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Die sprachliche Darstellung der eurozentrischen Weltsicht im Kolumbusbrief

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das eurozentrische Weltbild im 15. Jahrhundert
2.1 Was ist Eurozentrismus
2.2 Das eurozentrische Weltbild zur Zeit des Christoph Kolumbus
2.2.1 Geografisches Weltwissen im 15. Jahrhundert
2.2.2 Christlicher Herrschaftsanspruch und Missionsgedanke

3. Die eurozentrische Darstellung der Neuen Welt im Kolumbusbrief
3.1 Entstehung und Intention des Kolumbusbriefs
3.2 Analyse des Kolumbusbriefs
3.2.1 Eroberung
3.2.2 Missionierung

4. Stereotypisierung und Mythenbildung als Folge des Eurozentrismus

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der niederländische Geograf und Kartenschreiber Gerhardus Mercator bezeichnete Geschichte einmal als das Auge der Welt oculus mundi, durch das wir Ereignisse mit einem speziellen Blick betrachten. Jeder Mensch wächst in einem Gefüge von Normen auf, die durch seine Herkunft bestimmt sind. Die Erziehung stattet ihn mit einem normativen Wertesystem aus, durch das folglich seine Handlungen und die Wahrnehmung des „Fremden“ gefiltert werden.

Dieser subjektive Blick betrifft vor allem Wertvorstellungen die von der eigenen Kultur geprägt sind, weswegen der Mediziner und Ethnologe Karl von den Steinen, 1890 den Begriff der „Kulturbrille“ prägte.

Das Individuum ist Teil eines organisierten Systems von Symbolen, Werten, Gefühlen, Kodizes, Regeln und Verhaltenserwartungen, indem es sich – die Reaktionen der anderen Menschen jeweils vorausschauend – einigermaßen sicher bewegen kann. Die elterliche oder und öffentliche Erziehung erfüllt die Aufgabe der Anpassung des Individuums an Gesellschaft und Kultur, die den Menschen zunächst blind macht für die „engen culturhistorischen Schranken und Voraussetzungen“ der eigenen Anschauungen. (Thomas Achelis, 1897. Zit. in Ducks 2003: 81)

Der Kolumbusbrief ist das erste schriftliche Zeugnis über die Begegnung der „Alten Welt“ mit der „Neuen Welt“ im Jahre 1492. Auch wenn die Bezeichnung des christlichen Abendlandes als „Alte“ und dem vorkolumbianischen südamerikanischen Kontinent als „Neue“ schon eine Wertung impliziert, ist es doch diese Wertung die im Brief des Christoph Kolumbus an den königlichen Schatzmeister Luis de Santángel in Barcelona, inhärent ist, wenn auch in anderen Worten. Kolumbus schreibt in diesem Brief, was er in dieser „Neuen Welt“ vorgefunden hat. Diese Informationen sind für seinen Auftraggeber bestimmt, der ihn für den erfolgreichen Abschluss seiner Expedition „bezahlen“ wird. Neben der eurozentristischen Sichtweise auf die entdeckten Inseln und deren Einwohner schreibt Kolumbus mit einer bestimmten Intention: zu missionieren und zu erobern. Welche Mittel er anwendet, um dieser Intention zu folgen, wird im Folgenden analysiert. Dafür wird zunächst das Konzept des Eurozentrismus erklärt und versucht die eurozentristische Sichtweise des Kolumbus anhand einer Zeitreise darzustellen. Dies geschieht sowohl im Hinblick auf den damaligen geografischen Wissensstand, als auch auf das christliche Selbstverständnis. Anschließend wird nach einer kurzen Einleitung in die Entstehung und Intention des Briefes, die eurozentrische Darstellung der Eingeborenen des Autors, im Hinblick auf das spätere Ziel der Eroberung und Missionierung, dargestellt.

