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Visionäre einer europäischen Rechtsgemeinschaft: Geistesgeschichtliche Anstösse für die Gestaltung der Zukunft von Europa

Ursprung, Entstehung und Entfaltung der Europaidee, unter besonderer Berücksichtigung der Vision Winston Churchills

Seminararbeit 2002 41 Seiten

Jura - Europarecht, Völkerrecht, Internationales Privatrecht

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Die Entstehungsgeschichte der europäischen Idee
A) Mythologie, Etymologie und Geographie Europas
B) Der Beginn einer Europaidee
C) Die europäische Idee vom Mittelalter bis zur Neuzeit
D) Die Europaidee im 19. Jahrhundert
E) Die Europaidee an der Schwelle zum 20. Jahrhundert
F) Die Europaidee bis 1950

II Winston S. Churchill: Die Europaidee nach dem Zweiten Weltkrieg
A) Kurzbiographie
B) Europa: Ereignisgeschichtlicher Hintergrund nach dem 8. Mai 1945
C) Die Fulton-Rede: Sinews of Peace
D) Kontextähnliche Beiträge im Vorfeld der Zürcher-Rede
E) Die Zürich-Rede: Ansprache an die akademische Jugend der Welt
F) Reaktionen auf die Zürich-Rede

III Ein Fazit – Die Weiterführung von Churchills Europaidee

Literaturverzeichnis

Anhang A: Visionäre einer europäischen Rechtsgemeinschaft bis 1950 (Auswahl)

Anhang B: Speech by Sir Winston Churchill, Fulton (Missouri), 5. März 1946

Anhang C: Speech by Sir Winston Churchill, Zürich, 19. September 1946

Einleitung

Über die letzten 700 Jahre betrachtet sind Visionäre einer europäischen Rechtsgemeinschaft ausgesprochen zahlreich. Und ebenso facettenreich sind die unterschiedlichen Konzepte jener Persönlichkeiten, die sich der Idee eines gemeinschaftlichen, friedlichen Europa verschrieben haben. Angefangen mit der Vision des Scholastikers Pierre Dubois im 14. Jahrhundert für einen dauerhaften Frieden in Europa über die grossen Philosophen der Aufklärung wie Rousseau und Kant mit ihren Vorstellungen eines ewigen Friedens und den Bemühungen um ein unionistisches oder paneuropäisches Konstrukt von Aristide Brand und Graf Coudenhove-Kalergi in den Zwischenkriegsjahren um 1930, steht am vorläufigen Ende der visionären Europaidee die Zürcher Rede von Sir Winston Churchill für das friedliches Miteinander der Staaten auf dem europäischen Festland.

Die hier vorliegende historische Darstellung des europäischen Einheitsgedankens beschreibt die visionären Utopien eines friedvoll geeinten Europa bis hin zur Vorstellung einer dem Ideal der USA angenäherten Supranationalität der „Vereinigten Staaten von Europa“. Die Analyse zu den Anstössen für die Gestaltung einer europäischen Zukunft gliedert sich in drei thematische Blö>

I Die Entstehungsgeschichte der europäischen Idee

A) Mythologie, Etymologie und Geographie Europas

Der Kontinent Europa ist der zweitkleinste Erdteil mit der zweitgrößten Bevölkerungszahl, der gegenwärtig aus mehr als 40 souveränen Staaten besteht, wozu auch Russland zählt. Doch schon bei der Frage nach der Herkunft des Namens scheiden sich die Geister: Die einen meinen, der Name Europa entstamme der griechischen Mythologie, andere behaupten, er sei eine Ableitung des semitischen Wortes „ereb“; dieses bedeute „dunkel“ und könne im Sinne von Abendland gedeutet werden.[1] Der Mythos vom Raub der phönizischen Königstochter Europa liegt die Behauptung zugrunde, dass die Europäer – der Sage nach – das Produkt der Liebe des Gottes Zeus zur Königstochter Europa sind.[2] Dies dürfte allerdings, aufgrund der babylonischen Sprachverhältnisse des Kontinents, die einzige Gemeinsamkeit aller Europäer sein. Versucht man, Europa geografisch zu definieren, so stellt sich unweigerlich die Frage, ob Europa tatsächlich ein eigener Kontinent oder nur die Verlängerung Asiens ist. Es bleibt die Möglichkeit der Definition Europas aus politischer Sicht, und auch da gelangt man zu dem Ergebnis, dass Europa meist als Aus- und Abgrenzungsbegriff verwendet wird, was angesichts der schon von Herodot formulierten Antithese von Okzident und Orient auch nicht weiter verwundert. Somit bleibt Europa nur eine Idee – jedenfalls bis 1950. Erst dann beginnt sich Europa zunächst wirtschaftlich, seit 1992 auch aussen- und schließlich seit 1999 währungspolitisch zu definieren.

