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Jugendliche zwischen Risiko und Abenteuerlust - Gesundheitsgewinn durch riskante Verhaltensweisen

Masterarbeit 2010 77 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Risikobegriff
2.1 Ursprung des Begriffs Risiko
2.2. Von Devianz zum Risikoverhalten
2.3. Normativität in den Gesundheitswissenschaften
2.4. Das Konstrukt Risiko
2.4.1 Karrieren sozialer Probleme

3. Formen von riskanten Verhaltensweisen im Jugendalter

4. Krankheits- und Gesundheitsmodelle
4.1 Das biomedizinische Krankheitsmodell
4.1.1 Das Risikofaktorenmodell
4.2. Das salutogenetische Gesundheitsmodell
4.3. Resilienz

5. Erklärungsmodelle für jugendliches Risikoverhalten
5.1. Das sozialisationstheoretische Belastungs-Bewältigungs-Modell
5.2 Funktionen von Risiko
5.3. Risikofaktoren als Schutzfaktoren?

6. Hilfsmaßnahmen für Jugendliche
6.1 Prävention oder Gesundheitsförderung?
6.2 Risikokompetenzen

7. Diskussion und Fazit

8. Literatur

Zusammenfassung

Die Adoleszenz ist eine Phase, die für Jugendliche mit vielen Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben verbunden ist. Riskante Verhaltensweisen, insbesondere gesundheitliches Risikoverhalten ist ein normaler Bestandteil dieser Entwicklungsphase. Für einen Großteil der Jugendlichen sind riskante Verhaltensweisen Ausdruck eines natürlichen Ausprobier- und Neugierdeverhaltens, welches sich auf die Adoleszenz beschränkt und keinen negativen Einfluss auf die weiteren Entwicklungsprozesse hat. Im Gegenteil: Riskante Verhaltensweisen übernehmen eine Vielzahl von Funktionen für die Jugendlichen und es sind die gänzlich Abstinenten, die ein höheres Maß an Entwicklungsstörungen aufzeigen. Dennoch existieren unzählige Präventionsmaßnahmen, deren Ziel es ist, den Umgang aller Jugendlichen, speziell mit legalen oder illegalen Substanzen, verhindern, reduzieren oder beenden zu wollen. Dies passiert, da gesundheitliches Risikoverhalten ausschließlich als ein für die weitere Entwicklung negativ besetztes Kompensationsverhalten definiert wird. Die Erfolge der Prävention von gesundheitlichen Risikoverhaltensweisen Jugendlicher sind, gerade gemessen am Umfang und der politischen Legitimation der Maßnahmen, enttäuschend gering. Dringend notwendig und wesentlich erfolgversprechender scheint eine Form der Gesundheitsförderung zu sein, die sich durch befähigende Maßnahmen auf die Bildung von Schutzfaktoren, Ressourcen und einer Risikokompetenz im Umgang mit gesundheitlichem Risikoverhalten konzentriert. Das aktuell vorherrschende Präventionsdogma beruht auf einer Defizit- und normwertorientierten, stark biomedizinisch geprägten Sichtweise von Gesundheit und Krankheit und deren Bedingungen und Ursachen. Betrachtet man jedoch die Gesundheit und das Risikoverhalten der Jugendlichen aus einer ganzheitlichen salutogenetischen und kulturhistorischen Perspektive, so wird den Funktionen und Vorteilen des Risikoverhaltens, wie Spaß, Genusserleben, Abenteuerlust, Identitätsbildung und Gruppenzugehörigkeitsgefühleine eine gleichberechtigte Rolle in der Bewertung für die Gesundheit der Jugendlichen zuteil.

Abstract

Adolescence is a stage in which young people are faced with many challenges and developmental processes. Showing risky behaviour, in particular health-related risky behaviour, is normal during this stage of development. The majority of young people does so out of curiosity and by means of trial and error. This behaviour is restricted to adolescence and does not have a negative influence on the further development of these individuals. It rather fulfils various functions, and adolescents who are abstinent from any risky behaviour experience developmental deficits. Despite this, preventive measures exist that aim at prohibiting, reducing, or stopping the use of legal or illicit substances in adolescents because health- related risky behaviour is usually defined as compensatory behaviour that is harmful for the development. The success of prevention of health-related risky behaviour is low in view of the extensiveness and political legitimation of preventive measures. A form of health promotion is badly needed and more likely to be successful which empowers measures for building protective factors, resources, and risk competence at handling health-related risky behaviour. The current predominant dogma of prevention is based on a deficiency and norm oriented, biomedical view on health and disease and their conditions and causes. From a holistic salutogenetical, cultural and historical perspective, however, functions and advantages of risky behaviour, such as fun, enjoyment, adventuresomeness, formation of identity, and feeling of group memberships, become equally important when assessing the health of young people.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zustandsraum der Problementwicklung.

