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Auf der Suche nach Unmittelbarkeit und Authentizität: Das visuelle Konzept von Lars von Triers Breaking the Waves

Seminararbeit 2001 24 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt der Hausarbeit

1. Breaking the Waves:
1. 1. Einige Filmdaten
1. 2. Kurzer Filminhalt

2. Auf der Suche nach Authentizität: ästhetische Strategien
2. 1. Das Filmbild in Zusammenhang mit einer Besonderheit: Die strukturierenden „Kapitelbilder“
2. 2. Kameraarbeit
2. 3. Montage
2. 4. Bemerkung zur Nachbearbeitung des Filmmaterials

3. Conclusio: Gedanken zum visuellen Konzept:

1. Breaking the Waves

1. 1. Einige Filmdaten:

Dänemark 1996. 35mm, Farbe, Cinemascope, mit digitalen Videobildern. Länge: 158 Minuten. Verleih: Pandora. Regie und Buch: Lars von Trier. Kamera: Robby Müller (Photographische Leitung), Jean-Paul Meurisse (Ausführender Kameramann). 2nd unit-Kamera: Eric Kress. Schnitt: Anders Refn. Kapitelbilder: Per Kirkeby mit Maniputasion.

Darsteller: Emily Watson (Bess), Stellan Skarsgard (Jan), Katrin Cartlidge (Dodo), u. a.

1. 2. Kurzer Filminhalt:

In einem Dorf an der rauhen britischen Nordseeküste berät der Ältestenrat einer kleinen calvinistischen Kirchengemeinde darüber, ob die gläubige, wenngleich naive und psychisch labile Bess ihren Freund Jan heiraten darf. Widerwillig geben sie Bess ihre Erlaubnis zur Heirat mit dem „Fremden“ Jan, einem Arbeiter von der Bohrinsel. Die Hochzeit wird gefeiert, doch ohne Kirchenglocken, die in der puritanischen Gemeinde als Symbol weltlicher Freude verpönt sind und daher nicht am Kirchturm hängen dürfen. Nach der Heirat geniesst Bess das Zusammensein mit ihrem geliebten Jan und macht mit Neugierde ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Als Jan nach einiger Zeit zurück zur Bohrinsel muss, ist Bess zutiefst verzweifelt und erleidet einen Zusammenbruch. In der Kirche bittet sie Gott inständig, Jan zu ihr zurückkehren zu lassen. Jan kehrt nach einem schweren Unfall auf der Plattform tatsächlich zurück, allerdings vollständig gelähmt. Bess ist von ihrer Mitschuld an Jans Unfall überzeugt, da sie Jans Rückkehr ungeduldig von Gott erbeten hatte. Jans Gesundheitszustand verschlechtert sich, doch Bess lässt sich nicht entmutigen. Sie bittet Gott nur, Jans Leben zu erhalten. Bess Schwägerin Dodo und Jan sind sich einig darüber, dass es notwendig ist, Bess ein selbständiges und von Jan unabhängiges Leben zu ermöglichen, auch die Möglichkeit einer neuen Partnerschaft soll für Bess offenstehen. Um dies zu forcieren, fordert Jan Bess auf, mit anderen Männern sexuelle Kontakte zu haben und ihm davon zu erzählen. Jan behauptet, dass dies seinen Lebensmut erhalten könne. Bess versucht trotz ihres Widerwillens, Jans Wünsche zu erfüllen, wobei ihr eigener Wunsch eigentlich ist, bei Jan bleiben zu dürfen, ein Leben ohne ihn lehnt sie ab. Als es ihr nicht gelingt, Dr. Richardson, dem sie vertraut, zu verführen, erzählt sie Jan erfundene sexuelle Abenteuer. Nachdem Jan ihr aber nicht glaubt und sich sein gesundheitlicher Zustand verschlechtert, beginnt Bess verzweifelt, ähnlich einer Prostituierten, sich fremden Männern in Kneipen oder im Bus anzubieten. Sie handelt in der Überzeugung, dieses Opfer sei notwendig, damit Jan geheilt wird. Sie wird schliesslich aus der kirchlichen Gemeinschaft verstossen und verdammt. Dr. Richardson überzeugt Jan davon, dass Bess in eine Klinik eingewiesen werden muss und Jan unterschreibt die Vollmacht dazu. Bess kann jedoch vor ihrer Festnahme fliehen. Ihre Mutter verweigert ihr den Eintritt in ihr Zuhause, während Dodo ihr Hilfe anbietet. Jans Zustand hat sich jedoch drastisch verschlechtert und Bess entschliesst sich, das grösstmögliche Opfer zu bringen um Jan zu retten. Sie lässt sich bewusst auf ein Schiff bringen, auf dem sie bereits bei ihrem ersten „Besuch“ nur knapp einer brutalen Vergewaltigung entkommen war. Diesmal erduldet sie die brutalen Misshandlungen und die Vergewaltigung durch die Matrosen. Sie wird tödlich verletzt in die Klinik eingeliefert, in der auch Jan gerade notoperiert wird. Bess stirbt mit dem Gedanken, dass ihr Opfer vielleicht doch vergeblich war. Jan überlebt jedoch und erholt sich sogar soweit, dass er „wie durch ein Wunder“ wieder auf Krücken gehen kann. Er sorgt dafür, dass die Kirchenältesten, die Bess verdammten, nur einen mit Sand gefüllten Sarg mit unbarmherziger Rede am Grab beerdigen. Jan und seine Freunde ermöglichen Bess` bei Nacht eine Seebestattung. Am nächsten Morgen wird Jan geweckt und an Deck gerufen: Obwohl der Radarschirm kein Echo zeigt, hängen über den Wolken zwei grosse Kirchenglocken und läuten über dem Meer.