B) Der Beginn einer Europaidee

Als Staatenbund, Parlament, Reichstag oder Union ist Europa dennoch schon seit vielen Jahrhunderten in den Köpfen hervorragender Philosophen und Dichter, aber auch Staatsmänner, existent. Die Bezeichnung „Vereinigte Staaten von Europa“ ist offenkundig in Analogie zu den „Vereinigten Staaten von Amerika“ entstanden und bereits seit 1776 eine wiederkehrende Begriffskonstruktion. Europäische Ideen blieben jedoch noch lange Zeit Utopien und wurden teilweise sogar als bloße Hirngespinste abgetan. Europa ist ein Kontinent der Vielfalt, getragen von multikulturellen, multikonfessionellen und multinationalen Elementen. Diese Vielfalt war zwar befruchtend, machte aber eine friedliche Entfaltung unmöglich. Es verwundert auch nicht, dass der Europagedanke in erster Linie ein Friedensgedanke[3] ist, dessen Popularität mit steigender Kriegsgefahr stets zunahm. Schon der Heilige Augustinus hatte das werdende Europa im 5. Jahrhundert n. Chr. mit der Konzeption einer universellen Friedensidee versehen, die er als „letzte Glückseligkeit“ bezeichnete. Und die Sehnsucht nach Verwirklichung dieser Idee hat Europa nicht mehr verlassen.

C) Die europäische Idee vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Der Gedanke von einer Vereinigung Europas nahm seinen Ausgang in der Ära der Kreuzzüge. Der französische Jurist Pierre Dubois glaubte 1306, das Heilige Land nur vor dem Hintergrund eines vereinten Europas zurückerobern zu können.[4] Für ihn waren nämlich weder Kaiser noch Papst die Hauptakteure europäischer Politik, sondern einzig die souveränen Staaten. Dem Papst schrieb Dubois bei politischen Auseinandersetzungen zwischen den Bündnisstaaten gleichwohl die oberste Schiedsrichterfunktion zu und stand damit in eklatantem Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Dante Alighieri, der 1308 mit seinem Werk „de monarchia“ ein vereintes Europa unter der Schiedsgerichtsbarkeit des Kaisers vorsah. 1462/63 machte König Podiebrad von Böhmen Ludwig XI von Frankreich den Vorschlag zur Schaffung eines europäischen Staatenbundes mit Streitschlichtungsmechanismen, Schiedsverfahren und einem Repräsentativsystem bei gemeinsamer Ausübung von Souveränitätsrechten.[5] William Penn, der Quäcker und Gründer von Pennsylvania, forderte in seinem „Essay Towards the Present and the Future Peace in Europe“ die Schaffung einer Bundesversammlung in Europa und eine Staatengemeinschaft als an christlichen Massstäben orientierte Rechts- und Ordnungsgemeinschaft.[6] Im Zeitalter des Absolutismus sticht in diesem Zusammenhang der Plan des Herzogs von Sully hervor: Der engste Vertraute von Heinrich IV griff um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Idee der europäischen „balance of power“ auf, die er allerdings nur in der Beseitigung der habsburgischen Vormachtstellung verwirklicht sah. Wie bereits erwähnt, war der Europagedanke dann populär, wenn Teile Europas zu Kriegsschauplätzen wurden. So entwarf der Abbé de Saint-Pierre nach Abschluss des Hubertusfriedens 1713 einen „Plan vom ewigen Frieden“, in dem er, ähnlich wie Sully, Habsburg die Vormacht absprach. Es sollte allerdings bis nach dem Ersten Weltkrieg dauern, bis diese Gedanken im damals gegründeten Völkerbund aufgingen. So plädierte Saint-Pierre schon damals für die Einführung eines ständigen Bundesrates, der von Bevollmächtigten der Mitgliedsstaaten beschickt werden sollte. Dieser Bundesrat müsste auch die höchste richterliche Instanz sein. Kein Staat dürfe sich, so meinte er, in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischen, womit er bereits auch den wesentlichen Inhalt der Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823 vorweg dachte. Zeitgenossen wie Friedrich der Grosse hatten für Saint-Pierres 1761 von Jean Jacques Rousseau überarbeiteten Plan allerdings nur Spott übrig: Die Idee, höhnte er, möge praktisch klingen, sie „bedürfe lediglich der Zustimmung Europas und einiger anderer Kleinigkeiten“. Es gab freilich auch immer mehr, die Friedrich dem Grossen widersprachen: An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert schrieb etwa der Sozialrechtler und Staatsphilosoph Graf de Saint-Simon, dass in einem Europa ohne Konstitution, gemeinsame Institutionen und Organisation auch weiterhin alles durch bloße Gewalt entschieden würde. Ähnlich klingen die Worte seines englischen Zeitgenossen und Freundes Benjamin Constant: „Mannigfaltigkeit bedeutet Organisierung, Gleichförmigkeit, Mechanisierung. Mannigfaltigkeit ist Leben, Gleichförmigkeit ist Tod“.[7] Unter den prominenten Vorkämpfern für ein Vereintes Europa ist auch Anne Germaine de Staël zu nennen, die, beeinflusst von Saint-Simon und Constant, in der Christenheit und im Intellekt das einende Band eines zukünftigen Europas erblickte.

