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Tenement Housing in New York City im 19. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Amerikanistik - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Tenement Housing in New York City im 19 Jh
2.1 Geschichtliche Entwicklung der Tenement Häuser
2.2 Verbesserungen
2.2.1 New York Association for the Improving of the Condition of the Poor
2.2.2 Tenement House Act von 1867 und
2.3 Reformbewegungen
2.3.1 Jacob Riis
2.3.2 Tenement House Law von
2.4 Lebensbedingungen in den Häusern
2.4.1 Überfüllung der Tenements
2.4.2 Sanitäre Anlagen
2.4.3 Krankheiten
2.4.4 Kriminalität

3. Schluss

4. Anhang
4.1 Bilder
4.2 Bibliographie

1. Einleitung

In den Jahren zwischen 1830 und 1890 erlebte New York eine Bevölkerungsexplosion: Allein in Manhattan stieg die Zahl der Einwohner von rund 200.000 auf 1,4 Mio. an.1 Die Menschen, die tagtäglich von den Schiffen an Land gingen, kamen aus Europa, wo sie Hunger, politischer Unterdrückung und Verfolgung entflohen waren. Das klassische Einwandererviertel in New York, vor allem für arme Immigranten, war die Lower East Side in Manhattan. Sie liegt am südöstlichsten Ende von Manhattan am East River. Die genaue Abgrenzung des Stadtteils wird heute mit der Houston Street im Norden, Bowery im Westen und East River im Süden und Osten vorgenommen. Bis zu den 60er Jahren zählte das heutige East Village als nördlicher Teil mit zur Lower East Side (die nördlichste Grenze der Lower East Side war im 19.Jhahrhundert also die 14th Straße).

Als Tor zur Einwanderung in die Vereinigten Staaten war die Lower East Side über Jahrhunderte hinweg Sammelbecken der Kulturen. Das Gesicht des Viertels veränderte sich immer wieder bis ins 20. Jahrhundert hinein, je nachdem welche ethnische Gruppe gerade das Sagen hatte. 1820 setzte die große irische Einwanderungswelle ein, die in der irischen Hungersnot (Kartoffelhungersnot) von 1845 bis 1849 ihren Höhepunkt fand. Als 1855 die große deutsche Einwanderungswelle einsetzte, hatte New York City schon mehr als eine halbe Million Einwohner. 1870 lebten mehr als 170.000 deutschsprechende Immigranten in der Lower East Side. Sie bildeten ein Viertel im nördlichen Teil, welches auch als Kleindeutschland bekannt wurde. Zur gleichen Zeit begann sich Little Italy westlich davon zu entwickeln und südwestlich um die Jahrhundertwende herum Chinatown. Europäische Juden aus dem Osten kamen ab 1880 in größerer Zahl hinzu. 1915 machten die jüdischen Einwanderer faster Bevölkerung der Lower East Side aus.

Mit der steigenden Zahl an Immigranten in die USA und die dadurch ständig steigende Nachfrage nach mehr Wohnraum, entstanden so genannte Tenement Häuser. In New York City gab es die meisten Tenement Häuser im Einwandererviertel, also der Lower East Side. Das englische Wort "tenement" wird aus dem lateinischen Verb tenere, halten, abgeleitet. Im Mittelalter hatte das Wort

„tenement" die allgemeine Bedeutung einer Wohnung, oder eines Wohnsitzes. Später, im England des 16. und 17. Jahrhunderts, verwies das Wort auf ein Wohnhaus, dessen Wohnungen und Zimmer an individuelle Familien vermietet wurden.2 Hingegen, Anfang des 19. Jahrhunderts in Amerika, wurde der Begriff „tenement“ verwendet, um ein Wohngebäude zu beschreiben, in dem arme Immigranten zusammengepfercht, in düsteren, schlecht belüfteten und kalten Wohnräumen lebten. Um 1900 hatte New York eine Einwohnerzahl von 1,8 Mio. Menschen, davon lebten allein in der Lower East Side ungefähr 500.000 Menschen, womit das Viertel der am dichtest besiedelte Slum der Erde war.3 Dort lebten die Bewohner unter schlechtesten Lebensbedingungen wie Überfüllung der Häuser, unhygienische Zustände, Krankheiten und Verbrechen. Der New Yorker Philip Hone beschrieb die Stadt mit folgenden Worten: „Our good city of New York has arrived at the state of society found in the large cities in Europe; overburdened with population, and where the two extremes of costly luxury in living . . . are presented in daily and hourly contrast with squalid misery and destitution.“4

In dieser Arbeit werde ich die Entstehung und geschichtliche Entwicklung der Tenement Häuser in New Yorks` Lower East Side genauer untersuchen, sowie die verheerenden Lebensbedingungen unter denen die Bewohner dort leben mussten.

