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Das Freizeitverhalten Jugendlicher. Aufwachsen in einem Überfluss an Freizeitangeboten

Seminararbeit 2001 25 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zum Begriff „Jugend“
1.2 Zum Begriff „Freizeit“

2. Funktionswandel der Freizeit

3. Freizeitverhalten Jugendlicher
3.1 Zeitliches Ausmaß jugendlicher Freizeit
3.2 Freizeitaktivitäten Jugendlicher
3.3 Bedeutung der Medien für die Freizeitgestaltung Jugendlicher
3.3.1 Fernsehen
3.3.2 Computer und Internet
3.3.3 Bücher, Zeitungen und Zeitschriften
3.3.4 Hörfunk und Tonträger
3.4. Geschlechtspezifische Unterschiede im Freizeitverhalten

4. Sozialbeziehungen in der Freizeit Jugendlicher
4.1 Geselligkeitsorientierte Freizeit
4.2 Individuelle Freizeit

5. Organisationsformen jugendlicher Freizeit
5.1 Öffentlich organisierte Freizeit
5.2 Kommerzielle Freizeit
5.3 Selbstorganisierte Freizeit

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll einen Einblick in das Freizeitverhalten Jugendlicher ermöglichen. Dazu ist erst einmal zu sagen, dass es nicht den Jugendlichen und die Jugend gibt, ebenso wenig wie es das Freizeitverhalten der Jugendlichen gibt.

Es ist deswegen auch nötig zuallererst die Begriffe „Jugend“ und „Freizeit“ zu erläutern (Kapitel 1.1, 1.2).

Der Funktionswandel der Freizeit bestimmt wesentlich das Freizeitverhalten von Jugendlichen, weshalb dieser unter 2. kurz erläutert wird.

Das 3. Kapitel leistet leider nur einen ungefähren Überblick über das Freizeitverhalten Jugendlicher, da dies ein so umfangreiches und vielschichtiges Thema ist, dass es einfach notwendig ist, die Vielfalt der Untersuchungen auf einige wesentliche Information zu reduzieren. Aus diesem Grund habe ich mich auch dafür entschieden, den Aspekt der Unterscheidung nach Ost und West zu vernachlässigen. Außerdem wird in vielen Studien deutlich, dass sich die Jugendlichen aus den neuen Bundesländern nicht mehr lange von den westdeutschen Jugendlichen in ihrem Freizeitverhalten unterscheiden werden. Während das Freizeitverhalten der ostdeutschen Jugendlichen um die Zeit der Wende noch sehr unterschiedlich zum Verhalten der westdeutschen Jugendlichen war, gleicht es sich jetzt doch Schritt für Schritt an. Diese Tatsache hat mich ebenfalls dazu bewogen, den Aspekt zu vernachlässigen.

Da zum Thema Mediennutzung und Medienkonsum seit geraumer Zeit immer wieder neue Diskussionen geführt werden und Medien wie jeder weiß fester Bestandteil jugendlicher Freizeitaktivitäten sind, empfinde ich es als notwendig, die Bedeutung der Medien für die Freizeitgestaltung Jugendlicher (Kapitel 3.3) etwas ausführlicher zu betrachten, um zu versuchen, den tatsächlichen Nutzungsumfang der Medien darzustellen.

Die folgende Darstellung der Sozialbeziehungen Jugendlicher in ihrer Freizeit soll die vorher dargestellten Freizeittätigkeiten präzisieren, es soll also nicht nur dargestellt werden, was die Jugendlichen in ihrer Freizeit tun, sondern auch mit wem.

Da es für die heutige Jugend ein Überfluss an Freizeitangeboten gibt, sollen schließlich die Merkmale der verschiedenen Organisationsformen jugendlicher Freizeit (Kapitel 5) dargestellt werden, um zu verdeutlichen, warum einige Jugendliche beispielsweise die kommerzielle Freizeit der öffentlich organisierten Freizeit vorziehen.

Wie gesagt kann diese Auswahl nur einen kleinen Einblick in das sehr vielschichtige, komplexe Thema des Freizeitverhaltens Jugendlicher bieten.

