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Diskussion um den Bau von Moscheen in Deutschland

Analyse der öffentlichen Debatte in Gegenüberstellung mit wissenschaftlichen Perspektiven

Bachelorarbeit 2009 40 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. BEGRIFFSKLÄRUNGEN
2.1. ETHNIZITÄT UND KULTUR IM HINBLICK AUF DIE MUSLIME IN DEUTSCHLAND
2.2. MIGRATION

3. DIE SITUATION IN DEUTSCHLAND
3. 1. MIGRANTEN UND INTEGRATION
3. 2. MUSLIME IN DEUTSCHLAND

4. DER MOSCHEEBAU IN KÖLN-EHRENFELD
4. 1. DAS PROJEKT „DITIB ZENTRALMOSCHEE“ IN KÖLN-EHRENFELD
4. 2. DIE PARTEIEN
4. 3. DER DISKURS

5. FAZIT & AUSBLICK

QUELLENVERZEICHNIS:

1. Einleitung

1989 rief die muslimische Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya das sogenannte Hun- dert-Moscheen-Projekt aus. Ziel dieses Projekts ist es in Deutschland 100 Moscheen zu bauen - bis zum Jahr 1999. Das Vorhaben konnte in dem engen zeitlichen Rah- men nicht durchgesetzt werden, aber es deutet ein neues Selbstbewusstsein und den Willen der muslimischen Gemeinden in Deutschland an, in die Öffentlichkeit zu treten. In Deutschland stehen derzeit zwischen 110 und 159 repräsentative Mosche- en mit Kuppeln und Minaretten, in Planung oder im Bau befinden sich 184.1

„Die Integration ist gescheitert.“2 Mit diesem Resümee macht der Schriftsteller Ralph Giordano im Jahr 2007 auf sich aufmerksam. Der Satz fällt im Streit um den Bau der DITIB Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld, der am 28. August 2008 endgültig geneh- migt wurde. In diesem Streit geht es um mehr als um den Bau eines Gebetshauses. Der Streit zeigt die polarisierte Meinung einer breiten Gesellschaft gegenüber der In- tegration von türkischen Muslimen und offenbart die Sprengkraft der Debatte um In- tegration und den Bau von islamischen Gotteshäusern. Es geht tatsächlich um das Bild des Fremden in Deutschland und um die Frage, wie die deutsche Kultur mit die- sem umgehen soll. Giordano zeichnet ein Bild apokalyptischen Ausmaßes. Er spricht vom Koran als einer „Lektüre des Schreckens“, bezeichnet Muslima, die eine Burka tragen, als „menschliche Pinguine“ und schreibt in einem offenen Brief an den Dia- logbeauftragten der türkisch-muslimischen Gemeinde:

„In der akuten Auseinandersetzung ist Aufrichtigkeit das Letzte, was ich von der Ditib erwarte. Ich halte sie für den verlängerten Arm des Religionsbehörde Dyanet in Anka- ra, eine staatlich türkische Organisation und ein Instrument türkischer Außenpolitik, ohne jede Transparenz der internen Beziehungen, ein Verband, der sich als Initiator für den Mega-Bau in Köln-Ehrenfeld einen verräterischen Schritt zu weit nach vor [sic] gewagt und damit unfreiwillig die wahre Absicht offenbart hat - mehr Macht, mehr Einfluss.“3

Hinter der Polemik verstecken sich Ängste und Vorurteile, die auch bei weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorhanden sind.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse einiger Argumente, die in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Migranten, mit Integration und mit dem Bau von Moscheen verwendet werden. Dieser letzte Punkt bildet ein weitläufiges Spektrum an interessanten Aspekten ab. Sowohl die Tatsache, dass die Muslime durch den Schritt in die Öffentlichkeit nun präsenter werden und der Gesellschaft mit neuem Selbstbe- wusstsein begegnen, als auch die wachsende Gegenwärtigkeit einer Religion, die in der aktuellen Wahrnehmung oft als unberechenbar, fremd und bedrohlich gilt, rücken ins Zentrum der allgemeinen Rezeption. Dieser Schritt birgt eine bemerkenswerte Komponente: Die vormals theoretische Auseinandersetzung mit Migration und Integ- ration findet nun auf einer anderen, greifbareren Ebene statt. Wo vorher Toleranz ge- predigt wurde, muss sie nun erbracht werden. Der Bau von Moscheen stellt eine Be- rufung auf das Grundgesetz dar und ist ein Schritt in die deutsche Gesellschaft unter Beibehaltung von Elementen einer „fremden“ Kultur, bzw. Religion. Dies führt in die Richtung einer pluralistischen, „multikulturellen“ Gemeinschaft, die aber auch bereit sein muss, die neuen Mitbewohner aufzunehmen.4

