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Botho Strauß, "Marlenes Schwester". Auftreten und Wirkung frühromantischer Elemente in einer Erzählung von 1975.

Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. Einleitung

I. Frühromantische Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel
1. Frühromantische Situation und Schlegels Forderungen an eine frühromantische Dichtung
2. Gestaltungsformen der frühromantischen Dichtung
2.1 Arabeske
2. 2 Fragment
2. 3 Roman
3. Gestaltungsprinzipien der frühromantischen Dichtung
3. 1 Romantische Ironie
3. 2 Allegorie

II. Textanalyse - Botho Strauß: Marlenes Schwester
1. Strukturelle Untersuchung
1. 1 Erzählebenen und Zeitstruktur
1. 2 Erzählinstanz / Erzählperspektiven
2. Motivisch-inhaltliche Untersuchung
2. 1 Vampirismus
2. 2 Reflexion
2. 3 Grenzzustände Traum und Schlaf

III. Interpretation der Ergebnisse der Textanalyse und Vergleich mit den frühromantischen Merkmalen und Motiven
1. Interpretation und Vergleich der strukturellen Merkmale
2. Interpretation und Vergleich der inhaltlich-motivischen Elemente

IV. Abschluß und Ausblick

V. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Die Erzählung "Marlenes Schwester" von Botho Strauß hinterläßt bei den Leserinnen und Lesern ein beunruhigendes und verwirrendes Gefühl der Unsicherheit, der Schwebe zwischen Wahn, Phantasie und Wirklichkeit. Die gewohnten raum-zeitlichen Strukturen können den Handlungsgang der Erzählung nicht fassen. Logisch aus dem Text erklärbare Ergebnisse einer Analyse sind nicht mit der Lebensrealität in Einklang zu bringen.

Botho Strauß scheint hier "den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben", wie dies Friedrich Schlegel "als Anfang aller Poesie" fordert.[1]

Allein aufgrund dieses Gedankens von einer Affinität zu frühromantischen Poetikkonzeptionen zu sprechen, wäre wohl noch unangemessen. Allerdings werden die strukturell-formalen Merkmale von einigen auffälligen motivischen Elementen der Frühromantik begleitet, so daß es meines Erachtens insgesamt Wert scheint, den Text auf frühromantische Strukturen und Merkmale hin näher zu untersuchen.

In einem ersten Teil der Arbeit werden kurz die wesentlichen und für diese Untersuchung relevanten Merkmale der frühromantischen Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel dargestellt.[2] Die Textanalyse der Erzählung "Marlenes Schwester" erfolgt in einem zweiten Teil, wobei ich zunächst ausführlich die strukturellen Merkmale untersuchen werde, um dann die inhaltlich-motivischen Elemente darzustellen. Diese Textanalyse soll deutlich machen, welche frühromantischen Merkmale und Elemente in der Erzählung "Marlenes Schwester" auftreten. Die daraus entstehenden Ergebnisse und Besonderheiten werde ich anschließend in einzelnen Schritten zu den frühromantischen Merkmalen und Elementen in Beziehung setzen, um somit zu klären, auf welche Weise Botho Strauß mit diesen arbeitet.

I. Frühromantische Poetikkonzeption von Friedrich Schlegel

1. Frühromantische Situation und Schlegels Forderungen an eine frühromantische Dichtung

Aus Schlegels Sicht ist die moderne Welt seiner Zeit dadurch gekennzeichnet, daß es keine Ganzheitlichkeit und keine Objektivität mehr gibt. Es gibt keine Allgemeine, keine Universale mehr. Alles ist in Fragmente zersplittert.

Das Individuelle tritt in den Vordergrund, ist dabei jedoch ersetzbar, weil ihm die Ganzheit fehlt. Hinzu tritt die Erfahrung der Natur als einer nicht vom Menschen beherrschten Subjekt-Natur. Die Natur wird als ein den Menschen überwältigendes Subjekt gesehen.