Schetsche 1996 nach Schetsche 2008:69) S. 24

1. Einleitung

Jugendliche setzen sich in ihrem Alltag verschiedenen Risiken aus, die für sie gesundheitliche, strafrechtliche oder finanzielle Folgen haben können. Ob Rauchen, Alkoholgenuss, Mutproben, riskantes Verhalten im Straßenverkehr, Glücksspiel oder Diebstahl: in der öffentlichen Wahrnehmung werden diese riskanten Verhaltensweisen von Jugendlichen fast ausschließlich als negativ und der Gesundheit abträglich bewertet. Dies hat zur Folge, dass in den Gesundheitswissenschaften und anderen Disziplinen große Anstrengungen unternommen werden, um durch Präventionsmaßnahmen die unerwünschten Verhaltensweisen zu verhindern oder die Jugendlichen so zu erziehen, dass sie Alkohol, Tabak, sexuellem Risikoverhalten und ähnlich „ungesunden“ Verhaltensweisen abschwören. Dennoch stellen sich in dieser Vorgehensweise der Erwachsenen Präventionsakteure einige Fragen: ist riskantes Verhalten nicht ein normaler Bestandteil des Heranwachsens? Wer bestimmt, welches Verhalten als gesundheitliches Risiko gilt? Woher wissen wir, ab welcher Ausprägung „normales“ Verhalten zu gesundheitlichem Risikoverhalten wird? Dürfen wir von Jugendlichen erwarten, dass sie sich so „normal“ wie Erwachsene verhalten sollen? Haben Jugendliche nicht das Recht auf Autonomie der eigenen Lebensphase? Ist riskantes Verhalten nicht notwendig, um den Umgang mit Risiko zu erlernen? Ist riskantes Verhalten nicht sogar gesund? All diese Fragen möchte ich in der vorliegenden Arbeit diskutieren, um aufzuzeigen, dass riskantes Verhalten für Jugendliche sinnvoll und gesund sein kann. Ich möchte zur Diskussion der These die ursprüngliche Bedeutung des Risikobegriffs untersuchen und in einem soziologisch­historischem Rückblick aufzeigen, in welchem Verhältnis die aktuelle Wahrnehmung und Benutzung des Begriffs Risiko zu dem ursprünglich benutzten Begriff der Devianz stehen. Dies führt zwangsläufig zur Frage der Normativität in den Gesundheitswissenschaften und zu grundsätzlich konstruktivistischen, risikosoziologischen Überlegungen, die erklären sollen, warum manche Verhaltensmuster gesellschaftlich als riskant anerkannt sind und andere nicht. Dazu wird ein Modell zur Entstehung sozialer Probleme vorgestellt. Im folgenden Kapitel werden verschiedene Formen riskanten Verhaltens von Jugendlichen dargestellt und kategorisiert. Im Anschluss werden die Entstehung und die Bedeutung des biomedizinischen Krankheitsmodells erläutert und kritisch hinterfragt. Es soll dargestellt werden, wie riskantes Verhalten aus biomedizinischer Sicht definiert wird und welch großen Einfluss das Risikofaktorenmodell für die negative Besetzung des Begriffs des Risikos hat. Als wichtiges Gesundheitsmodell wird der biopsychosoziale, salutogenetische Ansatz von Aaron Antonovsky und im Anschluss daran das Modell der Resilienz beschrieben. Im folgenden Kapitel 6.1 wird das sozialisationstheoretische Belastungs-Bewältigungsmodell als die zurzeit wichtigste Sozialisationstheorie für riskante Verhaltensweisen im Jugendalter diskutiert. Des Weiteren werden Funktionen und Vorteile, die gesundheitliches Risikoverhalten für Jugendliche haben kann dargestellt. Dies wird um den Nachweis ergänzt, dass Risikoverhalten in unterschiedlicher Form und Intensität gesund für Jugendliche ist. Dazu soll insbesondere thematisiert werden, wie Risikofaktoren aus Risikoerfahrungen in Schutzfaktoren für Jugendlichen transformiert werden können. Abschließend wird untersucht, in wieweit Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen geeignet sind, um Jugendlichen in ihrer Entwicklungsarbeit zu helfen. Es werden dazu Vorschläge unterbreitet, wie Jugendliche zu mehr Kompetenz im Umgang mit substanzmittelbezogenen Risikoverhalten angeleitet werden können.

2. Der Risikobegriff

2.1 Ursprung des Begriffs Risiko

Der Ursprung des Begriffes Risiko ist zeitlich nicht eindeutig festzulegen. Nach Luhmann (1991:19) findet der Begriff im späten 14 Jahrhundert in Italien und Spanien den Eingang in den Sprachgebrauch, vor allem in Bereichen der Seefahrt und des Handels. Das der Begriff ausgerechnet in der Seefahrt seinen Ursprung findet, erscheint bei Betrachtung des Wesens der Schifffahrt nur logisch. Auf langen Reisen konnte an Schiffen eines Reeders immer etwas kaputt gehen, sie konnten von Freibeutern überfallen werden, die Fracht konnte ungenießbar werden oder schlechtes Wetter gar zum Untergang des Schiffes führen. Es ging also nicht direkt um Gefahren, sondern um etwas, wessen sich der verantwortliche Reeder bewusst war und er es trotz dieser Gefahren „riskierte“ (Bonß 1995:50). So wurden erstmals Versicherungen im Seehandel abgeschlossen, um eventuelle Schadensfälle zu regulieren. Möglich wurde dieser Schutz vor allem durch die damals neu erlangten Erkenntnisse in Mathematik und Stochastik, die es möglich machten, verschiedene Unsicherheiten und Gefahren qualitativ ähnlicher Gruppierungen zusammenzufassen. Somit konnten durchschnittliche Werte kalkuliert werden, die die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadenfalls beschrieben und zum anderen die zu erstattende Schadendhöhe. Somit ist Risiko das Produkt aus Schadenshöhe und Schadenwahrscheinlichkeit. (vgl. Schmidt-Semisch 2004). Diese Bedrohungs- und verlustorientierte Risikodetermination findet sich auch in der heutigen medialen Risikoberichterstattung oder in den Gebrauchsanweisungen von Lebensmitteln und Medikamenten („Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“) (Bonß 1995:32). Da der damalige Sprachgebrauch bereits Wörter wie Wagnis, Gefahr, Zufall, Glück, Angst oder Mut enthielt, scheint der Grund für die neue Wortkreation allerdings auch in der Einsicht zu liegen, „daß manche Vorteile nur zu erreichen sind, wenn man etwas aufs Spiel setzt.“ (Luhmann 1991:19). Dies mag auch der genannte Reeder gewusst haben, als er sein Schiff auf die Reise schickte.

