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Die Identität der chinesischen Post-1980er Generation

Seminararbeit 2009 24 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Identität: Ein einleitender Definitionsversuch

3 Die Identität der chinesischen Jungend: Eine Einführung

4 Die verschiedenen Sphären der Identität
4.1 Von der Kommune über die Wirtschaftsreform zum Individualismus
4.2 Individualismus, die Ein-Kind-Politik und der Generationenunterschied
4.3 Konsum und Kultur
4.4 Internationalismus, die patriotische Erziehung und die Relegitimierung der Kommunistischen Partei
4.5 Chinas wachsender Stadt-Land Unterschied

5 Fazit und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Seminararbeit möchte ich mich weder mit der Identität einzelner Individuen noch der einer ganzer Nation auseinandersetzen sondern der einer spezifischen Gruppe: Es sind dies die jungen Erwachsenen der Volksrepublik China. Ich möchte mich dabei nicht auf das Schicksal einer Ethnie konzentrieren sondern mich mit dem aller jungen Chinesen als Ganzes auseinander setzen: Die Unterscheidung und Betonung der ethnischen Zugehörigkeit in Han-Chinesen sowie Hui, Uiguren und andere Minderheiten wird mich daher in dieser Untersuchung nicht beschäftigen. In einem urbanen Kontext ist diese sowieso von geringerer Bedeutung, da sich die Menschen im gegenwärtigen China mehr für geschäftliche Belange und die dafür erforderlichen Fähigkeiten interessieren als für ethnische Zugehörigkeiten (vgl. Xi 2006:94). Im Folgenden wird daher nicht von jungen Han-Chinesen oder jungen Hui die Rede sein, sondern einfach von der jungen/neuen Generation oder der Post-1980er-Generation.

Aus Gründen des Umfangs und meiner Ansprüche an Detailliertheit und das Zurückgreifen auf diverse Quellen zu einem Teilbereich, muss ich mich auf die Lebenswelt der jungen Chinesen in einem urbanen Kontext beschränken. Dabei darf aber nicht vergessen gehen, dass das Schicksal der migrierenden Landjugend, dass laut Hewitt (2007) 130 Millionen oder 15% der ganzen Bevölkerung umfasst, eine wichtige Facette zum Verständnis des gegenwärtigen China ist. So weit mir möglich werde ich daher das Schicksal der floating population doch zu berücksichtigen versuchen, um dem Schicksal dieser grossen Bevölkerungsmasse gerecht zu werden.

Die Literatur zu meiner Fragenstellung ist reichhaltig, aber leider nicht immer auf dem neusten Stand. Für die jüngsten Entwicklungen über das Schicksal der chinesischen Jugend wie die Ereignisse während der Olympiade in Beijing 2008 oder sogar noch neuere Begebenheiten, musste ich auf Zeitschriftenartikel, Texte in Sammelbänden und Journale sowie das Internet zurückgreifen. Für ältere Entwicklungen wie die chinesische Wirtschaftsreform, die Ein-Kind-Politik oder Veränderungen im Bereich von Patriotismus und Migration konnte ich eine reichhaltige Bandbreite an Büchern verwenden. Aufgrund der Schwammigkeit des Begriffs „Identität“ ergaben sich stellenweise gewisse Probleme bei der Einschränkung der Fragenstellung: Welche gesellschaftlichen Phänomene sind für das Verständnis der Identität der chinesischen Jugend relevant und welche nicht? Zu Anfang hatte ich das Gefühl, dass so gut wie jeder Gesellschaftsbereich von Relevanz ist, konnte und musste mich dann aber wegen dem riesigen Literaturangebot zu China zwangsläufig einschränken.

Während der 90er Jahre und Anfangs des 21. Jahrhunderts spöttisch little emperors, bird’s nest generation, me generation oder spoiled generation genannt, ist diese jüngste Generation Chinas in einer ganz speziellen geschichtlichen Konstellation aufgewachsen und sieht sich einer Gesellschaft gegenüber, in der ihr die Hilfestellungen der älteren Generationen wenig nützlich sind. Die Wirtschaftsreform von Deng Xiaoping, 1978 initiiert, hat China zu einem völlig neuen Land gemacht, das sich in den vergangenen 30 Jahren tiefgreifend verändert hat. Die sogenannte sozialistische Marktwirtschaft, ein System dass den westlichen Kapitalismus mit der Politik der Kommunistischen Partei zu vereinen versucht, verlangt von der jungen Generation bis anhin nicht gebrauchte Fähigkeiten und führt zu einer immer grösser werdenden Kluft zwischen ihnen und den älteren Generationen.