Schlegel sieht seine Zeit als eine Übergangszeit, in der der Verlust dieser Ganzheit empfunden wird. In einem triadischen Geschichtsmodell wird daher von einem vergangenen goldenen Zeitalter der Einheit ausgegangen, das es jetzt, in der gegenwärtigen Zeit, wiederzuerlangen gelte. Mittel hierzu sei die Kunst. Es gilt zum einen, mittels der Kunst die Subjekt-Objekt-Spaltung zu transzendieren. Zum anderen soll Begrenztes als Ort der Erfahrung des Unendlichen gelten: Dem Begrenzten, der Welt, der Wirklichkeit wird ebenfalls mittels der Kunst, durch Romantisierung oder Poetisierung, ein höherer Verweisungssinn verliehen. Kunst oder Poesie sind nicht nur Schein, Regulativ oder Appell. Die Welt muß durch Poesie in Poesie verwandelt werden. Den wahren Dichter macht somit die Fähigkeit aus, dem Gewöhnlichen und Alltäglichen eine höhere Bedeutung und einen tieferen Sinn zu geben.

In der frühromantischen Programmatik gewinnt so neben der Transzendierung der Begriff der Poetisierung bzw. des Romantisierens herausragende Wichtigkeit.

Schlegel leitet seine Poesiedefinition aus der Sehnsucht nach dem Unendlichen ab.

"Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. [...] Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide."[3]

Für den Realitätsgehalt von Poesie gilt:

"Was in der Poesie geschieht, geschieht nie, oder immer. Sonst ist es keine rechte Poesie. Man darf nicht glauben sollen, daß es jetzt wirklich geschehe."[4]

Beim Verwandeln der Wirklichkeit in Poesie gilt Kunst demnach als Werkzeug absoluter Freiheit. Nichts darf die freischaffende Phantasie einschränken. Es wird eine autonome Dichtung proklamiert, deren Ziel die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben, von Mensch und Natur, von Endlichkeit und Unendlichkeit ist.

Innerhalb dieser "progressiven Universalpoesie" spielt die Reflexion, hinter der die Auffassung des Subjekts als einem geistig tätigen Subjekt steht, eine wichtige Rolle. Die romantische Poesie kann "zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer Reihe von endlosen Spiegeln vervielfachen."[5] Es entsteht eine neue Synthesis durch Reflexion, die sich ständig - und zwar ad infinitum - potenziert. Diese neue Synthesis durch Reflexion schließt auf der nächsthöheren Ebene wieder eine Spaltung des Bewußtseins mit ein: in eines, das analysiert, und ein anderes, höheres, das sich selbst zusieht. Es gelingt hierbei ein immer höherer Grad an Abstraktion. Das macht das Progressive der Universalpoesie aus.

Außerdem wird zu Schlegels Zeit das Unbewußte und Irrationale wiederentdeckt und in Absetzung zu der vernunftbetonten Frühaufklärung in eine gleichberechtigte Stellung zur Vernunft erhoben. Vernunft und Gefühl bilden somit kein Gegensatzpaar mehr. Verdrängte Wünsche und Bedürfnisse des Unbewußten dürfen an die Oberfläche gelassen werden. Dies spiegelt sich auch in der Poetikkonzeption Schlegels wider. Raum für Phantasie, die im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgewertet wurde, wird auch in der Dichtung gefordert:

"Immer strebt die Darstellung, [...] auf irgendeine Weise aus der beengten Wirklichkeit sich herauszuarbeiten, und [...] einen Eingang zu gewinnen in ein Gebiet, wo die Fantasie sich freier bewegen kann."[6]

Eine erhöhte Kreativität der Einbildungskraft, der Phantasie, ist im Traum gegeben, der dadurch ebenfalls neue Bedeutung innerhalb der Dichtkunst erhält. Der Traum ist die alogische Phantasiewelt, in der Raum- und Zeitstrukturen aufgehoben sind.

Es ist aber unter Einbeziehung des Bereiches des Unbewußten, der Phantasie und des Traumes, die Vernunft durchaus nicht aufgehoben. Paradoxes Ziel bleibt ein geordnetes Chaos, die Gleichzeitigkeit von System und Nicht-System. "Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich wohl entschließen müssen, beides zu verbinden."[7]

Ein Nebeneinander und eine Mischung von Vernunft und Phantasie sind gefordert.