Nicht beachtet habe ich außerdem Freizeitgestaltungen Jugendlicher, die nicht mehrheitlich zu finden sind und so in den Statistiken auch nicht auftauchen. Gemeint sind damit beispielsweise Extremsportarten, Aktivitäten von Jugendgangs wie sprayen, S-Bahnsurfen, Autorennen o.ä., außerdem der Konsum von Drogen. Von diesen Jugendlichen gibt es zwar immer mehr, außerdem stellen sie im Gegensatz zu den „normalen“ Jugendlichen eher ein Problem für die Gesellschaft dar, trotzdem wollte ich mit dieser Arbeit eher das Augenmerk auf das Freizeitverhalten legen, das normalerweise, wie die Untersuchungen zeigen, unter Jugendlichen vorherrscht.

1.1 Zum Begriff „Jugend“

Die erste Schwierigkeit, jugendliches Freizeitverhalten zu untersuchen, besteht schon darin, dass es keine klare Definition für diese Altersgruppe gibt. Man kann also nicht von der Jugend sprechen.

Es gibt keine deutliche Kriterien, nach denen bei einer Untersuchung angegeben werden kann, ob ein Befragter Kind, Jugendlicher oder Erwachsener ist. Aufgrund dessen können häufig keine einheitliche Kriterien für diese Bestimmung angewandt werden, folglich kommt es zu unterschiedlichen Einteilungen dieser Altersgruppe.

Eine häufige Auffassung ist, dass die Jugend als Alters- oder Lebensphase bezeichnet werden kann, in der Abfolge: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter, allerdings gibt es auch Vertreter, die die Jugend als eine Subkultur auffassen.

Bei Bezeichnung der Jugend als Lebensphase wird die Jugendphase durch das Einsetzen der Pubertät und die Entwicklung der Geschlechtsreife, die etwa um das 13. Lebensjahr herum einsetzt, von der Kindheit abgegrenzt. Allerdings sind hier Schwankungen von einigen Jahren beobachtbar, was die Grenze etwas verschwimmen lässt. Eine geringere Übereinstimmung besteht dagegen über die Abgrenzung von der Jugend zum Erwachsensein, da der Zeitpunkt des Erreichens der sozialen Reife, der als Abgrenzungskriterium gewählt werden könnte, aufgrund der Pluralisierung der Lebenslagen Jugendlicher, schwierig zu bestimmen ist. Die Schwierigkeiten einer Abgrenzung werden beispielsweise dadurch vergrößert, das in den letzten zwei Jahrzehnten eine Verlängerung des Schulbesuchs stattgefunden hat, die zu einer verlängerten wirtschaftlichen Abhängigkeit der Jugendlichen von den Eltern führt und den Aufbau einer eigenen wirtschaftlichen Grundlage hinauszögert. Dieser gehört aber zum Ablösungprozess von den zentralen Bezugspersonen und zum Aufbau einer Autonomie.

Eine Verkürzung der Jugendzeit hat sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte durch die Lockerung sexueller Verhaltensweisen in sexueller und emotionaler Hinsicht ergeben.

Außerdem ist es für die Jugendlichen schwieriger geworden, „angesichts der Relativierung zahlreicher Werte und Normen, der Abnahme der direkten Kontrolle durch Elternhaus, Schule und Kirche“[1] ihre eigene Identität zu finden. Auch dies führt zu Schwierigkeiten, den Zeitpunkt der sozialen Reife der Jugendlichen zu bestimmen.

Traditionelle Statusabfolgen, wie: Schüler, Azubi, Beruf mit Einkommen, eigene Wohnung, Heirat, Sexualität, Familie sind zwar auch heute noch vorhanden, vielfach sieht die Abfolge auch aus den oben genannten Gründen ganz anders aus, was die Abgrenzung von Jugend und Erwachsensein stark erschwert.

„Ereignisse, die ehemals mit relativ großer Sicherheit für nahezu alle Jugendlichen zu einem bestimmten Zeitpunkt eintraten, sind ungewisser geworden oder variieren zumindest zeitlich stark.[2]

So findet man in den verschiedenen Untersuchungen häufig verschiedene Altergruppen, wenn es um die Untersuchung jugendlichen Freizeitverhaltens geht.

Diese Schwierigkeit ist schon „z.B. besonders deutlich spürbar bei Bonn (1975), die ihre Stichprobe 12-14jähriger abwechselnd als Jugendliche, Kinder und als Schüler bezeichnet“[3]

Vergleiche unterschiedlicher Studien sind also relativ schwierig, da die Altersgruppe der Befragten von Untersuchung zu Untersuchung sehr variiert.

