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Kritik an der Geistlichkeit im "Reinhart Fuchs" von Heinrich der Glîchezâre

Seminararbeit 2009 26 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Autor

3 Zum Text
3.1 Aufbau und Inhalt
3.2 Kritik an der Stauferzeit

4 Kritik an der Geistlichkeit im Text
4.1 Isengrin im Klosterkeller (499-550)
4.2 Isengrin als Mönch (635-726)
4.3 Fischfangabenteuer (727-822)
4.4 Brunnenabenteuer (823-1060)
4.5 Schwur auf den Rüden Zahn (1061-1153)
4.6 Heiligsprechung des Hühnchens (1458-1510)
4.7 Vorladung Reinharts durch den Bären (1511-1646)
4.8 Vorladung durch den Kater (1647-1794)
4.9 Vorladung durch den Dachs (1795-1834)
4.10 Belohnung des Elefanten und des Kamels (2097-2164)

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verfasste Heinrich der Glîchezâre das satirische Tierepos „Reinhart Fuchs“. Aufgrund verschiedener Anspielungen in diesem Text werden dem Autor gute historische Kenntnisse wie auch eine stauferfeindliche Einstellung zugeschrieben.[1] Heinrich der Glîchezâre spielt im „Reinhart Fuchs“ jedoch nicht nur auf geschichtliche und politische Begebenheiten und Umstände an, er kritisiert in ausgewählten Passagen auch verschiedene Bereiche der Geistlichkeit.

Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, diejenigen Stellen im „Reinhart Fuchs“, welche die Geistlichkeit kritisieren, näher zu untersuchen.[2] Dabei soll erörtert werden, was Heinrich an ihr bemängelt und wie er dies bewerkstelligt.

Zu Beginn des Hauptteils wird nach einer kurzen Beschreibung des Autors näher auf den „Reinhart Fuchs“ eingegangen. Dabei werden zunächst Aufbau und Inhalt des Textes skizziert. Des Weiteren wird die Kritik an der Stauferzeit in Heinrichs Tierepos behandelt, damit der Leser einen Eindruck davon erhält, welche politische Gesinnung der Autor verfolgte.

Im zentralen Teil dieser Arbeit werden anschliessend diejenigen Episoden im Werk näher untersucht, welche direkt oder indirekt die Geistlichkeit kritisieren. Dabei richtet sich das Augenmerk jeweils kurz auf den Inhalt der Episoden, um im Folgenden die entscheidenden Passagen in Bezug auf die Geistlichenkritik zu untersuchen. Dabei soll zum Vorschein kommen, wer oder was genau kritisiert wird und wie Heinrich dabei vorgeht. Der Schwerpunkt wird auf das Brunnenabenteuer (823-1060) gelegt, welches sich in Bezug auf die Thematik dieser Arbeit als besonders fruchtbar erwies.

Im Fazit sollen schliesslich die verschiedenen Bereiche der Geistlichkeit, welche Heinrich anhand der bearbeiteten Episoden kritisiert, geordnet und in einen grösseren Zusammenhang gebracht werden.

2 Zum Autor, Heinrich der Glîchezâre

Der Verfasser des „Reinhart Fuchs“ ist nur aufgrund dieses einen Werkes bekannt, in welchem er sich selbst Heinrich nennt (Vers 1788) – ein „Allerweltsname, der der Anonymität gleich kam“.[3] Andere Texte von ihm sind nicht überliefert. Der „Reinhart Fuchs“ wurde im Laufe der Regierungszeit der drei ersten Stauferkaiser geschrieben,[4] als Terminus post quem für die Entstehung gilt das Jahr 1192.[5] Als mögliche Auftraggeber des „Reinhart Fuchs“ werden die Dagsburger Grafen oder das Mäzenatentum der Zähringer gehandelt.[6] Auf jeden Fall handelt es sich dabei um Herren, welche den Staufern kritisch gegenüberstanden.[7]

Angaben zum Autor können nur anhand des „Reinhart Fuchs“ - Textes selbst ermittelt werden, welcher in drei verschiedenen Handschriften (P, K und S) überliefert wurde, wobei es sich bei keiner um das Original handelt. Heinrich trägt in den drei Fragmenten keinen identischen Beinamen. So wird er in der Handschrift P als der glichesere, in K als der glichsenere und in S als der glichezare bezeichnet. Die Deutung von Heinrichs Beinamen als „Gleissner“ oder „Heuchler“ ist in der Forschung umstritten. Bereits der „Altmeister der Germanistik“,[8] Jacob Grimm, zog es in Betracht, dass Heinrich mit dem gewählten Namen versuchte, sich zu verstellen.[9] Lange Zeit wurde der Beiname dem Dichter zugeschrieben, Wallner (1926) und Düwel (1967) bezogen ihn aber dann auf den Fuchs.[10]

In dieser Arbeit wird der Verfasser des „Reinhart Fuchs“ mit dem Beinamen der Glîchezâre bezeichnet,[11] weil sich diese Arbeit auf die in Anmerkung 2 zitierte Textausgabe des „Reinhart Fuchs“ bezieht, welche auf der Handschrift S basiert.

