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Die Âventiure-Fahrt in Hartmanns Erec – Der Weg zur Mâze eines Herrscharpaares

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 ZU STRUKTUR UND METHODISCHEM VORGEHEN

2 DIE MÂZE ZWISCHEN NATUR UND VERNUNFT
2.1 DIE NATUR ALS CAUSA AMORIS
2.2 DER KONFLIKT ZWISCHEN NATUR UND VERNUNFT

3 DIE ÂVENTIURE-FAHRT ALS WEG ZUR MÂZE
3.1 DER VERLUST DES GESELLSCHAFTLICHEN ANSEHENS
3.2 Die âventiure -Fahrt als gesellschaftliche Rehabilitation
3.2.1 Die erste âventiure - Kette
3.2.2 Die zweite âventiure – Kette
3.2.3 Joie de la court und Rückkehr

4 ZUSAMMENFASSENDES FAZIT

5 LITERATURVERZEICHNIS

1 ZU STRUKTUR UND METHODISCHEM VORGEHEN

Der Erec Hartmanns von Aue war der erste deutsche Artus-Roman. Die Vorlage für Hart­manns Erec war der aus Frankreich stammende Text Erec et Enide von Chrétien de Troyes. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich nur auf den deutschen Erec Hart­manns von Aue beziehen.

Dass die Liebe und ihr richtiger Umgang schon im Mittelalter ein großes Thema der litera­rischen Welt war, finde ich sehr interessant. Gerade im Erec wird dieses Thema besonders ausführlich behandelt. Man kann Hartmanns Erec als einen Beitrag zu einem Diskurs be­trachten, der sich auf der einen Seite mit der Liebe und ihrem maßvollen Umgang und auf der anderen Seite mit gesellschaftlichen Erwartungen an ein Herrscherpaar auseinander­setzt.

Der Konflikt zwischen einer Liebe und der Einhaltung von gesellschaftlichen Pflichten ist die Haupt-Problematik des Erec. Anhand von Erec und Enite wird beispielhaft dargestellt, welche Einflüsse die Liebe auf die Gesellschaftsfähigkeit eines Herrscherpaares haben kann.

Zunächst setze ich mich mit der Frage der Entstehung und Ursache der Liebe zwischen Erec und Enite auseinander. Mit der Ursache der Liebe werde ich danach ihr Versagen als Herrscherpaar zu begründen versuchen. Dazu werde ich zunächst auf die Ursache und dann auf die Problematik ihrer Liebe eingehen. Dass das Herrscher-Paar seine gesell­schaftlichen Pflichten vernachlässigt, werde ich dann auf die Problematik ihrer Liebe zurückführen. Dann werde ich mich mit der Frage beschäftigen, warum das Paar und speziell Erec sein gesellschaftliches Ansehen verliert und welche höfischen Verhaltens­normen er nicht beachtet hat.

Im Hauptteil meiner Arbeit werde ich mich mit den Strategien zur Wiederherstellung des gesellschaftlichen Ansehens während der âventiure beschäftigen, und diese Strategien hin­sichtlich ihrer Effektivität beleuchten.

2 DIE MÂZE ZWISCHEN NATUR UND VERNUNFT

2.1 DIE NATUR ALS CAUSA AMORIS

Um die Angemessenheit des Verhaltens von Erec und Enite als Herrscherpaar zu diskutieren, muss man sich zunächst mit der Causa Amoris (Liebesursache) beschäftigen. Die Ursache und das Entstehen ihrer Liebe ist, besonders in Enites und Erecs Fall, maß­geblich für ihr späteres Versagen als Herrscherpaar.

