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Häusliche Gewalt gegen Kinder - Ein erklärbares Phänomen?

Diplomarbeit 2009 101 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begrifflicher Rahmen
2.1 Gewalt
2.1.1 Häusliche Gewalt
2.1.2 Diskurse über häusliche Gewalt
2.1.3 Soziale Bedingungen für häusliche Gewalt
2.2 Familie
2.2.1 Familientypen
2.2.2 Funktionen von Familie

3. Historische Konstruktion von „Gewalt in der Familie“
3.1 Häusliche Gewalt in der Antike
3.2 Häusliche Gewalt im Mittelalter
3.3 Häusliche Gewalt in der Neuzeit
3.4 Häusliche Gewalt ab dem 20. Jahrhundert

4. Ausmaß der Gewalt gegenüber den Kindern in der Familie
4.1 Ausmaß Körperliche Gewalt
4.2 Ausmaß bei Vernachlässigung und seelische Misshandlung
4.3 Ausmaß beim Sexueller Missbrauch

5. Wie reagiert die Gesellschaft auf häusliche Gewalt?

6. „Gewalt in der Familie“ – Ein erklärbares Phänomen?
6.1 Anfängliche Erklärungsversuche:
Personenzentrierte Theorien
6.1.1 Kriminologische Ansätze
6.1.2 Psychiatrisch – pathologische Ansätze
6.1.2.1 Psychodynamisches Modell von Steele & Pollock
(1978)
6.1.2.2 Modell von Ammon (1979)
6.1.2.3 Zusammenfassung der psychodynamischen Modelle
6.1.3 Kritisch Begutachtung psychiatrisch – pathologischer Ansätzen
6.2 Blickwechsel zu anderen möglichen Ursachen:
Familienbezogene Ansätze
6.2.1 Risikofaktoren
6.2.1.1 Frühgeburt und Untergewicht
6.2.1.2 Frühkindliches Verhalten
6.2.2 Mutter – Kind – Interaktion
6.2.3 Erziehungskompetenzen & Attribuierungsmuster
6.2.4 Stress, Krisen und Belastungen
6.2.4.1 Straussche Ansatz
6.2.4.2 Kritik an der Theorie von Straus
6.2.5 Kritische Betrachtung der familienbezogenen Ansätze
6.3 Weiterentwicklung der Ursachenforschung:
Soziologische Ansätze
6.3.1 Strukturmerkmale der Familie
6.3.2 Strukturelle Belastungen
6.3.3 Soziale Isolation
6.3.4 Strukturelle Gewalt
6.3.5 Kritische Überlegungen zu den soziologischen Ansätzen
6.4 Integration verschiedener Theorieansätze
6.4.1 Sozialpsychologisches Modell von Gelles
6.4.2 Multifaktorielles Modell von Wolff
6.4.3 Ökopsychologisches Modell von Belsky & Garbarino
6.5 Zusammenfassende Begutachtung der Integrationsmodellen

7. Resümee
7.1 Zusammenfassung der Resultate
7.2 Persönliche Schlussfolgerung

Literatur

1. Einleitung

Gewalt in der Familie ist kein neumodisches Phänomen. Es ist eine weit verbreitete Gewalttat die bis hin zu den Griechen und Römern im antiken Zeitalter reichten. Damals wurde sie jedoch nicht als eine Straftat angesehen, sondern als eine legitime Handlung gegenüber dem Kind. Dieser absichtliche und bewusste Einsatz von Gewalt – in Form von Schlägen oder Beschimpfungen – dienten Jahrhunderte lang und teilweise auch noch bis heute zur Züchtigung und Bestrafung des Kindes.

Das Züchtigungsrecht als alltägliche Erziehungsmethode wurde jedoch im Jahre 2000 abgeschafft. Weitere gesetzliche Änderungen folgten in den darauffolgenden Jahren, um Kinder besser vor Gewalt schützen zu können.

Familie sollte ein Ort der Geborgenheit und des Schutzes sein, wo Kinder auf das Leben als Erwachsener vorbereitet werden. Doch leider wachsen die Ansprüche und Erwartungen an Eltern. Diese können sie aber aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage, Arbeitslosigkeit etc. nicht immer nachkommen. Somit werden die Anforderungen an die Kindererziehung für Eltern zu großen Belastungen, welche kombiniert mit den anderen alltäglichen Problemen, vielmals in Gewalthandlungen gegenüber Familienmitgliedern enden können.

Oft bekommt das soziale Umfeld die Missstände in einer Familie mit, doch greifen diese lieber nicht ein, weil sie glauben, dass sich keiner in private Angelegenheiten einmischen sollte. Es wird geschwiegen und verdrängt. Hier liegt die Problematik in der Unwissenheit der Menschen: Viele wissen weder die Ursachen von häuslicher Gewalt, noch kennen sie den gesamtgesellschaftlichen Hintergrund.

In ihrem Verständnis wird Gewalt reduziert auf körperliche Misshandlungen, wo deutlich sichtbare Folgen zu erkennen sind. Wenn sie also von Kindesmisshandlung hören, denken sie an Fälle von schwer verletzten Kindern, von denen auch in den Medien berichtet wird.

Bei anderen Formen von Gewalt, die in Familien vorkommen können, wie zum Beispiel Vernachlässigung oder psychische Gewalt, sind meistens keine Folgen sichtbar. Deshalb werden sie auch nicht als Gewalthandlung wahrgenommen.

