäßigen Zeitablauf geprägt. Setzt nach etwa 6 Monaten die selbstbestimmte sprachrhythmische Steuerung ein, weisen die ersten Lalllaute zumeist doppelsilbige rhythmische Strukturen auf („da−da“, „la−la“, „baba−baba“), die ebenfalls physiologisch bedingt (das Muster des Herzschlags), bzw. auch auf motorische Stereotype des frühen kindlichen Lebens (schaukeln, wiegen) zurückzuführen sind. Im Zuge der Entwicklung hin zur Erwachsenensprache setzt spätestens mit dem zweiten Lebensjahr der bewusste Umgang mit der Sprache ein. Damit die anfangs in ihrem semantischen Gehalt unklaren Laute inhaltliche Substanz erhalten, erweitert sich die Sprache um die Elemente der Prosodie (Akzente, Betonungen, Klangfarbe etc.), die essentielle Grundlage verständlicher Kommunikation sind. Die instinktive Überbetonung prosodischer Merkmale von Erwachsenen im Umgang mit Kindern ist hier von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Verinnerlichung dieser zweiten Stufe sprachrhythmischer Steuerung.24

Betrachtet man die Steuerungsmechanismen des Sprechens genauer, wird deutlich, dass Sprache eigentlich sehr eng mit der Bewegung zusammenhängt. Sprache ist ohne Bewegung nicht denkbar, und muss als komplexeste motorische Leistung, zu der der Mensch fähig ist, verstanden werden. Zum Einen bezieht sich dies auf den Prozess der Lautbildung, welcher ein diffiziles Zusammenwirken des Atemapparates mit den Hals− und Mundwerkzeugen voraussetzt, zum Anderen sind Sprachäußerungen stets begleitet von mimischen und gestischen Bewegungen. Sprache und Bewegung sind dabei verbunden über den Rhythmus, der hier wieder als koordinierendes Moment sensorischer (Eindruck) und motorischer (Ausdruck) Aktivitäten, die sich in Kraft, Zeit, Raum und Form ausdrücken, wirkt. Die innere rhythmische Synchronisierung von Sprache und Bewegung ist letztlich ausschlaggebend für die Verständlichkeit der Kommunikation.

Als Grundlage der zeitlichen Steuerung dieses Zusammenspiels geht die Forschung von der Existenz einer Art „inneren Uhr“ aus. Diese wahrscheinlich im Thalamus angesiedelten ,Clocks‘ geben uns die Fähigkeit, die sprachlichen Äußerungen im komplexen System aus Produktion und Feedback in Bezug auf vorgegebene Zeitintervalle zu planen, bzw. die benötigte Sprachmotorik entsprechend angestrebter Dauern einzusetzen. Im Zuge dieses Prozesses generiert der interne Zeitgeber gleichzeitig ein feingliederiges Zeitgitter, das die prosodischen Merkmale strukturiert. So kann man feststellen, dass die diesem Muster entspringenden sprachlichen Gewichtungspunkte, also klangliche Betonungen, zumindest tendenziell gleiche Abstände aufweisen.25

Aus musikpädagogischer Sicht, bzw. in Hinblick auf das Ziel dieser Arbeit, ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der Prozess der Sprachsteuerung auf rhythmischer Ebene vielfältige Parallelen zu musikalischer Betätigung erkennen lässt. Der unbewusste Vorgang flüssigen Sprechens beansprucht mit der menschlichen Sensorik und motorischen Akzentuierung zwei Bereiche, die ebenso Grundeigenschaften musikalischer Rhythmizität darstellen.

2.4. Rhythmus und Wirkung

Ohne die biologischen Deutungsansätze vertiefen zu wollen muss festgehalten werden, und das ist unbestritten, dass der Mensch ständig mit rhythmisierten Abläufen und deren physiologischer und psychologischer Wirkung in Verbindung steht. In beinahe jedem Bereich unserer Gesellschaft ist Rhythmus von Bedeutung und die Tatsache, dass wir uns diesem Einfluss nicht entziehen können, spricht nochmals aus anderer Perspektive für die These der Ursprünglichkeit.