So schwierig allein der Begriff Identität zu fassen ist, so schwierig gestaltet sich auch die Verbalisierung einer mehr und minder klar fassbaren Identität der jungen Generation. Zu heterogen ist sie, als dass ich all ihren spezifischen Ausprägungen gerecht werden könnte (vgl. Kwong 1994:248). Ich möchte mich darum auf diejenigen Charakteristiken beschränken, die allen jungen Chinesen gemeinsam sind: Diese ergeben sich durch geschichtliche Umwälzungen wie die Ein-Kind-Politik, die Auswirkungen der Wirtschaftsreform, weltgeschichtliche Ereignisse wie die Beziehungen mit den USA, das Patriotismus-Erziehungsprogramm während den Neunzigerjahren, die Medienberichterstattung nationaler wie internationaler Medien sowie die Veränderung des chinesischen Bildungssystems.

Um einer objektiven Methodik und Herangehensweise gerecht zu werden, möchte ich die Ansichten und Ergebnisse von Webers Untersuchung von Beginn an mit einbeziehen, der die Identität der chinesischen Jungend folgendermassen charakterisiert: „The themes of individualism (self expression), personal aspirations (success), growing alienation (generational gap), immediate gratification (hedonism and consumerism), individual qualities (female sexuality and empowerment), admiration of things foreign (wealth and materialism) and attitutes (public criticism) continue to play a major role in understanding how youth constructs a self-identity in this rapidly changing and complex social environment“ (Weber 2002:366).

Ich möchte mich teilweise an Webers Herangehensweise an die Konstituierung der Identität der jungen Generation angleichen und meine Untersuchung mit einem Überblick über die verschiedenen Facetten der Jugendidentität beginnen um dann weiter auf die einzelnen Phänomene wie Wirtschaft, Migration, Ein-Kind-Politik, Arbeit und Ausbildung sowie Patriotismus sprechen zu kommen. Meiner Ansicht nach ist ohne ein Verständnis der jüngeren Geschichte Chinas und den damit einhergehenden Transformationen der Gesellschaft ein tiefgehendes Begreifen der Post-1980er-Generation nicht möglich.

Um Abu-Lughods (1991) Vorschlag einer Ethnologie des Partikularen gerecht zu werden, die ihre Feststellungen an Einzelschicksalen zu verdeutlichen sucht und keine einfachen Verallgemeinerungen liefert, werde ich wo angemessen, Bespiele aus zeitgenössischer chinesischer Belletristik oder Filmen verwenden, um die vorgeschlagenen Ideen zu verdeutlichen und verständlicher zu machen.

2 Identität: Ein einleitender Definitionsversuch

Identität ist etwa so schwierig und so einfach zu erklären wie das Wort „Persönlichkeit“. Zu vereinfacht könnte man sagen, alle Lebensbereiche und Erfahrungen des menschlichen Lebens spielen in die Konstruktion von Identität hinein. Hier ergibt sich bereits ein erstes Problem: Sowohl Individuen als auch Gruppen, ja sogar ganze Nationen besitzen Identitäten, die sich aber auf ganz unterschiedliche Weise konstituieren. Ist Identität prozessual, primordial, situational oder sogar eine Entscheidung des freien Willens und nutzenorientiert im Sinne der rational choice theory ? Ist sie natürlich und gegeben oder kann sie willentlich transformiert und zu gewissen Zwecken missbraucht, also instrumentalisiert werden?

Da ich anlässlich dieser Arbeit unmöglich auf alle Facetten von Identität eingehen kann, werde ich mich auf diejenigen Ansätze zur Identitätstheorie beschränken, die mir zur Beantwortung meiner Fragenstellung von Nutzen sind. Da ich mich mit einer Altersgruppe der Volksrepublik China auseinander setze, interessiere ich mich daher im Besonderen für die Konstruktion von Gruppenidentität. Dass ich der realen Lebenswelt von einzelnen Individuen anlässlich dieser Arbeit nie werde gerecht werden können, wurde weiter oben bereits erwähnt.

