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Die Notwendigkeit von Reformen in der Sowjetunion der 1980er Jahre

Eine Beschreibung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation vor den 1980er Jahren und deren Ursachen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 31 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Abkürzungen

Hinweise zur Schreibweise und Aussprache

1. Einleitung

2. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in der SU seit 1953
2.1. Politische und wirtschaftliche Situation in der SU
2.1.1. Machtergreifung und Reformversuche Chruščevs
2.1.2. Machtergreifung und Reformversuche Brežnevs
2.1.3. Die Amtszeit Andropovs und ernenkos
2.1.4. Außenpolitische Situation in der Sowjetunion
2.2. Die gesellschaftliche Situation in der SU vor den Reformen der 1980er Jahre

3. Die Situation in der Sowjetunion am Vorabend der Reformen und ihre Notwendigkeit

Anhang A: Politische Struktur

Anhang B: Industrieproduktion und Nationaleinkommen

Anhang C: Die Entwicklung der Urbanisierung: Die Verteilung der Bevölkerung auf Stadt und Land (1897-1990)

Bibliographie

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinweise zur Schreibweise und Aussprache

Sofern es sich nicht um Zitate oder im Deutschen bekannte Begriffe (wie z.B. Sowjet) handelt, wird für die in der Arbeit vorkommenden Namen und Begriffe die Transkription der Association Phonétique Internationale (API) verwendet. Dabei gelten folgende lautliche Entsprechungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

[ … ]Will man chronologisch genau sein, so war das erste, womit wir uns in unserem Land befassen mussten, Fragen der Wirtschaft. Dabei beschlossen wir, an diese Fragen zunächst gleichsam unter Berücksichtigung der angesammelten unaufschiebbaren Probleme heranzugehen. Als wir das aber in Angriff nahmen, sahen wir, dass die Wurzeln dieser Probleme viel tiefer lagen. Wirüberzeugten uns, dass man die Reform nicht erfolgreich durchführen kann, wenn man das administrative Befehlssystem nicht demontiert. Diese Aufgabe lässt sich jedoch nicht ohne eine politische Reform und die Einbeziehung des Volkes lösen. [ … ][1]

Dieses Zitat vom 15.05.1989 von Michail S. Gorba ev fasst die Notwendigkeit von Reformen auf verschiedenen Gebieten zusammen, wie dieser sie in einem Rückblick auf den Beginn seiner Amtszeit 1985 sah.

Diese Arbeit setzt es sich zum Ziel, zu zeigen, dass umfassende Reformen unumgänglich waren. Es wird die Situation in der Sowjetunion am Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre dargestellt, die es erforderte, dass tief greifende Veränderungen begonnen werden mussten. Die Ursachen für die Lage der Wirtschaft, der Gesellschaft und des politischen Systems werden aus einer zusammenfassenden Darstellung der Jahre nach 1953 herausgearbeitet. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich dabei auf die Situation in der Sowjetunion selbst. Die Außenpolitik wird in einem kurzen eigenständigen Exkurs jedoch ebenfalls zusammengefasst.

Die gesamte Arbeit gliedert sich wie folgt: Nach dieser Einleitung werden die wichtigsten Ereignisse unter Chruščev und Brežnev zusammengefasst. Dabei folgt die Darstellung weitestgehend einem chronologischen Ablauf und fasst abschnittsweise zusammengehörige Fakten zusammen. Daran schließt sich die bereits erwähnte Zusammenfassung zur Außenpolitik an. Kapitel 3 widmet sich der Schilderung der gesellschaftlichen Lage in der Sowjetunion am Ende der 70er Jahre und stellt diese als eine der Haupttriebfedern für Reformen heraus. Das Kapitel 4 fasst die gesamte Lage kurz zusammen. Dann wird dargestellt, dass alle bisherigen Reformversuche zur Zeit Chruščevs und Brežnevs nicht in der Lage waren, die Probleme abzuwenden oder zu lösen und die Notwendigkeit von funktionierenden Reformen letztlich begründet.

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu weit zu fassen, werden zusätzliche Informationen in den Anhang ausgelagert. Anhang A gibt eine kurze Beschreibung des politischen Systems der Sowjetunion. Daran schließen sich Abbildungen zur Industrieproduktion und zum Nettoeinkommen in der Sowjetunion an.

2. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftli- che Entwicklung in der SU seit 1953

2.1. Politische und wirtschaftliche Situation in der SU

2.1.1. Machtergreifung und Reformversuche Chruščevs

Machtkampf um die Nachfolge Stalins und Machtergreifung Chruščevs

Nach dem plötzlichen Tod Stalins im Jahr 1953 brach noch im selben Jahr ein machtpolitischer Kampf um die Nachfolge aus. Nikita Chruščev gehörte zwar zu den engsten Helfern Stalins, aber nicht zu den herausragenden Wahlkandidaten. Lavrentij P. Berija als Geheimdienstchef, gefolgt von Georgij M. Malenkov, der die Personalabteilu]ng der KPdSU leitete, hatten beide bessere Chancen auf die Nachfolge. Nachdem aber Berija von seinen beiden Wahlkampfgegnern „ausgeschaltet“ worden war und Malenkov bei dem Versuch scheiterte, die Macht des Staatsapparates auf die Partei zu übertragen, ging Chruščev, der bereits seit 13. März 1953 als Erster Sekretär die KPdSU anführte, im Februar 1955 als unerwarteter Sieger hervor.[2]

Tauwetter-Periode: Entstalinisierung und seine Folgen

Mit seinem Amtsantritt 1953 setzte die Tauwetter-Periode ein, es machte sich allgemeine Aufbruchsstimmung breit. Insbesondere der Begriff Entstalinisierung ist mit seinem Namen verknüpft. Chruščev leitete sie 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU ein. 1961 erreichte sie mit dem Beschluss des XXII. Parteitages, den Leichnam Stalins aus dem Mausoleum am Roten Platz zu entfernen, ihren Höhepunkt. Dies war ein symbolischer Ausdruck Chruščevs dafür, „den Sowjetsozialismus von den Schandflecken der unmittelbaren [stalinistischen] Vergangenheit reinzuwaschen“[3] und die Entstalinisierung zu beschleunigen. Bereits 1956 nahm er in einer Geheimrede deutlich Abstand von Stalin und seinen Verbrechen. Dem einstigen Diktator warf Chruščev u. a. „Personenkult“, „ungerechtfertigten Massenterror“ in den 1930er Jahren, „strategisches Fehlverhalten“ im Krieg und „Russifizierung und Unterdrückung der nichtrussischen Nationalitäten“[4] vor. Anstelle der Alleinherrschaft proklamierte Chruščev „kollektive Führungsprinzipien“ sowie die Abschaffung des „verschärften Klassenkampfes“.[5] All diese Verfehlungen lastet Chruščev allein der Person Stalin an, ohne den Stalinismus als System und den Führungsanspruch der KPdSU in Frage zu stellen.[6]

Dieser Auftritt auf dem XX. Parteitag 1956 bewirkte eine grundlegende Wende in der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik. Folglich eines Amnestieerlasses wurden viele unschuldige Opfer aus den Straflagern entlassen und rehabilitiert, die Lebensbedingungen der verbliebenen Sträflinge verbessert und Zwangsarbeitslager aufgelöst. Die Probleme des Landes waren Chruščev durchaus bewusst. So verurteilte er die Stalinschen Paläste und Denkmäler und konzentrierte stattdessen die Energie der Bauwirtschaft auf die Errichtung von Wohnungen.[7]

Dezentralisierung

Chruščev wollte eine „kommunistische Gesellschaft“ schaffen und dazu waren vielfältige Reformen notwendig. Als sich mit der Entstalinisierung in den ersten vier Jahren nach Stalins Tod erste Erfolge zeigten, versprach Chruščev durch Dezentralisierung und Modernisierung der Wirtschaft Überzentralisierung und Überbürokratisierung des Sowjetsystems abzuschaffen und damit die Rechte der Betriebsdirektoren und der Kolchosvorsitzenden erweitern.[8] Auf diese Weise wollte er Versorgungsdefizite beheben und die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern.[9] Im Zuge der Wirtschaftsreformen ab 1957 löste er eine Reihe von Ministerien auf, baute Hierarchien ab und versuchte die Planung flexibler zu gestalten.[10]

Ende der „ kollektiven Führung “

Die endgültige politische Dominanz gewann Chruščev als er im März 1958 zum Vorsitzenden des Ministerrates aufstieg. Die zuvor äußerlich proklamierte und durchgesetzte „Kollektive Führung“ fand ihr Ende. Bulganin musste sein Amt als Ministerpräsident an Chruščev abgeben. Damit waren die höchsten Ämter in Partei und Staat erstmals seit der Ära Stalin erneut in einer Person vereint.[11] Diese Ablösung der Doppelspitze brachte Chruščev die notwendige Reichweite seiner Befugnisse, mit der er die Reformen gegen verschiedene Widerstände durchzusetzen konnte.[12] Bis zum XXII. Parteitag im Herbst 1961 stand Chruščev auf dem Gipfel seiner Macht.

