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Wortbildung im Deutschunterricht – Wortschatzarbeit und Sprachreflexion

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 23 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lehrplananalyse

3. Was kann die Wortbildung für Wortschatzarbeit und Sprachreflexion leisten?
3.1. Wortschatzarbeit
3.2. Sprachreflexion

4. Sachanalyse
4.1. Grundlegende Termini
4.2. Ableitungen (Präfixe und Suffixe)
4.3. Zusammensetzungen

5. Didaktische Analyse
5.1. Didaktische Reduktion
5.1.1. Grundlegende Termini
5.1.2. Zusammensetzungen
5.1.3. Präfigierung
5.2. Lehrplanbezug
5.3. Lernziele
5.3.1 Zusammensetzungen
5.3.2. Präfigierung

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Konzeption der Unterrichtseinheiten
7.2.1. Zusammensetzungen
7.2.2. Präfigierung

1. Einleitung

Der Grammatikunterricht ist bei den meisten Schülern[1] unbeliebt. Die Inhalte sind eher trocken, ein Bezug zum Alltag oder zur Lebenswelt der Schüler lässt sich bei der Behandlung oft nur schwer herstellen. Auch die Wortbildung spielt im Deutschunterricht eine eher untergeordnete Rolle, denn mit deren Regeln werden die Schüler nur rudimentär vertraut gemacht; die Lehrpläne fordern ja auch keine intensive Thematisierung der Wortbildung. Diese Umstände können als Chance gesehen werden, das Interesse am Grammatikunterricht durch den bis dato unverbrauchten und wohl nicht negativ konnotierten Begriff der Wortbildung, zu wecken. Ein Wort ist kürzer und griffiger als beispielsweise eine syntaktische Einheit. Die Analyse eines einzelnen Wortes also weniger abschreckend als die eines Satzes. Als Ansatzpunkt bieten sich Wortbildungsprodukte aus der Alltagssprache an. Aus den Gebieten der Politik, Gesetzgebung, Werbung und Technik kommen immer wieder Neubildungen in den Bereich der Alltagssprache, die auch nicht selten Gegenstand gesellschaftlicher Diskussionen sind. Ein Beispiel ist das seit 1991 von einer Jury der Universität Frankfurt gekürte „Unwort des Jahres“. Diese Aktion soll in erster Linie zu mehr sprachkritischer Reflexion führen. Gekürt werden Wörter, die sachlich in hohem Maße unangemessen sind oder gar die Menschenwürde verletzen. Bei den Unworten handelt es sich meist um Neologismen und zudem oft um Komposita. Das Unwort des Jahres 2002 lautete Ich-AG. Der Begriff erhielt eine negative Konnotation, obwohl er nichts Negatives bezeichnet. Dieser Umstand lässt zwei Rückschlüsse zu: erstens neigen die Sprecher in größerem Maß als früher dazu, Neologismen in ihre Alltagssprache zu integrieren, und zweitens diese dann unreflektiert zu verwenden. Dies führt dazu, dass ein Wort wie z.B. Ich-AG schnell in den Alltagswortschatz integriert, aber nicht immer im richtigen Kontext verwendet wird. Dadurch erhalten diese Worte rasch eine negative Konnotation. Hier wird deutlich, wie schnell in der deutschen Sprache Komposita erschaffen werden können, bei denen die Bedeutung der Einzelbestandteile eine Komposition eigentlich verbietet, wie zum Beispiel beim Unwort des Jahres 1996:Rentnerschwemme. Die Wortbildungsregeln der deutschen Sprache kommen diesem Trend entgegen, kann doch nahezu jedes Substantiv mit einem weiteren Substantiv oder Wort einer anderen Wortart kombiniert werden. Häufig führt die Kombination zweier Kompositionen zu noch absurderen Ergebnissen. Als Beispiel hierfür kann das Unwort des Jahres 1998 Sozialverträgliches Frühableben, gelten. Für die Behandlung im Unterricht eignen sich diese Worte in besonderer Art und Weise, denn sie sind aktuell, waren häufig in den Medien und enthalten nicht selten ein gewisses Maß an Sprachwitz und Ironie.

Im Folgenden soll, nach einer Analyse des Lehrplans Deutsch für die bayerischen Gymnasien, die Wortbildung auf ihren Nutzen für die Wortschatzarbeit und die Sprachreflexion untersucht werden. Für den Einsatz im Unterricht wurden Arbeitsblätter konzipiert.