D) Die Europaidee im 19. Jahrhundert

Das beginnende Industriezeitalter kennzeichnet eine auffallende Dichte an Europaplänen. Es war das Jahrhundert, in dem die europäische Intelligenzija geradezu davon beseelt war, den Frieden für den Kontinent zu erlangen. Im 19. Jahrhundert werden, getrieben von der Angst vor neuen, zunehmend machtbewussten Blöcken in Russland und Amerika, aber auch vor dem aufkeimenden Nationalismus in Europa selbst, sowohl die Kritik an dem zersplitterten Kontinent als auch der pazifistische Einigungsgedanke immer lauter. Conrad Friedrich Schmidt-Phiseldecks Antwort auf das aufstrebende Amerika, „das mit stets wachsender Riesenkraft dem ganzen Europa die Fehde bietet“[8], war 1821 der Vorschlag zur Gründung eines europäischen Bundes. In Italien gründete Guiseppe Mazzini 1834 das „Junge Europa“ und wurde so zum Symbol vieler Europa-Idealisten. Goethe verkörperte zwar als Dichterpersönlichkeit die Europaidee, schrieb aber niemals explizit darüber, ganz im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Friedrich von Schlegel, der die erste Zeitschrift mit dem Titel „Europa“ gründete. Unzählige Periodika gleichen Namens sollten ihr folgen, allen voran die 1867 von der „Internationalen Liga für Frieden und Freiheit" bis 1922 herausgegebenen Zeitschrift „Les Etats Unis d’Europe“. Zum Präsidenten des Friedenskongresses in Paris 1849 erkoren, prophezeite Victor Hugo in seiner Eröffnungsrede die Entstehung der Vereinigten Staaten von Europa: „Ein Tag wird kommen, wo man sehen wird, wie die beiden ungeheuren Ländergruppen, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Vereinigten Staaten von Europa, Angesicht in Angesicht sich gegenüberstehen, über die Meere sich die Hand reichen, ihre Produkte, ihren Handel, ihre Industrien, ihre Künste, ihre Genien austauschen, um aus dem Zusammenwirken der beiden unendlichen Kräfte, der Brüderlichkeit der Menschen und der Allmacht Gottes, für alle das größte Wohlergehen zu ziehen!“[9] Weniger pathetisch, aber ebenso unüberhörbar, waren im 19. Jahrhundert die ersten Versuche, Europa auch wirtschaftlich zu einigen. Einen, wenngleich temporär begrenzten Ansatz dazu, bildete der 1834 installierte Deutsche Zollverein. Im Jahr 1878 entwickelte der Franzose de Molinari bereits einen Plan zur Zusammenlegung der Kohleindustrien Frankreichs und Deutschlands unter eine Behörde, womit er den Gedanken der Montanunion (EGKS) vorwegnahm.