Somit ist neben der Bedrohungs- und Verlustsichtweise von Risiko die Gewinnchance das zweite inhärente Merkmal des Risikobegriffs. Risiko ist also nicht nur die Ursache für finanzielle Absicherung im Schadensfall und negativer Ausdruck eines drohenden Verlustes oder einer latenten Gefahr, sondern auch eine unausweichliche Voraussetzung um bestimmte Vorteile in bestimmten Lebensbereichen zu erreichen. Das lateinische Wort „riscare“ steht zudem für eine Situation, in der man sich mit einer Klippe konfrontiert sieht, gleichzeitig aber auch für die Möglichkeit, diese Klippe erfolgreich durch eigenes Handeln zu umgehen bzw. zu umschiffen (Franzkowiak 1986:171). Eine Chance etwas zu gewinnen gibt es nur, wenn auch ein Verlust droht. Sehr anschaulich für diese Philosophie das Motto der Bremer Kaufleute: „buten un binnen - wagen un winnen (draußen und drinnen - wagen und gewinnen)“, der am Bremer Schütting zu lesen ist.

Bezog sich diese ursprüngliche Bedeutung des Risikobegriffs noch schwerpunktmäßig auf finanzielle Gewinne oder Verluste, wird der Risikobegriff in der heutigen Gesellschaft in vielen Zusammenhängen benutzt. Einer davon ist der Bereich der riskanten Verhaltensweisen im Jugendalter. Und bereits hier kann die Feststellung gemacht werden, dass die soziale Wahrnehmung von riskantem Verhalten im Jugendalter fast ausschließlich mit Bedrohung, Verlust und weiteren negativen Attributen verbunden ist. Riskantes Verhalten wird kaum als Chance wahrgenommen, etwas gewinnen zu können. In den meisten Fällen wird riskantem Verhalten eher eine negativ besetzte Kompensationseigenschaft zugewiesen (Vgl. Hurrelmann 2007).

2.2. Von Devianz zum Risikoverhalten

Wenn in der heutigen Diskussion über Jugendliche und deren Risikoverhaltensweisen gesprochen wird, sollte nicht unbeachtet bleiben, dass die Bezeichnung „Risikoverhalten“ im soziologischen und sozialwissenschaftlichen Bereich relativ neu ist und einer normativen Betrachtung bedarf. Groenemeyer (2008) stellt den Übergang vom devianten Verhalten zum Risikoverhalten dar und erläutert die Konsequenzen für das handelnde Individuum. Ursprünglich waren die Begriffe „Abweichendes Verhalten“ oder „Devianz“ in den sechziger und siebziger Jahren in der Soziologie gebräuchlicher als der Begriff des Risikos. Im soziologischen Diskurs der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts galt das abweichende oder deviante Verhalten als Abweichen von gesellschaftlichen Normen und der wahrgenommenen gesellschaftlichen Ordnung. Diese gesellschaftliche Ordnung wiederum reflektierte sich immer wieder am devianten Verhalten einiger Gesellschaftmitglieder, um sich seiner eigentlichen, „normalen“ Ordnung zu vergewissern. So stellte Durkheim in diesem Kontext auch die Kriminologie in den Mittelpunkt seiner Soziologie, da sie seiner Meinung nach die moralische Ordnung sichert. Die gesellschaftlich geltende Norm galt als Gradmesser dafür, ob eine Handlung als abweichend oder als normal angesehen wurde. Im Laufe des soziologischen Diskurses wurde Gesellschaft in ihrer Definition unscharf und nach Meinung einiger Soziologen und Soziologinnen wie Hayek, Thatcher und Foucault „empirisch nicht mehr fassbar“ (Groenemeyer 2008:80). Dadurch verlor die Idee der Devianz auch seinen wichtigsten Bezugspunkt, da ohne eine klar definierte Gesellschaft auch keine Normen und Werte, die aus dieser Gesellschaft stammen, mehr gültig sind. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Devianzbegriff durch den Begriff des Risikos ersetzt, da das Wesen des Risikos nicht an Gesellschaftskonformität geknüpft ist, sondern sich auf Erfolg und Nutzen im Rahmen von individuellen Handlungsbewertungen- und Entscheidungen stützt. Individuen entscheiden also nicht mehr aus normkonformen Gründen, sondern aus individuellen Abwägungen heraus (Groenemeyer 2008:80).

