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Zur Darstellung des Geschlechterverhältnis in der Novelle ´Wir töten Stella´

Hausarbeit 2000 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Geschlechterverhältnis
2.1 Die Figurenkonstellation
2.2 Die Liebe
2.3 Treue und Sexualität
2.4 Kommunikation

3 „Letztlich ist es ein hoher Preis“ – Folgen der Geschlechterbeziehung für die Frau

4 Sicherung / Festigung des Geschlechterverhältnis
4.1 Die Schuld der Frauen an der Wiederherstellung des Geschlechterverhältnis
4.2 Die Beziehung zwischen Anna und Wolfgang

5 Der Einbruch in die Geschlechterordnung
5.1 Stella als das Andere
5.2 Stella als Grund für den Bruch zwischen Anna und Wolfgang

6 Schluss: über die Utopie einer Veränderung des Geschlechterverhältnis

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ulrike Vedder schreibt in ihrem Resümee, Marlen Haushofers Novelle Wir töten Stella sei ein „radikale[r] Text (auch) über die Liebe, auch und gerade weil in ihm keine Liebesgeschichte erzählt wird.“[1] Letzteres wird bei der Lektüre schnell ersichtlich. Überhaupt, so scheint es, wird hier nicht nur die Geschichte von Anna und Richard oder von Stella erzählt, hier geht es überdies um das Verhältnis zwischen Mann und Frau im Allgemeinen; mehrfach wird im Text darauf hingedeutet, dass die Hauptprotagonisten Stereotypen sind.

Welcher Art diese Beziehung ist und was sie zusammenhält, wenn schon nicht die Liebe, ist dagegen nicht so offenkundig. Zwar bietet der Text aus der Sichtweise der Ich-Erzählerin Anna einen Blick hinter die Fassade der konservativen Ehe, jedoch stellt ihr Erinnerungsschreiben für sie selbst scheinbar den ersten Versuch dar, Distanz zum Geschehenen zu gewinnen und ihre Gedanken zu ordnen. Je mehr jedoch der Leser versucht, diese „verwirrten Fäden“ auseinander zu knoten, desto stärker wird er von der Resignation, die aus dieser Darstellung des Geschlechterverhältnis spricht, von jener Radikalität, die Vedder[2] bemerkt, ergriffen.

2 Das Geschlechterverhältnis

2.1 Die Figurenkonstellation

Die Geschichte spielt fast ausschließlich in der Familie von Anna und Richard, einem „Ehepaar in mittleren Jahren“, mit dem 15-jährigen Sohn Wolfgang und der Tochter Annette, die ungefähr acht oder neun Jahre alt ist.

Bereits im ersten Abschnitt der Novelle wird angedeutet, dass das Verhältnis zwischen den Figuren aus der Reihe fällt, wenn nämlich die Ich-Erzählerin schreibt: „Meine Anwesenheit hätte ihn [Richard] und Annette nur gestört.“[3] Andererseits hätte „ein Fremder mein Verhältnis zu Wolfgang gestört“[4]. Kurz darauf erklärt sie, dass die Familie in zwei Parteien gespalten ist: Richard und Annette auf der einen Seite, Anna und Wolfgang auf der anderen.[5]

Anna liebt ihren Sohn über alles und hängt weitaus mehr an ihm, als es eine gewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung vermuten lässt. Sie genießt nicht nur seine Liebe, Fürsorge und Zärtlichkeit, sondern sie scheint von ihnen abhängig zu sein. Ich werde in Kapitel 4.2 ausführlicher auf diese Beziehung eingehen.

Ganz anders verhält es sich mit Annette. Zwar kommt Anna ihren Mutterpflichten nach, doch deutet nichts auf eine (auch nur teilweise) emotionale Beziehung zwischen Mutter und Tochter hin. Anna erklärt sich die unterschiedlichen Gefühle zu ihren Kindern damit, dass sie Wolfgang im Krieg beschützen musste,[6] und die Geburt Annettes dagegen so unkompliziert verlief. „Annette hätte ebenso gut das Kind einer Bekannten sein können, das zu Besuch bei mir war“.[7] Hier wird deutlich, dass Anna für Annette noch nicht einmal mütterliche Gefühle aufbringt. Daneben gibt es aber einen weiteren Grund, warum Anna ihre Tochter nicht lieben kann: Annette gleicht ihrem Vater sehr, besonders was die Bedeutungslosigkeit ihrer Liebkosungen angeht. Das erfüllt Anna mit Entsetzen, auch wenn sie weiß, dass das Kind nichts dafür kann.[8]

Gerade in dieser Wesensgleichheit sieht die Ich-Erzählerin den Grund, warum Richard Annette so liebt, weil sie ja damit auf ihn selbst verweist. „ Richard war stolz auf diese Tochter, aber im Grunde weiß er genau, wer sie ist, ein gutgelaunter Spießgeselle, solange er allen ihren Launen nachgibt. Aber da er nichts so liebte, wie sich selbst, muß er auch sein kleines Abbild lieben.“[9]

Demgegenüber ist das Verhältnis zu Richard ähnlich distanziert, wie das von Anna zu Annette. Sie gehen „einander aus dem Weg, sogar wenn sie am selben Tisch sitzen“[10] und reden kaum miteinander. Im Gegensatz zu Annette wird Wolfgang vom Vater nicht bestraft, zumindest nicht körperlich. Auch das demonstriert in gewisser Weise die Distanz in der Vater-Sohn-Beziehung, denn man schlägt nur solche Menschen, derer man sich sicher ist. Aber „Wolfgang ist der einzige Mensch, der Richard unsicher machen kann“[11], vielleicht auch, weil „er ihn immer durchschaute“[12].