E) Die Europaidee an der Schwelle zum 20. Jahrhundert

Daneben schlummerte aber auch ein dunkles Europa, vor allem jenes eines Friedrich Nietzsche. Er entwarf das Bild des „guten Europäers“, nicht wissend, dass er damit einer Ideologie den Boden ebnete, die letztlich in einem menschenfeindlichen und kriegerischen Wahnsinn gipfeln würde. Weder die Vereinigungsideen noch die unzähligen Friedenskongresse seit Mitte des 19. Jahrhunderts konnten den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindern. Mit einem Schlag blieb kein Stein mehr auf dem anderen, alle düsteren Befürchtungen wurden traurige Wahrheit: Europa lag in Trümmern. Es waren vorgängig die Intellektuellen, die nach diesem grossen zivilisatorischen Fiasko, dem bald darauf ein noch schrecklicheres folgen sollte, den europäischen Einigungsgedanken in ihren Köpfen wieder belebten. So entwickelte sich einerseits etwa Robert Musil zu einem Fürsprecher des Kriegseintritts, in dem er freilich vor allem die Chance eines Neuanfanges erblickte, während sich andererseits etwa Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig entschieden gegen den Krieg und für ein vereintes Europa aussprachen.[10] Letzterer zeichnete in seiner „Welt von gestern" ein würdiges, wenngleich melancholisches Bild von Europa. Auch Karl Anton Prinz von Rohan war, als leidenschaftlicher Propagandist des Europagedankens, vor allem der nostalgisch verbrämten Idee von der „Rettung des Abendlandes" verbunden. Als nicht minder leidenschaftliche Europäerin kämpfte schließlich die Österreicherin Bertha von Suttner an allen Fronten, die, nicht zuletzt für ihren pazifistisch-leidenschaftlichen Appell, ein friedlich vereintes Europa zu schaffen, als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt.

F) Die Europaidee bis 1950

In diesen wirren, instabilen Zeiten schlug die Stunde für den Visionär Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, der versuchte, die Europaidee integral in die Realität umzusetzen. Doch der Einheitsgedanke des jungen Aristokraten zerbrach an nationalistischem Starrsinn, Neid und Eifer. Sein Buch „Paneuropa" zählte zu den meistgelesenen Werken der Zwischenkriegszeit. Darin legte er die Ziele und das Programm für die Vereinigung aller 26 europäischen Staaten fest.[11] Großbritannien und die Sowjetunion waren aufgrund ihrer jeweiligen (geo-)politischen Gegebenheiten von Paneuropa ausgeschlossen, die Möglichkeit zu einer friedlichen Koexistenz und Zusammenarbeit sollte allerdings bestehen bleiben. Coudenhove-Kalergi hielt einen Zusammenschluss sowohl aufgrund der drohenden Kriegsgefahr, die in der Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich loderte, als auch der wirtschaftlichen Bedrohung durch Amerika und der kommunistischen Gefahr aus dem Osten für dringend notwendig. Zur Umsetzung seiner Idee gründete er die Paneuropäische Union, deren Sitz bis 1938 in der Wiener Hofburg sein sollte. Coudenhove-Kalergis Paneuropa-Idee kam jedoch nicht über die abstrakte Ebene der planerischen Konzeption hinaus und blieb ein geistiges Konstrukt, das letztlich am Nationalsozialismus und seiner ganz eigenen Europapolitik zerbrach, die einen zweiten, noch entsetzlicheren Flächenbrand über die ganze Welt zu verantworten haben sollte.