2.3. Normativität in den Gesundheitswissenschaften

Stellte sich im Devianzkonzept noch die Frage, was gesellschaftliche Normen in Ihrem Wesen sind, so stellt sich im Rahmen des Risikodiskurses die Frage, wie Risiken definiert werden müssen. Dies führt zur Thematik der gesellschaftlichen und politischen Konstruktion von Risiken. Beim Risikoverhalten werden gewisse Verantwortlichkeiten an die handelnden Akteure verknüpft, da man jetzt die Wahl hat zwischen zwei Handlungsoptionen. Dies mag auf den ersten Blick eine neue Wahlfreiheit sein, auf der anderen Seite muss aber beachtet werden, dass jede „falsche“ Entscheidung als Unfähigkeit gedeutet werden kann, Entscheidungen zu treffen. Wir haben es also mit einem Dilemma zu tun und es zeigt sich, dass konstruierte gesellschaftliche Normen auch im Bereich von riskanten Verhaltensweisen greifen. Sie tun dies bei riskanten Verhaltensweisen nur auf eine viel subtilere Weise als im Theoriebild der Devianz. Politisch und wissenschaftlich definierte Normen lassen keine wirkliche Wahl für das Individuum zu. Dies gilt besonders für gesundheitliches Risikoverhalten (Groenemeyer 2008:70ff.). Durch zusätzliche Entsolidarisierung im gesundheitlichen Versorgungssystem und eine zunehmende Ökonomisierung von Gesundheitsdienstleistungen entsteht so ein neoliberales individuelles Risiko- und Verantwortungskontinuum, dessen gesamtgesellschaftliche Reflexion kaum stattfindet. Was bedeutet dies für die Gesundheitswissenschaften? Schnabel et al. (2009) machen darauf aufmerksam, dass durch Normen Grenzen gesetzt werden, die es Menschen in einer Gesellschaft ermöglichen sollen, zwischen „wichtigen, erträglichen, unerträglichen, wahren und falschen Sachverhalten“ unterscheiden zu können. Somit sind Normen und Normativität wichtig, um eine gesellschaftliche Ordnung zu schaffen, die auf Verlässlichkeit und Vertrauen beruht. Ohne Normativität kann neben dem Funktionieren des alltäglichen Lebens auch die Wissenschaft nicht funktionieren, da auch sie in ihren disziplinspezifischen Methoden und Vorgehensweisen ihrer eigenen Normativität folgen muss. Die Gesundheitswissenschaft als multidisziplinäre Wissenschaft steht dabei zwangsläufig vor besonders großen Herausforderungen, will sie ihre Kernaussagen begründen und rechtfertigen. Sie muss sich mit den inhaltlichen und wissenschaftstheoretischen Normen der unter ihrem Dach befindlichen Disziplinen auseinandersetzten und einen aufgeschlossenen und aufgeklärten Diskurs führen, will sie selbst ihre Konturen schärfen und die Menschen als Zielobjekte ihrer Wissenschaft ernst nehmen.

Es lassen sich zwei Sichtweisen zur Ansiedlung der Normativität in den Gesundheitswissenschaften unterscheiden. Die erste Sichtweise geht davon aus, dass Public Health jedem Menschen die eigene Verantwortung für seine Gesundheit überträgt. Dazu müssen allerdings die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so verändert werden, dass jeder Mensch auch in der Lage ist, diese Verantwortung zu übernehmen und kompetent zu erfüllen. Diese Sichtweise gründet auf einer emanzipatorischen und absolut herrschaftskritischen Philosophie der Gesundheitswissenschaften. Stellvertretend für diese Philosophie kann die WHO-Definition von Gesundheit gelten (WHO 2009). Die zweite Sichtweise stellt vorab in Zweifel, dass es überhaupt möglich ist, sich als Wissenschaft völlig außerhalb von gesellschaftlichen Verhältnissen stellen zu können. Somit ist die Gesundheitswissenschaft auch immer Teil der Herrschaftsverhältnisse Außerdem legt diese Sichtweise zu Grunde, dass die Vorstellung, jeder Mensch sei daran interessiert, autonom über seine Gesundheit zu entscheiden, ebenfalls gesellschaftlich konstruiert ist. Die Aufgabe der Gesundheitswissenschaften muss hier die dauerhafte Reflexion mit ihrem eigenen Handeln sein. Dies gilt in besonderem Maße für Prävention und Gesundheitsförderung, da sie zum einen Menschen ausgrenzen kann und zum anderen Menschen „etwas Gutes“ tun möchte, was diese vielleicht überhaupt nicht wollen oder als persönlichen Verlust wahrnehmen (ebd. 2009:13ff.). Diese Perspektive scheint wiederum im Zusammenhang mit der These dieser Arbeit interessant, da Jugendliche während Phasen riskanten Verhaltens kein zeitgleiches Interesse an Rücksichtnahme auf ihre Gesundheit haben. Zwingend notwendig ist eine Auseinandersetzung der Gesundheitswissenschaften mit ihrer eigenen Normativität und der Frage, was gesundheits förderlich ist und was nicht. Was ist beispielsweise mit Jugendlichen, die sich bewusst gegen eine gesundheitsfördernde Lebensweise entscheiden? Ist die Gesundheitswissenschaft hier „der Heilsbringer vom Dienst“, der pädagogisch bevormundet? Die Auseinandersetzung von professionellen Akteuren und Akteurinnen der Gesundheitswissenschaften mit solchen und ähnlichen Fragen hat noch nicht, bzw. nur in sehr geringem Ausmaß stattgefunden (Schnabel 2009:19) oder führt lediglich zu einem Austausch von Glaubenssätzen, der unverbindlich bleibt.

2.4. Das Konstrukt Risiko

Alle Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft allgemeinverbindlich als riskant anerkannt und akzeptiert werden, sind nicht zwangsläufig die Verhaltensweisen, die objektiv riskant sind (Raithel 2004:25). Risiken sind gesellschaftlich oder politisch konstruiert.