Stella kommt als „Fremde“ in diese Familie und wird auch sehr stark so erlebt, womit sie von Anfang an eine Außenseiterposition in der Konstellation einnimmt, auf die ich später noch zurückkommen werde. An dieser Stelle möchte ich nur kurz auf die Beziehung zwischen Anna und Stella eingehen. Oberflächlich gesehen, begegnet Anna ihrer Pflegetochter mit großer Distanz, ja Kälte. Doch es ist bemerkenswert, dass Stella ihr keine Ruhe lässt, auch und gerade nach ihrem Tod. Sie nimmt sich sogar die zwei Tage, an denen sie allein ist, Zeit, um Stellas Geschichte zu verarbeiten und schreibt: „Es wäre mir viel lieber, ich könnte mit ihr tauschen und müsste nicht hier sitzen und ihre jämmerliche Geschichte schreiben, die auch meine jämmerliche Geschichte ist.“[13] und etwas später klagt sie: „Um wieviel endgültiger bin ich toter als du!“[14] Offensichtlich identifiziert sich Anna mit Stella. Darauf weist auch Regula Venske hin.

Wenn ich also im folgenden die Geschlechterverhältnis zwischen Anna und Richard analysiere und dabei zuweilen auf die Beziehung Stella verweise, hängt das damit zusammen, dass Stella stellvertretend für Anna steht.

2.2 Die Liebe

Von einer Liebes beziehung kann in „Wir töten Stella“ eigentlich nicht die Rede sein. Das habe ich bereits angedeutet. Vielmehr handelt es sich um die beim Mann nicht vorhandene Liebe. Tatsächlich findet sich die scharfe Kritik an der Liebesunfähigkeit des Mannes in den meisten Werken Haushofers, aber in dieser Novelle geht sie noch weiter und stellt sehr deutlich die todbringende, mordende Tendenz der männlichen „Liebe“ heraus[15], denn hier ist ja wirklich von Mord die Rede, wie schon der Titel sagt. Daraus ergibt sich für die Frau die Erfahrung, dass Liebe entweder (für sie!) „tödlich oder aber unmöglich ist.“[16]

So ergeht es auch Anna, nachdem sie mitbekommen hat, dass Richard ein Verhältnis mit Stella angefangen hat, welches für ihn nur eine nette Abwechslung von kurzer Dauer bedeutet, während sie sich in ihn verliebt hat.

Ich [...] dachte an die kurze Zeit, die für Stellas Glück bleiben würde, und plötzlich schien es mir sinnlos, auch diese kurze Zeit noch durch mein Eingreifen zu zerstören. In der Tat war ja nichts mehr gutzumachen. Stella würde eine Zeitlang heftig leiden und dann anfangen, sich zu beruhigen, so wie wir uns alle beruhigen müssen, wenn wir am Leben bleiben wollen. [Hervorhebung durch M.D.][17]

Wenn sich die Liebe nach kurzer Zeit als Illusion herausstellt, das weiß Anna inzwischen, muss man sich entscheiden für ein Leben ohne Liebe oder für den Tod. Aus dieser Dichotomie gibt es kein Entrinnen. Auch das Leben und Lieben mit einem anderen Mann ist völlig ausgeschlossen, schon allein, weil aus Annas Sicht - wie bereits erwähnt – „keiner besser [ist] als Richard.“[18]

Verantwortlich für den Tod der Frau ist der Mann. Das wird spätestens klar, wenn Anna ihren Mann einen „Mörder“[19] nennt. Zum einen trägt er die Schuld am Tode Stellas[20], weil er sie, nachdem sie für ihn uninteressant geworden war[21], kaltblütig hat fallen lassen und sie seitdem einfach ignoriert, worauf Stella Selbstmord begeht, der (nur oberflächlich) wie ein Unfall aussieht.

Zum anderen ist aber auch Anna Richards ‚mörderischen’ Aktivitäten zum Opfer gefallen.

Vor Jahren war mir etwas geschehen, das mich in einem reduzierten Zustand zurückgelassen hatte, als einen Automaten, der seine Arbeit verrichtet, kaum noch leidet und nur für Sekunden zurückverwandelt wird in die lebendige junge Frau, die er einmal war. Wolfgangs rührende Nackenlinie, die Rosen in der weißen Vase, ein Luftzug, der die Vorhänge bauscht, und plötzlich spüre ich, daß ich noch lebe.[22]

Ein anderes Mal drückt sie es so aus: „Das kleine Mädchen von damals war tot, erwürgt und verscharrt von großen geschickten Händen“.[23] Anna war früher einmal ein anderer Mensch, der sterben musste, um zu überleben – als ein „Automat“, wohlgemerkt.

