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Frauenbewegungen in der Türkei

unter Berücksichtigung der Sichtweise von Zuhal Yesilyurt Gündüz

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die erste Phase der türkischen Frauenbewegung (1839-1918)

3. Die zweite Phase der türkischen Frauenbewegung (im Zuge der Republiksgründung 1923)

4. Die weitere geschichtliche Entwicklung seit dem Kemalismus bis in die 1970er Jahre

5. Die dritte Phase der türkischen Frauenbewegung (ab 1980)

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit ihrem Werk „Die Demokratisierung ist weiblich…“ nimmt Zuhal Yesilyurt Gündüz[1] Bezug auf die türkische Frauenbewegung im 20. Jahrhundert und betont damit den Beitrag der Frauen zur Demokratisierung der Türkei.

Sie gliedert die Frauenbewegung in der Türkei in drei Phasen:

a) Die Frauenbewegung begann in der Türkei anders als in Europa, wo die Frauenbewegung im Zuge der Französischen Revolution ihre Anfänge nahm, erst 50 Jahre später: In der `Tanzimat`[2], einem umfangreichen Gesetzgebungswerk, Ausdruck europäisch beeinflusster Reformpolitik in der Türkei, wurde im Jahr 1839 die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz festgelegt.

Weitere Schritte feministischer Ideen sieht Gündüz in der Revolution der Jungtürken, die als türkische Nationalisten 1908 die Führung des osmanischen Reiches übernehmen wollten. Sie trieben die Europäisierung voran, um sich von der Diktatur der Sultane zu lösen und damit zugleich das Gefühl einer `Nation Türkei` zu fördern. In dieser Zeit wurden zahlreiche Vereine von Frauen gegründet, die besonders im Bildungsbereich die gleichen Rechte für Frauen wie für Männer forderten.

b) Eine weitere Phase der türkischen Frauenbewegung sieht Gündüz dann in der Zeit der Republiksgründung und der Festlegung der endgültigen Staatsgrenzen der Türkei im Jahr 1923.

Nach dem Sieg gegen das Osmanische Reich im I. Weltkrieg und nachdem die Widerstandsbewegung unter Mustafa Kemal Pascha (später: Atatürk) zur Befreiung der Türkei die Macht errungen hatte, schaffte diese das Sultanat und damit auch die islamische Idee der unauflösbaren Einheit von Religion und Politik ab. Im Zuge der so genannten kemalistischen Reformen wurde der türkische Laizismus eingeführt, der keine strikte Trennung von Staat und Religion, aber eine deutliche Vormachtstellung des Staatsapparates gegenüber der Religion vorsah. Der Staat bestimmte von nun an die Art und Weise der Religionsausübung. Atatürk wollte die Türkei zu einem modernen Staat formen, indem er die Verwestlichung gleichsam erzwang. Sein Befreiungskrieg (1919-1923) ermutigte auch die Frauen, weiter aus ihrem Schattendasein herauszutreten. Sie hielten patriotische Reden gegen die Teilung des osmanischen Reiches und plädierten für eine Türkei als eine Nation. Mit diesem Einsatz für die türkische Republik von weiblicher Seite sollten ihnen weitere Frauenrechte unter Atatürks Zuspruch gewährt werden.

c) Einen tatsächlichen Fortschritt im Kampf um die Rechte der Frauen sieht Gündüz erst in einer weiteren Phase, die ihrer Meinung nach mit den 1980er Jahren begonnen hat. Als ausschlaggebend für den erneut aufkommenden Feminismus sieht sie die sozialistischen Jugend- und Studentenbewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Deren Kampf um Klassengleichheit ermöglichte auch den Frauen neue Optionen. Ihre Ziele sollten zwar zunächst dem gemeinsamen Ziel von Humanismus und Egalitarismus untergeordnet werden. Doch nach der letzten Militärintervention im September 1980 bildeten die Frauen die erste demokratische Opposition. Unterschiedliche feministische Bewegungen bildeten sich heraus, die sich gegenseitig unterstützten, und in den folgenden Jahren wurden zum ersten Mal wirkliche Zugeständnisse bezüglich der Frauenrechte erzielt.

