Lade Inhalt...

Diskussion, Podiumsdiskussion und Debatte im Politikunterricht

Seminararbeit 2008 29 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Gliederung

0 Einleitung
0.1 Exposition
0.2 Methodische und inhaltliche Vorgehensweise

1 Kommunikation im Unterricht
1.1 Axiome der Kommunikation
1.1.1 Beziehungs- und Sachebene
1.1.2 Unterrichtsgespräch und Fachdidaktik
1.2 Kommunikation im Politikunterricht
1.2.1 Relevanz des Unterrichtsgesprächs im Sozialkundeunterricht
1.2.2 Politische Urteilsbildung in der Schule
1.3 Typisierung von Gesprächsformen in der Politikdidaktik
1.3.1 Offenes Unterrichtsgespräch
1.3.2 Gelenkte Schulkommunikation
1.3.3 Geregeltes Gespräch im Unterricht

2 Diskursive und dialogische Verständigungsformen im Fach Sozialkunde
2.1 Diskussion
2.1.1 Begriffsklärung
2.1.2 Ziele und Aufgaben
2.1.3 Vorbereitung- Verlauf- Nachbereitung
2.1.4 Probleme
2.1.5 Praxisbeispiel
2.2 Podiumsdiskussion
2.2.1 Begriffsklärung
2.2.2 Die Podiumsdiskussion im Unterricht
2.2.3 Themenwahl und Durchführung
2.2.4 Beispiel aus dem Schulalltag
2.3 Debatte
2.3.1 Begriffsklärung
2.3.1.1 Pro- und Kontra- Debatte
2.3.1.2 Debatte
2.3.2 Fachdidaktische Aufgaben und Intentionen
2.3.3 Planung und Ablauf
2.3.3.1 Pro- und Kontra- Debatte
2.3.3.2 Debatte
2.3.4 Schwierigkeiten und Nachteile
2.3.5 Beispiele aus dem Politikunterricht
2.3.5.1 Pro- und Kontra- Debatte
2.3.5.2 Debatte

3 Zusammenfassendes Fazit

4 Abkürzungs- und Quellenverzeichnis
4.1 Abkürzungsverzeichnis
4.2 Quellenverzeichnis
4.2.1 Bildquellen
4.2.2 Buchquellen
4.2.3 Internetquellen

0 Einleitung

0.1 Exposition

Seit jeher übernimmt die Schule als eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen die Aufgabe, den Heranwachsenden mittels Bildung und Vermittlung von kulturell- spezifischen Fertig- und Fähigkeiten in die Gesellschaft vollends zu integrieren. In einer westlichen demokratisch organisierten Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland beinhaltet jene gesellschaftliche Integration die Erziehung zum Kulturbürger, welcher alle Rollen wie Familien-, Konsum- und Politikbürger in sich vereint. Die Grundlage des demokratischen Staates bildet der mündige, partizipationsfähige, politisch aktive Bürger. So kann der Bestand der Gesellschaft nur durch die Teilnahme am öffentlichen Leben gesichert werden. Deshalb fördert und bildet die Schule beim Schüler Kompetenzen der politischen Urteils-, Handlungs- und Methodenfähigkeit[1] aus. Jene Kompetenzen ermöglichen es dem Heranwachsenden, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden und sich mit dieser kritisch- produktiv auseinander zu setzen und somit den Bestand der Demokratie zu sichern. Kernauftrag politischer Bildung ist demnach die Förderung und Ausbildung der politischer Partizipationsfähigkeit.

Der Politik- oder auch Sozialkundeunterricht macht es sich im Speziellen zur Aufgabe, oben genannte Fähigkeiten als Kennzeichen der politischen Mündigkeit auszubilden. Jenes Lernziel findet sich bspw. im Bayerischen G8- Lehrplan der neunten Klasse unter Punkt 9.2 Kommunikation und Manipulation wieder[2]. Der Lehrer soll den Schüler im Fach Sozialkunde ‚erstmals’ mit Politik bekannt machen, im Lernenden Neugier und Sympathie für politische Prozesse und Geschehnisse wecken. Hierbei stehen drei relevante Lernziele zum Erreichen politischer Mündigkeit im Vordergrund, die als Grundfähigkeiten der politischen Mündigkeit gelten: Im Politikunterricht lernt der Schüler, sich selbstständig über Politik zu informieren und über politische Sachverhalte kritisch zu urteilen sowie eigenständig zu einer begründeten Meinung über diese zu gelangen.