Erfolge der Tauwetter-Periode

Tatsächlich sind in der Tauwetterperiode zahlreiche Erfolge zu verzeichnen. In der Wirtschaft wuchs die landesweite Agrarproduktion in den Jahren 1953 bis 1958 jährlich um 8 bis 9% und konnte durch die Neulanderschließung der Gebiete in Westsibirien und Kasachstan beibehalten werden. Auch im Industriebereich führte die Reorganisation zu größerer wirtschaftlicher Selbständigkeit der Betriebe und zur Vermehrung der kleinen regionalen Betriebe. Dies hatte zur Folge, dass Industrie und Nationaleinkommen die höchsten Wachstumsraten seit dem Krieg zu verzeichnen hatten.[13] Rasante Fortschritte zeigten sich auch in Wissenschaft und Technik: 1957 baute die UdSSR den ersten Weltraumsatelliten und drei Jahre später erfolgte der erste bemannte Weltraumflug.[14] Dieses Wachstum setzte sich später weiter fort. Nach 1960 jedoch verlangsamte es sich jedoch deutlich.[15]

Dank der hohen Wachstumsraten der Leicht- und Nahrungsmittelindustrie nahm das Konsumwarenangebot zu. Mit dem steigenden Löhnen stieg auch das Interesse der Bevölkerung an materiellen Gütern. Mit dem Wirtschaftsaufschwung wurden das Lohn- und Gehaltssystem verbessert. Es wurde nicht nur ein Mindestlohn eingeführt, sondern auch neben der Steuerbefreiung für Geringverdiener spezielle Zulagen für schwierige, gefährliche und schädliche Arbeit. Als Folge breitete sich eine mäßige Zufriedenheit aus. Man war zuversichtlich, dass die Planwirtschaft funktionierte. Chrušcev wollte also nicht nur die Lebensqualität der Bevölkerung anheben, sondern setzte es sich sogar zum Ziel, die USA sowohl im materiellen Wohlstand der Bevölkerung als auch in der Wirtschaftsleistung „in historisch kürzester Frist“[16] einzuholen und zu überholen.

Diskrepanz zwischen Stadt- und Landbevölkerung

Der Wirtschaftsaufschwung sorgte also für beachtliche Fortschritte. Allerdings verbesserten sich nicht überall in der Sowjetunion die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Die Diskrepanz zwischen dem Leben auf dem Land und dem in der Stadt blieben bestehen: Nur etwa ein Elftel dessen, was der Staat pro Einwohner in die städtische Infrastruktur investierte, floss in die Infrastruktur auf dem Land. Die große Kluft der Löhne zwischen Industrie und Landwirtschaft hatten zur Folge, dass die Landbevölkerung in die Städte auswanderte. Dies jedoch blieb nicht ohne Konsequenzen: Zum einen wurden die „Proportionen zwischen Produzenten und Konsumenten der Agrarprodukte spürbar verschoben“, zum anderen verursachte die „Auswanderung“, „Entvölkerung und Liquidierung vieler Dörfer“.[17]

Entspannungspolitik

In der Außenpolitik bemühte sich Chruščev um eine Phase der Entspannung.[18] Auf diese und jene Weise versuchte er die Mehrheit für sein zentrales Ziel zu gewinnen[19] - die „Errichtung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft“, die bis 1980 verwirklicht werden sollte.[20] Es waren allerdings nicht alle Ostblockstaaten bereit denselben Weg zu gehen, weswegen es zu Unruhen kam. Insbesondere Unruhen in Polen und Ungarn und der Deutschen Demokratischen Republik, die sich gegen das Ziel einer kommunistischen Gesellschaft stellten, zwangen Chruščev nach dem Grundsatz der „verschiedenen Wege zum Sozialismus“ nach härteren Maßnahmen zu greifen.[21] Dies führte zur militärischen Niederschlagung der Unruhen. Rokosswskij in Polen wurde abgesetzt, Nagys in Ungarn sogar hingerichtet. 1962 stellte die Kubakrise für ihn einen außenpolitischen Tiefpunkt dar.

