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Soziale Ungleichheit, Schulversagen und Bildungsaufstiege

Bildungschancen für Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Milieus

Hausarbeit 2009 28 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Einleitung

Diese wissenschaftliche Hausarbeit beschäftigt sich mit den Bildungsunterschieden bzw. mit der Chancengleichheit in unserem Bildungssystem. Können wir überhaupt von Chancengleichheit sprechen? Wenn nicht, wie ist dieser soziale Missstand zu erklären bzw. welche Aspekte führen zur Chancenungleichheit?

Bildung ist spätestens seit PISA eines der aktuellsten Themen in der Politik, in der Presse, allgemein in unserer Gesellschaft und natürlich auch in den Professionen der Wissenschaft.

- „Im Dezember 2001 sagte Jürgen Baumert, der wissenschaftliche Leiter der ersten PISA-Studie in Deutschland: „Die Chancen eines Arbeiterkindes, anstelle der Realschule ein Gymnasium zu besuchen, sind viermal geringer als eines Kindes aus der Oberschicht“ (Preisendörfer, 2008: 4).
- „Im September 2002 meldete „Der Spiegel“: „Von den 32 untersuchten Nationen ist in keiner der Abstand zwischen der Leistung von Schülern aus privilegierten Familien und solchen aus unteren Schichten derart groß wie in Deutschland: Platz 32“ (ebd.).
- „Im Oktober 2004 schrieb Eliteforscher Jochen Schweitzer, Vertreter der Kultusministerkonferenz, in den PISA-Gremien: „Die Schüler aus den unteren Sozialschichten werden viermal bestraft: durch ihre Herkunft, durch die ungerechte Selektion am Ende der Grundschule, durch die ungünstigen Lernbedingungen der Hauptschule und schließlich durch die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ (ebd.: 5).

Diese drei Zitate lassen vermuten, dass die Frage, ob in unsrem Bildungssystem von Chancengleichheit gesprochen werden kann, zweifellos mit „Nein“ beantwortet werden könnte. Sie nehmen also einige Aspekte dieser Ausarbeitung vorweg. Näheres soll jedoch in dieser Hausarbeit geklärt werden.

Zunächst sollen die Begriffe „Bildung“ und „Soziale Ungleichheit“ erläutert werden. (Kapitel 1). Anschließend wird die Bedeutung von Übergängen nach der Grundschule in die Sekundarstufe I sowie nach dem ersten Sekundarbereich, der eventuelle Übergang in die Sekundarstufe II, anhand entscheidender (Selektions)Faktoren thematisiert (Kapitel 2). Das darauf folgende Kapitel widmet sich speziell dem Tertiärbereich des Bildungssystems und nimmt Aspekte wie die Bildungsbeteiligung von Angehörigen bildungsferner Milieus an Hochschulen, Motive von Bildungsaufsteigern sowie spezifische Beschreibungen einer Bildungsaufsteigerin auf (Kapitel 3).

Abschließend sollen die Erkenntnisse dieser Arbeit kritisch reflektiert bzw. diskutiert werden (Kapitel 4).

David M. X. Lehnerer, im August 2009

1 „Bildung“ und „Soziale Ungleichheit“

1.1 Bildung

Der Begriff Bildung ist in aller Munde. Doch wissen eigentlich auch alle, was mit Bildung gemeint ist? Gibt es nur „genau eine Bildung“ und damit befinden sich alle Meinungen in einem Konsens oder lässt sich der Begriff doch weiter ausdehnen als im ersten Moment angenommen?

Der Begriff Bildung hatte seinen Ursprung im Mittelalter und ist höchstwahrscheinlich einem theologischen Hintergrund unterlegen. (Vgl.: Portmann, 2006: 17)

Bildung beinhaltet zudem zwei Begrifflichkeiten: „bilden“ und „Bild“. Also etwas Gestalten im Bezug auf „bilden“ sowie etwas „produzieren“, aber auch „Vorbild“ bezüglich des Wortes „Bild“. (Vgl.: ebd.)

Der Begriff der Bildung vollzog in seiner Historie schon viele verschiedene Stationen im Hinblick auf das Begriffsverständnis. (Vgl.: ebd.)

Heute wird mit dem Begriff Bildung als erstes die Institution „Schule“ in Verbindung gebracht. (Vgl.: ebd., 8; Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger, 2009: 20)

Hinzu kommen viele verschiedene Begriffskonstellationen, wie z.B. „Bildungssystem und (zweiter) Bildungsweg, Bildungskatastrophe und Bildungsreform, Bildungspolitik und Bildungsadministration, Bildungsrecht und Bildungsstatistik, Bildungsstandards und Bildungskanon, Bildungsabschlüsse und Bildungsprivileg, Bildungschancen und Bildungsbeteiligung usw.“ (Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger, 2009: 20).