Erst in den letzten Jahrzehnten wird der Thematik mehr Aufmerksamkeit geschenkt und die Bevölkerung dafür sensibilisiert. Es wird verstärkt über Möglichkeiten und Grenzen von Maßnahmen zum Schutz der Kinder nachgedacht. Auch wird vermehrt nach den Ursachen gesucht, die erklären können, wie Eltern ihren Kindern solche Grausamkeiten zufügen können.

Dieses ist auch wichtig, denn häusliche Gewalt ist schon lange keine private Angelegenheit mehr. Es ist eine öffentliche Thematik, da es sich um eine Verletzung der Menschenrechte handelt. Deshalb sollten noch bestehende Vorurteile und Vorbehalte abgebaut und überwunden werden.

Dieses ist ebenfalls Ziel meiner Diplomarbeit.

Eine allgemeine Heranführung soll als Einstieg in das Thema dienen. Das Kapitel 2 beinhaltet Definitionen zu Begriffen wie „häusliche Gewalt“ und „Familie“. Zum einen soll verdeutlicht werden, was unter „häuslicher Gewalt“ verstanden wird und zum anderen, welchen Ursprung dieser hat. Ob es eine eindeutige Definition gibt, wird sich zeigen. Außerdem werde ich noch auf die sozialen Bedingungen eingehen, welche die Gewalt in Familien begünstigen können.

Bei dem Begriff „Familie“ gibt es eine problematisch mehrdeutige Auffassung, aus die ich eingehen werde. Doch vorher wird auch hier geklärt, woher der Ausdruck stammt. Als nächstes werde ich verschiedene Familietypen vorstellen, sowie die allgemeinen Funktionen einer Familie.

Darauf basierend analysiere ich im dritten Kapitel die beiden Begrifflichkeiten in ihrem historischen Konstrukt, um zu sehen, seit wann es wirklich häusliche Gewalt nach unserem Verständnis gibt. Beginnen werde ich in der Antike und im 21. Jahrhundert enden. In meiner Arbeit wird gezeigt, wie Familien in den jeweiligen Zeitaltern gelebt haben und welche Formen von Gewalt und warum sie angewendet wurden. Auch die rechtliche Situation der Kinder wie sie früher war und heute ist, werde ich genauer begutachten.

Das darauf folgende Kapitel befasst sich mit dem heutigen Ausmaß von Familialer Gewalt. Es wird deutlich werden, dass es auch in diesem Punkt Schwierigkeiten geben wird. Die Folge davon ist, dass sich nur schwer abschätzen lässt, wie verbreitet Misshandlungen von Kindern durch ihre Eltern wirklich sind. Diese Problematik werde ich ebenfalls näher behandeln.

Die Problematik handelt unter anderem von den Reaktionen des Umfeldes. Erläuterungen hierzu befinden sich im 5. Kapitel. Es wird sich zeigen, dass es Initiativen gibt, die aktiv gegen die Gewalt gegen Kinder vorgeht, wie zum Beispiel der Deutsche Kinderschutz. Ebenso wird aber auch deutlich wie die Bevölkerung zu dieser Thematik steht und wie sie sich verhält.

Verhaltensweisen der Bevölkerung deuten darauf hin, dass viele von ihnen nicht wissen, wie sie reagieren sollen und was sie machen können. Ihnen fehlt das Wissen über die möglichen Ursachen, die erklären können, warum es zur Gewalt in der Familie gekommen ist.

Im vorletzten Kapitel werde ich mich mit verschiedenen Forschungsansätzen beschäftigen, die alle nach der Ursache für häusliche Gewalt gesucht haben.

Zu Beginn werden die personenzentrierten Ansätze vorgestellt. Sie waren in den 60er und 70er Jahren die ersten wissenschaftlichen Überlegungen zu der Thematik. Sie suchten die Ursache allein bei dem Täter und zogen andere Einflussfaktoren nicht mit in ihre Analyse ein.

Dieses wurde sehr schnell bemerkt, weshalb nach weiteren Einflüssen geschaut wurde. Dieses verdeutlichen die soziologischen und familienbezogenen Ansätze.

Anfang der 80er wurde festgestellt, dass die vorangegangen Modelle und Ansätze alleine die Problematik – wie es zur häuslichen Gewalt kommen kann – nicht erklären können.

Aus diesem Grund wurden die verschiedenen Überlegungen nochmals aufgegriffen und in einem integrativen Modell vereint. Diese Multidimensionalen Ansätze bieten bisher die umfassendste Erklärung. Sie zeigen, warum es zur Gewalt gegen andere Familienmitglieder kommt und was geleistet werden muss, damit dieses zukünftig verhindert werden kann.

Abschließen werde ich meine Arbeit mit meiner persönlichen Schlussfolgerungen zu der Thematik beenden.

2. Begrifflicher Rahmen

Die Begriffe „Gewalt“ und „Familie“ werden im Alltag oft verwendet, doch werden sie unterschiedlich verstanden. Auf dem ersten Blick kann der Eindruck gewonnen werden, dass dieses eventuell abhängig ist vom theoretischen Hintergrund. Es scheint nicht möglich zu sein, einheitliche, allgemein gültige Definitionen zu finden. Um zu klären ob dieses wirklich so ist, werde ich mich zu Beginn mit den beiden Begriffen auseinandersetzen.

2.1 Gewalt

„Gewalt“ ist ein sehr problematischer Begriff, der sehr unscharf ist. Warum? Darüber werde ich nun im Folgenden näher eingehen.