2. Die erste Phase der türkischen Frauenbewegung (1839-1918)

2.1 Zwischen 1839 und[3] 1876 lehnte sich das Osmanische Reich mit seiner Politik an europäische – insbesondere französische – Ideen an. Im Zuge dessen wurde mit dem Gesetzgebungswerk `Tanzimat` die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz betont. Dazu gehörte auch die Freiheit der Religionsausübung für alle Osmanen. 1876 wurde diese Reformpolitik mit der ersten Osmanischen Verfassung besiegelt. Diese griff Grundsätze sowohl der belgischen als auch der preußischen Verfassung auf: Sie sah die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie vor, enthielt aber auch viele Grundrechte, die den Schutz und die Freiheit der Bürger sichern sollten.

Gündüz hebt die `Tanzimat` deshalb hervor, da sie trotz der Modernisierung und Anlehnung an Europa die traditionellen kulturellen Werte weiter festigte.

Dabei erlangte auch die `Frauenfrage` große Bedeutung. Die Frauen sollten eine gute Bildung und Erziehung erhalten. Dies war allerdings nicht auf die Emanzipation der Frauen gerichtet, sondern sollte sie zu guten Müttern ausbilden, damit sie ihre Kinder erziehen und so die kommende Generation aufbauen. Trotzdem sieht Gündüz hier die Anfänge des Feminismus im Osmanischen Reich. Die aktiven Osmaninnen gründeten erste Frauenorganisationen und brachten Zeitschriften heraus, die die Bildung der Frauen, ihre Beteiligung am Arbeitsleben sowie politische Rechte für sie forderten. Ihre Bemühungen brachten tatsächlich einige Rechte, und so wurde 1914 sogar die erste Mädchenuniversität (Inas Darülfununu) gegründet.

Zu den bedeutendsten Autorinnen dieser Zeit zählt Gündüz Fatma Aliye (1862-1936), die eine Frauenzeitschrift `Hanimlara Mahsus Gazete` herausbrachte, in der sie offen die `Männerherrschaft` (Patriarchal) kritisierte, zugleich aber gute Mütter, gute Ehefrauen und gute Musliminnen propagierte.

Ende des 19. Jahrhunderts beteiligten sich sogar männliche Autoren an der Debatte um die Frauenrechte. Ihre eigenen Ziele waren durch die Sehnsucht nach einem harmonischen Familienleben geprägt, wozu die Befreiung von traditionellen Konventionen wie insbesondere von der arrangierten Ehe gehörte. Sie betonten einerseits die Wichtigkeit der Frauen für die Gesellschaft und deshalb die Notwendigkeit ihrer Rechte, wollten aber trotzdem im Einklang mit dem Islam bleiben.

Gündüz sieht die `Tanzimat-Periode` als eine erste Auseinandersetzung mit den Rechten der Frauen im Rahmen einer Modernisierung nach westlichem Vorbild. Verhandlungen und Kompromisse zwischen denen, die eine westliche Veränderung im Osmanischen Reich forderten, und denen, die an alten Traditionen festhalten wollten, brachten erste Schritte der Veränderung. Gündüz kritisiert dabei, dass es jedesmal die Kleidung, der Körper und das Verhalten der Frauen waren, an welchen diese politischen Debatten festgemacht wurden.

2.2 Einen weiteren Fortschritt dieser `Europäisierung` sieht Gündüz in der Revolution der türkisch-nationalistischen Jungtürken 1908. Sie wollten sich von der Diktatur der Sultane lösen und mit der Europäisierung ein neues Nationalgefühl verbreiten. So kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den westlich orientierten Jungtürken und den Traditionalisten, die den Islam und die Tradition betonten.