Jenkins (1996) geht in seinem Grundlagenwerk Social Identity auf die Signifikanz von Identität im realen Alltag ein: In einer immer vernetzteren, kulturell homogener werdenden Welt kommt Identität eine immer wichtiger werdende Bedeutung zu: Durch sie beanspruchen Individuen oder Gruppen Einzigartigkeit, die mit dem Anspruch auf Rechte und Pflichten einhergeht. Gerade in der chinesischen Gesellschaft, in der der Fokus auf Arbeitsleistung liegt, kann für den Einzelnen die Beanspruchung von so etwas wie Singularität ein wichtiger Faktor für das Selbstverständnis und die Selbstwertschätzung sein. Jenkins definiert seine Theorie der sozialen Identität folgendermassen: Es muss zwischen individueller Identität, die Einzigartigkeit und damit Unterschiedlichkeit betont und gemeinsamer Identität, die sich auf Ähnlichkeiten zwischen Menschen bezieht, unterschieden werden. Jenkins beschreibt das Konzept der äusseren oder inneren Identität resp. die Selbstkonzeption und Fremdkonzeption von individueller und kollektiver Identität als Grundstein seiner Theorie der sozialen Identität. Um sein Gedankengang zu veranschaulichen zitiert er Mead: „Mead suggests that we cannot see ourselves at all without seeing how other people see us“ (Jenkins 1996:21).

Jenkins sieht, aus dieser Betrachtungsweise rückschliessend, Identität als soziale Praxis, als etwas das validiert werden muss und daher zwischen Individuum und Gesellschaft resp. Individuum und Individuum oder Gruppe und Gruppe oder Gruppe und Gesellschaft oder Gruppe und Individuum ausgehandelt wird. Wenn Identität als Prozess verstanden wird, so muss auch der Verinnerlichung von Identitätslabeln resp. die Auflehnung dazu Rechnung getragen werden. Weiter muss zwischen der nominalen Identität, einer Etikettierung und einer sozialen Praktik von Identität unterschieden werden. Identität ist unentwirrbar auch mit Machtansprüchen und Politik verbunden: Mit einer gewissen Identität erhalten Leute Zugang zu gewissen Ressourcen. Jenkins betont weiter die Bedeutung von Selbst- und Fremdsicht von Identität: Er glaubt nicht an eine klare Unterscheidbarkeit von Aussen und Innen resp. Internalisierung und Selbstsicht von Identität. Identität, so argumentiert Jenkins, ist vielmehr etwas, das durch Sprache artikuliert wird, dass durch Reflexivität im Spiel zwischen dem Selbst und dem Umfeld entsteht und das ausgesprochen werden muss.

Auch Zirfass/Jörissen (2007) gehen bei ihrem phänomenologischen Zugang zur Identitätstheorie von der Wichtigkeit von Selbst- und Fremdzuschreibung von Identität aus. Identität wird immer dann wichtig, wenn Differenz aufscheint und sich die Frage nach dem eigenen Selbst zu stellen beginnt. Dies kann durch die Beschäftigung mit den Medien passieren oder durch das Unsicherwerden ökonomischer und politischer Perspektiven.

Neben diesen Beiden, auf Selbst- und Fremdsicht fokussierte Ansätze, scheint mir Foucaults (1993) Herangehensweise, der in seinem Aufsatz Technologien des Selbst die Wichtigkeit von sozialer Praxis und Erfahrung zur Identitätskonstruktion betont, von Signifikanz zu sein. Im Sinne Foucaults möchte ich den Fokus der Konstruktion der Identität der chinesischen Jugend darum explizit auf die soziale Praxis legen, um dem Alltag der Untersuchten, der alle Gesellschaftsbereiche umfasst, gerecht werden.

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Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640518579
ISBN (Buch)
9783640518777
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142816
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Ethnologisches Institut
Note
5.5 (Schweizer Notensystem)
Schlagworte
Identität Post-1980er Generation

Autor

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Titel: Die Identität der chinesischen Post-1980er Generation