„Die Wirklichkeit ist nicht direkt als solche für menschliches Handeln zugänglich, sondern immer Ergebnis von Bedeutungszuschreibung und Interpretation, die jeweils spezifischen historischen, sozialen, kulturellen und institutionellen Kontexten gebildet und reproduziert werden“ (Groenemeyer 2001:48).

Ein Beispiel für die Auflösung einer gesellschaftlich anerkannten Krankheit ist die Homosexualität, die erst Anfang der Achtziger Jahre ihren Status als anerkannte Krankheit verlor (Franke 2006:21, Groenemeyer 2001:48f.). Es stellt sich also die Frage, warum ausgerechnet bestimmte Risiken von Bedeutung in der aktuellen Diskussion sind, die es zurzeit gerade sind und andere eben nicht. Aus einer unendlichen Anzahl von Gefahren oder sozialen Sachverhalten, die eine Gefahr für die Gesundheit und fürs Leben darstellen können, wird nur eine bestimmte Anzahl auch als gesundheitliches Risiko definiert. Allerdings scheint die Anzahl der als Risiko definierten Gefahren kontinuierlich zu steigen. Immer neue Risiken werden entdeckt und politisiert. Dies liegt vor allem an einer veränderten Wahrnehmung von Gefahren. Sie äußert sich durch einen Anstieg der Risikosensibilität und einer Abnahme der Risikotoleranz (Groenemeyer 2001:48). Mit anderen Worten: das Leben scheint immer gefährlicher zu werden. Die Tatsache, dass öffentlich wahrgenommene Risiken Konstrukte sind, die nur bedingt mit ihrem wahren Gefahrengehalt korrelieren, öffnet eine bemerkenswerte Perspektive auf die These dieser Arbeit. Eine konstruktivistische Risikosoziologie muss die Frage stellen, ob die Diskussion um Erscheinungsformen und um Präventionsmaßnahmen gegen jugendliches Risikoverhalten nicht völlig an der Realität vorbeizielt. Zumindest muss eine breite öffentliche Fachdiskussion darüber stattfinden, wie die zu bekämpfenden Risiken und riskanten Verhaltensformen Jugendlicher zu dem geworden sind, was sie sind.

2.4.1 Karrieren sozialer Probleme

Im Folgenden soll anhand eines Modells von Michael Schetsche dargestellt werden, unter welchen Bedingungen und in welchen (erstaunlicherweise immer wiederkehrenden) Schritten neutrale soziale Sachverhalte1 zu sozialen Problemen werden. In diese Soziologie sozialer Probleme findet eine Debatte darüber statt, ob Probleme objektiv vorhanden sind (objektivistische Problemtheorie) oder ob sie konstruiert worden sind. (konstruktionistische Problemtheorie) (Schetsche 2008:35). Die interne

Fachdiskussion soll in dieser Arbeit jedoch nicht ausführlich weiter thematisiert werden. Ich möchte zur weiteren Diskussion meiner These den eher konstruktivistischen Ansatz der Problemsoziologie von Schetsche vertreten, der sein Modell selbst eine „wissenssoziologische Reformulierung der klassischen konstruktionistischen Problemtheorie“ nennt (Schetsche 2008:47). Des Weiteren setze ich zur Vereinfachung voraus, dass soziale Probleme in ihrer soziologischen Definition riskanten Gesundheitsverhaltensweisen ähnlich sind. Somit kann ein aufklärender Blick auf die aktuell in der Öffentlichkeit als riskante Verhaltensweisen definierten Sachverhalte geworfen werden. Im Folgenden wird das Sechs- Phasen-Modell zur Soziologie sozialer Probleme von Michael Schetsche (Abbildung 1) vorgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zustandsraum der Problementwicklung (Schetsche 1996 nach Schetsche 2008:69)

Schritt 1: Problemgeschichte als sozialer Sachverhalt

Jedes zukünftige Problem hat immer ein erstes Mal: Der Moment, in dem es zum ersten Mal öffentlich bzw. fachöffentlich genannt wird. Derjenige, der das Problem als Erster oder Erste definiert, ist der „primäre Akteur“.

Schritt 2: Problemmuster

Der „primäre Akteur“ formuliert das Problemmuster, indem er ihm bestimmte Eigenschaften zuspricht, die das Problemmuster möglichst attraktiv für den öffentlichen Diskurs machen und es von anderen Problemmustern abgrenzen. Er hat auch die Definitionsmacht, dem Problem einen möglichst prägnanten Namen zu geben (vgl. auch Schetsche 2000:51). Er kann das Problem beschreiben und bewerten. So kann er es als unbedingt behandelnswert beschreiben oder den Verstoß gegen eine herrschende moralische Werteordnung beklagen. Zusätzlich können auch schon Handlungsanleitungen konzipiert werden, die zumindest abstrakte Problemlösungen bieten (vgl. Peters 2002:36). Durch die Zuschreibung der Problemeigenschaften vom primären Akteur und von Akteuren des nachfolgenden öffentlichen Diskurses wird der ursprüngliche soziale Sachverhalt durch diese „kollektiven Wissensbestände“ in seiner Problemwahrnehmung verändert. Der neutrale Sachverhalt wird in einem „Wahrnehmungskokon“ eingesponnen und nicht mehr als sozialer Sachverhalt sondern über das durch das Problemmuster verbreitete Wissen über ihn wahrgenommen. Dies kann zur Folge haben, dass der ursprüngliche Sachverhalt nicht mehr rekonstruiert werden kann, da der „Wahrnehmungskokon“ gänzlich undurchlässig geworden ist (Schetsche 2008: 43f.).