Cicero sagte bereits vor unserer Zeitrechnung über den Rhythmus:

„[…] unserem natürlichen Empfinden ist nichts so verwandt wie Rhythmen oder Klänge; von ihnen werden wir ermuntert und entflammt, besänftigt und gelähmt, häufig zur Heiterkeit oder Traurigkeit verleitet.“26

Friedrich Nietzsche spricht dem Rhythmus gar eine manipulative Kraft zu und bezieht sich bei deren Erklärung auch auf etwas Ursprüngliches im Menschen:

„Je erregbarer und ursprünglicher ein Mensch ist, um so mehr wirkt der Rhythmus auf ihn − wie ein Zwang zum Nachbilden des Rhythmus, und erzeugt jenes blinde, allem Urtheil vorhergängige Einstimmen; es ist Zwang, der gewöhnlich mit Lust verknüpft ist, aber er kann so plötzlich an den Seelen reissen und sie überwältigen, dass er mehr noch einem schmerzhaften Krampfe gleichkommt.“27

Wohl jeder Mensch kennt das Gefühl, sich mehr oder weniger automatisch einem Rhythmus hinzugeben, und es ist keineswegs übertrieben, zu behaupten, dass wir ohne Rhythmus nicht leben können. An dieser Stelle ist gar nicht nur gemeint, dass unser Körper rhythmisch organisiert ist, vielmehr soll zum Ausdruck kommen, dass der Rhythmus auch in nahezu allen ganz alltäglichen Tätigkeiten wirksam wird. Ein illustre Zusammenstellung hierzu findet sich bei Brüstle:

„lm Rhythmus trifft sich der Cocktail schüttelnde Barkeeper mit dem Wasser peitschenden Kanuten ebenso wie der Jazzmusiker mit dem Fließbandarbeiter, der Marathonläufer und die Pornofilm−Synchronsprecherin: Allesamt bedürfen sie des Rhythmus um ihre Tätigkeiten auszuführen, und alle horchen sie dabei in ihren Körper hinein, um den richtigen zu finden.“28

Wieder wird hier auch das Körperinnere mit einbezogen und so ist zu konstatieren, dass auch die Wirkung bzw. Wahrnehmung − sei sie auch noch so subtil − mit einer Art menschlichem Eigenrhythmus verknüpft zu sein scheint. Sätze wie „Ich muss erst meinen Rhythmus finden.“ deuten auf ein komplexes Wechselverhältnis von Wahrnehmung und Produktion von Rhythmen. Rein „objektive“ Rhythmen wären nach dieser Denkweise ausgeschlossen, da jeder Rhythmus im Zuge seiner Wahrnehmung durch den Menschen mit einem subjektiven menschlichen Eigenrhythmus verknüpft wird. Diese These wird im Bereich der Musik an anderer Stelle noch von Bedeutung sein.

3. Musik und Rhythmus

Dass die Felder Musik und Rhythmus selbstverständlich untrennbar miteinander verknüpft sind, bedarf hier keiner Erklärung, doch fördert die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Verbindung Beschreibungen zutage, die den Rhythmus in einer anderen als der eben betrachteten Erscheinungsform sehen. Die europäische Musikwissenschaft hat vielfach versucht, den Rhythmus rational zu erfassen, durch systematische Betrachtungen allgemeingültige Formbestimmungen zu finden. Ein derartiger Blick auf den eben noch als Urphänomen des Lebens bezeichneten Rhythmus führt zu einer Rhythmus− Denkweise, der eine fast zwanghaft metrische Deutung von Rhythmus zugrunde liegt; die in Rhythmus zeitlich messbare Einheiten sieht, diese in Taktordnungen zusammenfasst, und somit einen klaren Rahmen definiert, in dem der Rhythmus als ein „messbarer“ Faktor (neben Harmonik und Melodik) der Ausgestaltung von Musik fungiert.