Diese Begriffe beziehen sich vorrangig auf unser Schulwesen und beinhalten keine Aspekte wie z.B. „(...) die biographische Bedeutung einzelner Situationen“ (ebd.).

Es stellt sich also die Frage, welche Aspekte der Begriff Bildung neben dem überwiegenden Bezug zur Schule außerdem beinhaltet.

Bildung qualifiziert nicht nur, sie fördert und trägt erheblich zur Entwicklung des Individuums bei. (Vgl.: Kraus, 2008: 8)

In den verschiedenen Professionen der Wissenschaft wird der Bildungsbegriff sehr häufig verwendet. Die große Schwierigkeit liegt jedoch darin, den Bildungsbegriff möglichst genau beschreiben zu können. Den Begriff Bildung in einem wissenschaftlichen Kontext zu verwenden, erzeugt also durchaus Reibereien. (Vgl.: Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger, 2009: 136)

So wird der Bildungsbegriff in der Erziehungswissenschaft hin und wieder mit dem Begriff „Erziehung“ gleichgesetzt. Soziologen hingegen verwenden den Bildungsbegriff im Zusammenhang mit den Substantiven „Sozialisation“ und „Identität“. (Vgl.: ebd.)

Auch die Begriffe, die mit dem Bildungsbegriff eng verwandt sind, geraten in den wissenschaftlichen Professionssog und dominieren ihren Bereich.

„(...) wenn von Ausbildung, Qualifikation oder Kompetenz die Rede ist, kommen berufspädagogische und bildungsökonomische Perspektiven ins Spiel, und der Lernbegriff und der Wissensbegriff sind geprägt von psychologischen und soziologischen Zugriffen, während philosophisch-pädagogische Bestimmungen seltener wahrgenommen werden“ (Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger, 2009: 136).

Der Begriff Bildung ist also (neben der Assoziation zur Schule) umfangreich ausgefüllt. Im nächsten Kapitel soll ein Teilbereich des Bildungsbegriffs dargelegt werden.

1.2 Bildung als Statussymbol

Generell bezeichnet der Statusbegriff die entweder bessere oder die schlechtere Gesellschaftsstellung des Menschen. Dies bedeutet also, dass der Status die Stellung eines Menschen im eher oberen Bereich einer sozialen Dimension der sozialen Ungleichheit (vgl. hierzu auch Kapitel 1.3 und 1.4) bezeichnet, oder den eher unteren Bereich des Menschen einer solchen Dimension der sozialen Ungleichheit bezeichnet. (Vgl.: Hradil, 2001: 33)

In den einzelnen Dimensionen verfügt nicht jedes Individuum über den gleichen Status und es sind auch nicht alle Statusanordnungen verschieden. Hier ist die Rede von der sog. „Statusverteilung“ (ebd.). „Statusgruppen“ (ebd.) bezeichnen die Gruppierungen von Personen, die über einen ähnlich hoch oder weniger angesehenen Status verfügen. (Vgl.: ebd.)

Speziell die Bildung wird mehr und mehr zum Symbol des gesellschaftlichen Status, den ein Mensch in seinem Leben erreicht bzw. erreichen kann, da die Bedeutung von Bildung auf langfristiger Basis die Grundlage der individuellen Lebenschancen bildet. (Vgl.: Geißler. In: Maaz, 2006: 25)

Bezüglich der Bildung definiert Hradil (2001) die „Statuszuweisung“ wie folgt:

„Den Bildungseinrichtungen wurde seit dem Ende der Ständegesellschaft immer konsequenter die Aufgabe übertragen, die individuelle Leistungsfähigkeit bzw. -bereitschaft zu messen und zu bestätigen. Mit diesen Leistungsnachweisen soll den einzelnen der gesellschaftliche Status zugewiesen werden, der ihnen gemäß ihrer individuellen Leistung zukommt.“ (Hradil, 2001: 150)

Die sozialen Chancen sind sehr stark am Bildungsniveau eines Menschen gekoppelt. So beinhaltet der Zugang zur Bildung sowie die entsprechenden Zertifikate der Bildungsinstitutionen (vgl. hierzu auch Kapitel 2.3) eine wesentliche Entscheidungskompetenz bezüglich der Position, die der Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Besonders in der Bundesrepublik Deutschland besteht ein sehr großer Zusammenhang zwischen Bildung und Beruf. Dies ist dann auch zwangsläufig mit dem Statuserwerb des Menschen verbunden. (Vgl.: Müller/Shavit. In: Maaz, 2006: 25)

Für die Arbeitswelt (und der damit verbundene Statuserwerb) ist nicht nur Leistung entscheidend, sondern bei der Auswahl des Arbeitnehmers auch oder sogar in erster Linie der „Bildungstitel“ (Maaz, 2006: 26).