Der Ursprung des Wortes „Gewalt“ liegt im altdeutschen Wort „waltan“ und des indogermanischem „ual-dh-“. „Waltan“ beschreibt ein bestimmtes Merkmal eines Herrschers und „ual-dh-“ bedeutet „stark sein“ oder „beherrschen“.

Nach der Herkunft des Wortes wird Gewalt dafür verwendet, um Macht auszuüben oder jemanden gefügig zu machen. (Cizek, Brigitte/ Kapella, Olaf 2001)

Doch wie wird Gewalt definiert? Ist es ein Verhalten, bei dem einer Person absichtlich Schaden zugefügt wird? Wie sieht dabei Schaden aus?

Worüber sich alle einig sind, ist die Ansicht, dass dann Gewalt vorliegt, wenn eine Person eine Handlung nicht freiwillig macht, sondern dazu gezwungen wird. Was genau darunter verstanden wird, kann von Kultur zu Kultur und von einem wissenschaftlichen Diskurs zum anderen sehr variieren. Dieses hängt damit zusammen, dass der Begriff ein künstlich von der Gesellschaft hergestelltes Produkt ist. Ein weiterer Faktor, der zum unterschiedlichen Verständnis beiträgt, ist die Begrenzung des Wortes. Eine „enge“ Definition beschränkt sich auf physische Übergriffe, wobei hier das Spektrum von einer Ohrfeige bis hin zur Tötung reicht. Jedoch werden subtilere Formen bei dieser Definition ausgeschlossen. Bei einer „weiten“ Definition ist es das Ziel einer Person sein Gegenüber auf irgendeiner Weise zu verletzen. Dieser „weite“ Begriff beinhaltet nicht nur die physische Gewalt, sondern auch die psychische und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung (vgl. Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006)

Da die Definition sehr dehnbar ist und die Ansätze sehr unterschiedlich, wird es unmöglich sein eine einheitliche und konsistente Definition zu erhalten. Für ein klares Verständnis ist aber eine uneinheitliche Definition nicht hilfreich und aus diesem Grund muss die Begriffsbestimmung immer im Zusammenhang der jeweiligen Forschungsarbeit gesehen werden.

Deshalb werde ich mich nun intensiver mit dem Begriff „häusliche Gewalt“ auseinandersetzen.

2.1.1 Häusliche Gewalt

Auch die Definition von „Häuslicher Gewalt“ – ebenfalls bekannt unter dem Begriff „Familiale Gewalt“ - ist nicht ganz unproblematisch. Es ist die Übersetzung des Wortes „domestic violence“, welches seit geraumer Zeit in der angloamerikanischen Forschungsliteratur verwendet wird.

Warum wurde es so übersetzt? Das Wort „häuslich“ wurde benutzt, um zu verdeutlichen, in welchem Umfeld Gewalt vorkommt. Meistens ist es die Familie, in der Ehe oder in familien- oder eheähnlichen Konstruktionen. Unter den Begriff „Gewalt“ können die unterschiedlichsten Verhaltensformen wie körperlicher, psychischer, verbaler oder sexueller Missbrauch, Gewalt gegen Kinder, Erwachsene und zwischen Lebenspartnern gemeint sein (vgl. Löbmann, Herbers; 2005).

Dieses heißt, dass häusliche Gewalt eine „Beeinflussung des inneren und äußeren Verhaltens (Denkens, Fühlens, Handelns) anderer mittels (der Androhung oder Anwendung von) physischem oder psychischem Zwang“ (Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006; S. 21) ist.

Doch hier liegt die Problematik. Die normative Erwartung verlangt von den Eltern, dass sie sich um ihre Kinder sorgen. Das ist auch wichtig, aber wie weit und in welcher Weise soll die Sorge aussehen?

Die Gesellschaft erwartet von den Eltern zum Beispiel, dass sie darauf achten, dass ihre Kinder die Schulpflicht erfüllen. Dafür wird sogar von der Allgemeinheit akzeptiert, dass Eltern ihre Kinder mittels Hausarrest, Liebesentzug oder Fernsehverbot davon abhalten wollen, weiter die Schule zu schwänzen. Hier wird anscheinend großzügig übersehen, dass es sich bei den Mitteln um psychischen Zwang handelt. Die Reaktion auf Gewalt ist also abhängig von „sozialbiografisch, interaktiv, institutionell und soziokulturell bzw. sozialhistorisch vermittelten Positionen der Interpreten im sozialen Raum“ (Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006; S. 22).

2.1.2 Diskurse über Häusliche Gewalt

Mit dieser Problematik hat sich Honig (1986) auseinandergesetzt und drei Diskurse entwickelt, die „gewissermaßen die Medien des gesellschaftlichen Konflikts um das Thema Familiale Gewalt“ (Cizek, Brigitte/ Buchner, Gabriele; 2001, S. 32) darstellen:

1. Sozial-administrativer Diskurs:

Diesen Ansatz verfolgen Bereiche wie Polizei, Justiz, Medizin und Sozialarbeit. Ihr Verständnis von Gewalt ist der Missbrauch des elterlichen Züchtigungsrechts. Gestützt wird dieses durch klare Regeln und Richtlinien, durch die der Tatbestand definiert ist.

2. Diskurs der Helfer:

Er wird besonders von psychosozialen Diensten und der Familientherapie geführt, wo Gewalt als familiales Problem betrachtet wird. Es wird vermutet, dass der Grund für die Gewalt eine Beziehungs- oder Kommunikationsstörung ist. Deshalb wird versucht, durch eine therapeutische Behandlung den Gewalttäter nicht zu kriminalisieren.