Auffällig bei Opaschowski[4] ist, dass er in seiner Studie die Altersgruppe bis 29 Jahre untersucht. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass es heute mehr als früher offen ist, ob Jugendliche mit 21 Jahren auch ökonomisch und damit sozial selbständig sind und damit den Erwachsenen zuzurechnen sind und somit die Altergrenze hoch zu setzen ist.

1.2 Zum Begriff „Freizeit“

Unser alltägliches Verständnis von Freizeit spiegelt bereits die Vielzahl möglicher Bestimmungen dieses Begriffes wider. Um ein Beispiel zu nennen: Manche Menschen sehen die Zeit, die sie mit essen verbringen als Freizeit, andere wiederum nicht. Ebenso könnte dies für Körperhygiene gelten o.ä..

„Noch vor wenigen Jahrzehnten diente die Freizeit fast ausschließlich der Regeneration der Arbeitskraft. Mittlerweile hat sie sich enorm ausgedehnt und nimmt mit ihren vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten einen selbstverständlichen Platz im Leben des modernen Menschen ein. Mit der Freizeit werden nicht mehr nur Regeneration und Entspannung, sondern auch Begriffe wie Abwechslung, Befreiung und Selbstentfaltung verbunden.“[5]

Die Definitionsversuche der Freizeitforschung lassen sich in drei Zugriffsweisen unterscheiden.

1. Nach der positiven Definition von Freizeit wird die Zeit als Freizeit verstanden, die der individuellen Gestaltung und Strukturierung offen steht. Somit erscheint Freizeit als Lebensraum, in dem der einzelne bestimmen kann, was er tun möchte.
2. Als Restgröße wird die Freizeit in der negativen Definition verstanden. Die Zeit, die von der insgesamt verfügbaren Zeit übrig bleibt, wenn die Arbeitszeit, die Zeit zum Schlafen, Essen und die Körperpflege abgezogen wird, wird hiernach als Freizeit bezeichnet.
3. In der negativen Definition ist die Freizeit nicht als frei verfügbare Zeit zu verstehen, sondern sie ist mit Verpflichtungen belegt. Demzufolge ist also von der Freizeit, die beim ersten Ansatz übrig bleibt, noch die Verpflichtungs- bzw. Obligationszeit abzuziehen, also Tätigkeiten, wie z.B. die Erziehung von Kindern, Behördengänge oder auch Einkaufen. Solche Tätigkeiten gelten also nicht als Freizeit.[6]

Der Anspruch auf diese Verfügungszeit ist gesellschaftlich anerkannt, allerdings herrscht nach wie vor „eine Einstellung vor, die freie Zeit nur dann toleriert, wenn sie vorgängig verdient wurde.“[7]

Definitionen von Freizeit sind oft nur begrenzt auf Jugendliche übertragbar, da ein großer Teil der Jugendlichen noch zur Schule geht, nicht im Berufsleben steht und somit auch noch keine ausgewiesene Arbeitszeit hat. Fraglich ist außerdem, ob sie in der Lage sind autonom über ihre Zeit zu verfügen.[8] Auch die Legitimation der Freizeit durch Arbeit trifft auf die meisten Jugendlichen nicht zu.

2. Funktionswandel der Freizeit

Die arbeitsfreie Zeit diente bis in die 50er Jahre vornehmlich der Regeneration der Arbeitskraft, aber bereits in den 60er Jahren gewann die Befriedigung materieller und konsumorientierter Wünsche in der Freizeit an Bedeutung. In den darauffolgenden Jahrzehnten rückte das Bestreben nach Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsentwicklung und Erlebnisorientierung in der Freizeit immer mehr in den Vordergrund. „(...) Freizeit wird zur Erlebniszeit; eine Zeit, die auf ein gemeinsames Erleben und auf die Entwicklung eines eigenen Lebensstils ausgerichtet ist.“[9]

Im unmittelbaren Zusammenhang mit diesem Wandel stehen die gegenwärtigen Individualisierungsprozesse. Nach Beck kennzeichnen drei Dimensionen die Individualisierung. „Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und

-bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge („Freisetzungsdimension“), Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen („Entzauberungsdimension“) und – womit die Bedeutung des Begriffes gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird – eine neue Art der sozialen Einbindung („Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension“).[10]