Erec und Enite begegnen sich das erste Mal in Tulmein. Erec war zuvor durch einen vorbei­ziehenden Ritter in Schande geraten. Er war dem unbekannten Ritter bis nach Tul­mein gefolgt, um sich für die Schande zu rächen und somit seine êre wiederherzustellen. Um dem Ritter den dort begehrten Schönheitspreis streitig zu machen, bittet Erec den Herrn des Hauses, in dem er untergekommen war, ihm seine Tochter Enite an die Seite zu stellen. Er verspricht dem verarmten Grafen, seine Tochte Enite zur Frau zur nehmen, sollte er den Preis gewinnen. Es kommt nicht zum Ausdruck, ob Enites Erscheinung einen besonderen Eindruck auf Erec macht. Vom Erzähler wird sie als besonders schön be­schrieben: „man saget daz nie kint gewan einen lîp sô gar dem wunsche gelîch“.[1] Erec ist in diesem Moment nur mit dem bevorstehenden Kampf und der Wieder­herstellung seiner êre (mhd. für Ehre) beschäftigt. Als er Enites Vater um die Hand seiner Tochter bittet, erklärt er folgendes:

Grôz laster muoste ich dô vertragen

Daz sol mîn herze immer klagen,

mir engevüege got noch den tac

daz ich ez gerechen mac. (V. 488 – 491)

Hier erkennt man deutlich, dass Erec in erster Linie um Enites Hand anhält, um sich dem Sperberkampf gegen den Ritter stellen zu können und nicht aus einem Gefühl der Zu­neigung heraus. Er könnte nicht um einen Schönheitspreis kämpfen, wenn er keine Frau bei sich hätte. Der Grund für sein Heiratsversprechen ist offensichtlich nicht die Zuneigung zu Enite (affectus carnalis), sondern seine verletzte êre und sein Wille zur Rache (affectus rationalis)[2]. Auch wenn die Rache eher einen emotionalen Charakter hat, ist sein Vorgehen geplant und kann somit als rational bezeichnet werden. Erst nachdem Erec den Kampf gewonnen, und somit seine êre wiedererlangt hat, hat er Augen für Enite. Auf dem Weg zum Artushof wechseln die beiden liebreiche Blicke.

Der Rückweg ist der Schlüsselmoment für die Entstehung ihrer Liebe. Sie gefallen einander gut und es ergreifen Liebe und Treue Besitz von ihnen.[3] Der Entstehung dieser Liebe liegen offensichtlich natürliche Ursachen zugrunde, denn die Liebe entsteht beim Betrachten des Anderen. Dass die Liebe mit den Augen beginnt, war im Mittelalter eine vertraute Vorstellung. Das Entstehen der Liebe aufgrund des Erblickens einer schönen Gestalt, bezeichnet Rüdiger Schnell in seinem Buch Causa amoris als eine natürliche Ursache für die Liebe.[4] Am Artushof wird das gegenseitige Verlangen von Erec und Enite und ihre Zuneigung füreinander noch größer. Der Erzähler versichert dem Zuhörer, dass die Liebe Besitz von ihnen ergriff:

zewâre ich iu daz sagen will,

dâ was der Minnen gewin:

diu Minne rîchsete under in

und vuocte in grôzen ungemach. (V. 1857 – 1860)

Das Eheschließungsmotiv beruht zwar anfangs nur auf der Wiederherstellung von Erecs êre in Tulmein, doch es verwandelt sich auf dem Rückweg zum Artushof in das Motiv der Liebe. Soweit man den Text wörtlich nehmen kann, entsteht ihre Liebe während sie sich betrachten. Das Gefühl der Zuneigung, das aus der Wahrnehmung äußerer Vorzüge einer Person entsteht, bezeichnet Rüdiger Schnell als affectus carnalis.[5]

Der Entstehung ihrer Liebe liegen also keine rationellen, sondern natürliche Ursachen zugrunde. Die Natürlichkeit liegt in dem Gefühl der starken Zuneigung aufgrund des Be­trachtens des Anderen. Die starke Zuneigung geht sowohl von Erecs als auch von Enites Seite aus.

