Lade Inhalt...

Ordoliberalismus und Soziale Marktwirtschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 24 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitung

B. Ordoliberalismus
I. Entstehungsgeschichte und Grundlagen des Ordoliberalismus
II. Vertreter des Ordoliberalismus
III. Charakteristika der ordoliberalen Wirtschaft

C. Soziale Marktwirtschaft
I. Entstehungsgeschichte und Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft
II. Vertreter der Sozialen Marktwirtschaft
III. Charakteristika der Sozialen Marktwirtschaft

D. Resümee

E. Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Die nachfolgende Untersuchung beschäftigt sich mit den Grundgedanken des Ordoliberalismus und der Sozialen Marktwirtschaft.

Beide Ideen stellen eine Alternative zum klassischen Liberalismus dar. Seine wirtschaftliche Ausgestaltung, der Kapitalismus, kennzeichnet sich insbesondere durch das Prinzip des „Laissez faire“ – also durch die Ablehnung staatlichen Eingreifens in das Wirtschaftsgeschehen. Die Wirtschaftskrise in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts führte in der Wissenschaft dazu, diese Methode zu überdenken. In Deutschland entwickelte sich daraus eine ökonomische Richtung, die den Kapitalismus als Wirtschaftsform kritisierte. Gleichzeitig nahm sie aber auch Abstand von den Ideen des Sozialismus und der Planwirtschaft, die in der Krisenzeit großen Anklang in der Gesellschaft fanden. Die Vertreter dieser wirtschaftswissenschaftlichen Schule wurden später als Ordoliberale bezeichnet. Sie vertraten die Überzeugung, dass wirtschaftliche Freiheit eine konsequente Ordnung braucht, um sich positiv auf eine Gesellschaft auswirken zu können[1].

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur, musste Deutschland politisch und wirtschaftlich neu geordnet werden. Die weit verbreitete Angst, das Land könne zwischen den Siegermächten und ihren gegensätzlichen Gesellschaftssystemen zerrissen werden, ließ die politisch Verantwortlichen nach Alternativen suchen[2]. Der sog. „Dritte Weg“ sollte von der Zentralverwaltungswirtschaft und der reinen Marktwirtschaft gleich weit entfernt sein. Die Bevölkerung, die unmittelbar nach Kriegsende eine sozialistische Wirtschaftsform für Deutschland bevorzugt hätte, empfand die vorherrschende staatliche Bewirtschaftung bereits 1948 als Zwang. Diese Meinungsänderung und die amerikanische Besatzungspolitik kamen den liberalen Kräften und ihren Ordnungsvorstellungen zugute.[3] Der Wunsch nach einer zwar freien, aber nicht rein kapitalistischen Wirtschaft erlaubte die Einführung einer Wirtschaftsform, die unter dem Schlagwort „Soziale Marktwirtschaft“ bekannt wurde.

Ihren Vertretern ging es insbesondere darum, im wirtschaftlichen Liberalismus das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit und stabiler Wirtschaftslage zu realisieren. Dabei rückten auch die Überlegungen des Ordoliberalismus ins Blickfeld. Oftmals wird die Soziale Marktwirtschaft daher auch als Anwendung der ordoliberalen Theorie in der wirtschaftlichen Praxis charakterisiert.

Um eine Beurteilung dieser Aussage zu ermöglichen, wird dem Leser in Kapitel B zunächst die ökonomische Schule des Ordoliberalismus nähergebracht. Dabei wird auf die Entstehungsgeschichte der Theorie eingegangen, bevor die bekanntesten Vertreter der Schule kurz vorgestellt werden. Anschließend erhält der Leser einen Einblick in die Konzeptionen des Ordoliberalismus. Kapitel C widmet sich entsprechend der Sozialen Marktwirtschaft. Vorab wird dem Leser, ebenso wie in Kapitel C, ein Überblick über die Entstehung des Konzepts gegeben. Danach werden die prominentesten Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft biographisch porträtiert. Das Kapitel schließt mit den charakteristischen Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft ab. Kapitel D fasst die Ergebnisse der vorliegenden Seminararbeit zusammen.

B. Ordoliberalismus

Das folgende Kapitel gibt einen Einblick in die wirtschaftswissenschaftliche Gedankenwelt des Ordoliberalismus, der eine spezifisch deutsche Bewegung innerhalb des Neoliberalismus ist[4]. Dazu sollen seine Entstehungsgeschichte, die bekanntesten Vertreter sowie die grundlegenden Konzeptionen untersucht werden.