2. Auf der Suche nach Unmittelbarkeit und Authentizität: - ästhetische Strategien

In meiner Arbeit möchte ich das visuelle Konzept von BREAKING THE WAVES näher untersuchen: Inwieweit und in welcher Weise entspricht das visuelle Konzept Lars von Triers Intention, den Filminhalt möglichst unmittelbar und authentisch zu vermitteln?

„Es ging um das Vergessen von Fachkonsequenz, nutzloser Routine, nutzlosem Schönmachen und um das Wegnehmen des Dramatischen. Der Regisseur hat von den Leuten, die an diesem Film mitmachten, verlangt, dass sie zu ihrer Naivität zurückfinden, dass sie so ursprünglich wie möglich sehen, sich in ihre Kindheit zurückversetzen.“1

Auf ästhetischer Ebene kontrastiert Lars von Trier den eher melodramatisch anmutenden Filminhalt, indem er eine unruhige, „rauhe“, nahezu dokumentarisch wirkende Erzählweise erzeugt.

„Normalerweise wählt man für einen Film einen Stil, der die Story hervorhebt. Wir haben genau das Gegenteil getan. Wir haben einen Stil gewählt, der gegen die Geschichte arbeitet, der ihr keine Gelegenheit gibt, sich hervorzuheben.2

Im folgenden werde ich einige wichtige filmästhetische Besonderheiten von BREAKING THE WAVES herausarbeiten, besonders hinsichtlich ihrer Konsequenz für den Filminhalt. Eine umfassende Analyse aller Bereiche des visuellen Konzeptes von BREAKING THE WAVES würde allerdings den Rahmen einer Proseminararbeit sprengen, ich musste daher aus der Fülle des Materials selektieren. Den Bereich Lichtführung habe ich nur innerhalb des Bereiches Filmbild angeschnitten. Meinen Schwerpunkt habe ich auf den Bereich Kameraarbeit gesetzt, da ich diesen Bereich als besonders prägend für das gesamte Filmkonzept sehe.

Im Conclusio erläutere ich kurz Motive und Themenkreise des Filmes und versuche, folgende Fragen im Rahmen der Rezeption des Filmes zu beleuchten: Warum funktioniert das Konzept des „naiven Blickes“? Wo und wie erfüllt sich Lars von Triers Wunsch nach Unmittelbarkeit und Authentizität? Zu Ende dann eine kurze persönliche Stellungnahme zur Wirkungsweise des Films.