3. Diskurs der Kinderschutz- und Frauenbewegung:

Hier liegt der Fokus auf der von Männern ausgeübten Gewalt an Frauen und Kindern. Die Auffassung ist zurückzuführen auf die Bemühungen der Frauenbewegung. Bei dieser Betrachtung rückt die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau und geschlechtsspezifische Sozialisation in den Vordergrund. Dabei wird die Sicht, Strafbestände als Bedingung für Gewalt zu betrachten, in den Hintergrund gedrängt. (vgl. Cizek, Brigitte/ Buchner, Gabriele; 2001)

In der Zwischenzeit ist eine weitere soziale Bewegung von Seiten des männlichen Geschlechts entstanden, die auf die bisherigen Diskurse mit einem eigenen, nicht ganz so einflussreichen Diskurs zum Thema „Gewalt in der Familie“ antworten. Dieser richtet sich im Besonderen gegen den Diskurs der Frauenbewegung.

Diskurs der Männerbewegung:

Sie wollen der Öffentlichkeit aufzeigen, dass auch Jungen, Männer, Ehemänner und Familienväter Opfer von familiarer Gewalt sein können. Aus diesem Grund wünschen sie sich, dass ihnen dieselbe Aufmerksamkeit, der gleiche rechtliche Schutz und vergleichbare Hilfeeinrichtungen, wie für Kinder und Frauen gegeben, wird . (vgl. Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006)

Die Diskurse verdeutlichen noch einmal, dass das Verständnis von Gewalt abhängig ist von der sozialen Interpretation. Während also öffentliche Diskurse Gewalt als eine „Abweichung von einem gewünschten Zustand körperlicher Integrität, psychosozialen Gleichgewichts oder sozialer Emanzipation“(Honig, Michael Sebastian; 1986; S. 268) begreifen, sehen manche Familienmitglieder oder Betroffene, Gewalt als selbstverständlichen Bestandteil ihres Familienlebens an. Vielen Familien haben gegenüber körperlicher Strafen in der Erziehung immer noch eine legitime Haltung.

Wie kann das sein? Welche Bedingungen liegen vor, dass Familien auf ein solches Verhalten zurückgreifen?

2.1.3. soziale Bedingungen für häusliche Gewalt

Nach dem Utilitaristischen Handlungsmodell wird dann physischer oder psychischer Zwang ausgeübt, wenn der Mensch glaubt, „dass andere Formen der Einflussnahme weniger effektiv oder überhaupt nicht zielführend sind“ (Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006; S. 79). Unter anderen Formen ist die positive Einflussnahme gemeint. Dazu gehören zum Beispiel Überredung, Tauschangebote, Versprechen, Bündnisbildung oder Vorbildhandlung. Negative Einflussnahmen wären zum Beispiel Drohung oder Bestrafung.

Doch welche Bedingungen lassen die Wahrscheinlichkeit wachsen, dass diese angewendet werden?

Zum einen können es fehlende soziale Fertigkeiten sein und zum anderen der Mangel an Intelligenz, Bildung oder Mitteln, um sein Ziel zu erreichen. Das bedeutet, dass „Personen mit geringer Intelligenz oder mangelndem Ausdrucksvermögen (...) keine überzeugenden Botschaften formulieren“(Tedeschi, T. J.; 2002; S. 582) können. Mit fehlenden Ressourcen können Personen auch keine glaubwürdigen Versprechen oder Tauschgeschäfte machen. Somit kann Gewalt zum Kommunikationsmittel werden, um auszudrücken, was sie möchten oder brauchen, so wie es das folgende Beispiel zeigt: „Ein Ehemann etwa, der in seiner Familie die dominante Rolle spielen möchte, jedoch nur eine geringe Schulbildung besitzt, eine Stelle mit geringem Prestige und Einkommen innehat und dem es an zwischenmenschlichen Fähigkeiten mangelt, wird möglicherweise auf gewalttätige Mittel zurückgreifen, um seine dominante Position aufrecht zuhalten.“(Gelles Richard J.; 2002; S. 1068).

Verfügt derjenige, der Einfluss ausüben will, über mehr Ressourcen, kann er anders mit der Situation umgehen. Das heißt, auf anderen Wegen beeinflussen, zum Beispiel mit verbalen Mitteln. Das erhöht die Chance auf eine nicht körperliche Konfliktbearbeitung. Das Gleiche gilt natürlich auch für denjenigen, der beeinflusst werden soll. Besitzt er ebenfalls über mehr Ressourcen, kann er „Zumutungen“ zurückweisen.

Wenn eine Person es schafft, das Verhalten eines anderen in seinem Sinne zu beeinflussen, so wird von einem zweckrationalen Gewalthandeln gesprochen. Diese Art des Handelns ist eine Form der sozialen Kontrolle.

Damit es zur Ausführung der Handlung kommt, muss sich diese für die Person lohnen und zum Ziel führen. Sollte die Durchführung scheitern und kann die Person ihr Ziel nicht verwirklichen, kann dieses Frustrationen auslösen. Die Folge davon ist, dass es zu impulsivem, beziehungsweise affektuellem Gewalthandeln oder sogar zur Eskalation von Gewalt kommen kann.