Eine ganzheitliche Darstellung des Konflikts kann aufgrund der Komplexität des Stoffes nicht geleistet werden. Deshalb ist das Augenmerk auf einzelne Aspekte gerichtet, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder auftauchen. Die Erörterung orientiert sich hierbei vor allem an den Aussagen Ralph Giordanos, der in seiner Argumentation ein weites Feld von Befürchtungen und Vorbehalten darlegt. Es wird versucht, ein Bild zu zeichnen, das Hintergründe mit einbezieht und die gängigsten Streitpunkte aus einer anderen Perspektive darstellt.

Aus diesem Grund wird zuerst auf eine generelle Situation der muslimischen Bevölkerung in Deutschland eingegangen. Auf dieser Basis soll anhand eines exemplarischen Beispiels ein kleiner Einblick in die Debatten um den Bau von Moscheen in Deutschland gegeben werden. Dies geschieht im letzten Abschnitt, der vom Bau der DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld handelt, welcher zu heftigen Debatten geführt hat und alle Facetten des gängigen Diskurses darstellt.

2. Begriffsklärungen

2.1. Ethnizität und Kultur im Hinblick auf die Muslime in Deutschland

Im Folgenden soll in der nötigen Knappheit ein kleiner Überblick über die Verwendung von Begrifflichkeiten gegeben werden. Gerade bei einer Debatte mit einer solchen Brisanz ist es wichtig, zentrale Begriffe präzise zu bestimmen, um den Schlagwortcharakter von vornherein einzudämmen. Dieser Abschnitt soll dennoch nur als kurzer Überblick dienen und beansprucht keinesfalls eine detaillierte Erörterung der Begriffe, die an anderer Stelle ausgiebig geführt wird.5

Ein Grund für dieses Vorgehen ist die Tatsache, dass „die Muslime“ in Deutschland keine einheitliche Gruppe darstellen, sondern aus einer Vielzahl von unterschiedli- chen Untergruppen bestehen. Allein in Herkunft und Glaubensausrichtung gibt es große Unterschiede. Ebenso bilden individuellere Eigenschaften wie der Umgang mit Religion im Allgemeinen, der Bildungsgrad und die politische Gesinnung einen zent- ralen Punkt, der es schwierig macht, von Muslimen als homogene Gruppe zu spre- chen. Ohne einen gewissen Grad an Homogenisierung ist es aber nahezu unmög- lich, über das vorliegende Thema zu sprechen. Unter dem Aspekt der Ethnizität kann dies unter Vorbehalten auch erfolgen. Ethniziät ist an sich keine naturgegebene Grö- ße, sondern eine Konstruktion, die nach Köstlin „wichtige Funktionen“ erfüllt und „er- hebliche Wirkungen“ entfaltet.6 Eine dieser Funktionen liegt klar in der Möglichkeit der Betrachtung größerer Gruppen hinsichtlich bestimmter Merkmale und Gemeinsamkeiten, nach Geertz etwa Herkunft und Sprache, regionale Bezüge, Religion und Lebensweise.7 Auch nach Heckmann bietet sich für eine solche Betrachtung der Be- griff Ethnizität an.8 Die oben genannten erheblichen Wirkungen zeigen sich deutlich in der später dargestellten Diskussion in der Öffentlichkeit.9 Nach Barth ist ein weite- res Prinzip von essentieller Bedeutung für den Begriff. Nicht Gemeinsamkeiten seien das eigentlich Ausschlaggebende, sondern die „Grenzziehung und Aufrechterhaltung der Grenze“.10 Gerade diese Grenze ist es oft, die in einer öffentlichen Diskussion Aufsehen und Missgunst erregt.11 Nach Heckmann bilden „Gruppen von Menschen, die Gemeinsamkeiten von Kultur besitzen, geschichtliche und aktuelle Erfahrungen miteinander teilen (...) [und] Vorstellungen über eine gemeinsame Herkunft haben“ ein „bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein“ aus.12 Folgt man diesem Grund- verständnis von Ethnizität, kann man die muslimische Bevölkerung in Deutschland durchaus als eigene Ethnie betrachten. Hermann Bausinger spricht von Ethnizität als „Möglichkeit der Reduktion“ und als „moderne Größe“.13 Gerade durch die Uneinheit- lichkeit einer bestimmten Gruppe mache es Sinn, von Ethnizität zu sprechen; die „kompensative Setzung“ von Ethnizität macht Aussagen von und über größere Grup- pen überhaupt möglich.14

