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Die Welt bewusster erleben. Ein Trainingsprogramm für die Sinne

Fachbuch 2010 24 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau des Trainingsprogramms

3. Modul I – Riechen
3.1. Physiologische Grundlagen
3.2. Themenvorschläge
3.2.1. Gerüche raten
3.2.2. Geruchsmemory
3.2.3. Gerüche und Erinnerung
3.2.4. Wie riecht was?

4. Modul II – Hören
4.1. Physiologische Grundlagen
4.2. Themenvorschläge
4.2.1. Geräusche raten
4.2.2. Musikstücke erraten
4.2.3. Verhörer

5. Modul III – Sehen
5.1. Physiologische Grundlagen
5.2. Themenvorschläge
5.2.1. Optische Täuschungen
5.2.2. Zaubertricks
5.2.3. Suchbilder
5.2.4. Bilder, Erinnerungen und Emotionen

6. Modul IV – Schmecken
6.1. Physiologische Grundlagen
6.2. Themenvorschläge
6.2.1. Echter Geschmack und künstliche Aromen
6.2.2. Wie schmeckt was?

7. Modul V – Tasten
7.1. Physiologische Grundlagen
7.2. Themenvorschläge
7.2.1. Gegenstände raten I
7.2.2. Gegenstände raten II
7.2.3. Gegenstände raten III

8. Evaluation

Literatur

Zum Autor

1. Einleitung

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick. Johann Wolfgang von Goethe, Faust - Zweiter Teil

Die Welt mit seinen Sinnen bewusst zu genießen, ist eine Fähigkeit, die uns im Alltag leider viel zu oft verloren geht. Die Hektik einer sich ständig beschleunigenden Welt führt dazu, dass wir in einer Gesellschaft leben, die unter Reizüberflutung leidet. Kinofilme leben von immer schnelleren Szenenwechseln, bei der Nahrungsaufnahme dominiert Fastfood und selbst bei der Partnersuche hält das Speeddating Einzug. Geschwindigkeit bestimmt unser Leben und treibt uns vorwärts, während das bewusste Erleben des Moments verloren geht. Aber wenn schon wir unsere Fähigkeit des „Sich-Zeit-Nehmens“ verloren haben, wie viel schwerer mag es da Menschen treffen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben?

Hier setzt unser Sinnestraining an, welches auf der „Kleinen Schule des Genießens“ (Koppenhöfer & Lutz, 1984) und seiner Neuauflage (Koppenhöfer, 2004) basiert. Auch wir verfolgen mit unserem Programm das Ziel, dass unsere Patienten ihre Umwelt bewusster Genießen, sehen aber zudem Spaß als einen wichtigen Bestandteil unseres Konzeptes an. Wir wollen die Aufmerksamkeit unserer Patienten nicht nur bewusst auf ihrer Sinne lenken, sondern diese auch mit verblüffenden Phänomenen begeistern. Eine gelungene Gruppenstunde ist für uns, wenn die Patienten nach der Stunde noch über das Erlebte diskutieren.

Wir erwarten nicht, dass unser Training den entscheidenden Beitrag zur Gesundung unserer Patienten leistet. Unser Anspruch ist, dass die Patienten vom Klinikalltag, der eher auf ihre Störungen fixiert ist, eine kurze Auszeit nehmen können; das sie für eine Stunde zusammensitzen und nicht über Krankheit reden, sondern z.B. diskutieren, was genau bei einer optischen Täuschung zu sehen ist und wie diese vielleicht zustande kommt. Gerade diese „Auszeit“ von der Krankheit sowie das Wiederentdecken von Freude und Humor führen bei den Patienten zu einer Verbesserung ihrer Stimmung, die dann indirekt mit zur Gesundung beiträgt.

Sie sollen unabhängig von Ihrer Krankheit eigene Ressourcen erkennen und lernen, dass sie auch mit ihrer Krankheit einen wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft leisten können.

2. Aufbau des Trainingsprogramms

Das Training besteht aus einem modularen System, welches die 5 Sinne des Menschen (Riechen, Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen) bearbeitet. Ziel ist es, die Patienten dazu zu motivieren, bewusster auf die Sinneseindrücke in ihrer Umwelt zu achten und ihr Leben ein stückweit bewusster zu genießen.