Doch welche Methoden oder Arbeitsformen eignen sich, um den Heranwachsenden zu politischer Urteils- und Entscheidungsfähigkeit zu befähigen? Gemeinhin versteht man unter dem Begriff der Methode „interaktionsbezogene Werkzeuge, die Wege des Lernens eröffnen, indem sie Schritte, Abläufe und Regeln für die Begegnung der Lernenden mit dem jeweiligen Gegenstand definieren“[3]. Didaktiker unterscheiden allgemein zwischen sogenannten Makro- und Mikromethoden[4]. Makromethoden bestimmen die Gesamtheit des Lernprozesses, stehen demnach im Zentrum der Unterrichtseinheit und tragen die zentralen Phasen wie Informations-, Anwendungs- und Problematisierungsphase. Demgegenüber unterstützen die Mikromethoden einzelne Phasen des Lernprozesses, leiten sie ein oder beenden sie[5]. Der Lehrkörper setzt wiederum sowohl Mikro- als auch Makromethoden im Unterrichtsgeschehen ein, um dem Schüler Methodenkompetenzen zu vermitteln. Politische Bildung hat den Auftrag, Sozial-, Sach- und Methodenkompetenz auszubilden. Hierbei meint Sozialkompetenz, die Fähigkeit, rücksichtsvoll und den Gruppenerhalt fördernd mit anderen in Beziehung zu treten. Sachkompetenz äußert sich vor allem in der Verfügung über Wissen- kann also auch als Bildungskompetenz bezeichnet werden. Der Begriff der Methodenkompetenz ist weiter zu fassen: Methodenkompetenz meint die Fähigkeit, verfügbares Wissen und Begriffe mit neuen Informationen in neue Zusammenhänge und Kategorien zu überführen und dadurch zu neuwertigen Erkenntnissen zu gelangen. Das heißt, Schüler und Schülerinnen lernen, ihre politische Umwelt selbstständig zu erschließen. Gerade in Zeiten des gegenwärtigen Massenmedialismus brauchen Kinder und Jugendliche die Fertigkeit, aus der Fülle von Informationen Richtig und Falsch zu kategorisieren, diese zu verarbeiten sowie eigene Urteile zu bilden. Weiterhin werden die Schüler im Unterricht befähigt, auf verschiedenen Politikfeldern zu agieren, d.h. am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Das Methodenrepertoire politischen Unterrichts scheint vor allem durch Möglichkeiten außerschulischer politischer Bildung vielfältig. Dennoch verfolgen nicht alle Methoden des Sozialkundeunterrichts vordergründig das Ziel, sowohl Sozial-, Sach- als auch Methodenkompetenz gleichrangig in einer Arbeitsweise zu integrieren. Es stellt sich im Folgenden die Frage nach einer Unterrichtsmethode, mit Hilfe derer der Lehrer dem Schüler alle drei Kompetenzen nahe bringt. Welche Mittel ermöglichen es dem Schüler, jene Fertigkeiten derart wechselseitig miteinander verbunden in Einklang zu bringen, sodass er hierdurch zur politischen Mündigkeit erzogen wird? Dabei beinhaltet die Frage nach dem geeigneten Arbeitsverfahren zudem die Fragestellung, wie der Schüler das Lernen nicht als Last, Zwang oder Vorgabe durch den Lehrkörper empfindet- womit jeder didaktischer Erfolg ausgeschlossen wäre. Die Frage nach einer adäquaten Methode impliziert weiterhin die Suche nach einem Verfahren, welches nicht Gefahr läuft, in der veralterten Didaktik stecken zu bleiben, welches sich mit dem Fortschritt der Gesellschaft und somit auch der Sozialkunde weiterentwickeln lässt- kurz: dem Zeitgeist nicht hinterherhinkt und dem Schüler Raum zum persönlichen Fortschritt lässt.