Einerseits bedeutet diese gesellschaftliche Entwicklung die Auflösung gesellschaftlicher Zwänge, andererseits wird die Erfüllung der lebensbezogenen Aufgaben immer schwieriger und erfordert besonders bei schulischen und beruflichen Laufbahnentscheidungen so viele Entscheidungen, dass die Menschen und besonders auch die Jugendlichen sich heute mit ihrer Lebensplanung überfordert und belastet fühlen. Im Gegensatz zu derartigen Entscheidungen stehen hierzu Freizeit-Entscheidungen, die eher von geringerer biographischer Relevanz für die Jugendlichen sind, die also eine geringere Tragweite bei der Lebensplanung der Jugendlichen haben. Somit kommt der Freizeit eine Kompensationsfunktion bei der ständigen Suche nach Lebenskonzepten und der damit verbundenen Belastung der Jugendlichen zu.

Zu bedenken ist allerdings auch, dass der immer stärker werdende Konkurrenzkampf zwischen den Menschen um gute Arbeitsplätze dazu führt, dass schon die Jugendlichen viel Zeit für die Weiterbildung in ihrer eigentlichen Freizeit aufbringen müssen, außerdem durch beispielsweise längere Wege zum Arbeitsplatz ebenfalls weniger Freizeit zur Verfügung haben und es daher wichtig ist, dass die Zeit, die wirklich als Freizeit empfunden wird, kompensierend in bezug auf die durch die Suche nach Lebenskonzepten entstandene Belastung wirkt.

3. Freizeitverhalten Jugendlicher

Das Freizeitverhalten Jugendlicher ist abhängig von mehreren äußeren Einflüssen, wie z.B. Geld, Zeit und dem derzeit herrschenden Freizeitangebot. Außerdem ist die Mobilität der Jugendlichen für die Erreichbarkeit von Freizeitstätten und die zeitliche Unabhängigkeit ein wichtiger Faktor für die Freizeitgestaltung.

Die Wahlfreiheit der Jugendlichen bezüglich des Freizeitangebotes wird aber immer stärker. Sie haben die Möglichkeit zwischen vielfältigen Freizeitangeboten wie z.B. Kino, Sport, Konzerten, Jugendtreffs, sich mit Freunden treffen, shoppen, Musik hören, lesen, fernsehen,...zu wählen. An den Beispielen ist zu erkennen, dass zum Freizeitverhalten auch immer zum Teil das Konsumverhalten gehört und zwar ist dies dann der Fall, wenn die Freizeit wesentlich durch den Kauf und Konsum von Gütern oder Dienstleistungen mitgestaltet wird, wenn also ein mehr oder weniger hoher finanzieller Aufwand zur Freizeitgestaltung notwendig ist.

[...]


[1] Lange, Elmar, Jugenkonsum im Wande. Konsummuster, Freizeitverhalten, soziale Milieus und Kaufsucht 1990 und 1996, Opladen 1997, S. 22.

[2] Noltsteernsting, Elke, Jugend. Freizeit. Geschlecht. Der Einfluss gesellschaftlicher Modernisierung, Opladen 1998. S. 16.

[3] Schmitz-Scherzer, Reinhard, Jugendliche in ihrer Freizeit. Eine sozialpsychologische Analyse, Karger 1978, S. 6.

[4] Opaschowski, Horst W./ Duncker, Christian, Jugend und Freizeit. Eine Bestandsaufnahme, Hamburg 1996.

[5] Lamprecht, Markus/ Stamm, Hanspeter, Die soziale Ordnung der Freizeit, Zürich 1994, S. 17-18.

[6] Vgl. Herzog - Raschle, Yvonne, Freizeitpädagogik als Problem. Eine theoretische und empirische Untersuchung, Zürich 1991, S. 168.

[7] Lamprecht, Markus/ Stamm, Hanspeter, Die soziale Ordnung der Freizeit, Zürich 1994, S. 18.

[8] Piper, Iris, Kinder, Jugendliche und Freizeit, Erkrath 1998, S. 11-12.

[9] Freericks, Renate, Zeitkompetenz: ein Beitrag zur theoretischen Grundlegung der Freizeitpädagogik, Hohengehren 1996, S. 93.

[10] Noltsteernsting, Elke, Jugend, Freizeit, Geschlecht. Der Einfluss gesellschaftlicher Modernisierung, Opladen 1998, S. 16, zit. nach Beck, Ulrich, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986, S. 206.

Details

Seiten
25
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638197939
ISBN (Buch)
9783638643375
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14374
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Freizeitverhalten Jugendlicher Freizeitsoziologie

Autor

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