Der Gedanke eines friedlich vereinten Europas blieb freilich auch über die Kriegsjahre hinweg in den Köpfen hervorragender Persönlichkeiten wie beispielsweise Alcide de Gasperi, Altiero Spinelli, Ernesto Rossi oder Milan Hodza lebendig. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwies sich die Europaidee als aktueller denn je; mit bemerkenswertem Tempo ging man daran, sie nun mit neuer Tatkraft in die Realität umzusetzen. Eng verbunden mit dem Europagedanken nach dem Krieg steht der Name Winston Churchills, der der idealistischen Europaidee jenen wichtigen politischen Hintergrund verlieh, damit diese nun endlich auch pragmatisch umgesetzt werden konnte: „Wir müssen etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Nur so können Hunderte von Millionen schwer arbeitender Menschen wieder die einfachen Freuden und Hoffnungen zurückgewinnen, die das Leben lebenswert machen […]“[12]. Seinem bekannten Motto folgend: „Europa muss einen Schritt wagen oder untergehen" setzte sich Robert Schuman – beraten von der „grauen Eminenz Europas“, Jean Monnet – zusammen mit Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi vorerst über die wirtschaftliche Souveränität einiger europäischer Staaten hinweg und kündigte 1950 die Gründung der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS)“ an.[13] Und bereits sieben Jahre später konnte die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)“ ins Leben gerufen werden. Nach einer kurzen Verschnaufpause kam es im letzten Dezennium des 20. Jahrhunderts zur Gründung der „Europäischen Union (EU)“ und damit zur politischen Durchdringung des Europagedankens. Die Auflösung des Ost-West-Konflikts und der Fall des Eisernen Vorhangs zeichneten massgeblich dafür verantwortlich, dass der europäische Integrationsprozess eine neue Dimension erreichte. Die Osterweiterung sowie die Gründung der Währungsunion durch die Einführung einer gemeinsamen europäischen Einheitswährung zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind nur zwei weitere Etappen auf dem Weg hin zu einer friedlichen Integration europäischer Staaten. Der vorläufig letzte Schritt im Bemühen um ein europäisches Miteinander besteht nun in der Implementierung einer gesamteuropäischen Verfassung, deren Verwirklichung dem – vormals utopischen – Gedanken an ein Vereinigtes Europa sehr nahe kommt.

II Winston S. Churchill: Die Europaidee nach dem Zweiten Weltkrieg

A) Kurzbiographie

Winston Leonard Spencer Churchill wurde am 30. November 1874 als ältester Sohn des Lords Randolph Churchill, der dritte Sohn des „7th Duke of Marlborough“, und seiner Frau Jennie Jerome, Tochter eines amerikanischen Business-Tycoon, in die britische Aristokratie hineingeboren. Seine Kindheit – geprägt vom viktorianischen Erziehungsstil jener Zeit und von der verachtenden Haltung seines Vaters gegenüber ihm – verbrachte der junge Churchill in Dublin, seine Schulzeit in Ascot, Brighton und Harlow. Aufgrund schlechter schulischer Leistungen absolvierte er 1893/94 die militärische Grundausbildung als Kavallerist in der „Royal Military Academy“ in Sundhurst. Zwischen 1896 und 1898 sammelte er erste Erfahrungen in der Kriegsberichterstattung als Offizier im Rahmen der Grenzkämpfe bei seiner Stationierung in Indien und danach während des Sudan-Feldzugs.[14]

Churchills politische Karriere begann kurz vor dem Tod von Queen Victoria im Oktober 1900, als er im Wahlkreis Oldham als Member of Parliament ins Unterhaus (House of Commons) gewählt wurde. Zuerst Mitglied der „Conservatives“, wechselte er aufgrund eines Streits über die Freihandelspolitik die Parteizugehörigkeit – bekannt als „crossing the floor“ – und schloss sich von 1904 bis 1924 als Abgeordneter den „Liberals“ an. 1906 wurde er Staatssekretär der Kolonien (Under-Secretary of State for the Colonies), 1908 Wirtschaftsminister (President of the Board Trade) und 1910 Innenminister (Home Secretary). Bereits 1911 folgte der Posten als Erster Lord der Admiralität (First Lord of the Admirality). Infolge des Scheiterns des Dardanellen-Unternehmens – der missglückten Landung britischer und französischer Truppen auf der Halbinsel Gallipoli – musste er 1915 von seinem Amt zurücktreten. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Churchill 1919 den Posten des Kriegs- und Luftfahrtministers (Secretary of State for War and Air), den er bis zum Regierungssturz 1922 innehielt. Bis zur konservativen Parteiniederlage 1929 – Churchill wechselte 1924 von den Liberalen wieder zu den Konservativen – nahm er als Fachminister und aussenpolitischer Berater Einfluss auf die politischen Belange Grossbritanniens. Hernach folgte für Churchill eine Phase – die „Wilderness Years“–, in der er bis 1939 kein politisches Amt mehr bekleidete und sich als Journalist und Buchautor hervortat.