2. 1. Das Filmbild in Zusammenhang mit einer Besonderheit:
Die strukturierenden „Kapitelbilder“

Zunächst werde ich das ästhetische Konzept der Kapitelbilder und deren Funktion und Wirkungsweise näher betrachten.

BREAKING THE WAVES gewinnt durch die Unterteilung des Filminhalts in acht durchnumerierte Kapitel eine innere Struktur. Visuell vermittelt sich diese Gliederung der Handlungsabschnitte in Form von „Kapitelbildern“, über die die jeweiligen Zwischentitel einblendet werden, wie auch der Titel des Epilogs. Die insgesamt acht Kapitelbilder stehen ästhetisch und intentional in völligem Kontrast zu den übrigen Filmsequenzen. Es sind Filmaufnahmen von „Landschaftsbildern“, die in der Computernachbearbeitung stark verfremdet wurden. Die Länge der Kapitelbilder steigert sich kontinuierlich, von 25 sec. des Ersten bis zum 78 sec. andauernden letzten Kapitelbild.

In idyllischer Postkartenästhetik werden malerische Landschaften in Panorama / bzw.Totale-Einstellungen gezeigt, eingetaucht in eine künstlich wirkende, pastellige Farbpalette. Die Landschaftsaufnahmen wirken statisch und ruhig. Bei genauerer Betrachtung erkennt man/frau aber, dass sich in „zeitraffender“ Geschwindigkeit die Farbigkeit und die Lichtstimmungen der Landschaften verändern, wie beispielsweise die Farben des Regenbogens, der während eines Kapitelbildes entsteht, sich entfaltet und wieder verblasst.

Auch die Verlagerung der Schärfe erzeugt eine gewisse „Beweglichkeit“ innerhalb der einzelnen Bilder: Im letzten Kapitelbild „Epilogue-The Funeral“ ist zuerst nur eine Brücke über einem Fluss erkennbar, dahinter eine unscharf im Nebel liegende Landschaft. Mit dem Licht, das vom Vordergrund über den Mittelteil in den Hintergrund wandert, verlagert sich auch langsam die Schärfe in die Tiefe, bis letztendlich der Vordergrund im unscharfen Dunkel versinkt, während der Brückenbogen wie ein Tor den Blick auf den hinteren Flussverlauf freigibt, der sich, im Sonnenlicht schimmernd, durch eine nun deutlich erkennbare, helle und freundlich wirkende Landschaft schlängelt.

Die Kapitelbilder erinnern in ihrer Ästhetik an die englische Landschaftsmalerei des beginnenden 19.Jahrhunderts, mit den epochetypischen Motiven wie nebelumhüllte Kirchenruinen oder „verwunschene“, kleine Flussbrücken, wie sie John Constable oder William Turner einst gemalt hatten. Die romantisierende Ästhetik der Kapitelbilder verweist auch auf das Diorama der 1820er Jahre, durch dessen ausgeklügeltem Beleuchtungskonzept die Landschaften „zeitraffend“ in die verschiedenen Tageszeiten getaucht werden konnten.

Einen Bezug lässt sich auch zu den klassischen „english novels“ und deren Struktur „with chapter divisions and headings which herald events"3 herstellen: Die eingeblendeten Zwischentitel der Kapitelbilder kündigen die Geschehnisse innerhalb des jeweiligen Kapitels an. Beispielsweise lautet der Zwischentitel des ersten Kapitels „Bess Gets Married“, was dann tatsächlich in diesem Kapitel Filminhalt ist.

[...]


1 Robby Müller: Der naive Blick. Zur Kameraarbeit in Breaking the Waves. In: Prümm, Bieshoff, Körnich (Hrg.), Kamerastile. Marburg: Schüren 1998; S. 149

2 Lars von Trier im Interview mit Stig Björkman: Naced Miracles. In: Sight and Sound, Oktober 1996

3 Stig Björkman im Interview mit Lars von Trier: Naked Miracles. In: Sight and Sound 10/96

Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638197915
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14372
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Suche Unmittelbarkeit Authentizität Konzept Lars Triers Breaking Waves Filmanalyse

Autor

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