Der Musikwissenschaftler H. Riemann war es, der Anfang des 20. Jahrhunderts ein System aufstellte, das die Rhythmik in der Musik aus einer sehr pragmatischen und logischen Sichtweise heraus, mit dem Ziel systemgebundener Vereinheitlichung beschreibt. Er begründete die Lehre von Takt und Metrum, die, trotz vielfältiger, zumeist auf den Erkenntnissen aus 2.1. beruhender Kritik, Grundlage der Beschreibung des Rhythmus auch in der gegenwärtlichen Musiktheorie ist. Er definiert Rhythmus als „Ordnung der Tonstärkeänderung und der Verschiedenheit der Geschwindigkeit in der Tonfolge mittels Einhaltung einer leicht verfolgbaren Gliederung der Zeit in gleiche Abschnitte“.29 Aus dieser Beschreibung heraus sind es in Bezug auf Musik also genau zwei Faktoren, die den Rhythmus ausmachen: Die Dauer (kurz oder lang) und die Intensität (leicht oder schwer) von akustischen Ereignissen. Den Rahmen für diese Tonereignisse liefert eine festgelegte Einteilung der Zeit in gleichbleibende Intervalle. Abweichungen, die in diesem Rahmen auftreten, werden als Synkopen o.a. bestimmt, die als reizvolle Durchbrechungen doch immer auf das zugrundeliegende Schema bezogen sind.

Im Folgenden sollen deshalb die genauen Funktionszuweisungen musiktheoretischer Rhythmus−Begriffe untersucht werden, wobei dieser Abschnitt aus verschiedenen Gründen bewusst kurz gehalten ist. Die vielfältigen rhythmusbezogenen Strukturen der Musiktheorie (Notenwerte und die Möglichkeiten an sich daraus ergebenden Konstrukten) müssen hier nicht wiedergegeben und erklärt werden, da ich das entsprechende Wissen als bekannt voraussetze. In Hinblick auf mein Anliegen, den Rhythmus als Phänomen zu untersuchen, erachte ich es auch als interessanter, die rhythmische Basis der Musiktheorie (und hier scheinen mir vor allem die Begriffe Metrum, Takt und Tempo von Interesse) bezugnehmend zu Kapitel 2 einer kritischen Diskussion zu unterziehen, welche − so viel sei vorweggenommen − in ihren Ergebnissen recht schnell zum 4. Kapitel überleiten wird.

3.1. Metrum / Puls

Das MGG beschreibt 3 mögliche Positionen, wie die Begriffe Metrum und Rhythmus zueinander in Beziehung gesetzt werden können.30

1. Rhythmus ist dem Metrum ähnlich, d.h. nichts anderes als streng und regelmäßig gegliederter Zeitverlauf.
2. Rhythmus ist beseeltes Metrum und insofern diesem untergeordnet.
3. Metrum ist regulierter Rhythmus, als ein Gliederungsprinzip in dem Rhythmus sich äußern und Gestalt annehmen kann.

Metrum bedeutet Maß, soviel ist unbestritten. So bildet das Metrum also eine Art musikalischen Grundschlag oder Puls, der dann wiederum mit dem Rhythmus in einem bestimmten Verhältnis steht. Eine ganz einfache, und weniger hierarchisch gedachte Erklärung dieses Verhältnisses gibt Eddy Marron in seiner Rhythmik−Lehre, indem er das Metrum mit dem menschlichen Pulsschlag vergleicht und die Rhythmik mit den Körperbewegungen (Gestik, Stimme) gleichsetzt.

„Wenn der Pulsschlag des Kreislaufs und die Körperbewegungen eines Menschen in Harmonie und Einklang zueinander stehen, so ist dies mit einem Musikstück vergleichbar, dessen Metrum und Rhythmik miteinander harmonieren.“31