Ebenso wie die Muslime eine heterogene Gruppe darstellen, bildet auch der Islam mit seinen zahlreichen Ausprägungen keine einheitliche Größe und wird von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich gelebt.15 Diese Tatsache wird im öffentlichen Diskurs aber oft zu Gunsten einer vereinfachenden Sichtweise vernachlässigt.16 In der vorliegenden Arbeit werden die verwendeten Begriffe („Islam“, „Muslime“, …) hinsichtlich der oben genannten Bestimmungen und unter dem Aspekt der kompen- sativen Setzung gebraucht, um Aussagen überhaupt möglich zu machen. Zu beach- ten ist, dass vorwiegend türkische Muslime Gegenstand dieser Arbeit sind, auch wenn die Mitglieder der muslimischen Gemeinden aus einer Vielzahl von anderen Ländern kommen.

Der Hauptunterschied zwischen Ethnizität und Kultur besteht darin, dass sich Ethnizi- tät auf menschliche Gemeinschaften bezieht, Kultur hingegen auf die verschiedenen Lebensweisen von Menschen ausgerichtet ist. Geertz versteht unter Kultur unter an- derem ein „System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.“17 Augenmerk sei hier auf den Begriff weiterentwickeln gelegt. Kultur ist kein starres System, sondern flexibel und veränderbar. Dieser Aspekt wird in der alltäglichen Verwendung des Be- griffs Kultur häufig übergangen. Ein fester, starrer Kulturbegriff kann missbraucht werden, um ideologische Argumente zu unterstreichen. Kultur ist aber kein unverän- derliches Merkmal des Menschen. Werden gesellschaftliche oder politische Phäno- mene kulturell begründet und gerechtfertigt, ergibt sich das Problem der Kulturalisierung.18 Im öffentlichen Diskurs, der an späterer Stelle noch exemplarisch erörtert wird, ist diese Vorgehensweise durchaus üblich, was negative Auswirkungen auf die inhaltliche Dimension nach sich zieht.

Kultur - als einflussreicher Marker für Ethnizität - prägt den Alltag und das tägliche Leben. Sie kann integrierend und desintegrierend wirken, was gerade im Vergleich zwischen westlicher, europäischer Gesellschaft und den muslimischen Zuwanderern deutlich wird. Aus dieser Perspektive gesehen ist es sinnvoll, einzelne kulturelle Ele- mente näher zu betrachten, um ein schärferes und differenziertes Bild zu erhalten. Gerade bei der Untersuchung von Muslimen in Deutschland, deren Lebensweise in der Öffentlichkeit oft auf religiöse Aspekte ihrer Kultur reduziert wird, ist es notwen- dig, diesen Gesichtspunkt nicht zu vernachlässigen. Eine wirklich detaillierte Darstel- lung einer heterogenen Alltagskultur von Muslimen in Deutschland kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht geleistet werden, kurze Einblicke müssen hier genügen.

