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Schichtspezifische Kriminalität oder Kriminalisierung?

Die schichtspezifische Verteilung der Kriminalität und deren Ursachen mit besonderem Bezug auf eine Kriminalisierung durch die Medien

Hausarbeit 2004 20 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffserklärung der Kriminalität im Zusammenhang mit der Soziologie und deren Teilbereich Soziale Ungleichheit
1.2. Die schichtspezifische Verteilung von Kriminalität: In der Kriminalstatistik sind die unteren Schichten überrepräsentiert

2. Kriminalisierung als Ursache der Überrepräsentation unterer Gesellschaftsschichten. Der moderne Deutungsansatz nach Rainer Geißler
2.1. Der „Fall Sebnitz“ : Übertreibung, Verzerrung und mangelhafte Recherche im Fall des Todes eines Jungen als „Waterloo der deutschen Presse“ und Beispiel für eine Kriminalisierung durch die Medien
2.2. Die permanente Transformation der Wirklichkeit - die Medienwirkung auf den Bewusstseinsbildungsprozess des Publikums
2.3. Wer wird durch die Medien kriminalisiert? Ausländer, sozial desintegrierte, missbrauchte und orientierungslose Jugendliche und soziale Schichten mit geringem oder keinem Einkommen
2.4. Unterschiede in der Wirkungsweise verschiedener Medien. Unterschiede zwischen Printmedien und elektronischen Medien und die Rolle des Internet
2.5. Inwiefern haben die Medien einen Einfluss auf die verschiedenen Justizorgane? Untersuchung zum „Fall-Sebnitz“ und zum Raserfall „Turbo-Rolf“. Verhaftungen und Verurteilungen unter großer Anteilnahme der Medien

3. Resümee: In Zukunft könnte sich eine Kriminalisierung durch eine emotionalisierende und manipulierte Form der Berichterstattung verstärken. Wache Beobachtung und Kritik könnten einer Kontrolle dienen. Klassenjustiz ist durch eine Kriminalisierung der unteren Schichten real nicht anzutreffen

Literatur

1. Begriffserklärung der Kriminalität im Zusammenhang mit der Soziologie und deren Teilbereich Soziale Ungleichheit

Kriminalität im juristischen Sinne, so Schwind, sind „Handlungen mit strafrechtlichen Folgen“ (1998, in Lüdemann/Ohlemacher 2002: 9). Darüber hinaus ist bei Schwind die Rede von einem „natürlichen Kriminalitätsbegriff“, welcher Handlungen meint, die schon ohne ein strafrechtliches Verbot „verwerflich“ sind.

In der Soziologie und im Kontext dieses Aufsatzes ist mit dem Begriff der Kriminalität ein „abweichendes Verhalten“ (Schwind 1998, in Lüdemann/Ohlemacher 2002: 9) gemeint, ein Verhalten, das gesellschaftskonträr und unkonventionell ist, welches, so Downes und Rock, (1982 in Lüdemann/Ohlemacher 2002: 10) „wahrscheinlich Bestrafung und Ablehnung hervorruft“ oder z. B.: „Ein Verhalten, das nicht den Regeln, Normen und Verhaltenserwartungen entspricht, die in einer Gesellschaft oder in einem ihrer Teilbereiche gelten.“ (Bolte/Hradil 1984: 320).

In der Soziologie findet man die Kriminalität vor allem als „abweichendes Verhalten“(Lüdemann/Ohlemacher 2002: 12) Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wieder. Der soziologische Ansatz beschäftigt sich, im Gegensatz zum juristischen, vielmehr mit der „Wechselwirkung von spezifischem Verhalten einzelner oder von Gruppen“ (Lüdemann/Ohlemacher 2002: 12) und deren „Einordnung“ und den „gesellschaftlichen Reaktionen“.

Im Zusammenhang mit der Kriminalsoziologie und der Untersuchung von Kriminalität und Sozialer Ungleichheit ist der Begriff der Kriminalität als „strafrechtlich [...] definierte Kriminalität“ zu verstehen (Lüdemann/Ohlemacher 2002: 11).