Ein auch in dieser Beschreibung subtil vorhandenes und sehr beliebtes Denkmuster sieht im Metrum etwas gleichbleibendes, weist ihm den Aspekt der Ordnung zu und verknüpft den Begriff Rhythmus gleichzeitig mit dem Aspekt der Veränderung. In der aktuellen Forschung erstreckt sich hier ein spannendes Problemfeld, in dem zum einen die Qualität der Gleichmäßigkeit des Metrums diskutiert wird, und andererseits hinterfragt wird, ob beide Begriffe tatsächlich so klar voneinander abgegrenzt werden können. Natürlich beschreiben sowohl Metrum als auch Puls zunächst ein sich in stark regelmäßigen Abständen wiederholendes, wie auch immer geartetes Ereignis, nur haftet dem Metrum in seiner üblichen musiktheoretischen Definition ein sehr statischer, gar mathematisch genauer Charakter an, während ein Puls ausgehend von seiner biologischen Bedeutung auch immer eine natürliche, lebendige Komponente beinhaltet. Hier kollidieren die verschiedenen Sichtweisen auf das Phänomen Rhythmus. Die theoretische Trennung von Metrum als Gegenbegriff zu Rhythmus wird aus ähnlichen Gründen − basierend auf wahrnehmungspsychologischen Aspekten − auch zunehmend bestritten.32 Hier klingt schon an, was unter 4. ausführlicher untersucht wird, nämlich die Tatsache, dass sich der Rhythmus in der Musik auch auf theoretischer Ebene nicht ohne den Bezug zum Individuum Mensch betrachten lässt. Unser Notensystem und die damit einhergehenden rhythmischen Festsetzungen sind Grundlage eines übermäßigen Einflusses rationaler, messbarer Metrik vor allem im europäischen Musikdenken. Dies ist anhand der Entwicklung der europäischen Orchester− und Konzertmusik erklärbar,33 und doch müssen wir gleichzeitig einsehen, dass damit auch ein Zurückweichen des Lebendigen des Rhythmus in der Musik einhergegangen ist.

3.2. Takt

So wie sich das Metrum als das rhythmische Maß durchgesetzt hat, ist der Takt als die Maßeinheit der zeitlichen Einteilung von Musik zu verstehen. Zur messbaren Festsetzung der Länge dieser Einheit dient die Taktart, die, basierend auf den Proportionen der Notenwerte, Grenzen setzt, die in der Verschriftlichung von Musik durch Taktstriche gekennzeichnet werden. Seit dem 17. Jahrhundert werden auf diese Weise gleichbleibende Zeitteile geordnet. Der Begriff Takt stammt vom lateinischen Verb tangere ab, das man mit berühren, stoßen oder schlagen übersetzen könnte und ursprünglich das gleichmäßige Zupfen bzw. Schlagen von Saiteninstrumenten oder auch die gleichmäßige Markierung musikalischer Zeitschritte durch Schlaginstrumente bezeichnete.34

[...]


1 Klages, Ludwig: Vom Wesen des Rhythmus , 4. Aufl., Bonn, 2000, S. 16

2 Langner, Jörg: Musikalischer Rhythmus und Oszillation. Eine theoretische und empirische Erkundung, in: Schriften zur Musikpsychologie und Musikästhetik, hrsg. von Helga de la Motte− Haber, Bd. 13, Frankfurt a. M., 2002, S. 11

3 Seidel, Wilhelm: „Rhythmus, Metrum, Takt“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Ausgabe, Sachteil, Bd. 8, Kassel [u.a.], 1998, Sp. 257

4 Zaminer, Frieder: „Rhythmus“, in: Riemann Musiklexikon, hrsg. von Hans−Heinrich Eggebrecht, Mainz, 1967, S. 803

5 Vgl. Seidel, Wilhelm: „Rhythmus, Metrum, Takt“, in: MGG, 2. Ausg., Bd. 8, Sp. 258f

6 Vgl. Fraisse, Paul: Rhythm and tempo, in: The psychology of music, hrsg. von D. Deutsch, New York, 1982

7 Vgl. Klages, Ludwig: Vom Wesen des Rhythmus, 2000, S. 26ff; 71ff

8 Seidel, Wilhelm: „Rhythmus, Metrum, Takt“, in: MGG, 2. Ausg., Bd. 8, Sp. 258

9 Vgl. Kopiez, Reinhard: Musikalischer Rhythmus und seine wahrnehmungspsychologischen Grundlagen, in: Aus dem Takt. Rhythmus in Kunst, Kultur und Natur, hrsg. von Christa Brüstle, Bielefeld, 2005, S. 128