Verschiedene Mediävisten versuchten, Heinrich als Fahrenden, Spielmann, Kleriker, Mönch oder Geistlichen zu positionieren. Diese Versuche blieben jedoch aufgrund mangelnder Grundlage ohne Erfolg.[12] Somit lassen sich über den Stand des Autors keine sicheren Aussagen machen. Bezüglich der Herkunft sieht es etwas besser aus: „Spezifisch südwestdeutsche Spracheigentümlichkeiten“ und eine „gewisse Lokalbezogenheit“ lassen darauf schliessen, dass Heinrich der Glîchezâre Elsässer war[13] und den „Reinhart Fuchs“ für ein vorwiegend adliges, elsässisches Publikum geschrieben hat.[14] Somit lebte Heinrich in einem Gebiet, in welchem ein Austausch zwischen dem Romanischen und dem Deutschen stattfand.[15] So kam Heinrich vermutlich schon früh mit französischen Erzählungen in Kontakt, darunter auch dem „Roman de Renart“ von Pierre de Saint-Cloud. Dieses „locker verbundene Schwankkorpus“ nahm Heinrich als Vorbild und kreierte aus demselben Stoff den Roman „Reinhart Fuchs“.[16] Aufgrund von historischen Anspielungen, satirischen Ausfällen gegen die Geistlichkeit und parodisierenden Anspielungen auf Minnesang und Heldendichtung im Text wird Heinrich der Glîchezâre als gebildeter und genau observierender Mann betrachtet, der zudem über erstaunliche juristische Kenntnisse verfügt haben muss.[17] Es wird sogar vermutet, dass er aktiv an Gerichtsverhandlungen teilgenommen hat und eventuell sogar Fürsprecher gewesen ist.[18]

3 Zum Text

3.1 Aufbau und Inhalt

Der Aufbau von Heinrichs „Reinhart Fuchs“ erweist sich als gut durchdacht und „zielgerichtet auf das in der Stoffgeschichte einmalige Ende des Königs hin“.[19] Dieser Vorgang vollzieht sich in vier Teilen; einem Prolog, einer Vorgeschichte, einem ersten und einem zweiten Hauptteil. Der fünfte Teil der Geschichte, der Epilog, bezieht sich nicht mehr auf den Inhalt der Geschichte.

Im Epilog, welcher nur zehn Zeilen lang ist, wird die Hauptfigur, Reinhart Fuchs, eingeführt, der iz keret allen sinen gerinch / an triegen vnd an chvndikeit (6f.). Die Vorgeschichte besteht aus vier „lose aneinander gereihten Episoden“. Reinhart begegnet in jeder Episode einem Tier (Hahn, Meise, Rabe, Kater), welches er überlisten will. Keines der kleinen Wesen lässt sich jedoch hereinlegen, wodurch der Fuchs an der „Klugheit kleinerer Tiere“[20] scheitert.

Im ersten Hauptteil (385-1238) begegnen sich zu Beginn Reinhart und Isengrin. Die beiden gehen zunächst eine weltliche gesellschaft und später eine mönchische bruderschaft ein.[21] In den anschliessenden Episoden wie dem Schinkenabenteuer (443-498), dem Schwur auf das Wolfseisen (552-576) und dem Brunnenabenteuer (823-1060) wird der Gegensatz zwischen Reinhart und Isengrin erzählt. Dabei kommt gut zum Vorschein, dass die Figur Isengrins komplementär zu derjenigen von Reinhart angelegt ist, denn wo Reinhart zur Befriedigung seiner Bedürfnisse immer wieder die Strategie „verbalen Umgarnens und Einwickelns“ anwendet, beschränkt bei Isengrin die Kombination aus Gier und mangelnder Intelligenz die Artikulationsfähigkeit auf ein Minimum.[22] Im Gegensatz zur Vorgeschichte, in welcher die Akteure neben dem Fuchs von Episode zu Episode wechseln, stehen diejenigen des ersten Hauptteils in einem internen Zusammenhang. Sie enthalten eine zeitliche und teils auch eine kausale Abfolge der Begegnungen zwischen Reinhart und Isengrin.[23]