2.2. Migration

Als Ergänzung sei noch der Begriff Migration angesprochen. Dieser Begriff, der oft verwendet wird, verweist „über die bloße Ortsveränderung hinaus [auf] den Wechsel der Gruppenzugehörigkeit“.19 Ein Hauptkriterium dieses Begriffs ist demnach Mobilität.20 Da aber viele der ausländischen Mitbürger, die in der Alltagssprache als Migranten bezeichnet werden, weder einen Ortswechsel planen oder jemals einen solchen erlebt haben, kann von ihnen genau genommen auch nicht als Migranten gesprochen werden. Hier setzt der Begriff Migrationshintergrund ein, der terminolo- gisch präziser, aber ebenfalls nur schwer zu greifen ist. Er deutet an, dass sich der Begriff „nicht nur auf die Betrachtung der Zuwanderer - d.h. die eigentlichen Migran- ten - beziehen soll, sondern auch bestimmte ihrer in Deutschland geborenen Nach- kommen einschließen muss.“21 Hier fällt der Terminus bestimmte ins Auge, der auf eine mögliche Unschärfe hinweist. Das Bundesamt für Statistik liefert weiter folgende Definition:

„Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil .“22

Diese Definition umfasst für das Jahr 2006 über 15 Mio. Menschen in Deutschland.23 Aus diesem Grund sei auf eine gewisse Unschärfe der beiden Begriffe im Allgemeinen hingewiesen. Sie können jedoch nicht immer vermieden werden; wird in dieser Arbeit von Migranten oder von Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen, so sind, soweit nicht anders angegeben, türkische Muslime gemeint.

3. Die Situation in Deutschland

3. 1. Migranten und Integration

Die ersten Saisonarbeiter kommen zwischen 1948 und 1955 nach Deutschland. Sie werden von der Bundesrepublik gezielt geworben um den Arbeitskräftemangel nach dem Krieg wieder auszugleichen. Bis zum Zeitpunkt des Anwerbestopps 1973 sind 2,6 Millionen Ausländer in Deutschland beschäftigt.24 „Ohne den Einsatz der ,Gastar- beiter - so ein allgemeines Resümee - wäre das deutsche Wirtschaftswunder nicht in so kurzer Zeit erreicht worden.“25 Geplant ist ein Rotationsprinzip: Nach einem Ar- beitsaufenthalt soll die Rückkehr in das Herkunftsland erfolgen. Dieses Prinzip funk- tioniert nicht, die Aufenthaltszeiten verlängern sich Schritt für Schritt und bald setzen die ersten Familiennachzüge ein. An diesem Punkt machen sich erste Tendenzen bemerkbar, die auf eine längerfristige Niederlassung der Einwanderer schließen las- sen, politisch wird dies aber nicht thematisiert. Die Gastarbeiter werden zu Gästen, die bleiben - und die so zu Fremden werden.26 Die Bundesregierung reagiert auf das Scheitern des Rotationsprinzips und die sich verändernden Arbeitsmarktbedingungen mit dem Anwerbestopp 1973. Die Jahre 1973 bis 1979 sind geprägt durch weitere Familiennachzüge, die die einzige bleibende Form von legaler Zuwanderung darstel- len. Das Ausländergesetz bleibt bis auf diese Ausnahme aber restriktiv und es ist schwer, einen sicheren Aufenthaltsstaus zu bekommen. Mit dem Familiennachzug kommen auch Kinder nach Deutschland, die an den deutschen Schulen Probleme haben. Durch dieses neue Phänomen rückt nun die Bildungsintegration ins öffentli- che Bewusstsein und wird erstmals diskutiert. Die Debatten und die Reaktionen hier- auf markieren den ersten Schritt der Integrationsbemühungen. 1979 wird vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsident und erstem Ausländerbeauftragten der Bundesregierung, Heinz Kühn, ein Memorandum vorgelegt, das die Anerkennung der Einwanderersituation und eine konsequente Integrationspolitik fordert. Das Memo- randum ist deutlich formuliert:

„Der alarmierende Befund, insbesondere im Hinblick auf die Zukunftsperspektiven von 1 Mio. ausländischer Kinder und Jugendlicher im Bundesgebiet, macht umfassende Anstrengungen dringlich, um größten individuellen und gesamtgesellschaftlichen Schaden abzuwenden. Die bereits vorhandenen und erst recht die sich ohne eine rasche entscheidende Wende für die nahe Zukunft abzeichnenden Probleme stellen eine aufgabe, die, wenn sie nicht alsbald gelöst wird, unlösbar zu werden droht und dann verhängnisvolle Konsequenzen befürchten lässt.“27