Affektuelles Gewalthandeln heißt, dass Menschen, die vorab gereizt worden sind, aggressiver werden. Der Ärger ist dabei ein Resultat, was aus einer Frustration oder einem Angriff entsprungen ist. Jedoch entsteht dieses nicht aus jeder Frustration oder jedem Angriff, denn gerade Frustration kommt regelmäßig in sozialen Interaktionen vor. Frustration und Angriff sind abhängig von der Interpretation des Einzelnen. Fühlt sich der Betroffene verletzt, wird er eine Antwort wählen, die in seinen Augen angemessen ist. Wird sie zum Beispiel als willkürlich, gezielt oder ungerechtfertigt empfunden, kann es eher zu Aggression oder einer gewalttätigen Reaktion führen. Diese Antwort kann in den Augen des anderen als zu aggressiv eingestuft werden, womit Gewalt eventuell – wie oben bereits erwähnt – eskalieren kann.

Wie können solche Situationen entstehen? (vgl. Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006)

Habermehl (1994) hat sich hiermit intensiver befasst und Faktoren, die Gewalt auslösen oder begünstigen können, entdeckt:

1. die Legitimierung Familialer Gewalt durch Werte und Normen,
2. der Mensch hat in seiner eigenen Kindheit Gewalt erfahren und
3. Stressfaktoren, als möglicher Verursacher.

Unter dem dritten Punkt sind ungünstige Bedingungen gemeint, mit denen eine Familie leben muss. Solche können wie folgt aussehen:

- Arbeitslosigkeit
- Geringe Bildung
- Niedriges Einkommen
- Beengte Wohnverhältnisse
- Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz
- Alkohol- und Drogenkonsum
- Trennung oder Scheidung.

Wenn Familienmitglieder diesem Stress ausgesetzt sind und sie kaum über Bewältigungsressourcen verfügen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von gewalttätigem Handeln. (vgl. Habermehl, Anke; 1989)

Durch die Unterschiedlichkeit der Definitionen, Ansätze und Gewaltdiskurse entsteht ein heterogenes Bild der Gewaltforschung, welches nicht unbedingt förderlich ist für das Verständnis mit der Problematik „Gewalt in der Familie“.

2.2 Familie

Ob dieses auch für den Begriff „Familie“ gilt, werde ich nun im Folgenden genauer unter die Lupe nehmen. Dieses ist wichtig, damit die Zusammenhänge nicht falsch verstanden werden. Wieso könnte dieses passieren? Weil in diesen Fällen die Familie eine Stätte alltäglicher Frustrationen aufgrund von Interessenkonflikten ist. Sie ist auch der erste und wichtigste Schauplatz, an dem Kinder lernen, wie sie mit Frustrationen und Krisen umzugehen haben. Bei vielen ist er auch der Ort, wo zum ersten Mal Gewalt erfahren und beobachtet wird. Es ist der Platz, wo Kinder etwas über aggressives Verhalten lernen: „Welche aggressiven Verhaltensweisen werden von wem gegenüber wem in welcher Situation und in welchem Ausmaß toleriert?“ (Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006; S. 84)

Wie im obigen Absatz deutlich wird, ist die Familie ein soziales System, welches seine eigenständigen Regeln von Pflichten und Rechten hat, an die sich jedes Familienmitglied zu halten hat. (vgl. Hettlage, Robert; 1998)

Doch was bedeutet das Wort „Familie“ im Einzelnen?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, da es kein feststehender Begriff ist. Der Ursprung des Begriffes liegt bei dem lateinischen Wort „familia“ (Hausgemeinschaft), abgeleitet vom lat. „famulus“ (Haussklave). Nach dem römischen Recht war „familia“ die gesamte Hausgemeinschaft von Freien und Sklaven gewesen. Des Weiteren wurden weitere Personen und Sachen, die zum Haus gehörten, dazugezählt. Im Mittelalter zählten zur „familia“ nicht Verwandte, sondern „alle Personen, die von einem Haus, Burg, Schloss bzw. Fürstenhof abhängig waren“(Wieners, Tanja; 1999; S. 17). Erst ungefähr seit dem 18. Jahrhundert ist „familia“ eine Familie, bei der ihre Mitglieder miteinander verwandt sind.

Die heutige Rechtslage versteht unter Familie ein Ehepaar mit einem oder mehreren Kindern, die zusammen in einem Haushalt leben. Während die Justiz eine klare Definition von Familie hat, gibt es hingegen in der Wissenschaft keine einheitliche Auffassung.

Die gesellschaftlich weit verbreitete Vorstellung von Familie gleicht sich mit der Rechtsdefinition, nämlich dem Bild der bürgerlichen Kleinfamilie – auch „Normalfamilie“ genannt. Dazu ist zu sagen, dass diese sehr eng gefasst ist und andere derzeit gelebte Familienformen leider ausschließt.

Wird die Definition „Familie“ weiter gefasst, so ergeben sich aufgrund der Rollenzusammensetzung und Familienbildungsprozesse 16 theoretisch mögliche Familienformen, auf die ich nun im Folgenden näher eingehen werde.