2. Das eurozentrische Weltbild im 15. Jahrhundert

2.1 Was ist Eurozentrismus

Jede Gesellschaft und Kultur ist zugleich von der Vernünftigkeit ihres eigenen Wertesystems überzeugt. „Als wertvoller erscheine uns das, was uns „nah und lieb sei“, meinte der deutsch-amerikanische Ethnologe Franz Boas [...].“ (Boas 1904. Zit. in Ducks 2003: 33)

Im Kontakt mit anderen Kulturen werden die fremden Verhaltensweisen mit den eigenen verglichen und bewertet. „Die Spezifität und historischen Unterschiede nichtwestlicher Gesellschaften werden dementsprechend in einer >Sprache des Mangels< beschrieben und als Defizite behandelt.“ (vgl. Young 1990. Zit. in Conrad 2002: 12) Dies wird besonders deutlich, wenn man untersucht, wie die spanischen Eroberer die Bewohner der „Neuen Welt“ beschrieben.

Again and again in early accounts one reads „They have no...“ What they lacked were the characteristics of the society of Europe. What they possessed was never the concern of their European observers. The efforts of the observers was merely to locate them so they could be disposed of following the legal conventions of European life. (Sardar 1993: 48)

Kolumbus und seine Zeitgenossen handelten in dem Glauben, dass ihre Kultur das eine Ende der Welt darstellten, das fertig war und terra incognita galt als entweder unbewohnt oder dämonisch und somit hatten die Christen das Recht sich dieses Land zu nehmen.

Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen; denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte [...] Die Weltgeschichte ist die Zucht von der Unbändigkeit des natürlichen Willens zum Allgemeinen und zur subjektiven Freiheit. (Hegel, Philosophie der Weltgeschichte. 1816. Zit. in Dussel 1993: 16)

Die Idee des übermächtigen Europas wird auf die Begegnung mit den anderen Zivilisationen der Neuen Welt projiziert, die den Europäern durch ihre Fremdheit auch „unterentwickelt“ erscheinen. Der britische Schriftsteller Rudyard Kipling (1865-1936), beschrieb die „Wilden“ in den Kolonien als „halb Teufel und halb Kind“. (vgl. Ducks 2003: 31)

Amerika wird nicht als etwas widerständig Unterschiedenes, als das Andere ent-deckt, sondern als die Materie, auf die man „Dasselbe“ projiziert. Es ist also nicht die „Entdeckung“ oder „Offenbarung des Anderen“, sondern die „Projektion Desselben“: „Verdeckung“. (Dussel 1993: 40f)

In diesem Sinne wird durch die europäische Kulturbrille das „Andere“ entsprechend dieser kulturellen und moralischen Wertvorstellungen gemessen. Dies impliziert einerseits eine kulturelle Überlegenheit und kann gleichermaßen instrumentalisiert werden, um die „Anderen“ zu missionieren oder assimilieren bzw. auszubeuten.

Unter Eurozentrismus soll im Folgenden die mehr oder weniger explizite Annahme verstanden werden, dass die allgemeine historische Entwicklung, die als charakteristisch für das westliche Europa und das nördliche Amerika betrachtet wird, ein Modell darstellt, an dem die Geschichten und sozialen Formationen aller Gesellschaften gemessen und bewertet werden können. [...] Zwei Annahmen sind konstitutiv für den Eurozentrismus. Zum einen wird die moderne Geschichte als Ausbreitung europäischer und „westlicher“ Errungenschaften – des Kapitalismus, politisch-militärischer Macht, von Kultur und Institutionen – beschrieben, so dass die einzig denkbare Zukunft der Welt in ihrer fortschreitenden Verwestlichung zu bestehen scheint. Zum anderen wird dabei die europäische Entwicklung als eine Erfahrung sui generis begriffen, die gänzlich innerhalb der Traditionen und Geschichte Europas erklärt werden kann. (Conrad 2002: 12f)

2.2 Das eurozentrische Weltbild zur Zeit des Christoph Kolumbus

2.2.1 Geografisches Weltwissen im 15. Jahrhundert

Die meisten überseeischen Expeditionen zur Erschließung der Welt gingen im 15. Jahrhundert von der Seefahrernation Portugal aus. Der berühmte Prinz Heinrich, genannt Heinrich der Seefahrer (1394-1460), gründete um 1400 in Sagres die erste nautische Akademie, die Kartographen und Navigatoren aus ganz Europa anzog. Einer dieser Navigatoren war Bartolomeu Perestrelo, der spätere Schwiegervater des Genuesen Kolumbus.