Der zweite Hauptteil (1239-2248) steht ganz im Zeichen des Prozesses gegen Reinhart. Der unfaire und tyrannische Löwenkönig Vrevel sollte Reinhart eigentlich aufgrund seiner begangenen Taten verurteilen. Doch Reinhart gibt vor, die Krankheit Vrevels, welche durch eine Ameise in dessen Ohr verursacht wurde, heilen zu können. Aus diesem Grund wird er taub gegen Recht und Gericht und tut alles, was Reinhart ihm aufträgt. Mit seinen Forderungen, welche Vrevel angeblich heilen sollen, sorgt Reinhart dafür, dass Wolf, Bär, Katze, Huhn und Hirsch geschändet werden. Anschliessend heilt Reinhart Vrevel mit einer Schwitzkur, welche die Ameise aus Vrevels Ohr zwingt, vergiftet ihn anschliessend jedoch mit einem Gifttrank.[24]

Im Epilog (2249-2266) richtet sich der Bearbeiter schliesslich an den Leser, erwähnt Heinrich und bemerkt, dass ein ander man den Text formal abgeändert habe, dabei aber den Inhalt der Erzählung nicht verändert habe.[25]

3.2 Kritik an der Stauferzeit

Mithilfe der Figur des Königs Vrevel kritisiert Heinrich die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit am eindrücklichsten. Er zeichnet den König als ungerecht, treulos und in höchstem Masse egoistisch, da er durch Reinharts Anraten zahlreiche Tiere schänden lässt, weil er sich dadurch erhofft, wieder gesund zu werden. Durch die Tatsache, dass er Reinhart für dessen Taten nicht bestraft, duldet er es zudem, dass der Landfrieden gebrochen wird und sich in seinem Herrschaftsbereich das Chaos breit machen kann. Somit kann von einer seriösen Rechtswahrung im Interesse der öffentlichen Sicherheit in keinster Weise die Rede sein und der König stellt seine persönlichen Interessen deutlich über das Recht.[26] Er nutzt also seine königliche Autorität aus, um unrechtmässige Begebenheiten zu legitimieren.

Klaus Düwel bemerkt im Artikel über Heinrich der Glîchezâre im spätestens 1981 erschienen Nachschlagewerk „Die deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon“, dass die Figur des Löwen Vrevel für Friedrich I. oder Heinrich VI. stehen kann.[27] Spiewok argumentiert 1984 im Werk „Mittelalter-Studien“ aber überzeugend für die These, dass Vrevel für Friedrich I., welcher von 1122 bis 1190 lebte, steht. Dieser war ebenfalls unter dem Namen Barbarossa bekannt und bemühte sich mit teils drastischen Mitteln um den Ausbau des staufischen Territorialgürtels, welcher quer durch Deutschland führte.[28] Er setzte die Rechtspolitik der damaligen Zeit ohne Bedenken als wirkungsvolles Mittel ein, um die eigenen Ansprüche zu befriedigen und seine Interessen durchzusetzen.[29] Hier lässt sich eine klare Parallele zum Löwen Vrevel festmachen. Bei seiner Argumentation bezieht sich Spiewok aber vorwiegend auf die Schlusssymbolik des „Reinhart Fuchs“. Als Reinhart am Ende des Textes den Löwen heimtückisch vergiftet, zerfällt das Haupt des sterbenden Königs in drei Teile und seine Zunge in neun (2243f.). Es kann kaum ein Zufall sein, dass Friedrich I. auf seinem Haupt drei Kronen vereinte (die deutsche, die burgundische und die langobardische) und sich sein Herrschaftsbereich über neun grössere territoriale Einheiten erstreckte. Es ist gut möglich, dass Heinrich mit seinem Schlussbild symbolisch den Tod Barbarossas mit dem absoluten Zusammenbruch der staufischen Idee einer „Renovatio Imperii“ (Wiederherstellung des alten Reiches) und dem Zerfall des Reiches verknüpfte, den er als drohende Vision seinem Publikum vor Augen führen wollte.[30]

[...]


[1] Düwel, Klaus: Heinrich, Verfasser des ‚Reinhart Fuchs’, in: Die deutsche Literatur des Mittelalter: Verfasserlexikon. Hg. von Burghart Wachinger. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin / New York 1980/81: 666-677, S. 666.