2.2.1 Familientypen

Nach dem Mikrozensus – einer jährlich durchgeführten Repräsentativerhebung des Statistischen Bundesamtes – kam es in den letzten 40 Jahren zu einem deutlichen Wandel und Pluralisierung der Lebensformen. Der Familientyp der „Normalfamilie“ ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr so vorherrschend wie früher. Dieses lässt sich an diesem Beispiel 35-jähriger Frauen zeigen:

1976 lebten von ihnen 45% in einer traditionellen Kleinfamilie und 55% in alternativen Lebensformen. 2004 senkte sich die Zahl der in traditionellen Familien lebenden auf 19% und die anderen Familientypen stiegen auf 81%. (vgl. Peuckert, Rüdiger; 2008)

Die alternativen Lebensformen weichen von der „Normalfamilie“ ab, zählen aber zu den Familientypen. Denn soziologisch betrachtet, wird von einer Familie gesprochen, sobald Kinder in der Beziehung vorhanden sind. Dieses wird die folgende Tabelle verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Peuckert, Rüdiger; 2008; S. 23

Die Tabelle zeigt, dass es prägnante Merkmale gibt, die eine „Normalfamilie“ von einer anderen Familienform unterscheiden lassen. Besonders deutlich wird dieses durch die Form des Zusammenlebens. Heutzutage gibt es viele Ein-Eltern-, Stief-, Adoptiv-, Inseminations- oder Bi-nukleare Familien. Unter dem zuletzt genannten ist zu verstehen, dass die Eltern getrennt leben, sich aber gemeinsam um das Kind kümmern. In einer Inseminationsfamilie ist ein Elternteil – oder auch beide – nicht zeugungsfähig. Sie bekommen ihr Kind durch eine fremde Ei- oder Samenspende.

Eine weitere große Abweichung ist die Art des Zusammenlebens. Es gibt egalitäre Ehe, wo von beiden Ehepartnern Wert auf Gleichheit und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten gelegt wird. In der heutigen Zeit ist nicht mehr nur der Mann der Haupternährer. Viele führen eine Ehe mit Doppelkarrieren oder eine Commuter-Ehe. Dieses heißt, dass beide Ehepartner in der Woche durch ihre Arbeit getrennt voneinander in unterschiedlichen Haushalten leben und sich nur am Wochenende sehen bzw. zusammen leben. (vgl. Peuckert, Rüdiger; 2008)

Nach der genaueren Untersuchung des Begriffes und der Lebensformen von Familie, wende ich mich nun den Funktionen einer Familie zu. Dieses ist nötig, damit noch genauer die Begrifflichkeit von „Familie“ und die Pluralität der Familienformen, sowie der familiäre Wandel erfasst werden kann.

2.2.2 Funktionen der Familie

Anhand der Funktionen lässt „sich die Familie von anderen Lebensformen in der Gesellschaft unterscheiden, und zwar in allen Kulturen und zu allen Zeiten“(Nave – Herz, Rosemarie; 2007; S. 15):

1. die biologische Reproduktionsfunktion

Zu der biologischen Basis gehört die Zeugungs- wie auch Gebärfähigkeit. Wenn dieses jedoch nicht möglich ist, weil es sich um eine Inseminationsfamilie handelt, gibt es immer noch andere Wege, wie Eltern ihrem Kinderwunsch nachgehen können (Adoption, Aufnahme eines Pflegekindes etc.). Nicht nur viele Ehe- oder Lebenspartner haben ein großes Interesse sich fortzupflanzen, sondern auch die Gesellschaft. Sie wollen damit ihre Erhaltung sicherstellen. Dabei soll das Kind innerhalb der Familie eine klare Position einnehmen, da dieses wichtig für die Entwicklung der eigenen Identität ist. (vgl. Hettlage, Robert; 1998)

2. die Sozialisationsfunktion

Sie wird auch als die erzieherische Funktion verstanden. Die Sozialisation bildet das erste soziale Netzwerk für den Säugling und hilft den Kindern und Jugendlichen bei ihrer persönlichen Entfaltung. Die Familie bietet für sie einen Raum für Wachstum, Entwicklung und Geborgenheit. Sie hat einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Kompetenzen und Handlungsfähigkeiten.

Ebenfalls werden sie von ihrer Umwelt und ihrem Milieu geprägt. Von ihnen übernimmt es bestimmte Eigenschaften, Denk- und Verhaltensmuster.

Die Identität Heranwachsender muss also zwei Prozesse durchlaufen:

1. Soziabilisierung: hier bekommt eine Person die benötigte Wärme, Zuneigung und Zuwendung um menschlich zu werden.

2. Enkulturation: eine Person wächst in eine Kultur hinein.

(vgl. Hettlage, Robert; 1998)

3. die Wirtschaftsfunktion

Für viele Familien ist dieses eine wichtige Funktion. Sie sorgt für den Schutz und die Fürsorge von Kleinkindern sowie kranken und alten Familienmitgliedern. Ebenfalls kümmert sie sich um die materielle Versorgung.

In früheren Jahrhunderten gab es nicht nur die eben beschriebene Wirtschaftseinheit, sondern auch eine Produktionseinheit. Die Produktion / das Arbeitsleben fand zu Hause statt und jedes Familienmitglied musste mithelfen. In der heutigen Zeit ist die Produktionsaktivität räumlich von dem Familienleben getrennt. (vgl. Hettlage, Robert; 1998)

4. die Solidaritätsfunktion

Familien sind nicht nur auf die materielle Versorgung etc. der Familienmitglieder ausgerichtet, sondern auch auf Erholung, Entspannung und der Befriedigung ihrer Gefühle. Eine gemeinsame Gestaltung der Freizeit spielt im Familienleben eine wichtige Rolle. So gibt es Familienfeste, die von besonderer Bedeutung sind:

1) Sie dienen zur Stärkung und Erhaltung des Gefühls zusammen zu gehören.
2) Sie hat die Funktion individuelle Bedürfnisse zu befriedigen.
Die Familie ist für ihre Mitglieder ein Rückzugsort. Genauso ist sie ein Ort, an dem sie Schutz und Hilfe bekommen können. (vgl. Hettlage, Robert; 1998)

Der begriffliche Rahmen ist notwendig für das Verständnis im nächsten Kapitel, in dem ich mich mit dem historischen Konstrukt von häuslicher Gewalt befasse.