Ende der Tauwetter-Periode

Insgesamt war die Tauwetterperiode eine belebende Zeit, die durch zahlreiche Reformen bis 1960 für einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg sorgte. Danach ging der Leistungszuwachs zurück. Eine gewisse Offenheit und geringere Zensur in der Presse öffnete den Weg zum freien Denken. Die Parteikontrolle über Literatur und Kunst, wie sie zur Stalinzeit üblich war, wurde anfangs gelockert.[22] Kritische und nicht den Normen des Sozialistischen Realismus entsprechende Texte wurden jedoch nur in Ausnahmefällen im staatlichen Verlagswesen publiziert. Solche Texte, die sich gegen Stalin wandten, wurden in dem vom Parteiapparat kontrollierten Verlag begrüßt. Andere Literatur jedoch, die nicht den in- haltlichen oder ästhetischen Vorgaben der KPdSU entsprach, galt als illegal und strafbar. So suchte die kritische sowjetische Intelligenz einen anderen Weg, Kritik am System der UdSSR auszuüben. Unter dem Begriff Samizdat (Selbstverlag) erschien jegliche inoffizielle Literatur, die nicht gedruckt, sondern durch Abschreiben im Inland vervielfältigt wurde. Als Tamizdat (Dortverlag) bezeichnete Literatur erschien im Ausland und gelang durch Schmuggeln oder über Rundfunksendungen in die Sowjetunion. Auf diese Art und Weise erreichte die vom Staat verbotene und unzensierte Literatur ihr Publikum. Die Partei reagierte, indem sie einige Dissidenten verfolgen und verhaften ließ. Allerdings war es ihr unmöglich, die Veröffentlichung nicht-systemkonformer Texte zu unterbinden, da die Dissidentenbewegung sich zu einer gut organisierten und kontinuierlichen Strömung herausgebildet hat.[23]

Bildung von Gegenbewegungen und Sturz Chruščevs

Es bildeten sich während Chruščevs Periode auch konservative Gruppierungen, die an den Prinzipien des Stalinismus hingen und mit den persönlichen Folgen der Chruščev-Politik nicht einverstanden waren. Seit 1960 bildeten sich auch Oppositionen, die zwar Chruščevs Reformen und die Entstalinisierung als richtig und notwendig ansahen, aber seinen Führungsstil und seine Führungsmethoden kritisierte.[24] Schließlich führte Chruščevs „Experimentiersucht“, mit der er den Kommunismus reformieren wollte, „seine hektischen, oft schlechten Reorganisationen, der ständige Wechsel von immer neuen „Kampagnen“, seine überoptimistischen, oft ans Utopische grenzenden Aufgabenstellungen, seine überstürzten, oft ohne Vereinbarung mit anderen Präsidiumsmitgliedern verkündeten Maßnahmen“[25] zu Konflikten mit jenen, die sonst seine Stütze waren. Es bildete sich eine „Einheitsfront“ verschiedener Kräfte in der Sowjetunion, die das Zurückbleiben der Wirtschaft gegenüber den überhöhten Planzielen, die Landwirtschaftskrise sowie einige außenpolitische Misserfolge - hier kam die Kubakrise zum Tragen[26] - nicht mehr dulden wollte, stattdessen den Wunsch nach sachlicheren Methoden im Führungsstil und nach geordneten Verhältnissen äußerten und so im Oktober 1964 für Sturz Chruščevs sorgten.

2.1.2. Machtergreifung und Reformversuche Brežnevs

Leonid I. Brežnev, der an dem Sturz Chruščevs beteiligt war, trat 1964 dessen Nachfolge als Generalsekretär der KPdSU an. Aleksej N. Kossygin übernahm das Amt des Ministerpräsidenten und Nikolaj V. Podgornyj das des Staatspräsidenten. Mit dieser Personenkonstellation war die „kollektive Führung“ im Staat erneut wiederhergestellt. Auf die Weise sollte das Gleichgewicht zwischen Partei und Staat gesichert werden.[27]

Mit seinem Amtsantritt propagierte Brežnev einen „neuen sachlicheren, nüchterneren, realistischeren und gegenwartsbezogenen Führungsstil“ [28], mit dem er die bürokratisch-zentralistische Form der Diktatur überwinden und ein „moderne[s] rationelle[s], elastische[s] und liberale[s] Herrschaftssystem“[29] schaffen wollte. Zugleich beabsichtigte er das allumfassende Eingriffsrecht des Parteiapparates zu schwächen und stattdessen der Gesellschaft Mitspracherecht zu erteilen.[30]