2. Tenement Housing in New York City im 19 Jh.

2.1 Geschichtliche Entwicklung der Tenement Häuser

Die Entwicklung der Tenement Häuser begann in den 1820iger Jahren mit der Entstehung der so genannten rookeries. Diese ersten Unterkünfte für die arme Bevölkerung der Lower East Side waren alte verfallene Häuser. Diese Gebäude waren früher Einfamilienhäuser, meist aus Holz, denn sie wurden in einer Zeit erbaut, in der Ziegel noch zu teuer war. Diese Häuser sind nach dem Wegziehen der Besitzer verfallen und die Immigranten hatten sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Materialien notdürftig wiederhergestellt. Die schlimmsten rookeries der Stadt befanden sich im Umkreis der Mulberry Bend und dem angrenzenden Five Points Bezirk, dem schlimmsten Slumgebiet von New York City, das erst 1894 komplett abgerissen wurde.5

Nach 1830 kamen immer mehr Einwanderer nach New York City, wodurch der Bedarf nach billigen Quartieren immer größer wurde, was schließlich in der Entwicklung der ersten Tenements resultierte. Anfang 1830 zogen die restlichen reichen Bewohner der Lower East Side in andere Gebiete und verkauften ihre Häuser an Makler, oder vermieteten sie selbst an Immigranten. Die Hausbesitzer zogen großen Gewinn aus diesen Gebäuden, denn sie wandelten die alten Häuser um, indem sie Zwischenwände einzogen, um so drei oder mehr Familien eine Unterkunft zu bieten.

Als die Zahl der der Einwanderer immer mehr anstieg, begannen die Besitzer damit Keller, Dachböden und sogar Ställe in kleinste Wohneinheiten zu teilen und an arme Einwanderer zu vermieten. Eine beachtliche Anzahl von Menschen lebte in Kellerbehausungen, wo die Mieten am billigsten, aber auch die Lebensbedingungen am schlimmsten waren. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten ungefähr 29.000 Menschen in solchen Kellergewölben.6 Die Folge von derart schlechten Lebensbedingungen waren natürlich Krankheiten und Epidemien, wie zum Beispiel, 1849 die große Cholera Epidemie. Auf die Lebensbedingungen in den Unterkünften werde ich in einem späteren Kapitel noch genauer eingehen.

Die Anzahl der vorhandenen Häuser konnte aber nicht mit der ständig wachsenden Zahl der an Einwanderern mithalten. Die große Nachfrage nach billigen Unterkünften resultierte daher in der Entstehung von zwei verschiedenen Arten von Tenement Häusern.

Der erste Typus, der entstanden ist, war der so genannte front and rear Tenement. Bei diesem Typ wurden Tenements vor schon vorhandene Gebäude gebaut, so dass ein vorderes und ein hinteres Gebäude auf einem Grundstück der Größe 25x100 Fuß stand. Aufgrund des grid-Systems, das die Städteplaner Anfang des 19. Jahrhunderts in New York eingeführt hatten, umfasste jedes Grundstück (lot) in der Stadt die einheitliche Größe von 25x100 Fuß. Die Hälfte der Grundstücksfläche war allerdings als Hinterhof gedacht. Zur Verdeutlichung im Folgenden eine Skizze:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in: Plunz, Richard. A History of Housing in New York City. New York: Columbia University Press, 1990, S.12

Die freien Flächen wurden nun mit back- Tenement Häusern bebaut. In dem vorderen Haus befanden sich jeweils zwei Wohnungen auf jedem Stockwerk. Die vorderen und hinteren Räume enthielten jeweils ein Außenfenster, die Räume in der Mitte dagegen waren dunkel. Im hinteren Gebäude, das nur durch eine schmale Gasse erreichbar war, befanden sich auf jeder Etage, je nach Besitzer, zwei bis drei Wohnungen. Die New York Daily Tribune beschrieb 1882 die rear Tenements wie folgt: „situated in dark courts and approached by narrow, foul smelling alleys. . .their position renders them not only dangerous from a sanitary point of view, but doubly perilous in case of fire.“7