In dieser Zeit trat die Frauenfrage weiter in den Vordergrund. Viele feministische Vereine wurden gegründet, und die Frauen suchten sich ihren Platz, indem sie äußerten, dass eine Entwicklung nur durch gebildete Frauen möglich sei. So übernahmen viele Frauen während des I. Weltkrieges die Arbeitsplätze der Männer, die in den Krieg gerufen wurden. Während der Auflösung des Osmanischen Reiches im I. Weltkrieg wuchs das Nationalgefühl durch die Jungtürken an; der Feminismus zur selben Zeit wird von Gündüz als `patriotischer Feminismus` bezeichnet. So unterstützten die Jungtürken zwar die Forderungen der Frauen, doch im Vordergrund blieb der `Kampf um die Heimat`, und die Ideen der Frauen hatten sich dieser Ideologie unterzuordnen.

Im Zuge dessen gab es 1917 erstmals ein Familienrecht, das dem islamischen Familienrecht entgegenstand. Darin erhielten Frauen endlich das Scheidungsrecht sowie das Erfordernis ihres Einverständnisses mit `Mehrfrau-Ehen`. Ihre Identitäten als Ehefrauen und Mütter im Besonderen blieben dennoch bestehen, denn sie sollten die Grundfesten einer gemeinsamen Nation darstellen.

Da die Ideen der Frauen durch den Nationalismus behindert und durch den Islam weiter unterdrückt wurden, der nach wie vor den Schleier und die Geschlechtertrennung forderte, suchten die Frauen ihre Rechte auch mit der Unterstützung des Islam. Als Anführerin dieser Haltung sieht Gündüz Fatma Aliye, die bereits mit ihrer Zeitschrift `Hanimlara Mahsus Gazete` für selbstständige Frauen unter Einhaltung des Islam plädiert hatte. (s.o.)

Die Türkisten, die für eine türkische Nation plädierten und die Westernisierung vorantrieben, sahen die Hauptursache für die Unterdrückung der Frauen in der Religion. Trotzdem stand für sie, so Gündüz, nicht das Frauenproblem im Vordergrund, sondern die Frauenfrage war nur Teil ihrer Nationalisierungspolitik.

Obwohl es innerhalb der Türkisten auch Meinungen gab, die den Islam neben westlichen Idealen respektierten, fanden die Nationalisten keine Anhänger unter den Islamisten, denn diese sahen durch die Idee einer Nation ihre traditionellen Werte bedroht.

Die Traditionalisten kritisierten die Abkehr vom Sharia-Recht[4] und machten die Modernisierung für den Niedergang des Reiches verantwortlich. Die Frauenfrage wurde insofern politisiert, als sie westlich gekleidete oder selbstständige Frauen als Ausdruck der Verunreinigung ihrer islamischen Werte kritisierten.

[...]


[1] Gündüz, Zuhal Yesilyurt: Die Demokratisierung ist weiblich… Die türkische Frauenbewegung und ihr Beitrag zur Demokratisierung der Türkei. Der Andere Verlag, Osnabrück 2002

[2] Tanzimat: wohltätige Anordnungen, wohlwollende Empfehlungen. Vgl.: Toprak, Zafer: Tanzimat ve Cagdas Türkiye. In: Toplum ve Bilim 1989, S. 46-47

(Anmerkung der Verfasserin: Tanzimat = Reformen)

[3] Gündüz, Zuhal Yesilyurt: Die Demokratisierung ist weiblich… Die türkische Frauenbewegung und ihr Beitrag zur Demokratisierung der Türkei. Der Andere Verlag, Osnabrück 2002, S. 5-30

[4] Vgl.: Zaid, Nasr Hamid Abu: Ein Leben mit dem Islam. Verlag Herder, im Breisgau 2001, S. 54: Sharia: Die Regeln und Bestimmungen im Islam.

Die Sharia wurde von Islamisten als staatliches Gesetzbuch gefordert. Zuvor war es eine Selbstverständlichkeit, dass Muslime nach den Bestimmungen und Regeln des Islam lebten.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640530601
ISBN (Buch)
9783640530250
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144816
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1
Schlagworte
Türkei Frauenbewegung Feminismus Zuhal Yesilyurt Gündüz Geschichte der Türkei Kemalismus Tanzimat Europäisierung Jungtürken Militärputsch Manifest Demokratisierung das andere Geschlecht Mustafa Kemal Pascha Atatürk

Autor

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