Maaz (2006) betont, dass dies in Deutschland keineswegs eine neue wissenschaftliche Erkenntnis ist. Das Ineinanderverlaufen von Bildungsqualifikationen und der Arbeitsmarktwelt war bereits in Preußen gegeben und beruht so schon eher auf einer Tradition. (Vgl.: Fischer/Lundgreen. In: Maaz, 2006: 26)

Kapitelabschließend und- übergreifend kann festgehalten werden, dass Bildung im Zusammenhang des gesellschaftlichen Status äußerst eng miteinander verbunden sind. In diesem Kapitel wurden bereits einige Aspekte der sozialen Ungleichheit angerissen. Die nächsten drei Unterkapitel richten ihren Fokus speziell auf dieses gesellschaftliche Phänomen.

1.3 Soziale Ungleichheit

Hradil stellt zum Begriff „Soziale Ungleichheit“ folgende Definition auf:

„„Soziale Ungleichheit“ liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten.“ (Hradil, 2001: 30)

Wie der Begriff der „Stellung“ einzuordnen ist, konnte bereits im Kapitel 1.2 geklärt werden. Doch was meint Hradil mit „wertvollen Gütern einer Gesellschaft“?

Bestimmte Güter werden in unserer Gesellschaft als besonders wertvoll betrachtet. Zum Beispiel wird ein hoher Bildungsabschluss als wertvoll angesehen. Doch auch Arbeitsbedingungen, Titel oder Geld sind Güter, die in der Gesellschaft besonderen Wert besitzen. (Vgl.: ebd.: 28)

Menschen die über diese beispielhaft wertvollen Güter verfügen, erscheinen uns „als besser- oder höhergestellt“ (ebd.) als uns andere Menschen erscheinen.

Güter gelten als wertvoll, wenn mit ihnen etwas sehr wünschenswertes in Verbindung gebracht wird. (Vgl.: ebd.) Hradil nennt Beispiele wie: „Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und individuelle Autonomie“ (2001: 28).

Der Begriff „Soziale Ungleichheit“ ist jedoch nicht nur abstrakt mit wertvollen Gütern gefüllt, sondern auch mit der Vorstellung wie diese Güter verteilt sein sollten, damit „Ungleichheit“ in Betracht gezogen werden kann. Denn was Ungleichheit genau besagt, ist nicht präzise zu erläutern. (Vgl.: ebd.)

Hradil differenziert jedoch zwischen „absoluter Ungleichheit“ und „relativer Ungleichheit“. „Absolute Ungleichheit ist dann gegeben, wenn von den „wertvollen“ Gütern einer Gesellschaft (Geld, Bildungsabschlüsse, gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen etc.) ein Gesellschaftsmitglied mehr als ein anderes erhält.“ (Hradil, 2001: 28) „Relative Ungleichheit besteht dagegen im Hinblick auf bestimmte Verteilungskriterien, wie z.B. Leistung, Bedürfnisse, Alter und Dienstalter. Relative Ungleichheit tritt z.B. dann auf, wenn bestimmte Personen mehr verdienen, als sie ihrer Leistung gemäß „verdienen““. (Hradil, 2001: 28f.)

Eine weitere Komponente des Begriffs „Soziale Ungleichheit“ ist, neben den wertvollen Gütern und ihre Verteilung, der Aspekt, dass soziale Ungleichheit zwischen allen Gesellschaftsmitgliedern gemeint sein kann, aber auch zwischen speziellen Gruppierungen, wie z.B. das Erwerbseinkommen zwischen Männern und Frauen oder zwischen Inländern und Ausländern. (Vgl.: ebd.: 30)

„Soziale Ungleichheit“ ist sehr vielfältig. Diese Vielfältigkeit wird in bestimmte Dimensionen eingeteilt, welche im folgenden Unterkapitel ebenfalls mit den Erkenntnissen Hradils beschrieben werden.

1.4 Dimensionen sozialer Ungleichheit

Dimensionen sozialer Ungleichheit benennen die „Kategorien“, die im Zusammenhang der sozialen Ungleichheit entscheidend sind. Als sog. „Basisdimensionen“ benennt Hradil (2001) die Aspekte „materieller Wohlstand, Macht und Prestige“ (ebd.: 31). Sie werden als Basisdimensionen bezeichnet, weil speziell diese Kategorien die unvorteilhaftesten bzw. vorteilhaftesten Auswirkungen für Menschen haben, die ein „erstrebenswertes Leben“ verfolgen. Hradil betont, dass „Bildung“ als vierte Basisdimension hinzugekommen ist. Denn Bildung sei bezüglich anstrebenswerter Lebensziele, sei es Titel, Ansehen, Geld, Wohlstand usw., so Hradil, unumgänglich. (Vgl.: ebd.) Neben den Basisdimensionen werden auch die Dimensionen „Arbeits-, Wohn-, Umwelt- und Freizeitbedingungen“ (ebd.) benannt.

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Details

Seiten
28
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640519644
ISBN (Buch)
9783640521364
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142947
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Soziale Ungleichheit, Schulversagen und Bildungsaufstiege