Im Programm selbst soll die Eigeninitiative der Patienten gefördert werden. Daher gibt es keine vorgegebene Modulabfolge, sondern die Patienten bestimmen das Thema der nächsten Stunde eigenständig durch Mehrheitsentscheid. Einzig die Grundstruktur der einzelnen Sitzungen ist vorgegeben (vgl. Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Aufbau einer Trainingsstunde (60 Minuten)

Jede Stunde beginnt mit einer kurzen Begrüßungsrunde, in der jeder sagt, wie es ihm im Moment geht. Am Ende dieser Begrüßungsrunde steht das Wiederholen der folgenden Genussregeln (Koppenhöfer, 2004, S. 25):

1. Genuss braucht Zeit
2. Genuss muss erlaubt sein
3. Genuss geht nicht nebenbei
4. Genuss ist Geschmackssache
5. Weniger ist mehr
6. Ohne Erfahrung kein Genuss
7. Genuss ist alltäglich

Zudem sollen die Patienten zu jeder Stunde Materialien mitbringen, die zur letzten Stunde passen und berichten, warum sie gerade diese mitgebracht haben. Dies gewährleistet, dass sich die Patienten mit den Erfahrungen aus der Gruppenstunde bewusst auseinandersetzen.

Die Vorstellung der Materialien erfolgt nach dem Ende der Begrüßungsrunde. Jeder Patient darf etwas mitbringen, jedoch wird niemand dazu gezwungen. Gerade wenn eine Gruppe neu gestartet wurde, bringen Patienten selten Materialien von Zuhause mit. Hat sich die Gruppe jedoch erst einmal etabliert und haben die Gruppenteilnehmer erlebt, dass das Mitbringen von Materialien bei den anderen auf positive Resonanz stößt, steigt die Zahl der Patienten, die Materialien mitbringen stetig an. Dabei ist es unerheblich, dass gerade im teilstationären Kontext, in dem dieses Programm entwickelt wurde, die Patienten in der Gruppe häufig wechseln. Die Neuzugänge werden von den „Altmitgliedern“ meist gut aufgenommen und gewöhnen sich so schneller in die Gruppe ein.

In der zweiten Hälfte der Gruppenstunde wird ein neuer Sinnesbereich vorgestellt. Gerade beim Vorstellen der physiologischen Grundlagen des Sinnesbereichs ist es nicht Ziel, detaillierte Informationen zu vermitteln. Meist ist es für die Patienten interessanter, einen Grobüberblick zu bekommen und auf Kuriositäten (z.B. Blinder Fleck beim Auge) kennenzulernen. Wir wollen Interesse wecken und keine Biologen ausbilden.

Nach der Vermittlung der physiologischen Grundlagen wird den Patienten der Sinn anhand verschiedener Sinnesübungen nähergebracht. Dabei sollte man durchaus Kreativität walten lassen. Die Übungen, die in den nachfolgenden Kapiteln vorgestellt werden, sind nur als Beispielzusammenstellung. Bauen Sie kleine Highlights in die Übungen ein. Denken Sie daran, dass es um Genuss geht. Ein gutes Essen wird ja auch nicht nur nach Rezept gekocht und dann auf den Teller geworfen, sondern verfeinert und garniert.

Die Gruppenstunde schließt mit einer Rückmelderunde ab. Die Patienten geben eine kurze Rückmeldung wie es ihnen nach der Gruppenstunde geht und können hier auch eigene Ideen für künftige Sinnesübungen vorschlagen. Zudem wird über das Thema der nächsten Gruppenstunde abgestimmt.

3. Modul I – Riechen

3.1. Physiologische Grundlagen

Über den Geruchssinn analysiert der Mensch seine Umwelt in vielfältiger Weise. Der Geruchssinn beeinflusst dabei sogar unsere Gefühlswelt und unser Sozialverhalten. Nicht umsonst gibt es den Ausspruch „Ich kann jemanden nicht riechen!“.