In der darauf folgenden Debatte um Integration und in den politischen Beschlüssen der Bundesregierung werden die im Bericht Kühns aufgestellten Forderungen aber nicht in der Weise berücksichtigt, die eine Wende oder eine adäquate Regelung in der Ausländerpolitik nach sich gezogen hätte. Die Konzepte der Regierung sind weiter bestimmt durch den Gedanken, die Migranten würden wieder gehen. Die „soziale Integration auf Zeit“ ist Ziel der Bemühungen, ein grundlegendes Integrationskonzept wird nicht erarbeitet.28

Dieser Aspekt wirft ein anderes Licht auf ein Argument, das in öffentlichen Debatten zuweilen angeführt wird: die mangelnde Integration von Migranten auch nach Jahr- zehnten des Aufenthalts in Deutschland. Der Integrationswillen der Migranten wird hier in Frage gestellt. Betrachtet man diesen Punkt aber vor dem Hintergrund der o- ben dargelegten Situation, so wird schnell deutlich, dass eine Integrationsbereitschaft der Migranten nicht alleine für eine gelungene Integration verantwortlich sein kann. Integration ist ein langwieriger Prozess, der von zwei Seiten gleichermaßen ausge- hen muss: Die Einwanderer müssen sich in die neue Gesellschaft integrieren und die Gastgebergesellschaft muss Strukturen bieten, in die sich Zugewanderte integrieren können. Diese Strukturen müssen den Migranten ermöglichen, sich als Teil der Ge- sellschaft verstehen zu können und als vollständiges Mitglied akzeptiert zu werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge definiert Integration wie folgt:

„Integration ist ein langfristiger Prozess. Sein Ziel ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben in die Gesellschaft einzubeziehen. Zuwanderern soll eine umfassende und gleichberechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Berei- chen ermöglicht werden. Sie stehen dafür in der Pflicht, Deutsch zu lernen sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen.“29

In dieser Definition wird sowohl die lange zeitliche Dimension, als auch die „gleichbe- rechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen“ explizit erwähnt. Betrachtet man aus dieser Perspektive nun das oben beschriebene Vorurteil, die Migranten hät- ten nach Jahren des Aufenthalts versäumt, sich in Deutschland zu integrieren, so muss auch deutlich darauf verwiesen werden, dass die ersten offiziellen Überlegun-

[...]


1 Reents, F., „Der Funke springt über“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2007, Nr. 170, S. 34; sowie: Deutsche Islamkonferenz, Abdul-Ahmad, R., „Moscheen in Deutschland“, 08.12.08, <http://www.deutsche-islam-konferenz.de/nn_1318760/SubSites/DIK/DE/InDeutschland/Moscheen/mo scheen-node.html?__nnn=true>, (03.07.2009). Abdul-Ahmad Raschid von der Deutschen Islamkonferenz benennt die Anzahl der „Moscheen mit äußerlich gut sichtbaren Kuppeln und in die Höhe ragenden Minaretten“ mit 110. Friederike Reents beruft sich bei ihrem Verweis auf 159 Moscheen auf das Zentralinstitut Islam-Archiv in Soest ohne auf bauliche Besonderheiten oder äußerliche Merkmale einzugehen.

2 Streit im Turm, „Neubau einer Zentralmoschee“, 16.05.2007, <http://ocs.zgk.de/mdsocs/mod_movies_archiv/movie/Streit_im_Turm_Folge1/ocs_ausgabe/ksta> (23.08.08).

3 Giordano, R., „Der Brief im Wortlaut“, 16.08.2007, in: ksta.de, < http://www.ksta.de/html/artikel/1187242646812.shtml> (29.08.08).

4 Die „Multikulturelle Gesellschaft“ ist zudem ein Konzept, das kontrovers diskutiert wird.

5 Vgl. u.A.: Bausinger, H., „Ethnizität - Placebo mit Nebenwirkungen“, in: Köstlin, K., Nikitsch, H., (Hrsg.), Ethnographisches Wissen - zu einer Kulturtechnik der Moderne, Wien 1999, S. 31-41; Heck- mann, F., Ethnische Minderheiten, Volk und Nation - Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stutt- gart 1999.