[2] Sämtliche Versangaben in dieser Arbeit beziehen sich auf folgende Textausgabe:

Heinrich, der Glîchezare: Reinhart Fuchs. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Karl-Heinz Göttert. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2005.

Im Folgenden „Reinhart Fuchs“.

[3] Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Zweiter Teil: ‚Reinhart Fuchs’, ‚Lanzelet’, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Strassburg. Berlin 1980 (= Grundlagen der Germanistik 25), S. 16.

[4] Schwob, Anton: „Lachen angesichts des Bösen? Beobachtungen zum Reinhart Fuchs-Epos“, in: Sprachspiel und Lachkultur. Beiträge zur Literatur- und Sprachgeschichte. Hg. von Angela Bader et al. Stuttgart 1994: 130-143, S. 130.

[5] Düwel, S. 667.

[6] Widmaier, Sigrid: Das Recht im „Reinhart Fuchs“. Berlin / New York 1993 (= Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker), S. 3.

[7] Jefferis, Sibylle: Heinrich der Glichesaere: Der „Reinhart Fuchs“ des Elsässers Heinrich [Rezension], in: Speculum 61 (1986): 141-143, S. 142.

[8] Spiewok, Wolfgang: Mittelalter-Studien. Hg. von Ulrich Müller et al. Göppingen 1984 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr. 400), S. 250.

[9] Grimm, Jacob: Reinhart Fuchs. Neu herausgegeben von Otfrid Ehrismann. Hildesheim / Zürich / New York 2005 (= Die Werke Jacob Grimms. Band 30), S. CIX.

[10] Widmaier, S. 2.

[11] Düwel, Klaus (Hg.): Der Reinhart Fuchs des Elsässers Heinrich. Tübingen 1984 (= Altdeutsche Textbibliothek. Nr. 96), S. XXI.

[12] Düwel, S. 666.

[13] Spiewok, S. 253.

[14] Düwel, Klaus: “Zur Jägerei im ‚Reinhart Fuchs’“, in: Philologische Untersuchungen. Hg. von Alfred Edenbauer. Wien 1984: 131-150, S. 143.

[15] Düwel 1984, S. XXI.

[16] Reinhart Fuchs, S. 170.

[17] Düwel 1984, S. XXII.

[18] Wiedmaier, S. 3.

[19] Düwel, S. 671.

[20] Neudeck, Otto: Frevel und Vergeltung. Die Desintegration von Körper und Ordnung im Tierepos Reinhart Fuchs, in: Bernhard Jahn /Ders. (Hgg.), Tierepik und Tierallegorese. Frankfurt am Main 2004 (= Mikrokosmos. Band 71): 101-120, S. 103.

[21] Schwob, Anton: Die Kriminalisierung des Aufsteigers im mittelhochdeutschen Tierepos vom „Fuchs Reinhart“ und im Märe vom „Helmbrecht“, in: Wolfgang Spiewok (Hg.), Zur gesellschaftlichen Funktionalität mittelalterlicher deutscher Literatur . Rostock 1984 (=Wissenschaftliche Beiträge der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Deutsche Literatur des Mittelalters 1): 42-66, S. 50.

[22] Schilling, Michael: „Vulpekuläre Narrativik. Beobachten zum Erzählen im ‚Reinhart Fuchs’“, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 118 (1989): 108-122, S. 112.

[23] Göhler, Peter: Zum „Reinhart Fuchs“ von Heinrich dem Glichesaere, in: Arwed Spreu / Wilhelm Bondzio (Hgg.), Sprache, Mensch und Gesellschaft – Werk und Wirkungen von Wilhelm von Humboldt und Jacob und Wilhelm Grimm in Vergangenheit und Gegenwart, Teil II. Berlin 1986:203-210, S. 207.

[24] Düwel, S. 670f.

[25] Reinhart Fuchs, S. 151.

[26] Spiewok, S. 263.

[27] Düwel, S. 671.

[28] O. Engels: Friedrich I. (Fr. Barbarossa), Ks., dt. Kg., in: LexMA online:

http://apps.brepolis.net/lexiema/test/Default2.aspx, 09.08.2009.

[29] Widmaier, S. 240f.

[30] Spiewok, S. 264ff.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640523702
ISBN (Buch)
9783640524396
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143227
Institution / Hochschule
Universität Bern
Note
Schlagworte
kritik geistlichkeit reinhart fuchs heinrich glîchezâre

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