2. Lehrplananalyse

Seit 2004 gilt in Bayern der Lehrplan für das achtjährige Gymnasium. Dieser entspricht inhaltlich nahezu dem früheren Lehrplan, also dem G9-Lehrpan. Der Begriff der Wortbildung kommt in den Lehrplänen der einzelnen Jahrgangsstufen insgesamt nur einmal vor, in der 5. Jahrgangsstufe: „Möglichkeiten der Wortbildung: Wortzusammensetzung, Ableitungen“.[2] In welchem Unfang und wie intensiv dies geschehen soll, bleibt offen. Auch ist nicht klar ersichtlich, wie zukunftsorientiert diese Unterrichtseinheiten sein sollen. An dieser Stelle wäre, handelt es sich bei der Beherrschung der Wortbildung doch um einen entscheidenden Aspekt der Sprachkompetenz, ein exakter formulierter Arbeitauftrag an die Lehrer nötig, zumindest eine konkretere Benennung der relevanten Teilgebiete der Wortbildung. Ohne dies muss die Behandlung von Wortzusammensetzungen und Ableitungen also ausreichen, um in der 6. Jahrgangsstufe dann das „Wort in seinen Bedeutungen“[3] im Unterricht darzustellen. Im Lehrplan der 6. Jahrgangsstufe tauchen dann allgemeine Begriffe auf: „Wortfamilie, Wortfeld“. Es gibt aber keinen Hinweis auf die Funktionsweisen von Wörtern. Ab der 9. Jahrgangsstufe findet sich selbst der Begriff „Wort“ nicht mehr im Lehrplan.

Sicher, die Behandlung des einzelnen Wortes findet im Sprachunterricht der Primarstufe statt, in zahlreichen Übungen zur Wortschatzerweiterung und

-vertiefung und vor allem in den meist unbeliebten Unterrichtstunden der Wortartenlehre. Der Grammatikunterricht in der Sekundarstufe widmet sich den scheinbar komplexeren Einheiten Satz und Text. Es scheint, als ob das einzelne Wort ein weniger relevanter und vor allem auch zu simpler Unterrichtsgegenstand sei. Im Lehrplan der 7. Klasse heißt es dann: „Wortbedeutung: aktiven und passiven Wortschatz erweitern; Bedeutungswandel und Bedeutungsübertragung erkennen…“[4] In der 8. Jahrgangsstufe sollen die Schüler die „Entwicklung des Wortschatzes nachvollziehen“ können. Ab der 9. Klasse ist nur noch von „Wiederholen und Differenzieren von Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung“[5] die Rede. Diese vage Formulierung lässt den Lehrern aber die Freiheit, die Wortbildung und ihre Regeln zwischen 9. und 12. Klasse erneut zu thematisieren.

Der Wortschatz ist viel zu groß, als dass man sich die Worte einzeln merken könnte. Von enormer Bedeutung ist es daher, den Wortschatz in seiner Systematik zu verstehen. Dafür muss man sich die Beziehungen der einzelnen Wörter vor Augen führen.[6] Dies kann nur dann funktionieren, wenn die Schüler eigenständig Wortfelder, Wortfamilien oder ganze Wortbildungsnester erstellen können. Dafür müssen aber die grundlegenden Regeln der Wortbildung beherrscht werden. Die Behandlung der Wortbildung in der 5. Jahrgangsstufe ist also notwendig, legt sie doch den Grundstein für die folgende Wortschatzarbeit. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die einmalige Besprechung einzelner Möglichkeiten der Wortbildung ausreichend ist, um das restliche Leben lang „wortbildungskompetent“ zu sein.

3. Was kann die Wortbildung für Sprachreflexion und Wortschatzarbeit leisten?

3.1.Wortschatzarbeit

Ein Auftrag des Deutschunterrichts ist es, den Schüler zu einem sprachkompetenten Individuum zu machen. Zur Sprachkompetenz gehört zweifellos auch die Fähigkeit, sich umstandsfrei ausdrücken zu können. Ein umfangreicher Wortschatz hilft auch, komplexe Sachverhalte darstellen und sich unbekannte Wörter erschließen zu können. Ulrich formuliert dies in einer These: „Die sichere Beherrschung von Wortbildungsregeln ist zentraler Bestandteil des mentalen Lexikons des sprachkompetenten Menschen.“[7]