Grundlage jener Arbeit soll deshalb die Erörterung der Mikromethode des Unterrichtsgesprächs hinsichtlich oben genannter Lernziele sein. Insbesondere sind die Diskussion, die Podiumsdiskussion sowie die Debatte Gegenstand der Betrachtung.

0.2 Methodische und inhaltliche Vorgehensweise

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile: in die Betrachtung der Mikro- und der Makrostruktur politischer Lehrmethoden. Zunächst werde ich in Punkt 1 Kommunikation im Unterricht aus didaktischer Sicht erörtern. Hierbei gehe ich auf den Zusammenhang von Unterrichtsgespräch und Fachdidaktik ein. Dabei spielen die Axiome der Kommunikation als auch Beziehungs- und Sachebene des Unterrichtsgesprächs eine Rolle. Folglich gehe ich auf Kommunikation im Speziellen im Unterrichtsfach Sozialkunde ein. Hierbei erörtere ich den Stellenwert des Unterrichtsgespräch für die Politikdidaktik. Relevanz für die politische Bildung gewinnt das Unterrichtsgespräch aufgrund seiner didaktischen Bedeutung für die Ausbildung politischer Entscheidungskompetenz und Urteilsbildung, worauf ich in Punkt 1.3.2 eingehen werde. Natürlich ist nicht jedes Gespräch in der Schule gleich. Zu unterscheiden sind das offene Unterrichtsgespräch, das gelenkte sowie das geregelte Unterrichtsgespräch.

Zielpunkt der Erörterung im zweiten Teil der Arbeit sind dialogische und diskursive Verständigungsformen. Ich betrachte drei der Makromethoden politischen Unterrichts: Diskussion, Podiumsdiskussion und Debatte. Zunächst stelle ich nach einer Begriffsklärung Ziele und Aufgaben der Diskussion vor. Anschließend werden Vorbereitung, Ablauf sowie eine didaktisch wirksame und notwendige Nachbereitung der Diskussion im Politikunterricht betrachtet. Mögliche Probleme werden in Punkt 2.1.4 erörtert. Im Anschluss nenne ich Beispiele aus der Schulpraxis und weitere mögliche Themen für Diskussionen im Sozialkundeunterricht.

Die Betrachtung der Podiumsdiskussion folgt dem selben Muster: Nach der Begriffsdefinition folgt eine Erörterung des Stellenwerts der Podiumsdiskussion im Fach Sozialkunde, Themenwahl und Durchführung sowie ein Praxisexempel. Eine dritte Form des Unterrichtsgesprächs ist die Debatte. Hier muss zwischen herkömmlicher und Pro- und Kontra- Debatte differenziert werden. Schließlich werden Planung und Ablauf, Schwierigkeiten und Beispiele aus dem Politikunterricht vorgestellt.

Abschließend komme ich im Fazit zu einer kritischen Zusammenfassung der dargelegten Aussagen.

1 Kommunikation im Unterricht

1.1 Axiome der Kommunikation

Die wohl unerlässlichste Methode der Schuldidaktik ist zweifelsohne das Unterrichtsgespräch. Die Kommunikation im Unterricht kann mit einer Art Handlung gleichgesetzt werden, in der es zur Verständigung zwischen Lehrenden und Lernenden kommt. Das Unterrichtsgespräch ist demzufolge immer auch eine soziale Handlung, deren Ziel die erfolgreiche und gewinnbringende Verständigung ist. Demgegenüber ist nicht jede Kommunikation ein Gespräch. Es muss zwischen bewusster und unbewusster bzw. zwischen beabsichtigter und unbeabsichtigter Kommunikation differenziert werden. Das Unterrichtsgespräch ist klar eine bewusst, beabsichtigte Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler. Hierbei spielt das Medium, in dem das Unterrichtsgespräch abläuft, die Sprache eine wichtige Rolle: Sie kann sowohl verbal als auch nonverbal zur Verständigung eingesetzt werden. So kommt es auch, wenn man bspw. bewusst schweigt, um einem Gespräch zu entgehen, dennoch gerade durch das Schweigen oder durch Mimik und Gestik, als nonverbale Formen, zur Kommunikation. Man kann also „nicht ‚nicht’ kommunizieren“[6].