Schritt 3:öffentliche Anerkennung

Wichtig für die weitere Entwicklung eines Problems ist die Erregung der Aufmerksamkeit von wirkungsmächtigen Medien. Erst wenn das zukünftige Problem zxEinzug in die Berichterstattung erhält, kann es in der Schrittfolge der Problemkarriere die nächste Stufe erreichen. Allerdings entscheiden nicht nur die Verantwortlichen der Massenmedien über die Art und den Inhalt der Berichterstattung. Sie müssen mehrere Kriterien beachten, die Rezipienten und Rezipientinnen von einer Berichterstattung erwarten. Das vorgestellte Problem muss an „Alltagsmythen“ der Konsumentinnen und Konsumenten und an gesellschaftlich geteilte Werte anschließen (Peters 2002:37f.). Die Glaubwürdigkeit eines neu vorgestellten Problems erhöht sich, wenn bereits anerkannte Wissensbestände zum Thema in der Bevölkerung vorhanden sind (Schetsche 2008:145). Ein weiterer erfolgversprechender Faktor für die Anerkennung eines problematischen Sachverhalts ist die Personalisierbarkeit des Problems. Wenn verantwortliche Personen als Verursacher oder Verursacherinnen des Problems ausgemacht werden können, verstärkt sich die Aufmerksamkeit der Medien als auch die der Rezipienten und Rezipientinnen. Besonders hilfreich ist es, wenn die Verursacher als Verbrecher oder Bösewichter dargestellt werden können. Hier erfolgt auch häufig eine Dramatisierung des Problems. Dies erhöht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit viel mehr als wenn die verursachenden Faktoren eher abstrakterer Natur sind (z.B. Naturgewalten oder die allgemeine Wirtschaftslage)(Schetsche 2008:143). Auch die Herstellung einer Verbindung des Problems zur eigenen persönlichen Lage durch den Rezipienten oder Rezipientin erhöht deren Aufmerksamkeit. So wird das Problem des „Komasaufens“ von Jugendlichen mehr Interesse bei Erwachsenen wecken, die selbst Eltern von Kindern im entsprechenden Alter sind oder im Bereich der Jugendarbeit beruflich tätig sind (Schetsche 2008:144). Weiterhin spielt die mögliche Visualisierbarkeit eines Problems eine Rolle in der Wahrnehmung. Bilder eignen sich besser zur Übermittlung emotionaler Botschaften als reine Textschrift. Bilder müssen nicht gelesen werden, sie rufen automatisch einen Abgleich mit eigenen Normen und Werten hervor. So lässt sich beispielsweise wiederum das jugendliche „Komasaufen“ besser durch Bilder als durch einen Text in den Medien darstellen. Psychische Erkrankungen wiederum lassen sich schlecht visualisieren. In der Phase der öffentlichen Anerkennung kann das Problem bzw. der primäre Akteur mit dem Versuch, den Sachverhalt zum Problem zu machen, allerdings auch scheitern, wenn das Problem die genannten Nachrichtenfaktoren nicht erfüllt. Dann bleibt das gescheiterte Problem ein neutraler Sachverhalt.

Schritt 4: stattliche Anerkennung

Hat ein Problem den Einzug in die öffentliche Wahrnehmung geschafft, muss es die Aufmerksamkeit der politischen Akteure und Akteurinnen gewinnen. Dies geschieht wiederum durch eine dauerhafte Präsenz des Problems in den Medien. Die politischen Akteure und Akteurinnen haben drei Möglichkeiten, auf die mediale Berichterstattung zu reagieren. Sie können bezweifeln, dass es das Problem gibt; sie können das Problem anerkennen, aber die politische Verantwortung weitergeben bzw. ablehnen; oder sie können die Verantwortung des Staates für das Problem anerkennen (Schetsche 2008:159). Dies wird vor allem geschehen, wenn den politischen Akteurinnen und Akteuren bewusst wird, dass es sich lohnt, sich der Problemdiskussion und der Problembekämpfung anzunehmen, um möglichst viel Wähler und Wählerinnen zur Honorierung des politischen Engagements zu gewinnen und für zukünftige Wahlen zu mobilisieren. Es handelt sich also um ein ausgesprochen opportunistisches Auswahlverfahren der Probleme, die es wert sind, sich ihrer anzunehmen.

„Nicht das größte Problem disponiert zur Anerkennung des entsprechenden Problemmusters, sondern die Einschätzung des Nutzens der Anerkennung für den Machterhalt oder- gewinn der Parteien“ (Peters 2002:38).

In einzelnen Fällen kann die staatliche Anerkennung des Problems auch ohne den vollzogenen Schritt der öffentlichen Anerkennung erfolgen. Dies ist der Fall, wenn Experten oder Expertinnen sich unter Umgehung des medialen Informationssystems direkt an politische Vertreter wenden (Schetsche 2008:159). Der primäre Akteur scheitert mit seiner Probleminitialisierung, wenn die politischen Parteien kein Interesse an einer Verantwortung für das Problem haben.

Schritt5: Problembekämpfung

Wenn das Problem von staatlicher Seite anerkannt wird, verpflichtet sich der Staat in der Bekämpfung des Problems aktiv zu werden (Peters 2002:39). Dies geschieht vor allem durch finanzielle, rechtliche und/oder informative Mittel. So können Betroffene des Problems Gelder erhalten, neue rechtliche Normen zu Verboten oder Gewährungen ausgesprochen werden oder etwa Kampagnen zur Aufklärung zu bestimmten Problemen gestartet werden (Schetsche 2008:164).