Die nachfolgende Skizze zeigt den minimalen Abstand zwischen dem Vorder- und Hinterhaus. Die übel riechenden Plumpsklos, so genannte privies, befanden sich auf dem winzigen Hinterhof, der beide Gebäude voneinander trennte.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in: Plunz, 1990, S.15/ 16

Ein weiterer Typus war das so genannte railroad Tenement, das zwischen 1850 und 1880 entstanden ist. Sie wurden so genannt, weil die Zimmer hintereinander, wie Eisenbahnwaggons angeordnet waren. Diese Gebäude nahmen 90% eines 25x100 Fuß großen lot ein, und der dann noch verbleibende Hinterhof wurde mit privies bebaut.

Die railroad Tenements wurden aus Backstein erbaut und waren zwischen vier bis fünf Stockwerke hoch. Steile, enge und unbeleuchtete Treppen in den Eingangshallen führten zu den Wohnungen. Diese Wohnungen bestanden aus drei oder vier Zimmern, wobei nur die Außenzimmer Fenster hatten, so dass die Wohnungen recht dunkel waren und es fast keine Durchlüftung gab. Die folgende Skizze zeigt die zeitliche Entwicklung der Tenement Häuser, angefangen mit dem umgebauten Einfamilienhaus, bis hin zum dumb-bell Tenement, auf das ich in Kapitel 2.2.2 noch genauer eingehen werde.

Entwicklung und Typen von Tenements:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in: Maffi, Mario: Gateway to the Promised Land: Ethnic Cultures in New York’s Lower East Side. New York: New York University Press, 1995.

Das erste große Apartmentgebäude für die armen Immigranten war Gotham Court, 1850 von Silas Wood erbaut. Gotham Court bestand aus zwei Reihen von je sechs Tenements, die mit ihren Rückseiten aneinander stießen und sechs Stockwerke hoch waren.9 An den beiden Längsseiten befand sich jeweils eine enge Gasse, und gegenüber dem Haus standen ähnliche Gebäude mit gleicher Höhe, wodurch verhindert wurde, dass Licht in die Gassen gelangte und somit die Zimmer trotz Fenster sehr dunkel waren. Jedes Tenement enthielt zwei Wohnungen, die in jeweils zwei Räume unterteilt waren. Die Toiletten und Spültische befanden sich im Keller. Gotham Court war ein lukratives Geschäft: war das Gebäude ursprünglich nur für 140 Familien gedacht, so lebten 1879 bereits 240 Familien in dem Gebäude. Überfüllung, Dreck, Verbrechen und ansteckende Krankheiten machten Gotham Court für Jahrzehnte zu einem berüchtigten Slum. Es wurde zur Zielscheibe von Reformern wie Jakob Riis, die schließlich 1895 aufgrund von neuen Tenement Haus Gesetzen den Abriss des Gebäudes erreichten.10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in: Plunz, 1990, S.6

2.2 Verbesserungen

Immer mehr Menschen erkannten, dass etwas gegen die schlechten Lebensbedingungen getan werden musste, woraus die ersten Reformbewegungen resultieren.

2.2.1 New York Association for the Improving of the Condition of the Poor

Eine wichtige Reformbewegung war die 1843 von Robert M. Hartley gegründete New York Association for Improving Condition of the Poor (AICP).

Vor der Gründung von AICP gab es in New York zwar private Wohltätigkeitsorganistationen, aber jede dieser Organisationen arbeitete nur in einem bestimmten Gebiet oder widmete sich einem bestimmten Projekt. Die AICP hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Bedingungen in den Slums zu verbessern. Um den Armen zu helfen, besuchten so genannte visitors einige Familien und unterstützten sie in harten Zeiten. So bekamen die Familien genügend zu Essen, um nicht zu verhungern und genügend Kleidung, Brennstoff und ärztliche Versorgung. Diese Hilfe sollte aber kein Abhängigkeitsgefühl hervorrufen, sondern eher Hilfe zur Selbsthilfe sein. Die AICP erforschte zudem die Gesundheits- und Wohnbedingungen in den Slums und schuf Einrichtungen zur Kranken-, Erholungs-, Jugend- und Altenhilfe.