1.1.1 Beziehungs- und Sachebene

Jede Kommunikation beinhaltet sowohl einen Beziehungs- als auch einen Inhaltsaspekt, wobei der Inhalt stets den Beziehungsaspekt reguliert. So spricht Bollnow vom „echten Gespräch“[7], wenn es auf eine Sache gerichtet ist. Das Unterrichtsgespräch erfolgt stets unter den Bedingungen der Beziehung, die zwischen den Kommunikationspartnern besteht. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist zumeist von einem Ungleichgewicht in vielerlei Hinsicht geprägt. So stellt der Lehrer den Überlegenen bzgl. Sprachniveau, Sozial- und Sachkompetenz sowie Lebenserfahrung und Machtbefugnis dar. So sollte der Lehrer keinesfalls das bereits bestehende Mächteungleichgewicht zwischen ihm und den Schülern für den Vorrang seiner persönlichen Meinung ausnutzen. Verlauf und Erfolg eines Unterrichtsgesprächs hängt zudem von der Person des Lehrers selbst ab, die die Beziehung zwischen ihm und dem Schüler determiniert. Positiv auf die Beziehung wirken sich daher Kongruenz mit sich selbst, Empathievermögen und Wertschätzung und Kompromissfähigkeit dem Anderen gegenüber aus[8]. Denn Urteilsbildung und fördernde Kommunikation entstehen lediglich, wenn die Gesprächshandlung ungezwungen bleibt und die Gesprächspartner eigene Meinungen frei und ohne Einschränkung äußern können.

1.1.2 Unterrichtsgespräch und Fachdidaktik

Das Unterrichtsgespräch ist eine der meist genutzten Mikromethoden im Unterricht. Zielstellung und Nutzen fallen in der traditionellen und der aktuellen Didaktik auseinander. Giesecke sieht die Intention des Unterrichtsgesprächs in der traditionellen Fachdidaktik in der Vertiefung des Lehrstoffs[9]. Durch gezielte, vom Lehrer gerichtete Kommunikation über die Sache kann ein Thema, das zuvor durch einen Lehrervortrag der Klasse vorgestellt wurde, dem Schüler zugänglich und verstehbar gemacht werden. Zudem hat das Gespräch eine problemlösende Intention. Gagel führt Kommunikation im Unterricht als Verständigungshilfe zwischen Lehrer und Schüler und den Schülern selbst an[10]. Weiterhin dient das Unterrichtsgespräch vordergründig zur Anhebung des Sprachniveaus der Schülerschaft. Durch Reden lernt man das Sprechen. Im regelmäßigen Gespräch mit anderen nehmen Kinder und Jugendliche automatisch Begriffe und Syntax in ihren Wortschatz auf. Somit stellt das Gespräch nach Fickel ein für die kindliche Sprachentwicklung relevantes Element der Schuldidaktik dar[11]. Gegenwärtig kommt dem Miteinandersprechen in der aktuellen Didaktik im Gegensatz zur traditionellen Fachdidaktik nicht mehr nur der Verständigung zugute, sondern gewinnt aufgrund des Erlernens diskursiver Fähigkeiten an Bedeutung. In einer demokratischen Gesellschaft wird es immer wichtiger, Dinge zu hinterfragen und die eigene Meinung gegenüber anderen durchsetzen zu können.

1.2 Kommunikation im Politikunterricht

Kommunikation hat im Politikunterricht- gleichwie in anderen Schulfächern mit philosophischer Grundlage wie Deutsch, Religion oder Ethik- einen hohen, unersetzbaren Stellenwert. Obschon im Fach Sozialkunde auch Frontalunterricht mit Heftdiktatenn aufgrund der Sicherung von Grund- und Fachwissen unerlässlich bleibt, machen kommunikative Arbeitsmethoden einen Großteil des Unterrichts aus. Sprache und Gespräch sind ohnehin das Medium der Politik und somit als Gegenstand politischer Erziehung unerlässlich. Da Politik ohne Verständigung auch außerhalb der Schule nicht ablaufen kann, findet das Unterrichtsgespräch gerade in der Politikdidaktik in der Erziehung zur politischen Mündigkeit zwingende Notwendigkeit. Weiterhin erfordert die demokratische Gesellschaft Deutschland, als „Kultur des Dissens“[12], von seinem Bürger kommunikative Kompetenz, um die Demokratie lebendig zu halten.