Die vorliegende Arbeit beschreibt soziale Ungleichheit im Zusammenhang mit einer so definierten Kriminalität und einer Kriminalisierung bestimmter Gesellschaftsschichten und bestimmter Gruppierungen. Des Weiteren wird besonders auf eine Kriminalisierung durch die Massenmedien eingegangen.

1.2. Die schichtspezifische Verteilung von Kriminalität: In der Kriminalstatistik sind die unteren Schichten überrepräsentiert.

Prof. Dr. Rainer Geißler, Professor für Soziologie an der Universität Siegen, stellt in seinem Buch „Soziale Schichtung und Lebenschancen in Deutschland“ (1994) fest, dass die unteren Gesellschaftsschichten in den Kriminalstatistiken „erheblich“ überrepräsentiert und die oberen Schichten unterrepräsentiert sind (Geißler 1994: 160). Es handelt sich bei diesen Kriminalstatistiken um die der staatlichen Kontrollinstanzen, also von Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und Strafvollzugsanstalten, also um die „entdeckte Kriminalität“ (Geißler 1994: 160). Hier stellt sich das Problem, was mit „entdeckter“ Kriminalität gemeint ist. Geißler beschreibt eine Untersuchung von Peters zur Verteilung der Straftaten innerhalb einer Großstadt des Ruhrgebietes innerhalb eines Monats bei 1300 Personen im Jahre 1971, welchen eine strafbare Handlung vorgeworfen wurde (Geißler 1994: 161). Von diesen Personen stammten ca. 90% aus der Unterschicht, ca. 9% aus der Mittelschicht und lediglich ca. 1% aus der Oberschicht. Ob diese Untersuchung allerdings Repräsentativität beanspruchen kann ist fraglich, da der Zeitraum der Untersuchung mit einem Monat sehr kurz bemessen war, nur wenige Personen Eingang in die Untersuchung gefunden haben, das Einzugsgebiet klein war und sie deshalb heute eventuell veraltet und überholt ist. Dennoch macht sich der schichtspezifische Effekt strafrechtlicher Sanktionen am drastischsten in den Haftanstalten bemerkbar: „Unsere Gesellschaft vollstreckt ihre harten Sanktionen des Freiheitsentzugs im Wesentlichen an einer kleinen Minderheit - an den Männern aus der untersten Sozial- und Bildungsschicht.“ (Geißler 1994: 161). So zeigt das Bildungsniveau von deutschen Angeklagten vor Stuttgarter Jugendgerichten 1987/1988, dass von 2729 Angeklagten 19% keinen Schulabschluss hatten oder die Sonderschule besuchten, 53% hatten einen Hauptschulabschluss, 19% einen Realschulabschluss und lediglich 0,9% der Häftlinge besuchten das Gymnasium oder waren im Besitz des Abiturs (Geißler 1994: 162). Auch gibt es eine Häufung bestimmter Straftaten in bestimmten Schichten, so begehen Angehörige der unteren Schichten eher Straftaten wie Bankraub, Diebstahl, Agressionsdelikte (Totschlag, Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung), Bagatellbetrug und Sittlichkeitsdelikte, während Angehörige der Mittelschicht überrepräsentiert sind bei Delikten wie Unterschlagung und Betrug (Geißler 1994:163). Angehörige der oberen sozialen Schichten dagegen begehen öfter als die der anderen Schichten Delikte im Rahmen von Wirtschaftskriminalität. Die klassische Deutung dieser Ungleichverteilung geht nun von einer Verkettung der Nachteile der unteren Schichten aus. Im Zentrum ihrer Analysen stehen die Täter und die sozialen Ursachen ihres kriminellen Verhaltens, Kriminalität lässt sich als Reaktion auf gesellschaftliche Versagungen deuten. Bereits die Chancen sich auf legalem Wege in den Besitz des Erstrebenswerten zu setzen sind bei den unteren Schichten kleiner und somit ungleich verteilt (Geißler 1994: 164). Aber mehr als auf die klassische Deutung der sozialen Ungleichheit in der Schichtverteilung der Kriminalstatistik will diese Arbeit im Folgenden auf die moderne Deutung eingehen, in deren Mittelpunkt nicht der täterorientierte Ansatz, sondern vielmehr das Produkt aus Normen und Sanktionen steht (vgl. Geißler 1994: 169).