Die Ergebnisse des AICP- Komitees, das die Slums untersuchte, waren keineswegs verwunderlich. Die Zustände in den untersuchten Häusern waren durchweg schlecht: „Crazy old buildings, crowded rear tenements in filthy yards, dark, damp basements, leaking garrets, shops, outhouses, and stables converted into dwellings, though scarcely fit to shelter brutes, are habitations of thousands of our fellow- beings in this wealthy, Christian city.”11 Für die Organisation war klar, wenn nicht bald etwas an der Situation geändert würde, überrollten die Armen aus den Slums die ganze Stadt als Diebe und Bettler, und die Kriminalität würde von Jahr zu Jahr ansteigen.

Um die Situation für die Armen zu verbessern, erbaute die Organisation 1855 ein Modell Tenement, genannt Workingmen’s Home.12 Das Gebäude war 53 Fuß breit, und 188 Fuß lang mit insgesamt 6 Stockwerken. Jedes Stockwerk enthielt 16 Appartments, mit je drei Räumen und einer Kleiderkammer. Doch auch dieses Haus war nicht perfekt, denn wie auf dem folgenden Plan ersichtlich ist, gab es auf jedem Stockwerk 28 Zimmer, die völlig dunkel waren, und keinen direkten Zugang zu

Luft hatten. An den Längsseiten des Gebäudes befand sich jeweils ein Innenhof, der von einer Strasse zur anderen verlief:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in: Plunz, 1990, S.8

Dieses Modell-Tenement war gebaut worden, um Arbeitern eine gute Unterkunft zu bieten. Am Anfang hatte diese Idee auch Erfolg, und so schrieb die AICP in ihrem Jahresbericht 1858: „all these evils (disorder, disquiet and indecencies of conduct) gradually disappeared under the genial influences of their improved physical conditions; and now a more orderly, cleanly, well behaved community of tenants in humble life, can nowhere be found.”13 Aber bereits zwölf Jahre später wurde das Gebäude an einen privaten Investor verkauft, wurde als Big Flat bekannt und verkam zu einem der schlimmsten Tenement Häuser in New York.

Das Scheitern des Vorhabens hatte zwei Gründe: Zum einen wurde das Haus ausschließlich von Schwarzen bewohnt, so dass es nach deren Auszug sehr schwierig war, weiße Bewohner zu finden, die in diesem Haus leben wollten. Ein weiterer möglicher Grund könnte der Grundriss des Gebäudes sein. Es waren immer noch nicht ideale Wohnverhältnisse, mit zu vielen Zimmern im Inneren und ohne Luftzugang. Es ist verwunderlich, weshalb gerade dieses Konzept ausgewählt wurde, wo die AICP doch auf Dauer die Wohnqualität verbessern wollte.

2.2.2 Tenement House Act von 1867 und 1879

Die schlimmen Zustände in New York City forderten ihren Tribut, als es im Juli 1863 zu Aufständen („draft riots“) kam.

[...]


1 Jackson, Kenneth T. (Hrsg.). The Encyclopedia of New York City. New Haven: Yale Univ. Press, 1995, S.923

2 Abu-Lughod, Janet L. From Urban Village to East Village: The battle for New York’s Lower East Side. Cambridge: Blackwell, 1994, S.63

3 Riis, Jacob A. How the other half lives. Edited by David Leviatin. New York: St. Martin’s Press, 1996, S.65, oder Census Internet

4 Abu-Lughod, 1994, S.64

5 Plunz, Richard. A History of Housing in New York City. New York: Columbia University Press, 1990, S.51/ 52

6 Plunz, 1990, S.50

7 Plunz, 1990, S.15

8 Ernst, Robert. Immigrant life in New York City 1825-1863. New York: King’s Crown Press, 1949, S. 48

9 Plunz, 1990, S.6

10 Plunz, 1990, S.6

11 Riis, 1996, S.67

12 Plunz, 1990, S.6

13 Plunz, 1990, S.8

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668673694
ISBN (Buch)
9783668673700
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144109
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Amerika Institut
Note
2,0
Schlagworte
Tenement Housing New York City

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