Die Wortschatzarbeit zielt in erster Linie auf einen qualitativen und quantitativen Zuwachs sowohl im rezeptiven als auch im produktiven Wortschatz. Die Kenntnis der Wortbildungsregeln ist eines der Hauptziele der Wortschatzarbeit im Sprachunterricht. In den sieben von Ulrich formulierten Zielen „einer Wortschatzarbeit im Sprachunterricht“[8] nehmen vier direkt oder indirekt Bezug auf die Wortbildung. Ulrich fordert „umfassende analytische und konstruktive Wortbildungskompetenz“.[9] Soll durch Wortbildung zur Wortschatzerweiterung beigetragen werden, müssen folgende Fragen beantwortet werden:

„Welche Wortbildungsmittel und Modelle stehen zur Verfügung? Wie, wozu und unter welchen Bedingungen werden die Modelle genutzt? Wie werden Wortbildungsprodukte erzeugt und wie werden sie verstanden?“[10]

Eine Erweiterung in historischer Perspektive kann folgen: „Nach welchen Prinzipien und unter welchen Bedingungen erfolgt die Lexikalisierung von Wortneubildungen?“[11]

Die grundlegenden Wortbildungsregeln erlernt das Kind schon vorschulisch beim Spracherwerb. Dabei handelt es sich um einfache, aus einem lexikalischen Morphem bestehende Wörter oder einfache Zusammensetzungen. Unmittelbar nach der Einschulung beginnt für das Kind eine Phase, in der es täglich beim Lesen und Hören komplexen Wörtern begegnet; es lernt, sie wieder zu verwenden und selbst Neubildungen vorzunehmen.[12] Man spricht von ‚Wortbildungskompetenz’, wenn das Kind in der Lage ist, die Wortbildungsregeln anzuwenden.[13] Der Begriff ‚Wortbildungskompetenz’ unterteilt sich in drei Kategorien. Die rezeptive Wortbildungskompetenz, also die Fähigkeit „aus mehreren Morphemen bestehende Wörter beim Hören und Lesen morphologisch und semantisch zu analysieren und somit zu verstehen.“[14] In einem weiteren Schritt die produktive Wortbildungskompetenz, also „solche komplexen lexikalisierten Wörter beim Sprechen und Schreiben den Konventionen entsprechend zu verwenden und sich anderen verständlich zu machen.“[15] Als höchste Stufe folgt die kreative Wortbildungskompetenz, die Fähigkeit „nicht gebräuchliche, nicht lexikalisierte komplexe Wörter neu zu bilden und zu verwenden sowie gebräuchliche Wörter „umzudeuten“, sie inhaltlich normabweichend zu interpretieren.“[16] Daraus folgt die zweite These von Ulrich: „Wortschatzarbeit in der Schule muss sich intensiv um die Vermittlung und den Ausbau der dreigliedrigen Wortbildungskompetenz bemühen.“[17]

Durch Wortbildung wird aber auch Neues bezeichnet, Wortbildung wird genutzt, um Gedanken präziser auszudrücken. Kindern fehlt bei ihren ersten eigenen Wortbildungen häufig noch das Gespür dafür, was gebildet werden kann und was nicht.[18]

Durch Einsichten in die Wortbildungsregeln werden die Schüler für falsche Ableitungen sensibilisiert und können ihr erworbenes Wissen für die Rechtschreibung nutzen.[19]

[...]


[1] Schüler, Lehrer etc. schließt immer auch die weibliche Form mit ein.

[2] Lehrplan 5. Klasse.

[3] Lehrplan 6. Klasse.

[4] Lehrplan 7. Klasse.

[5] Lehrplan 9. Klasse.

[6] Vgl. Eisenberg: Wörter, S. 21.

[7] Ulrich: Wortschatzerweiterung, S. 10.

[8] Ulrich: Wörter, S. 35f.

[9] Ebd.

[10] Barz: Wortbildung, S. 1664

[11] Ebd.

[12] Vgl. Ulrich: Wortschatzerweiterung, S. 11.

[13] Vgl. Klosa: Wortbildungsproduktivität, S. 19.

[14] Ulrich: Wortschatzerweiterung, S. 10.

[15] Ebd.

[16] Ulrich: Wortschatzerweiterung, S. 10.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Lindauer: Wortbildung, S. 8.

[19] Vgl. Peyer, Schader: Wortbildung, S. 42.

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640553747
ISBN (Buch)
9783640553396
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143801
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsche Philologie - Didaktik
Note
2
Schlagworte
Deutschdidaktik Wortbildung Deutschunterricht Morphologie

Autor

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Titel: Wortbildung im Deutschunterricht – Wortschatzarbeit und Sprachreflexion