2. Kriminalisierung als Ursache der Überrepräsentation unterer Gesellschaftsschichten. Der moderne Deutungsansatz nach Rainer Geißler

Die moderne Deutung der Ungleichverteilung der Kriminalität, so Geißler, geht vom so genannten „Etikettierungsansatz“ aus, welcher die Aufmerksamkeit auf die Entstehung und die Inhalte der Gesetze und deren Überwachung durch die Instanzen der staatlichen Sozialkontrolle richtet (Geißler 1994: 169). Man geht hier davon aus, dass die schichtspezifischen Kriminalitätsraten vor allem auf die ungleiche Behandlung der Kontrollinstanzen zurückzuführen sind. So werden nach Geißler höchstens 5% aller Straftäter rechtskräftig verurteilt, nur ein verschwindend geringer Teil der Straftaten wird gerichtlich bestraft. Dafür verantwortlich sind polizeiliche und gerichtliche „Filter“ (Geißler 1994: 171). Diese Filter führen zu einem Ausleseprozess, angefangen bei der Anzeigebereitschaft der Bevölkerung. So gibt es schon hier eine größere Neigung zum Einschalten der Polizei, wenn es sich bei den Delinquenten um Angehörige aus der Unterschicht handelt. Auch die Polizei selbst hat bereits typische Vorstellungen von „anständigen“ und „verdächtigen“ Personen (Geißler 1994:174). Bei der nächsten Stufe des Kriminalisierungsprozesses handelt nun, so Geißler, die Staatsanwaltschaft. Aufgrund einer geringeren Geständigkeit und einer häufigeren Vertretung durch Anwälte müssen Verfahren von Angehörigen der Mittelschicht öfter als die der Unterschicht aus Beweisschwierigkeiten eingestellt werden (Geißler 1994: 177). Auf der dritten und letzten Stufe schließlich steht das Gerichtsverfahren. Auch hier gibt es Defizite in der Unterschicht, was ihre Verteidigungsfähigkeit anbelangt. Allgemein fehlt ihr die psychisch- soziale Nähe zum Rechtswesen, so bestehen Beispielsweise sprachliche Barrieren („Die Sprache vor Gericht ist die Sprache der Mittelschicht.“ Geißler 1994: 179). Aber auch die Tatsache, dass Angeklagte der Unterschicht häufiger keinen Beruf ausüben oder keinen festen Wohnsitz haben, verschafft ihnen eine benachteiligte Behandlung vor Gericht (Geißler 1994: 181). Dies alles führt Geißler zu dem Schluss, dass Angehörige der unteren Schichten nicht unbedingt mehr Straftaten begehen, sondern lediglich häufiger ertappt und bestraft werden. Schichtspezifische Kriminalität sei also „in Wirklichkeit schichtspezifische Kriminalisierung“ (Geißler 1994: 172). Im Folgenden wird nun noch einmal auf die erste Stufe des Kriminalisierungsprozesses eingegangen und untersucht, inwieweit die erhöhte Anzeigebereitschaft der Bevölkerung bei Angehörigen der Unterschicht, aber auch inwieweit die Vorstellungsbilder der Polizei von „anständigen“ und „verdächtigen“ Personen durch die Medien beeinflusst werden.

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640519682
ISBN (Buch)
9783640521227
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142956
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Schichtspezifische Kriminalität Kriminalisierung Verteilung Ursachen Bezug Medien

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Titel: Schichtspezifische Kriminalität oder Kriminalisierung?