I. Entstehungsgeschichte und Grundlagen des Ordoliberalismus

Unter Ordoliberalismus versteht man die gesellschafts-, also nicht nur wirtschaftswissenschaftliche Theorie einer Schule, die seit 1948 das Jahrbuch „Ordo“ publiziert. Der Begriff Ordoliberalismus für die Bewegung etablierte sich in Anlehnung an den Titel dieses Werks zu Beginn der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Vielfach werden die Kerngedanken, die den Ordoliberalismus kennzeichnen, auch als „Sozialliberalismus“, manchmal subsumierend als „Neoliberalismus“ bezeichnet.[5]

Das charakterisierende Wesen dieser Strömung innerhalb der Nationalökonomie lässt sich anhand der Begriffsgebung verdeutlichen:

So steht, ganz in Anlehnung an das klassische liberale Gedankengut des 18. und 19. Jahrhunderts die Freiheit des einzelnen im Vordergrund der Überlegungen[6]. Bezogen auf den ökonomischen Bereich soll das Individuum nach wie vor den alltäglichen Wirtschaftsprozess nach eigenem Ermessen gestalten. Diese Freiheit findet dann aber ihre Grenzen in der Struktur der Wirtschaftsordnung.[7] Die Formen des Wirtschaftens sind innerhalb eines vorgegebenen, starren Rahmens festzulegen. Diese festgefügte Ordnung, die lateinisch als „ordo“ bezeichnet wird, erhält einen doppelten Sinn: Sie stellt zum einen die Gesamtheit der Formen dar, in denen der Wirtschaftsprozess abläuft. Gleichzeitig ist diese Ordnung das natürliche Prinzip, das dem Wesen des Menschen und jeglichen Dingen zugrunde liegt. Sie ist durch die Tendenz zum Gleichgewicht gekennzeichnet.[8]

Die Ideen des Ordoliberalismus entstanden in der Sorge um die Bewältigung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland in den ausgehenden 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die ökonomische Depression wirkte auf die ordoliberalen Gelehrten mehr noch als der Nationalsozialismus wie ein traumatisches Erlebnis. Hinzu kam die gravierende Erfahrung der wirtschaftlichen und politischen Instabilität des Weimarer Systems. Insbesondere der zunehmende Einfluss von Interessenverbänden in der ersten deutschen Republik wurde kritisiert. Durch ihre Macht verlor der Staat seine Autorität und wurde zu einer Vielzahl von Interventionen gezwungen, die für die Gesamtwirtschaft negativ wirkten[9]. Nach Auffassung der Ordoliberalen war es dabei einer der größten Fehler des klassischen Liberalismus, die freie Marktwirtschaft nicht mit rechtlichen und institutionellen Bedingungen auszustatten, die das verhinderten.[10]

Die Konzepte, mit denen die Ordoliberalen die wirtschafts- und verfassungspolitische Situation nach 1945 neu zu gestalten versuchten, sind von diesen Erlebnissen geprägt. Ihre theoretischen und politischen Vorstellungen richteten sie ganz darauf aus, eine krisenhafte gesellschaftliche Entwicklung wie in der Weimarer Republik für die Zukunft unmöglich zu machen.[11]

II. Vertreter des Ordoliberalismus

Unabhängig voneinander waren etliche Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler in der Endphase der Weimarer Republik auf die Probleme von Wettbewerb und privatwirtschaftlichem Machteinfluss gestoßen. 1933 begannen diese Wissenschaftler in Freiburg ihre gemeinsame Arbeit. Zu der lockeren Arbeitsgemeinschaft stießen in kurzer Zeit immer mehr Gleichgesinnte, so dass in ihrem Zusammenhang bald von der „Freiburger Schule“ gesprochen wurde. 1936 veröffentlichte dieser Kreis die Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“, in der scharfe Kritik am Historismus in der Nationalökonomie und den Rechtswissenschaften geübt wurde. Dem Historismus wurde vorgeworfen, jeweils nur einzelne ökonomische Phänomene erkannt zu haben und die Wirtschaft ausschließlich aus der Geschichte heraus verstehen zu wollen. Dabei würden die Gesamtzusammenhänge ökonomischen Handels nicht gesehen.[12] Die Freiburger Schule forderte die Rückkehr zum grundsätzlichen Denken. So sollte eine Wirtschaftsordnung auf Grundlage wissenschaftlicher Analyse und Vernunft beruhen. Rechts- und wirtschaftspolitische Fragen sollten mit Rücksicht auf diese Ordnung erörtert werden. Da ein funktionierender Rahmen für den Wirtschaftsprozess nur mit Hilfe der Rechtswissenschaft erstellt und durchgesetzt werden kann, wurde die fächerübergreifende Kooperation von Juristen und Ökonomen als besonders wichtig erachtet. Gleichzeitig sollten diese beiden Wissenschaften wieder ihre ursprüngliche hohe Bedeutung für die Entwicklung von Konzepten innerhalb des Staatswesens erhalten.[13]

Insbesondere die Leistungen Walter Euckens, Wilhelm Röpkes und Alexander Rüstows sind für den Ordoliberalismus von besonderer Bedeutung[14]. Um ein Bild von den Theoretikern der Bewegung zu erhalten, sollen diese Wissenschaftler kurz vorgestellt werden.