6 Bausinger, „Ethnizität “, S. 38.

7 Ebd. S. 37.

8 Heckmann, Ethnische Minderheiten, S. 30f.

9 „Ethnizität“ birgt wie der Begriff „Kultur“ das Potential des Missbrauchs für ideologische Argumentationen und darf daher nicht unbedacht angewandt werden.

10 Ebd. S. 37: „Der wichtigste Punkt der Analyse ist aus unserer Sicht die ethnische Grenze, die die Gruppe definiert, nicht der kulturelle Stoff, der die Gruppe kennzeichnet“ (zit. nach Barth 1969).

11 Inwieweit der Bau von Moscheen ein Schritt in Richtung Öffnung und Ausweitung dieser Grenze ist, soll an späterer Stelle diskutiert werden.

12 Heckmann, Ethnische Minderheiten, S. 30.

13 Bausinger, „Ethnizität“, S. 38.

14 Ebd.

15 Vgl. Bihl, W., „Der christlich-islamische Dialog“, in: Brezovszky, Multikulturalität, S. 171-182, hier S: 171: „Der Islam ist in den sunnitischen Bereich (mit vier Rechtsschulen), den schiitischen (mit vielen Untergruppen und Sonderformen) und den charidschitischen Bereich geteilt.“; vgl. ferner: Reichmuth, S., „Sunniten“, in: Elger, R., (Hrsg.), Kleines Islam-Lexikon - Geschichte, Alltag, Kultur, Bonn 2006, S. 304: „Zum sunnit. Islam gehören heute über 85% der Muslime in der Welt.“; der größte Teil der in Deutschland lebenden Türken gehören ebenso der sunnitischen Richtung des Islam an.

16 Vgl. hierzu die in dieser Arbeit folgende Darlegung der Debatte über den Bau der Moschee in Köln- Ehrenfeld.

17 Geertz, C., Dichte Beschreibung - Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/ Main 1983, S. 46.

18 Haller, D., Dtv-Atlas Ethnologie, München 2005, S. 17.

19 Haller, Dtv-Atlas, S. 133.

20 vgl.: Bundeszentrale für politische Bildung, „Lexikon - Migration“, <http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=LYFP96> (08.07.2009), zit. nach: Schubert, K., Klein, M., Das Politiklexikon, Bonn 2006.

21 Bundesamt für Statistik, „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund- Ergebnisse des Mikrozensus 2007“, Wiesbaden 2009, S. 5.

22 Bundesamt für Statistik, „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit“, S. 6.

23 Ebd. S. 32.

24 Bundeszentrale für politische Bildung, Reißlandt, C., Von der "Gastarbeiter"-Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz Migrationsgeschehen und Zuwanderungspolitik in der Bundesrepublik, 15.03.2005, <http://www.bpb.de/themen/6XDUPY,0,Von_der_GastarbeiterAnwerbung_zum_Zuwanderungsgesetz. html> (08.07.2009).

25 Ebd.

26 vgl. Simmel, G., Soziologie - Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt/ M., 1992, S. 764-771, hier S. 764; Georg Simmel beschreibt bereits Anfang des 20. Jahrhunderts tref- fend das Problem, wenn er über den Wandernden spricht: „Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, son- dern als der, der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat“; in der Gestalt des Händlers, den er als Beispiel anführt, kann überdies ein Arbeitsmigrant gesehen wer- den.

27 Kühn, H., Stand und Weiterentwicklung der Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien in der Bundesrepublik Deutschland - Memorandum des Beauftragten der Bundesregierung, Bonn 1979, S. 2.

28 vgl.: BPB, „Von der ,Gastarbeiter -Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz“, <http://www.bpb.de/themen/6XDUPY,0,Von_der_GastarbeiterAnwerbung_zum_Zuwanderungsgesetz. html> (08.07.2009).

29 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, „Integration“, 2009, <http://www.integration-in-deutschland.de/cln_117/nn_278852/SubSites/Integration/DE/04__Service/L exikon/__Function/glossar-catalog,lv2=278880,lv3=974684.html> (09.07.2009).

Details

Seiten
40
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640548484
ISBN (Buch)
9783640551613
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144564
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Volkskunde
Note
1,8
Schlagworte
Diskussion Moscheen Deutschland Analyse Debatte Gegenüberstellung Perspektiven

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