Die Portugiesen verfügten über eine große Anzahl verschiedener, kartographierter, nautischer Erfahrungen, zu denen Kolumbus, durch seine Hochzeit mit Filipa Moniz Perestrelo, Zugang fand. Filipas Vater, Bartolomeu Perestrelo, hatte 1419 an der ersten Madeira Expedition unter Heinrich dem Seefahrer teilgenommen und wurde 1425 zum Gouverneur von Madeira ernannt. Kolumbus fand durch seine Hochzeit Zugang zum portugiesischen Hof, erbte die kartographische Bibliothek seines Großvaters und folgte seinem Schwager als dieser das ererbte Amt des Gouverneurs von Madeira antrat, auf die Insel. Dort hörte er zum ersten Mal Berichte, die unerforschtes Land im Westen erwähnten. (vgl. Wallisch 2006: 82) An den Küsten der Azoren und auch Madeiras hatte man fremdartig geschnitzte Holzplastiken gefunden, auch war der berühmte Seefahrer Diogo de Teiva, ein Kapitän Prinz Heinrichs, schon um 1450 zu der Überzeugung gelangt, dass man weiter nordwestlich auf Land stoßen würde. Für diese Gedanken gab es jedoch noch keine stichhaltigen Beweise.

Die Informationen der Seefahrer, die sich weit weg vom Bekannten ins unbekannte Gewässer vorgewagt hatten, wurden in Karten übertragen. Doch nicht nur das Wissen fand in diese Karten den Einzug, sondern auch Vermutungen und Mythen. Auf einer portugiesischen Weltkarte aus dem Jahre 1424 war beispielsweise die mythische Insel Antilia[1] im Westatlantik verzeichnet, die „in mittelalterlichen Quellen gemeinsam mit anderen fiktiven Inseln immer wieder auftauchende größere Landmasse, die später mit den nach ihr benannten Antillen identifiziert wurde.“ (Wallisch 2006: 83)

Auch die berühmte Psalter Karte aus dem 13. Jh, zeigte nicht nur geographische Details des damaligen Wissensstandes, sondern war zudem gespickt mit Mythen über die noch unerforschten Weltteile. Diese „ mappa mundi “, die noch heute erhalten ist, zeigt das damalige geographische Wissen, welches sich erstens auf das Weltbild des antiken Kosmographen Ptolemäus (100-160 n. Chr.) bezog, zweitens die teils widersprüchlichen Vorstellungen des Chronisten und Theologen Isidor von Sevilla (560-636) übernahm und drittens die Reiseberichte des Venezianers Marco Polo (1254-1324) und des Arabers Ibn Battuta (1304-1377) verwertete. Der Mittelmeerraum ist dort mit erstaunlicher Präzision dargestellt, die Informationen über Asien und Afrika hingegen sind weit weniger genau zudem sind die Erdteile sehr verzerrt gezeichnet und wenig maßstabgetreu. Das Zentrum der Welt ist Jerusalem und ins Zentrum gerückt ist auch Rom als zweitwichtigste Kapitale der damaligen christlichen Weltsicht. Die noch unbedeckten Teile der Erde wurden mit Zeichnungen von Tieren und mythenhaften Wesen ausgeschmückt.