1. Walter Eucken[15]

Walter Eucken wurde 1891 in Jena geboren. Das Studium der Nationalökonomie schloss er 1914 mit einer Dissertation im Themenbereich Verbandsbildung in der Seeschifffahrt ab.

1921 habilitierte er an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin und war im Reichsverband der Deutschen Industrie tätig. Nach einer Zwischenstation in Tübingen erhielt Eucken 1925 eine Professur an der Universität Freiburg im Breisgau. Da die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät frei vom nationalsozialistischen Einfluss gehalten werden konnte[16], behielt der dem Regime kritisch gegenüberstehende Eucken seinen Lehrstuhl auch während der NS-Herrschaft und konnte an seinen Theorien zur wirtschaftlichen Ordnung arbeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte Eucken seine wirtschaftspolitischen Ansichten als Mitglied im wirtschaftlichen Beirat der Bundesregierung ein. Die Meldung seines Todes überraschte 1950 die Öffentlichkeit.

Leitmotiv in Euckens Werk ist die Frage, wie die moderne industrialisierte Wirtschaft eine funktionsfähige Ordnung erhalten kann. In dieser Ordnung sollte die Knappheit an Gütern so weitgehend wie möglich und andauernd überwunden werden. Zugleich sollte in dieser Ordnung ein selbstverantwortliches Leben der einzelnen Bürger möglich sein.[17] Zudem entwickelte Eucken eine Marktformenlehre, in der er die Anzahl von Anbietern und Nachfragern auf einem Markt analysierte und prüfte, ob der Preis als vorgegebene Größe von diesen Marktteilnehmern akzeptiert wurde[18].

2. Alexander Rüstow[19]

Alexander Rüstow wurde 1885 in Wiesbaden geboren. Während der Jahre 1903 – 1908 absolvierte er in Göttingen, München und Berlin ein breit gefächertes Studium, das z.B. klassische Philologie, aber auch Physik, Psychologie und Nationalökonomie umfasste. An dieses Studium schloss sich die Promotion über das Thema „Der Lügner. Theorie, Geschichte und Auflösung“ an. Bis 1911 arbeitete Rüstow als Verlagsmitarbeiter in Leipzig, um sich dann in München seiner Habilitation zu widmen. Der Erste Weltkrieg, an dem er als Offizier teilnahm, beendete zunächst seine wissenschaftliche Karriere. Nach dem Ende des Krieges war Rüstow bis 1925 im Reichswirtschaftsministerium tätig, danach für den Verein deutscher Maschinenbau-Anstalten (VDMA). Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte Rüstow nach Istanbul und kehrte erst 1949 nach Deutschland zurück.

[...]


[1] Blum, Reinhard: Soziale Marktwirtschaft. Wirtschaftspolitik zwischen Neoliberalismus und Ordoliberalismus, Tübingen 1969, S. 47 – S. 49

[2] Blum, Reinhard: Soziale Marktwirtschaft, in: Woll, Artur (Hrsg.): Wirtschaftslexikon, München et al. 81996, S. 623

[3] Haselbach, Dieter: Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft. Gesellschaft und Politik im Ordoliberalismus, Baden-Baden 1991, S. 156

[4] Starbatty, Joachim: Ordoliberalismus, in: Issing, Ottmar (Hrsg.): Geschichte der Nationalökonomie, München 42002, S. 251

[5] Haselbach (Autoritärer Liberalismus, 1991), S. 13

[6] Heinemann; Andreas: Die Freiburger Schule und ihre geistigen Wurzeln, München 1989, S. 18

[7] Heinemann (Freiburger Schule, 1989), S. 21

[8] Eucken, Walter: Grundzüge der Wirtschaftspolitik, Tübingen 51975, S. 372

[9] Eucken (Wirtschaftspolitik, 51975), S. 54

[10] Dürr, Ernst Wolfram: Wesen und Ziele des Ordoliberalismus, Winterthur 1954, S. 63

[11] Haselbach (Autoritärer Liberalismus, 1991), S. 17

[12] Winkel, Harald: Die Volkswirtschaftslehre der neueren Zeit, Darmstadt 1973, S. 92

[13] Heinemann (Freiburger Schule, 1989), S. 9 – S. 12

[14] Dürr (Wesen und Ziele, 1954), S. 372

[15] Dürr (Wesen und Ziele, 1954), S. 11

[16] Heinemann (Freiburger Schule, 1989), S. 13

[17] Heinemann (Freiburger Schule, 1989), S. 58

[18] Winkel (Volkswirtschaftslehre, 1973), S. 96

[19] Ebinger, Susanne: Alexander Rüstow und die Soziale Marktwirtschaft, Würzburg 1988, S. 34 – S. 48

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638197991
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14383
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Ordoliberalismus Soziale Marktwirtschaft Geschichte Denkens

Autor

Zurück

Titel: Ordoliberalismus und Soziale Marktwirtschaft