Beim Riechen werden kleine flüchtige Moleküle von den Riechzellen unseres Riechepithels wahrgenommen. Der Mensch verfügt über 10 Millionen Riechzellen und kann mit seinem Gesuchssinn 1018 verschiedene Duftstoffe auseinanderhalten. Dabei nehmen wir jedoch nicht das individuelle Molekül als Einheit war, sondern das Zusammenspiel der unterschiedlichen Moleküle erweckt in uns einen Sinneseindruck. Wir nehmen zum Beispiel nicht die ca. 20 verschiedenen Duftstoffe eines guten Kaffees isoliert wahr, sondern kreieren aus diesem Zusammenspiel der Duftstoffe den Sinneseindruck „Kaffeeduft“.

Eine wichtige Funktion des Geruchssinns ist die Warnung vor toxischen Substanzen. Denn gerade für diese sind wir besonders empfindlich. So löst der Geruch von Schwefelwasserstoff in uns direkt ein Gefühl des Ekels aus, was auch sinnvoll ist, da dieser Stoff in der Natur ein Produkt von Fäulnisprozessen ist. So beschreiben viele auch den Geruch von Schwefelwasserstoff als Geruch von „faulen Eiern“.

Doch auch andere emotionale Inhalte oder Erinnerungen können durch den Geruchssinn ausgelöst werden. So denken viele beim Geruch von „4711 Kölnisch Wasser“ sofort an den Kirchenbesuch in der Kindheit oder beim Geruch von Zimt an das Plätzchenbacken zur Weihnachtszeit.

3.2. Themenvorschläge

3.2.1. Gerüche raten

Material: Filmdöschen (oder kleine Gläschen mit Schraubverschluss, da das Plastik der Filmdöschen einen Eigengeruch besitzt), Watte (oder ein kleines Stück Baumwollgewebe, da auch Watte einen wahrnehmbaren Eigengeruch besitzt), Gewürze, Duftöle oder sonstige geruchsintensive Substanzen

Vorbereitung: Eine kleine Menge der geruchsintensiven Substanz wird im Filmdöschen (oder kleinen Gläschen) gelagert und mit Watte (oder Baumwollgewebe) bedeckt. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass keine parfümierte Watte verwendet wird, da diese die spätere Sinneserfahrung erschwert oder gar unmöglich macht. Die Watte dient alleine dazu, den Blick auf das geruchsintensive Material zu versperren und es so unmöglich zu machen, dieses alleine am Aussehen zu erkennen. Die Filmdöschen sollten mit einer Nummer versehen werden und auf einer Liste notiert werden welche Substanz in welchem Döschen lagert.

Durchführung: Die Filmdöschen werden einzeln und nacheinander im Stuhlkreis herumgereicht. Jeder öffnet das Filmdöschen und riecht daran. Er macht sich Gedanken darüber, welche Substanz sich im Döschen befindet. Dabei gibt er noch keine Tipps ab, sondern reicht das Döschen zum nächsten Patienten weiter.

Wenn das Döschen einmal die Runde im Stuhlkreis gemacht hat, raten die Patienten, welche Substanz sich im Döschen befindet, bzw. wenn sie den Geruch nicht zuordnen können, woher sie den Geruch kennen.

Nachdem jeder seinen Tipp abgegeben hat, wird aufgeklärt, welche Substanz sich im Filmdöschen befindet. Jedem Patienten steht es frei, nochmals am Döschen zu riechen oder etwas zu dem Geruch zu sagen (z.B. ob er bestimmte Erinnerungen mit dem Geruch verbindet – „Riecht wie das Parfüm meiner Frau.“…).

Wenn keine Patienten mehr Anmerkungen zum Geruch haben, wird das nächste Filmdöschen mit einem neuen Duft herumgereicht und die Prozedur wiederholt sich.

3.2.2. Geruchsmemory

Material: Filmdöschen, Watte, Gewürze, Duftöle oder sonstige geruchsintensive Substanzen

Vorbereitung: Wie bei der Übung „Gerüche raten“ werden die Filmdosen präpariert. Nun müssen jedoch für jeden Geruch 2 Filmdosen vorliegen. Jede Filmdose soll mit einer Nummer codiert sein, wobei die Zuordnung der Gerüche zu den nummerierten Dosen zufällig sein soll, da ansonsten die Zuordnung der Duftspaare alleine über die Nummerierung möglich wäre.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144014
Note
Schlagworte
Genusstraining Achtsamkeit Sinnestraining Sinne Genuss Psychotherapie

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