2.2 DER KONFLIKT ZWISCHEN NATUR UND VERNUNFT

Die minne (mhd. für Liebe) wird in der mittelalterlichen Literatur grundsätzlich den zentra­len Werten der höfischen Gesellschaft zugeordnet.[6] Dabei werden negative Valenzen der minne allerdings nicht ausgeblendet: „Ihre zerstörende Wirkung kommt zum Tragen durch Lähmung der rationalen Kräfte, Isolierung aus der Gesellschaft und Vernachlässigung gesellschaftlicher Verpflichtung.“[7] Genau diese zerstörerische Wirkung

findet in Hartmanns Erec statt. Erecs und Enites Liebe hat eine zerstörerische Wirkung auf die Freude des Hofes. Erec und Enite isolieren sich aus der Gesellschaft und vernachlässigen somit viele ihrer gesellschaftlichen Pflichten.

In seinen Untersuchungen der Liebeskonzeptionen in mittelalterlichen Dichtungen kommt Rüdiger Schnell zu der These, dass ein Bild von guter und von schlechter Liebe entsteht. Die gute Liebe führe hiernach zu Tugend, Ansehen und Glück, die schlechte Liebe hingegen verführe zu Laster, bringe Beschuldigung und Unheil.[8] Betrachtet man die Liebe von Erec und Enite, die eindeutig zu Beschuldigungen seitens des Hofes führt, muss man zu dem Schluss kommen, dass es sich (nach dieser Einteilung) um eine schlechte Liebe handelt. Worin besteht nun die Problematik dieser Liebe? Deutlich wird dies an mehreren Stellen im Text, in denen ihr gegenseitiges körperliches Begehren beschrieben wird:

ja, enwirde ich nimmer vrô,

ich engelige dir noch bî

zwô naht oder drî. (V. 1873 – 1875)

Dass dieses Begehren keinerlei Zügelung durch ratio (Vernunft) erhält, wird deutlich dadurch, dass der Erzähler das Ausmaß ihres Begehrens sogar mit dem Verlangen eines hungrigen Habichts nach seiner Beute vergleicht.[9] Das Verhalten des Menschen unter­scheidet sich von dem des Tieres nur durch die Vernunft (ratio). Das natürliche Verhalten des Menschen muss, damit es nicht zur Sünde wird, unabdingbar mit der ratio gekoppelt werden.[10] Die Problematik dieser Liebe liegt darin, dass Erecs und Enites Be­ziehung in großem Maße von - nicht durch die ratio - gezügelte cupiditas (lat. Begierde, Habsucht) geprägt ist, und deshalb zur unmâze führt. Rüdiger Schnell beschreibt eine von cupiditas geprägte Beziehung folgendermaßen: „Den Eindruck von cupiditas erweckt vor allem eine Liebesbeziehung, bei der beide Paare einander nahe sind, von den Reizen des Anderen unmittelbar erregt werden, und somit eine möglichst baldige Liebeserfüllung erstrebt wird.“[11] Dass das Paar eine baldige Liebeserfüllung erstrebt, und dabei die ratio vernach­lässigt, beweist die Tatsache, dass Erec und Enite sich nach dem Turnier tat­sächlich nur noch auf die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse konzentrieren.

[...]


[1] Hartmann von Aue: Erec. Vers 331 - 332.

[2] Rüdiger Schnell: Causa Amoris. S. 56.

[3] Vgl. Hartmann von Aue: Erec. Verse 1484 – 1497.

[4] Vgl. Rüdiger Schnell: Causa Amoris. S. 241.

[5] Vgl. Ebenda: S. 56.

[6] Vgl. Ulrich Schulze: Minne. In: Lexikon des Mittelalters.

[7] Ulrich Schulze: Minne. In: Lexikon des Mittelalters.

[8] Vgl. Rüdiger Schnell: Causa Amoris. S. 58.

[9] Vgl. Hartmann von Aue: Erec. Verse 1861 – 1865.

[10] Vgl. Rüdiger Schnell: Causa Amoris. S. 289.

[11] Ebenda S. 271.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640543151
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143623
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
Hartmanns Erec Mâze Herrscharpaares

Autor

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