Schritt 6: Problemlösung

Als Folge der Problembekämpfung kann das Problem gelöst werden und von der Bildfläche verschwinden. Es kann sich aber auch chronifizieren und lange Zeit auf der politischen Agenda stehen ohne gelöst zu werden (z.B. Arbeitslosigkeit) oder intermittierend verschwinden, um dann wieder aufzutauchen (z.B. Depressionen im Zusammenhang mit dem Freitod Robert Enkes).

Die Kenntnis über die Karriere eines öffentlich und politisch anerkannten Problems sollte den Blick dafür schärfen, dass das, was allgemein als riskantes Verhalten von Jugendlichen gilt, immer auch gesellschaftlich konstruiert ist. Allerdings ist auch auszuschließen, dass völlig unproblematische Sachverhalte zu sozialen Problemen werden, wenn vorausgesetzt wird, dass im Wissensdiskurs über einen Sachverhalt eine Schnittmenge von übereinstimmenden Vorstellungen von am Diskurs beteiligten Akteuren und Akteurinnen vorliegen muss (Schetsche 2008:45). Interessant wäre es allemal, die Karriere gesundheitlicher Risiken für Jugendliche empirisch zu analysieren. Ziel wäre es, nicht alle als Problem anerkannten Verhaltensweisen zu ignorieren und als konstruiert abzutun, sondern eine reflektierte Sicht- und Denkweise aus der Soziologie sozialer Probleme in den aktuellen Diskurs über Jugendliche und deren riskante Verhaltensweisen zu übernehmen. Diese Denkweise ist auch unerlässlich, um Fragen der Normativität in den Gesundheitswissenschaften zu diskutieren.

3. Formen von riskanten Verhaltensweisen im Jugendalter

Um eine Orientierung zu geben, welche Formen von risikoreichen Verhaltensweisen Jugendlichen in Kategorie zugeordnet werden können, werden im Folgenden vier Risikoverhaltenstypen nach Raithel (2004) dargestellt. Die vier Risikoverhaltenstypen können nicht immer klar voneinander abgegrenzt werden. Vielmehr gibt es in manchen Bereichen Überschneidungen und manchmal ist das Risikoverhalten in einem Bereich die Folge oder die Ursache für ein Risikoverhalten in einer anderen Kategorie. Außerdem ist in der Fachwelt auch nicht eindeutig geklärt, welche Verhaltensweisen als riskant zu definieren sind (Raithel 2004:25). Dies ist maßgeblich dadurch begründet, dass Risiken auch immer durch gesellschaftliche Werte, soziale Normen und historische Strukturen konstruiert werden und deshalb keine Übereinkunft in den Risikoverhaltensdefinitionen herrscht (Groenemeyer 2001:48). Ein zweites Problem, welches bei der Risikodefinition beachtet werden muss, ist die Tatsache, dass die Jugendlichen selbst ein riskantes Verhalten nicht als riskant einschätzen, da sie nur den (vordergründigen) Nutzen des Verhaltens sehen und nicht die möglichen langfristigen Folgen (Raithel 2004:39). Diese2 subjektiv-eigenwillige Verortung eines gesellschaftlich, wissenschaftlich definierten Risikoverhaltens führt immer wieder zu Rätselraten und Verzweiflung bei den Initiatoren und Initiatorinnen von Präventionsprogrammen für Jugendlichen ob Ihres gezeigten, pathologischen Verhaltens.3 Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Risikoverhaltensweisen.

Gesundheitliche Risikoverhaltensweisen lassen sich in Risiken unterscheiden, die außerhalb des Individuums und außerhalb der Kontrolle des Individuums liegen und in Risiken, die innerhalb des Individuums, also durch das Verhalten der Jugendlichen selbst verursacht werden. Zu den externen Risiken gehören z.B. Umweltverschmutzung, radioaktive Strahlung oder Giftexposition am Arbeits- bzw. Schulplatz. In diesem Falle spricht man denn eher von prinzipiell negativ bewerteten, „subjektunabhängigen Bedrohungen“ als von Risiken (Raithel 2004:24). Der Jugendliche kann also nicht verantwortlich gemacht werden für die Entstehung des gesundheitlichen Risikos und ist somit auch seiner Verantwortung für und der Einflussnahme auf seine Gesundheit entbunden. Diese außerhalb des Individuums angesiedelten Risiken/Gefahren werden in dieser Arbeit nicht weiter behandelt.

Interne Risiken, also gesundheitliche Gefährdungen, die durch das Verhalten der Jugendlichen selbst entstehen und denen dabei implizit eine gewisse Selbstverantwortung zugeschrieben werden, lassen sich in zwei Bereiche einteilen:

- substanzmittelbezogene Risikoverhaltensweisen (Risk behaviour)

Hierzu gehören der Alkoholkonsum, der Tabakkonsum, der Konsum von illegalen Drogen und der Medikamentenkonsum sowie ein gestörtes Essverhalten. Auf eine epidemiologische Datenaufzählung zum aktuellen Stand der jugendlichen Risikoverhaltensweisen soll an dieser Stelle verzichtet werden.