10 Zitiert in: Seidel, Wilhelm: „Rhythmus, Metrum, Takt“, in: MGG, 2. Ausg., Bd. 8, Sp. 257

11 Giger, Peter: Die Kunst des Rhythmus. Professionelles Know How in Theorie und Praxis, Mainz, 1993, S. 13

12 Vgl. Marg, Nele: Rhythmus und Rausch. Die Faszination des strukturierten Chaos, Hamburg, 1997, S. 9

13 Vgl. Moritz, Ulrich: Body−Beat! Bodypercussion und Trommeln. Ein Lese− und Übungsbuch für alle Rhythmus−Begeisterten; mit vielen Tips für die rhythmuspädagogische Arbeit, erschienen im Selbstverlag, Berlin, ca. 2000, S. 3

14 Vgl. Mayer, Hans: Rhythmus. Über die rhythmische Prägung des Menschen und ihre kulturellen Erscheinungsformen, München, 1991, S. 13ff

15 Vgl. Mayer, Hans: Rhythmus, 1991, S. 22ff

16 ebd., S. 9

17 Mayer, Hans: Rhythmus, 1991, S. 21f

18 Vgl. Spiegel Online − Wissenschaft: Neugeborene erkennen Rhythmen URL: http:ƒƒwww.spiegel.deƒwissenschaftƒmenschƒ0,1518,603721,00.html, 28.07.2009

19 Vgl. Klages, Ludwig: Vom Wesen des Rhythmus, 2000, S. 56

20 Zitiert in: Vogel−Steinmann, Brigitte: Was ist Rhythmik? Analyse und Bestimmung der rhythmisch−musikalischen Erziehung, Regensburg, 1979, S. 13

21 Feudel, Elfriede: Rhythmisch−musikalische Erziehung, Wolfenbüttel, 1956, S. 25; 39

22 Vgl. Brandstetter, Gabriele: Rhythmus als Lebensanschauung. Zum Bewegungsdiskurs um 1900, in: Brüstle, Christa [u.a.] (Hrsg.): Aus dem Takt. Rhythmus in Kunst, Kultur und Natur, Bielefeld, 2005, S. 33ff

23 Vgl. Clauser, Günter: Die vorgeburtliche Entstehung der Sprache als anthropologisches Problem, Stuttgart, 1971, S. 69

24 Vgl. Lehmann, Silke: Bewegung und Sprache als Wege zum musikalischen Rhythmus, Osnabrück, 2007, S. 64ff

25 Vgl. ebd., S. 79ff

26 Zitiert in: Brüstle, Christa [u.a.] (Hrsg.): Aus dem Takt. Rhythmus in Kunst, Kultur und Natur, Bielefeld, 2005, S. 10

27 Zitiert in: ebd.

28 Brüstle, Christa [u.a.] (Hrsg.): Aus dem Takt, 2005, S. 12

29 Riemann, Hugo: System der musikalischen Rhythmik und Metrik, Leipzig, 1903, S. 213

30 Vgl. Dürr, Walther; Gerstenberg, Walter: „Rhythmus, Metrum, Takt“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 1. Ausg., Band 11, S. 385

31 Marron, Eddy: Die Rhythmik−Lehre. Ein musikalisches Arbeitsbuch für Instrumentalisten, Sänger und Tänzer in Klassik, Rock, Pop und Jazz, Brühl, 1990, S. 9

32 Vgl. Kopiez, Reinhard: Musikalischer Rhythmus, 2005, S. 129f

33 Vgl. Mayer, Hans: Rhythmus, 1991, S. 61

34 Vgl. Klages, Ludwig: Vom Wesen des Rhythmus, 2000, S. 16

Details

Seiten
95
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640531332
ISBN (Buch)
9783640531417
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142755
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften - Institut für Musik
Note
1,3
Schlagworte
Rhythmus Schulmusik Musik Musikunterricht Trommeln Rhythmik Orff Analyse Vermittlungskonzepte Problemfeld Musikpädagogik Musikschule Klassenmusizieren Konzepte Rhythmen Afrika Indien indische Musik afrikanische Bewegung Sprache Körperrhythmus Körper Herzschlag Phänomen Mensch Wirkung rhythmisch-musikalische Erziehung Takt Tempo Puls Beat Metrum Taktart Groove Rhythm Percussion Perkussion Noten

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Titel: Rhythmus als Problemfeld im Musikunterricht