1.2.1 Relevanz des Unterrichtsgesprächs im Sozialkundeunterricht

Die besondere Bedeutung des Unterrichtsgesprächs im Politikunterricht gründet auf dem engen Zusammenhang von Gespräch und Demokratie[13]. Die Methode des Unterrichtsgesprächs kann im Politikunterricht zur Erreichung mehrerer Lernziele eingesetzt werden. Gespräche dienen hier dem Informationsaustausch, dem Meinungsaustausch, dem systematischen Lernen, der Ideologiekritik, der emotionalen Auseinandersetzung als auch der Einübung öffentlichen politischen Diskussionsverhaltens[14].

Das Fach Sozialkunde hat einerseits die Aufgabe, die Kinder an das Feld der Politik und dessen Komplexität, nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer und internationaler Ebene, heranzuführen. Hierbei muss der Lehrer politische Strukturen durchsichtig und erschließbar machen. Fromm sieht in unserer heutigen modernen Gesellschaft einen Besorgnis erregenden Trend zum „Nivellierungsprozeß von Geschmack und Urteil“[15]. Die Menschen verstecken sich unter dem Deckmantel der ‚öffentlichen Meinung’, um nicht negativ aufzufallen. Somit ist es Ziel der Politikdidaktik, die bereits weit verbreitete Politikverdrossenheit und das generelle Desinteresse der Jugendlichen an politischen Geschehnissen zu beseitigen und beim Schüler Offenheit, Wissbegierde oder auch politisches Engagement anregen. Hierfür bieten Gespräche eine Möglichkeit, Aufklärung zu betreiben. Im Politikunterricht wird das politisch Strittige in wechselseitiger Anerkennung verhandelt und zugleich das systematische Lernen in einer definierten Wissensdomäne ermöglicht[16].

Des Weiteren lässt sich immer noch eine Häufung von männlichen Studenten der Politikwissenschaft an deutschen Universitäten feststellen. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass die Überzahl der Politiker der BRD Männer sind. Nach Kroll beruht dieser Fakt auf der Tatsache, dass „[d]er Verzicht auf die weibliche Perspektive zu politischen Problemen (...) üblich [sei] und (...) nicht auf[falle]“[17]. Doch kann die von Kroll aufgestellte Meinung lediglich Annahme sein, aber keinesfalls Fakt. Gerade im politischen Unterricht ist es Intention des Lehrers, die gesamte Schülerschaft zum Mitdenken und zur Mitarbeit anzuregen, um solche geschlechtsspezifischen Missstände gar nicht erst entstehen zu lassen.

Im Unterrichtsgespräch lernen die Schüler, die Sprache selbst zum Unterrichtsgegenstand zu erheben. So meint Massing: „Wenn das, worüber im Unterrichtsgespräch verhandelt wird, das Politische, selbst ein sprachliches Produkt ist, dann hängt die ‚Qualität dieses Produktes’ vor allem von der Gesprächsfähigkeit und vom Sprachniveau der Beteiligten ab.“[18] Gerade auch in der Kommunikationshandlung kann sich der Wortschatz der Gesprächspartner, welche sich gegenseitig ‚befruchten’, positiv erweitern. Ein breiterer Wortschatz bedeutet folglich größere kommunikative Kompetenz, mit der meist auch eine Steigerung der Intelligenz sowie des Selbstbewusstseins einhergeht. Dadurch wird es möglich, die eigene Umwelt differenzierter wahrzunehmen, das politische Denken zu erweitern und schließlich die Dinge zu hinterfragen. All diese Eigenschaften zeichnen den idealen Bürger in der demokratischen Gesellschaft aus.