Ich werde in der Antike beginnen, weil es dort die ersten Aufzeichnungen von Gewalt gegen Kinder gibt. Meine Untersuchungen werden weiter führen durch das Mittelalter, der Neuzeit, bis ins 20. Jahrhundert hinein. Ich möchte herausbekommen wie sich das Verständnis von „Gewalt in der Familie“ entwickelt hat. Wie lebte die Familie? Was waren damals die Erziehungsmethoden? Was wurde als gewalttätig eingestuft? Wie haben die Menschen auf Gewalt reagiert? Wie beurteilten und begriffen sie die Gewalt? Was gab es für Gründe?

Diese und weitere Fragen werde ich nun im Folgenden versuchen zu beantworten.

3. Historisches Konstrukt von Häuslicher Gewalt

Nach heutigen Ansichten und Wissen sind Kinder in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Opfer von Gewalt geworden. Doch diese „Gewaltformen, die heute als schändlich und schädlich empfunden werden, sind früher normativ erwartet worden und galten als nützlich“(Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006; S. 22). Die Illegalität und Legalität von Gewalt ist einerseits abhängig von dem geltenden Recht und andererseits von herrschenden kollektiven Deutungsmustern, zum Beispiel im Punkt Kindererziehung. So dienten körperliche Strafen, wie Züchtigung und Verstümmelung über viele Jahrhunderte zur Vermittlung erzieherischer Werte und zur Aufrechterhaltung von Disziplin etc. Sie war gesellschaftlich akzeptiert und wurde erwartet.

Dazu muss berücksichtigt werden, welchen Stellenwert Kinder in der Gesellschaft hatten. Wie dieses im Einzelnen aussah, werde ich in den folgenden Abschnitten analysieren.

3.1 Gewalt in der Familie in der Antike

Die Antike begann mit der griechischen Kolonisation im Mittelmeerraum im achten Jahrhundert vor Christus. In den darauffolgenden Jahrhunderten verbreitete sich die griechische Kultur durch die Griechen – aber auch den Römern – bis nach Mittel- und Nordwesteuropa. Die Zeitepoche reichte bis 600 nach Christus, wo sich die Kultur in die christlich – abendländische wandelte.

In der Antike wurde unter dem Begriff etwas anderes verstanden, wie zu heutiger Zeit. Die „Familie“ war die „Oikos“ (übersetzt: „das Haus“) und bezeichnet nicht nur den Wohnbesitz, sondern ebenfalls alle Personen, die dort leben, sowie das Vermögen. Als Konsumtions-, Reproduktions- und Produktionseinheit sind diese von den Oikos sehr geschätzt worden. Damit lebten sie unabhängig von Marktanbindungen, denn es wurde vor allem für den eigenen Bedarf produziert.

Kinder sind nur geboren worden, damit sie ihre Eltern im Alter pflegen und ernähren konnten. Sie sollten den Fortbestand der Oikos sichern und die Familienkulte bewahren. Gerade in der Oberschicht wurden Kinder von einer Amme – welche meistens aus der Sklavenschaft stammte – in den ersten Lebensjahren begleitet. Sie wurden von ihr gestillt und versorgt. Eine Art der Sorge war, dass sich Neugeborene durch unkontrollierte Bewegungen missgestalten könnten. Aus diesem Grund wurde der gesamter Körper inklusive Armen und Beinen bis zum dritten Monat eingewickelt.

Wenn die Kinder älter wurden, kümmerte sich nicht mehr die Amme um sie, sondern ein „Pädagoge“. „Pädagogen“ waren oft Sklaven, die für andere Tätigkeiten nicht mehr eingesetzt werden konnten. Damit hatten die Kinder in dieser Zeit mehrere Bezugspersonen und häufig zu den Sklaven eine engere Bindung.

Der Vater verbrachte viel Zeit mit seinem Sohn und beschützte ihn. Die Mutter hingegen beschäftigte sich mit der Erziehung ihrer Tochter. Trotzdem hatte sie einen erheblichen Einfluss auf den Sohn gehabt. Vielmals war sie 10 bis 15 Jahre jünger wie ihr Ehemann, weshalb sie vielleicht auch ein distanziertes Verhältnis zu ihm hatte (vgl. Gestrich, Andreas / Krause, Jens-Uwe / Mitterauer, Michael; 2003)

Im antiken Rom gab es keine elterliche Gewalt, sondern nur die „patria potestas“ – die väterliche Gewalt. Kinder gehörten juristisch zum Eigentum des Mannes und befanden sich auf der Sachebene. Dieses bedeutet, dass sie ihrem Vater gehorchen, sich unterwerfen und gefügig sein mussten.

Falls der Vater Schulden hatte und diese nicht abbezahlen konnte, war es alltägliche Sitte sein Kind in die Prostitution zu verkaufen oder zu verpfänden. Diese Prostitution und Päderastie war in dieser Zeit etwas „normales“. Besonders Jungen waren bei Männern sehr begehrt, da sie von den haarlosen Schenkeln des Jungen fasziniert waren. Zwischen den versklavten Jungen und ihrem „Freier“ kam es nicht nur zur platonischen Liebe, sondern zu körperlich – sexuellem Kontakt.