Anna ist also nicht physisch getötet worden wie Stella, doch schreibt sie: „Stella, [...] um wieviel endgültiger bin ich tot als du!“[24]

Annas Erfahrung, dass der Mann, den sie einmal liebte, ihr das Leben geraubt hat, hat zur Folge, dass sie an der Liebe selbst zweifelt. Ihre Äußerung „Damals glaubte ich auch noch an die Liebe und an Richard, was für mich dasselbe bedeutet“[25] klingt, als würde sie sich nur ein wenig über ihre jugendliche Naivität lustig machen. Liebe muss sich für Anna als Illusion, als ein „törichte[s] Gefühl“[26] entpuppt haben, das nicht in ihre jetzige Welt passt.

Nicht nur, dass sie auf die Liebe verzichten muss, sondern sie selbst kann Richard scheinbar auch nicht mehr lieben. Sie kann ja noch nicht einmal ihre Tochter lieben, nur weil sie Richard so ähnelt. Seit sie weiß, wer er ist: „ein Ungeheuer: fürsorglicher Familienvater, geschätzter Anwalt, leidenschaftlicher Liebhaber, Lügner und Mörder“[27], seitdem sie desillusioniert ist also, distanziert sie sich zumindest ganz stark:

„Meine Farbe ist Blau. Es (...) rückt alle Menschen und Dinge von mir ab. Richard glaubt, ich trage meine blauen Kleider nur, weil sie mir zu Gesicht stehen; er weiß nicht, daß ich sie zum Schutz trage. Niemand kann mich in
ihnen verletzen.“[28]

Es ist zu erwarten, dass unter einem solchen Schutzmantel zwar noch Liebe vorhanden ist, aber nicht mehr nach außen dringen kann, denn gerade sie macht den Menschen ja schutzlos. Die Liebe sucht sich aber einen Ausgang, ein Ersatz-Objekt, und verschiebt sich jetzt lediglich auf ihren Sohn: Nach der Enttäuschung über „diese Art von Liebe[...] konzentrierte sich mein ganzes Gefühl auf Wolfgang.“[29] Diese Liebe, macht sie mindestens genau so anfällig, weil Richard sie damit erpressen kann, aber es scheint, als könne sie nicht anders. Dabei darf sie nicht mit der Mutterliebe verwechselt werden, es ist vielmehr eine Projektion ihrer Liebe zu Richard.

Nicht nur in Wir töten Stella wird die Unfähigkeit des Mannes zu lieben der Unfähigkeit der Frau, nicht zu lieben, gegenübergestellt. So ist in ... von den „Feinden, die wir lieben müssen,“ die Rede. Haushofer beschreibt hier eine „Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Lieben versus Töten“,[30] und lässt sie als Natur erscheinen.

[...]


[1] Vedder S. 144

[2] Von der „größten Radikalität“ ist auch bei Venske zu lesen: Stephan, Venske, Weigel (1987), S. 103

[3] S. 53

[4] S. 63

[5] S. 64

[6] Die Zeit des Krieges ist für Anna auch eine Zeit der Illusionen: „Damals glaubte ich auch noch an die Liebe und an Richard, was für mich dasselbe bedeutet.“ Möglicherweise stellt Wolfgang damit auch ein Relikt für sie dar, um nicht zu vergessen, dass „einmal alles anders war“ (S. 101).

[7] S. 87

[8] S. 64

[9] S. 64

[10] S. 75

[11] S. 75

[12] S. 64

[13] S. 56

[14] S. 72

[15] Brüns spricht in diesem Zusammenhang vom „tendenziell tödlichen Charakter“ der „männliche[n] Liebesunfähigkeit“ Brüns S. 29

[16] Vedder S. 139

[17] S. 85

[18] S. 82

[19] S. 68

[20] Allerdings trägt er nicht allein die Schuld. Zur Mittäterschaft Annas siehe Kap. ?

[21] vgl. S. 62 : “Keine Frau hat ihn so bald gelangweilt wie Stella.“

[22] S. 67

[23] S. 84

[24] S. 72, zu dieser Thematik vgl. auch Kap. 3

[25] S. 87

[26] S. 57

[27] S. 68

[28] S. 56

[29] S. 77, vgl. auch Brüns S. 47: „Danach [...] ist [die Frau] in ihrem Liebesgehren auf den Sohn verwiesen, wie die ödipale Liebesbeziehung zwischen Mutter und Sohn in Wir töten Stella verdeutlicht.“

[30] Brüns S. 29. Es ist nicht eindeutig, ob die Autorin sich auf das gesamte Werk Haushofers oder nur auf ihren Roman Himmel der nirgendwo endet bezieht. Auf jeden Fall verweist sie darauf, dass ihre Interpretation Erklärungsmuster für andere Texte Haushofers bieten (S.27).
Vgl. auch Venske S. 116-117.

Details

Seiten
23
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638108911
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1447
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Deutsche Sprache und ihre Didaktik
Note
sehr gut
Schlagworte
Marlen Haushofer Stella Geschlechterordnung Rolle der Frau

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