Lade Inhalt...

Massenbildung - Über Berührungsfurcht und Entladung in Elias Canettis "Masse und Macht"

Essay 2010 7 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Vor einigen Tagen besuchte ich mit Freunden einen Faschingsball. Eine volle bis überfüllte Turnhalle, die Luft war warm und stickig, es roch nach Schweiß und Bier. Wildfremde Menschen unterhielten sich, lachten zusammen und tanzten ausgelassen. Eine Masse recht zügelloser Menschen. Die normalerweise uns hemmende Angst vor der Berührung mit fremden Personen sinkt wohl mit dem Genuss von Alkohol, lauter Musik und ausgelassener Stimmung. Dazu spielt eine Band und muntert gekonnt zum Mitsingen und Tanzen auf. Es funktioniert, die kollektiv gute Stimmung bleibt bis lange in die Nacht erhalten. Leben und Genuss während des Balls sind sicher gestellt, ganz ungewohnte Annäherungen und Kontakte sind erlaubt und sogar begünstigt, Berührungsängste gibt es scheinbar keine.

Exakt an diesem Punkt beginnt Canettis Werk „Masse und Macht“. Alles beginnt mit der Angst, und diese schleicht sich auch durch sein gesamtes Werk. Der Ursprung der Masse wird in Angst, genauer gesagt in einer Überwindung von Angst manifestiert. Mit einer solchen Urangst eröffnet er sein Buch ganz ohne Schnörkel, ganz einleitungslos, mit dem Kapitel: „Umschlagen der Berührungsfurcht“[1]: Die „Berührung durch Unbekanntes“[2] sei das, was der Mensch man meisten fürchtet. „Man will sehen, was nach einem greift, man will es erkennen oder zumindest einreihen können. Überall weicht der Mensch der Berührung durch Fremdes aus. Nachts oder im Dunkel überhaupt kann der Schrecken über eine unerwartete Berührung sich ins Panische steigern.“[3] Der Griff aus der Dunkelheit steht hier für diese Urfurcht des Menschen.

So beschreibt Elias Canetti in seinem Werk „Masse und Macht“ die Berührungsfurcht, die Urangst des Menschen. Doch bevor ich diesen Aspekt weiter untersuche, möchte ich mich kurz dem Autor selbst zuwenden und die Frage aufwerfen, was ihn dazu brachte, über 30 Jahre damit zuzubringen, die Phänomene von Masse und Macht zu beobachten und niederzuschreiben. Elias Canetti begibt sich in seinem Essay „Masse und Macht“ für seinen Leser auf die Suche nach den Hintergründen, Abgründen und Faszinationen der Massenbildung und findet Anziehendes und Abstoßendes an den verschiedensten Orten und zu den verschiedensten Zeitpunkten in der Geschichte.[4]

Canetti war ein Kind des 20. Jahrhunderts, er versammelt in seiner Biografie sämtliche Wirrungen dieser Zeit. In Bulgarien geboren entstammte er einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, verbrachte seine Kindesjahre in Bulgarien und England. Nach dem frühen Tod seines Vaters führte er mit Mutter und Geschwistern ein unstetes Leben in Österreich, der Schweiz und Deutschland. In viele Länder also führten ihn die Wirren der Zeit und durch ebenso viele Sprachen. Als Autor literarischer Werke, oft autobiografischer Art, wurde Canetti dann berühmt und erhielt 1981 den Nobelpreis für Literatur („ Die Blendung “).

Das 20. Jahrhundert wird nicht zu Unrecht als das Jahrhundert gesehen, dass der Massengesellschaft, den Massenbewegungen und auch den Massenmedien zum Durchbruch verhalf. Beispielsweise Gustave Le Bon beschrieb Anfang des 20. Jahrhunderts die Masse psychologisch als eine Art Primat mit Emotionen, aber ohne jeden Verstand. Andere, eher politisch orientierte Denker, wie z.B. Karl Marx, sahen in der Masse, insbesondere der revolutionären, eine große Chance mittels eines Umsturzes etwas Totalitäres, etwas radikal Neues hervorgehen. An den bisherigen Erfahrungen gespiegelt war es die Zeit der totalitären Massenbewegungen von Faschismus und Kommunismus, und auch kulturell war es die Epoche der entstehenden Massenmedien, die oft als manipulativ und Subjekt zerstörend wahrgenommen wurden und bis heute noch werden. All das übte demnach den entsprechenden Einfluss auf das Leben und die Werke von Elias Canettis aus.

[...]


[1] Canetti: Masse und Macht, S. 13

[2] Ebenda, S. 13

[3] Ebenda, S. 13

[4] Vgl. Elias Canetti – Biografie WHO´S WHO

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640548958
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144873
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Masse Massenbildung Berührungsfurcht Umschlagen der Berührungsfurcht Entladung Geburtsstunde der Masse Urfurcht des Menschen
Zurück

Titel: Massenbildung - Über Berührungsfurcht und Entladung in Elias Canettis "Masse und Macht"