Der Kartenzeichner, vielleicht um einem verständlichen „ horror vacui “ entgegenzuwirken, füllte die leeren Räume mit Darstellungen von seltsamen Tieren und Menschen, von exotischen Potentaten und allerlei allegorischen Figuren; auch zeichnete er mit täuschender Präzision eine große Zahl von Städten ein, die, turmbewehrt und wimpelgeschmückt, den Eindruck von fernem Reichtum erzeugten. Damit wurde der ästhetische Wert der „mappa mundi“ gegenüber dem geographischen beträchtlich erhöht [...]. (Bitterli 2006: 27)

Zu Kolumbus Zeit war dieser „Katalanische Weltatlas“ des jüdischen Kartenmalers Cresques Abraham aus dem Jahre 1375 populär. Auf dieser Grundlage basierend entwickelte er den Plan, Indien auf der Westroute zu erreichen. Das Ziel der Expedition war es, die Handelswege über den Atlantik mit Asien zu verfestigen und zu optimieren. Kolumbus wollte seiner Logik nach eine schnellere Seeroute nach Indien entdecken. Der Begriff „las indias“ stand zu dem Zeitpunkt stellvertretend für den gesamten Kontinent Asien.

For all of Europe „the Indies“ was a vague term. It comprised both the underbelly of Muslim Africa and what lay beyond Muslim lands. In a sense the Indies was all that was beyond Europe. (Sardar 1993: 8)

Der Florentiner Kosmograph Toscanelli hatte schon vor Kolumbus die Idee gehabt, man könne Indien auf der Westroute erreichen und sich mit dieser Idee 1474 an den portugiesischen König gewandt. Dieser lehnte das Anliegen des Toscanelli ab. Kolumbus hörte davon und schrieb Toscanelli, um genauere Informationen zu bekommen. In seiner Antwort teilte der Florentiner Kolumbus mit, „man könne, von den Kanaren aus nach Westen segelnd, die Insel Antilia erreichen. Von dort nach Cipango, wie Marco Polo Japan genannt hatte, seien es gerade 625 Leguas. Dahinter läge dann die chinesische Provinz Mangi und nördlich davon Cathay, das von Marco Polo beschriebene Reich des Khan.“ (Wallisch 2006: 85) Kolumbus, selbst ein begeisterte Leser der Reiseberichte des Marco Polo, entwickelte somit die Idee seiner Atlantiküberquerung und schlug sie bereits im Jahre 1483 dem portugiesischen Königshaus vor. Der König von Portugal lehnte ab, da er, von seinen matemáticos beraten, das Unternehmen als technisch nicht realisierbar einschätzte.

Daraufhin wandte sich Kolumbus an die spanischen Könige. Im Nachbarland Spanien jedoch herrschte zu dieser Zeit ein von der Inquisition erzeugtes wissenschaftsfeindliches Klima. Zudem befanden sich die Spanier im Krieg mit den Mauren im Zuge der Reconquista.

Während in Italien und Portugal, aber auch in Frankreich und England Weltoffenheit, Neugier und ein neues Selbstvertrauen in die Möglichkeiten des diesseitigen Menschen die schönsten Blüten trieben, war Spanien unter dem traumatisierenden Eindruck eines verbissenen Kampfes gegen die Mauren in den unerquicklichen Zustand einer anachronistisch anmutenden Theokratie geraten. (Wallisch 2006: 87)

In Spanien sollte die Überzeugungsarbeit sieben Jahre lang dauern. Erst mit der erfolgreichen Rückeroberung Granadas am 2.Januar 1492 war das Königreich Kastilien dazu bereit die Expedition zu finanzieren. Dafür rückte er den Missionsgedanken in den Vordergrund, um die katholischen Könige von seiner Idee zu überzeugen. „In Anpassung an die katholische Wirk-lichkeit Spaniens intensivierte er den religiösen Aspekt seiner Mission.“ (Wallisch 2006: 88)

[...]


[1] von port. Antilha (Vorinsel). Vgl. auch Wallisch 2006: 83.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783640538249
DOI
10.3239/9783640538195
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Romanistik
Erscheinungsdatum
2010 (Februar)
Note
1,3
Schlagworte
Kolumbus Eurozentrismus Weltbild im 15. Jahrhundert Sprachwissenschaft Kolumbusbrief Carta de Colón

Autor

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