Als am 3. September 1939 Frankreich und Grossbritannien Deutschland den Krieg erklärten, wurde Churchill wieder in das Amt des Ersten Lords der Admiralität gehoben. Am 10. Mai 1940 griff Deutschland die Niederlande, Belgien und Frankreich an, und an demselben Tag wurde Churchill Premierminister. Dieses Amt kleidete er während des gesamten Zweiten Weltkriegs bis zur Wahlniederlage der Konservativen im Juli 1945; ein zweites Mal hielt er es in den Nachkriegsjahren von 1951 bis April 1955 inne.

Neben dem Ritterschlag der Krone von England zum „Sir“ 1953, dem Nobelpreis für Literatur und dem Karlspreis der Stadt Aachen „für die Verdienste um die europäische Einigung“ ein Jahr darauf, verliehen ihm die Vereinigten Staaten von Amerika 1963 die Ehrenbürgerschaft.

Am 24. Januar 1965 stirbt Sir Winston Churchill in London.

B) Europa: Ereignisgeschichtlicher Hintergrund nach dem 8. Mai 1945

Nach dem Inkrafttreten der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 unterzeichneten die Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte – Eisenhower, Montgomery, de Lattre de Tassigny und Schukow – die Deklaration über die vorläufige Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen.[15] Am 8. August gleichen Jahres wurde in London das erste Viermächteabkommen über die Verfolgung der Hauptkriegsverbrecher unterzeichnet. Auf dessen Grundlage fanden später die Nürnberger Prozesse statt. Während der Krieg in Europa vorüber war, gingen die Kampfhandlungen im Fernen Osten weiter. Erst am 22. Juni 1945 waren die Kämpfe um Okinawa beendet. Am 17. Juli begann die Potsdamer Konferenz[16], die ganz im Zeichen des Machtwechsels in England stand.[17] Am 29. Juli nahm der neugewählte Premierminister und Labourführer Clement Attlee als Vertreter Grossbritanniens die Verhandlungen auf. Auf dieser Konferenz unterrichtete der amerikanische Präsident Truman seine Bündnispartner über die Pläne zum Einsatz der Atombombe, welche die amerikanischen Streitkräfte am Morgen des 6. August 1945 auch tatsächlich über Hiroshima abwarfen. Am 9. August folgte ein zweiter Abwurf über Nagasaki.[18] Am 2. September 1945 unterzeichnete der japanische Aussenminister Shigemitsu die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation.[19]

Trotz des Kriegsendes kehrten weder Ruhe noch Stabilität in Europa ein. Auch bot die Entwicklung in den einzelnen europäischen Ländern ein uneinheitliches Bild: Die Sowjetunion versuchte beharrlich, ihren Einflussbereich in Mittel- und Osteuropa zu festigen. Stalin betrieb eine aggressive Expansionspolitik, die die Staatsoberhäupter der westlichen Länder mit Besorgnis beobachteten.[20] In Frankreich herrschte nach dem Rücktritt de Gaulles ein eigentliches Machtvakuum. Die Mehrheit der vom Volksrepublikaner Bidault geführten Regierung war äusserst knapp.[21] Die faschistischen Diktaturen in Spanien und Portugal waren weitgehend isoliert. Belgien und die Niederlande waren bis zum Vertrag von Brüssel am 17. März 1948 formell neutral, und auch Norwegen sowie Schweden strebten die Neutralität an.[22] Die politische Situation in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich in der Summe als sehr verworren, unübersichtlich und gefährlich dar.

Wesentliche Impulse für die europäische Wirtschaft hingegen kamen aus den USA. Im Rahmen der von der Truman-Administration verkündeten Doktrin[23] zur Eindämmung des Kommunismus unterbreitete der neue Aussenminister George Marshall am 5. Juni 1947 sein „Europäisches Wiederaufbauprogramm (Marshall-Plan)“. Diese amerikanische Aufbau- und Förderhilfe brachte in kurzer Zeit den erhofften wirtschaftlichen Input für Europa.