"Wie die Novelle in jedem Punkt ihres Seins und ihres Werdens neu und frappant sein muß, so sollte vielleicht das poetische Märchen [...] unendlich bizarr sein; denn [es] will nicht bloß die Fantasie interessieren, sondern auch den Geist bezaubern und das Gemüt reizen: und das Wesen des Bizarren scheint eben in gewissen willkürlichen und seltsamen Verknüpfungen und Verwechslungen des Denkens, Dichtens und Handelns zu bestehn."[8]

2. Gestaltungsformen der frühromantischen Dichtung

Obwohl alle Gattungsbegriffe aufgehoben sind, da die "progressive Universalpoesie" mit Hilfe der Phantasie alle Gattungen vereinigt, sieht Schlegel alle aufgestellten Forderungen an die Dichtung in einigen Formen der Dichtung besser verwirklicht als in anderen. Als Idealformen gelten: die Arabeske, das Fragment und der Roman.

2.1 Arabeske

In der bildenden Kunst bezeichnet Arabeske ein Ornament, das aus ineinander verschlungenen Linien - aufgrund des Bilderverbotes in Moscheen streng stilisiert und plastisch wirkend - Blatt- und Pflanzenranken abbildet. Dies sind reine Verzierungen ohne Bildhaftigkeit. Bis in die Goethezeit werden auch ineinander verschlungene Pflanzen-, Tier- und Menschengestalten als Arabeske bezeichnet.[9]

Schlegel überträgt diesen Begriff und vor allem das Strukturprinzip der Wiederholung der Arabesken auf die Literatur und auf seine Poetikkonzeption.

"Gewiß ist die Arabeske die älteste und ursprünglichste Form der menschlichen Fantasie."[10]

"Ich halte die Arabeske für eine ganz bestimmte und wesentliche Form oder Äußerungsart der Poesie."[11]

Arabesken stehen mit ihren linearen, ineinander verschlungenen Bändern mit ihren vielen Wiederholungen für eine unendliche Fülle. Die vielen Wiederholungen und Schleifen, die keine Entwicklung abbilden können, stehen gegen eine klare chronologische Ordnung. Somit sieht Schlegel in ihnen das Universale, das Romantische schlechthin.

2. 2 Fragment

Schlegel fordert, daß das Fragment "ganz abgesondert und in sich selbst vollendet" sein soll "wie ein Igel".[12] Das Fragment wird von Schlegel einerseits also als abgeschlossen angesehen, andererseits ist es dies inhaltlich-thematisch nicht. Es soll ganz im Gegenteil nicht einen abgeschlossenen Denkprozeß darstellen, sondern zur weiterführenden produktiven Lektüre anregen. Es verlangt von den Leserinnen und Lesern eine "ars combinatoria", fordert sie auf, es zu vervollkommnen, es mit verschiedenen anderen Texten/Fragmenten experimentell zu kombinieren, zu symphilosophieren.

Hierdurch kann der Text durchaus seine feste Kontur, seine sichere Einheit verlieren und ein Geflecht von Querverbindungen, Beziehungen, Widersprüchen und Ergänzungen entstehen.

[...]


[1] F. Schlegel: Gespräch über die Poesie, S. 195.

[2] Ich beziehe mich aufgrund ihrer herausragenden und zentralen Rolle zur Zeit der Frühromantik in Deutschland - und auch aus Platzgründen - einzig auf die Poetikkonzeption Friedrich Schlegels. Hierzu ziehe ich die "Athenäumsfragmente" und das "Gespräch über die Poesie" heran.

[3] F. Schlegel: "Athenäums"-Fragmente, S. 90/91.

[4] ebd., S. 88.

[5] F. Schlegel: "Athenäums"-Fragmente, S. 90.

[6] F. Schlegel: Geschichte der alten und neuen Literatur, 12. Vorlesung (1812).

[7] F. Schlegel: "Athenäums"-Fragmente, S. 82.

[8] ebd., S. 137.

[9] Vgl. Metzler Literatur Lexikon, S. 23.

[10] F. Schlegel: Gespräch über die Poesie, S. 195.

[11] ebd., S. 204.

[12] F. Schlegel: "Athenäums"-Fragmente, S. 99.

Details

Seiten
26
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638198998
ISBN (Buch)
9783640265862
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14523
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für neuere deutsche Literaturwissenschaft
Note
2
Schlagworte
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Titel: Botho Strauß, "Marlenes Schwester". Auftreten und Wirkung frühromantischer Elemente in einer Erzählung von 1975.