Fortführung der Entstalinisierung

Trotz der anfangs befürchteten Wiederkehr der stalinschen Prinzipien setzte Brežnev die Entstalinisierung fort: Er führte die Reformen im Bereich der Wirtschaft weiter, indem er den Managern, Technikern und Ingeneuren größere Betätigungsfreiheit gewährte und die Vertreter der Arbeiterschaft an der Unternehmensleitung beteiligen ließ. Er stellte die Konsumgüterproduktion in den Vordergrund. Das Rüstungsbudget wurde reduziert. Auch im kulturellen Sektor gab es keine Umkehrung zum härteren Kurs: Entlassungen von unschuldigen Inhaftierten wurden fortgesetzt, Pressefreiheit blieb bestehen, reformorientierte Schriftsteller durften weiterhin schreiben und veröffentlichen. Politische Wissenschaften wurden als selbständige Disziplin eingeführt. All dies ließ die Bevölkerung hoffen, dass die unter Chruščev begonnene Entstalinisierung fortgesetzt und gar vertieft werde.

Machtpolitischer Streit zwischen

Parallel dazu fand über den gesamten Zeitraum seit dem Sturz Chruščevs machtpolitische Auseinandersetzung zwischen Partei und Staat statt. Der Partei und Staat Parteiapparat forderte die Kontrollrechte über die staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen. Die Vertreter des Staates fühlten sich durch die Kontrolle eingeschränkt und erstrebten ihrerseits größere Unabhängigkeit. Letztlich konnte die Partei zu Beginn des Jahres 1965 ihre Interessen unter Brežnevs Leitung durchsetzen.[31]

Innenpolitischer Kurswechsel

Bereits im Frühjahr 1965 zeigten sich dann erste Anzeichen für einen innenpolitischen Kurswechsel. Dies machte sich darin bemerkbar, dass die Person Stalins sowohl in den Medien als auch durch Brežnev selbst positiv dargestellt wurde. Damit signalisierte Brežnev gleichzeitig die Verbindung zu konservativem Militär.[32] Mit der Verlangsamung der Entstalinisierungsreformen und der Anknüpfung an stalinsche Prinzipien rückten die im Folgenden aufgelisteten Entstalinisierungsdoktrinen Chruščevs in den Hintergrund:

[...]


[1] Gorbatschow 1991, 11.

[2] Hildermeier 2001, 69. Gemeint ist die Absetzung Malenkovs durch Bulganin, der neuer Ministerpräsident wurde.

[3] Hildermeier 2001, 71.

[4] Zur weiteren Auflistung der Vorwürfe siehe Leonhard 1977, 65.

[5] Vgl. Meissner 1988, 40f., Druwe 1991, 26.

[6] Vgl. Altrichter 2001, 141.

[7] Vgl. Leonhard 1977, 64.

[8] Vgl. Leonhard 1977, 65.

[9] Vgl. Meissner 1988, 41.

[10] Vgl. Wassmund 1993, 85.

[11] Vgl. Wassmund 1993, 30.

[12] Vgl. Meissner 1988, 41f.

[13] Zur Entwicklung der Industrieproduktion und des Nationaleinkommens in den Jahren 1951 bis 1990 siehe Anhang B.

[14] Vgl. Saslawskaja 1989, 51.

[15] Malia 1994, 376.

[16] Leonhard 1977, 73.

[17] Vgl. Saslawskaja 1989, 52ff. Zur Entwicklung der Urbanisierung siehe Anhang C.

[18] Vgl. Druwe 1991, 26.

[19] Vgl. Altrichter 2001, 131.

[20] Leonhard 1984, 47, 76.

[21] Vgl. Malia 1994, 363.

[22] Vgl. Leonhard 1977, 92.

[23] Vgl. Malia 1994, 382f., 400f. und Leonhard 1977, 139ff.

[24] Vgl. Leonhard 1972, 56.

[25] Leonhard 1972, 56.

[26] Vgl. Druwe 1991, 28.

[27] Vgl. Altrichter 2001, 151; Wassmund 1993, 30.

[28] Leonhard 1972, 58.

[29] Ebenda 55.

[30] Ebenda.

[31] Vgl. Leonhard 1972, 58f.

[32] Vgl. Die Zeit vom 21.05.1965, http://www.zeit.de/1965/21/Rueckkehr-zu-Stalin Zugriff am 16.06.2009.

Details

Seiten
31
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640529469
ISBN (Buch)
9783640529292
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143941
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Sowjrtunion Untergang Fall Perestrojka Glasnost Reformen Gorbatschow Breschnew Tschernenko Andropow Chruschtschow Malenkow

Autor

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Titel: Die Notwendigkeit von Reformen in der Sowjetunion der 1980er Jahre