- explizit risiko-konnotative Verhaltensweisen (Risk taking behaviour)

Hierzu gehören verschiedene Formen von Mutproben wie das S- Bahnsurfen, Sprungmutproben, Drogenmutprobe, das unerlaubtes Betreten von Baustellen, Essmutproben (z.B. ungeniessbare Tiere).

Das delinquente Risikoverhalten kennzeichnet, dass die Folgen des Verhaltens strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können, sofern die Jugendlichen polizeilich festgenommen werden. Es handelt sich demnach um durch gesetzliche Normen als illegal definiertes Verhalten. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass delinquentes Risikoverhalten auch gesundheitliche Konsequenzen für die Jugendlichen haben kann. Einige delinquente Verhaltensweisen scheinen aber recht „normal“ und nicht ungewöhnlich für Jugendliche zu sein. So wird der jugendliche Ladendiebstahl von Süßigkeiten auch als „entwicklungspsychologisches Bagatellvergehen“ (Raithel 2004:42) angesehen, welches als „normal und ubiquitär“ anzusehen ist (ebd.). Raithel spricht in einem früheren Buch auch von juristischem Risikoverhalten (Raithel 2001:16). Es werden weiterhin vier Deliktbereiche unterschieden:

1. Gewaltdelinquenz: Straftaten wie Körperverletzung, Erpressung oder Raub.
2. Eigentumsdelinquenz: Sachbeschädigungen, Diebstahl, Einbruch
3. Verkehrsdelinquenz: straßenordnungswidrige Verhaltensweisen, vernachlässigte Verkehrssicherheit
4. Weitere Delinquenz: illegaler Drogenbesitz, dealen, Fälschen,

Computerkriminalität

Finanzielles Risikoverhalten kann eine Verschuldung oder eine finanzielle Verpflichtung nach sich ziehen. Unterschieden werden zum einen übertriebener Warenkonsum und übertriebene Vertragsnutzungen von Handys, Telefonen, etc. und auf der anderen Seite Glücks- und Gewinnspiele. Das finanzielle Risikoverhalten richtet sich im Gegensatz zum delinquenten Risikoverhalten nicht nach außen, sondern zeugt eher von einer Art stillem Rückzugsverhalten der Jugendlichen. Durch ökologisches Risikoverhalten wie der Verschmutzung oder Zerstörung der Umwelt wird in der Konsequenz die Gesundheit des Jugendlichen indirekt durch sein eigenes Tun bedroht. Typische Verhaltensfelder in diesem Bereich sind die nicht sachgerechte Müllentsorgung oder auch unangemessenes, stark beschleunigungs- und bremsorientiertes sowie kraftstoffverschwendendes und abgasproduzierendes Fahrverhalten mit dem Auto oder Motorrad (Raithel 2004: 32ff.).

4. Krankheits- und Gesundheitsmodelle

4.1 Das biomedizinische Krankheitsmodell

Um den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs um Jugendliche und deren riskante Gesundheitsverhaltensweisen besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Entstehungsgeschichte des biomedizinischen Krankheitsmodells und der des daraus entstandenen, biomedizinischen Risikokonzeptes, welches immer noch das heutige Denken in der Medizin und in der gesundheitlichen Versorgung beherrscht (Franke 2006:121). Der Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes teilte die Welt in eine Körperliche und in eine rein Geistige ein. Durch ihn entstand die Vorstellung, der menschliche Körper sei eine Maschine und könne deshalb genau so wie eine Maschine bei Fehlfunktionen repariert werden.

„Die Natur als ganze und alle Naturdinge sind demnach als

Maschinen zu verstehen. Die Naturwissenschaften zeigen, wie

diese Maschinen funktionieren“ (Anzenbacher 2002:187).

Durch diese Philosophie entstand das mechanistische Menschenbild der Philosophie und der Medizin, welches auch heute noch stark verbreitet ist und von der Medizin weiter propagiert wird.

„Die Auffassung vom Körper als Maschine, die regelmäßig zu warten und gegebenenfalls zu reparieren sei, hat den Körper vom Leben selbst getrennt, bekommt also die Auswirkungen der Lebensbedingungen und Verhältnisse gar nicht mehr in den Blick“ (McKeown 1982 nach Erben et al. 1986:64).

Das biomedizinische Krankheitsmodell beruht auf vier Annahmen:

1. jeder Krankheit liegt eine bestimmte Grundschädigung des Körpers zu Grunde.
2. für jede Krankheit gibt es eine Ursache.
3. jede Krankheit zeichnet sich durch bestimmte Symptome aus, die nur durch medizinisch geschultes Personal (Ärzte und Ärztinnen) erkannt werden können.
4. jede Krankheit hat einen beschriebenen, voraussehbaren Verlauf und verschlimmert sich meistens, wenn nicht medizinisch interveniert wird (Franzkowiak 2004a:24).

[...]


1 Soziale Sachverhalte sind noch nicht Problem- oder risikobehaftet und müssen dies auch nicht werden. Sie sind aber potenzielle Probleme, wenn sie als solche definiert und anerkannt werden.

2 Kapitel 2.4

3 Über die Funktionen und Vorteile von riskantem Verhalten siehe Kapitel 5.2

Details

Seiten
77
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640548408
ISBN (Buch)
9783640550579
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144517
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,85
Schlagworte
Jugendliche riskantes Verhalten Risiko Gesundheit Gesundheitsgewinn Abenteuer Salutogenese Resilienz Alkohol Rauchen

Autor

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Titel: Jugendliche zwischen Risiko und Abenteuerlust - Gesundheitsgewinn durch riskante Verhaltensweisen