Da Europa augenscheinlich nach Ende des Zweiten Weltkriegs keine führende Rolle mehr zu spielen vermochte – die USA und die Sowjetunion traten als einzige Grossmächte aus dem Krieg hervor –, strebten nun auch die europäischen Kolonien in Afrika und Asien nach Unabhängigkeit. Die Entkolonialisierung unter der Federführung der 1945 gegründeten Vereinten Nationen setzte ein.

C) Die Fulton-Rede: Sinews of Peace

Auf die Einladung des 33. Präsidenten der USA, Harry S. Truman, hielt Churchill in Fulton, Missouri, anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde im Westminster College, am 5. März 1946 seine berühmte „Iron Curtain“-Rede. Der Inhalt der Ansprache lässt sich wie folgt skizzieren:[24]

Im Rahmen verschiedener aussenpolitischer Betrachtungen unterstrich Churchill die Wichtigkeit einer anglo-amerikanischen Partnerschaft. Die USA wären für eine Ordnungsfunktion hinsichtlich Selbstbehauptung und Friedenssicherung prädestiniert, da Europa zu diesem Zeitpunkt ausser Stande sei, diese Aufgaben selbst wahrzunehmen.

[...]


[1] Streinz (1999), S. 3 Anm. 1.

[2] Mader (1973), S. 77f.

[3] Neben der Friedenssicherung gilt die Supranationalität, die Freiheit von Handel und Verkehr, und die Machterhaltung Europas zu den Grundlagen des Europagedankens (Breitenmoser/Bühler (1998), S. 17f.).

[4] „De Recuperatione Terre Sancte“.

[5] Koenig/Haratsch (1996), S. 11.

[6] Geiter (2000), S.13ff.

[7] Winkler (1995), S. 135.

[8] Ziegerhofer et al. (1999), S. 76.

[9] Hugo, Victor: "Der Tag wird kommen". Ansprache am 22. August 1849 nach seiner Wahl zum Präsidenten des Weltfriedenskongresses in Paris (Grix/Knöll (1992), S. 20.).

[10] Lützeler (1998), S. 43ff.

[11] Ziegerhofer et al. (1999), S. 111ff.

[12] Vgl. hierzu die Gedenkschrift zur Feier des 25. Jahrestages der Zürcher Rede, herausgegeben von der Präsidialabteilung der Stadt Zürich und der Schweizerischen Winston Churchill Stiftung 1971. Keine Seitenangaben.

[13] Wagner (1970), S. 11ff.

[14] Kurzbiographie basierend auf Krockow (1999) und Roberts (1998).

[15] Hillgruber (1979), S. 20.

[16] Diese Konferenz war die dritte der „Grossen Drei“ auf dem Schloss Cäcilienhof in Podsdam.

[17] Hillgruber (1979), S. 20.

[18] Ebenda, S. 23.

[19] Ploetz (1998), S. 801.

[20] Hillgruber (1979), S. 23ff.

[21] Sauter (1976), S. 49.

[22] Ebenda, S. 49f.

[23] Die Truman-Doktrin, basierend auf einer Rede gehalten von Präsident Truman am 12. März 1947, stellt ein Programm zur Militär- und Wirtschaftshilfe für Griechenland und die Türkei dar und leitete die damalige Politik des „Containment“ ein (Hillgruber (1979), S. 44.).

[24] Der komplette englische Text der Rede befindet sich im Anhang B: Speech by Sir Winston Churchill, Fulton (Missouri), 5. März 1946.

Details

Seiten
41
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640557134
ISBN (Buch)
9783640557592
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145001
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Völkerrecht und ausländisches Verfassungsrecht
Note
gut
Schlagworte
Visionäre Rechtsgemeinschaft Geistesgeschichtliche Anstösse Gestaltung Zukunft Europa Ursprung Entstehung Entfaltung Europaidee Berücksichtigung Vision Winston Churchills

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Titel: Visionäre einer europäischen Rechtsgemeinschaft: Geistesgeschichtliche Anstösse für die Gestaltung der Zukunft von Europa