Im Politikunterricht kommt vor allem der dialogischen und diskursiven Verständigung Bedeutung zu. Mit beiden Formen erweitern Kinder und Jugendliche ihren Wissensbestand durch den Informations- und Meinungsaustausch. Der Schüler lernt neue Sichtweisen und Meinungen anderer über ein Thema kennen, überdenkt sie im Laufe des Gespräches sowie nach der Unterredung, womit ein kritisches Überdenken der eigenen Meinung bzw. eine Erweiterung des eigenen Wissens gesichert wird. Im politischen Diskurs lernt der Schüler andere Meinungen kennen, die zum Teil nicht seiner Auffassung entsprechen. Durch das Miteinanderreden lernt der Schüler mit der Zeit und auch etwas Übung, auch andere Meinungen anzuerkennen bzw. auszuhalten- sie bilden die sogenannte Ambiguitätstoleranz aus. Gleichzeitig trainieren die Schüler ihr Empathievermögen, welches für den friedfertigen, respektvollen Umgang mit den Mitmenschen relevant ist.

[...]


[1] Vgl. Kuhn, H.-W./ Massing, P.: Einleitung. IN: bpb: Methodentraining I für den Politikunterricht. Themen und Materialien. Bonn 20073, S. 7.

[2] Vgl.: ISB Institut für Schulqualität und Bildungsforschung München: G8-Lehrplan Gymnasium, 24.01.2008.

[3] Sander, W.: Theorien der politischen Bildung: Geschichte- didaktische Konzeptionen- aktuelle Tendenzen und Probleme. IN: Sander, W.(Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Schwalbach/ Ts. 20053, S. 29.

[4] Völlige Einigkeit über die Definition von Lehrmethoden konnte bislang nicht erreicht werden. So bezeichnet Giesecke Varianten der Makrostruktur als Methoden, Varianten der Mikroebene als Arbeitsweisen.

[5] Vgl. Kuhn/ Massing 20073, S. 9.

[6] Weißeno, G.: Gespräche führen im Politikunterricht. IN: bpb: Methodentraining I für den Politikunterricht. Themen und Materialien. Bonn 20073, S. 49.

[7] Bollnow, O. F.: Das Gespräch als Ort der Wahrheit. IN: Universitas. (o. A.) 2/1980, S. 113ff..

[8] Vgl. Weißeno 20073, S. 51.

[9] Vgl. Giesecke, H.: Methodik des politischen Unterrichts. München 1973, S. 128ff..

[10] Vgl. Gagel, W.: Politikunterricht. Zur Gestaltung der Unterrichtskommunikation. IN: Gagel, W. u.a.(Hrsg.):Handbuch zu den Richtlinien NRW. Opladen 1988, S..147ff..

[11] Vgl. Fickel, J.: Ausgewählte Lernformen im politischen Unterricht. IN: Nitzschke, V./ Sandmann, F.(Hrsg.): Neue Ansätze zur Methodik des politischen Unterrichts. Stuttgart 1982, S.249.

[12] Grammes, T.: Kommunikative Fachdidaktik. Politik- Geschichte- Recht- Wirtschaft. Opladen 1998, S. 764.

[13] Vgl. Massing, P.: In Gesprächen lernen: Gesprächsformen in der politischen Bildung. IN: Sander, W.(Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Schwalbach/ Ts. 20053, S. 501.

[14] Vgl. Weißeno 20073, S. 55.

[15] Fromm, E.: Wege aus der kranken Gesellschaft. München 1955, S. 112.

[16] Vgl. Weißeno 20073, S. 51.

[17] Kroll, K.: Die unsichtbare Schülerin. Kommunikation zwischen Geschlechtern im Politikunterricht. Schwalbach/ Ts. 2001, S. 252.

[18] Massing 20053, S. 503.

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640523184
ISBN (Buch)
9783640522170
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143091
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Politikwissenschaft und Sozialkunde
Note
1
Schlagworte
Diskussionsformen im politikunterricht

Autor

Zurück

Titel: Diskussion, Podiumsdiskussion und Debatte im Politikunterricht