Während dieses nach unserem heutigen Verständnis dem Profil eines Pädophilen gleicht, wurden diese Männer als Liebhaber und Erzieher angesehen, die den Knaben auf gesellschaftliche Aktivitäten vorbereiten würden. (vgl. Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Ottermann, Ralf; 2006)

Der Vater besaß nicht nur das Recht sein Kind zu verkaufen, sondern ebenfalls das Tötungsrecht. Dieses war nicht allein auf Neugeborene begrenzt, sondern schloss die Tötung seiner Kinder, Frau und Sklaven mit ein. Dieses war in der Antike verbreitet, da gerade in armen Familien dadurch das Leben der restlichen Familie gesichert wurde. Weitere Gründe für die Tötung eines Kindes waren schlechte ökonomische Verhältnisse, das „Zwölftafelgesetz“ – ein Verbot missgebildete Kinder aufzuziehen - , Bevölkerungskontrolle, Geldgier und Aberglaube. Letzteres bezieht sich auf den Glauben, dass eine Missgeburt Unheil bringt. (vgl. Radbill, Samuel X.; 1978)

3.2 Gewalt in der Familie im Mittelalter

Auch im Mittelalter - der Epoche von ca. 500 bis 1500 nach Christus - sind Kinder getötet worden. Mögliche Motive für Kindsmord waren Armut oder die Angst vor der Schande, ein uneheliches Kind zu haben. Für dieses Verbrechen war die Frau immer die alleinige Schuldige. Sie wurde verurteilt und musste vor den Bischofsstuhl treten. Wenn es das erste Verbrechen der Frau gewesen ist, wurde sie vom Bischof ermahnt in Zukunft vorsichtiger zu sein. Sollte es nicht das erste Mal gewesen sein, so war der Bischof der einzige Befugte, der der Frau eine Buße auferlegen und ihr die Absolution erteilen durfte.

Aus diesem Grund wurden Kindsmorde als Unfälle getarnt, da es durch die Verbreitung des Christentums zum Verbot des Kindsmords kam. Dieses bezog sich jedoch nicht auf kränkliche, missgebildete oder behinderte Kinder, da sie in der Gesellschaft unerwünscht waren. Genauso unbeliebt waren uneheliche Kinder, denen – wie im obigen Absatz schon erwähnt – aus Scham oder finanziellen Nöten das gleiche Schicksal drohte. Die Tötung Neugeborener war sowohl aus weltlicher, als auch kirchlicher Sicht verboten und wurde von der Gesellschaft geächtet. Um dieses zu vermeiden, sind Findelhäuser errichtet worden. Findelhäuser waren Einrichtungen für ausgesetzte Kinder. Wenn die Kinder sieben Jahre alt wurden, wurde dafür gesorgt, dass sie eine Lehre bekamen. Denn nur durch das Erlernen einer Tätigkeit, konnten sie später ihren Lebensunterhalt verdienen und somit auch überleben.

Viele Kinder wurden im Mittelalter ausgesetzt, da gerade die unteren sozialen Schichten oft an Hungersnot litten. Sie wurden vor den Toren von Kirchen und Klöstern niedergelegt. Eine andere Chance zu überleben, sahen die Eltern darin, ihre Kinder an reiche kinderlose Adlige, Bürger oder als Sklaven zu verkaufen. Töchter wurden sogar zur Prostitution genötigt. (vgl. Shahar, Shulamith; 2004)

Dazu muss erwähnt werden, dass der christliche Glaube das Gegenteil lehrte: jedes Kind ist ein Geschenk Gottes und der Vater hatte die Pflicht für das Kind zu sorgen. Wer seinem Kind Schaden zufügte – es zum Beispiel aussetzte – der wurde nach der kirchlichen Gesetzgebung bestraft.

Natürlich gab es im Mittelalter Unterschiede in der Sorge um das Kind und seiner Erziehung, je nachdem in welche Bevölkerungsschicht das Kind hineingeboren wurde. Allgemein kann zur Erziehung gesagt werden, dass Kinder bis zu ihrem siebten Lebensjahr von ihrer Mutter erzogen wurden. Danach kümmerte sich der Vater um den Sohn und die Mutter um die Tochter. Sie durfte sich nie ohne Aufsicht in die Gesellschaft begeben und sollte tugendhaftes Verhalten, Gehorsam, Bescheidenheit und Keuschheit erlernen. Die Eltern wollten ihre Kinder zu christlichen Menschen erziehen, die ihnen im Alter helfen und sie unterstützen. Dabei sollten die Eltern und Lehrer Vorbilder für die Kinder sein. (vgl. Shahar, Shulamith; 2004)

Bei kindlichem Fehlverhalten wurden als hilfreiche Erziehungsmittel Rügen und Drohungen angesehen. Für Rügen nutzten besonders Lehrer die Rute, Stöcke oder Peitschen. Diese Methode galt für Kinder als heilsam und wurde vom Gesetz unterstützt. (vgl. Radbill, Samuel X.; 1978)

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Details

Seiten
101
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640559428
ISBN (Buch)
9783640559152
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145381
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Häusliche Gewalt Kinder Phänomen

Autor

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Titel: Häusliche Gewalt gegen Kinder - Ein erklärbares Phänomen?