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Kitsch und Horror

Bildästhetik bei Tim Burton am Beispiel von "Vincent" und "Edward Scissorhands"

Hausarbeit 2008 28 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung (was zum Reg., Begrundung der Filmauswahl usw.)

2 BiUMheiikin HofrorfUmen
2.1. Expressionismus
2.2. Klassischer Horror

3. BiUlalhalkbai Tim Burton

4.Vnoenr

5. „Edward Scissorhands"
5.1. Edwards Villa
5.2. Suburbia
5.3. Einstellungen und Perspektive

6. Zusammenfassung

Literatur- und Filmverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Standbild aus „Vincent“

Abb. 2: Standbild aus „Vincent“

Abb. 3: Standbild aus „Vincent“

Abb.4: Standbild aus „Vincent“

Abb.5: Salisbury, Mark (2006): Burton on Burton, S.19.

Abb.6: Standbild aus „Vincent“

Abb.7: Standbild aus „Edward Scissorhands“

Abb.8: Standbild aus „Edward Scissorhands“

Abb.9: Salisbury, Mark (2006): Burton on Burton, S.86.

Abb.10: Standbild aus „Edward Scissorhands“

Abb.11: Standbild aus „Edward Scissorhands“

Abb.12: Standbild aus „Edward Scissorhands“

1. Einleitung

Tim Burton wurde 1958 in Burbank in Kalifornien geboren. Dass er später Regisseur wurde, mit den größten Filmstudios direkt vor seiner Haustür, scheint gerade zu vorbestimmt. Zwar war es die kleine Vorstadt bei Los Angeles, die ihn sehr beeinflusste, allerdings eher negativ, als dass Burton sich mit dieser Heimat gesegnet fühlte.

Seine Kindheit verbrachte er, nach eigenen Angaben, vor dem Fernseher mit Ray Harryhausen und den Horrorfilmen der Universalstudios. In ihnen fand er sich verstanden und identifizierte sich mit den darin vorkommenden Monstern. Burtons Filme sind daher sehr schräg, bizarr, morbide – aber zugleich auch zauber- und märchenhaft.

Im Folgendem soll nachgewiesen werden, dass Burtons Bildästhetik sich ebenfalls sehr an den klassischen und expressionistischen Horrorfilmen orientiert. Dazu wird sein Erstlingswerk Vincent und sein erster großer Erfolg Edward Scissorhands betrachtet. An diesen Filmen zeigt sich deutlich Tim Burtons Faible für Monster und Gruselszenarien, aber auch für Märchenphantasien und popkulturellen Kitsch.

Der expressionistische Film entstand zu Beginn der 20er Jahre in Deutschland Genau genommen handelt es sich hierbei nicht um Horrorfilme, sondern um deren Vorläufer.[1]

Die meisten dieser phantastischen Werke sind Stummfilme und daher ganz besonders auf einen starken visuellen Ausdruck angewiesen. Demzufolge nutzen expressionistische Filmemacher, wie beispielsweise Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau, den „[...]aesthetic style of expressing their subjective responses to the objective world. Rather than paint a picture of a flower, Expressionists would paint a picture of the feeling that the flower evoked."[2]

Dieses Genre ist, dem französischen Horrorfilmexperten Eric Dufour nach, „[...] die Figuration des Bösen: Golem, Dr. Mabuse, Dr. Caligari usw. Sie verkörpern das Böse, Unbegreifliche, Irrationale. Im Mittelpunkt des expressionistischen Filmes stehen die Geschöpfe der Nacht und die Dunkelheit, in der sich Konturen auflösen, Dinge verschmelzen, in der alles möglich ist."[3] Daher sind jene Filme uberwiegend dunkel gehalten und das Spiel mit Licht und Schatten sorgt far eine Atmosphäre des Unbehagens und Gruselns.

Aber auch „[...]distorted sets, stylized performances, sexy dream sequences, relentlessly mobile cameras, dramatic spotlights, and staccato editing [...]"[4] bedienen die expressionistische Bildästhetik.

Einen ganz besonderen Wert legten Filmemacher dieser Zeit auf die Kulisse und deren Bauart. Das beste Beispiel dafeir ist wohl Das Kabinett des Dr. Caligari mit „[...] der windschiefen, das Grauen förmlich ausschwitzenden Architektur, den mit kabbalistischen Zeichen bemalten Wänden und Böden, den schrägen Pfaden und bizarr geformten, kahlen Bäumen, der immerfort sich öffnenden und wieder schlieflenden Iris, deren Schwarz die Protagonisten verschlingt und anschlieflend das Gesicht Caligaris entheillt."[5]

Das Motiv des „mad scientist" findet sich in unzähligen expressionistischen Werken. So spiegeln sich in den Laboratorien mit ihren geschwungenen Schläuchen und Fläschchen auch immer wieder die Formen des menschlichen Körpers wieder.[6]

Jene expressionistischen Ausrucksformen findet man später auch bei Burton in Kosteim und Ausstattung. Insbesondere ist dies bei seinem Erstlingswerk Vincent der Fall, aber auch Edward Scissorhands zeigt Merkmale des expressionistischen Films auf. Schliefllich widmet sich Burton in ihm auch dem „mad scientist" — Motiv.

Die ersten tatsächlichen Horrorfilme, die nicht mehr dem expressionistischem Genre zuzuordnen sind, wurden ab den 1930ern gedreht und können als klassischer Horror bezeichnet werden.

Dieser Film „verleiht den Grundängsten der Menschen Ausdruck, indem er sie visuell darstellt"[7]

Die gröflten Produzenten vom klassischen Horror waren die Universal Studios, die auch schon in den 1920ern damit begonnen hatten. Es wurde viel mit Gewaltdarstellungen und dem ,Aufbau von Thrill und Suspene"[8] gearbeitet. Mit Hilfe von Splatterszenen, also Darstellungen von Blut und verwundeten Körpern, wurden im Zuschauer Ekel und Schock ausgelöst.[9]

Von den Motiven her machten Frankenstein, Dracula und die anderen abernatarlichen Monster den klassischen Horrorfilm uberhaupt erst aus. Sie stellen das Böse und Hässliche dar. Als fremde Exoten bedrohen sie das geordnete alltägliche Leben der Menschen. Allerdings meist als Folge eines Bruches von Normen.[10] Wie beispielsweise bei Frankenstein die Handlung negativ verläuft, weil die Erschaffung eines Geschöpfes Blasphemie ist.

Tim Burton ist mit klassischen Monsterfilmen aufgewachsen und modelliert in seinen Filmen daher die Motive neu. Bei ihm sind es meist die Monster, welche die Opfer von skrupellosen Menschen werden.

In den Jahren seiner Arbeit als Regisseur bildete sich unter Burtons Sympathisanten der Begriff „Burtonesque"[11] zur Beschreibung seines speziellen Stils heraus. Es handelt sich dabei um eine infantile Affinität zur gotischen Asthetik[12], die schon aus den expressionistischen Filmen der 1920er bekannt ist. Burton bedient sich der „Schwarz-Weifl-Fotografie, kontrastreichem Licht, Schattenwürfen- und —spielen" sowie „verzerrter Perspektivik"[13] und ruft damit die alten deutschen Stummfilmklassiker zurück ins Gedächtnis des Zuschauers. Allerdings gestaltet er seine Filme noch phantasiereicher und legt groflen Wert auf die Ausstattung des Kostüms und Dekors. „Doch ist festzustellen, dass die Visualität bei Burton quasi erzählerische Züge trägt und darin seinen Sujets im bildlichen Sinn unter die Arme greift. das visuelle Material dient dazu, den Werken eine Stimmung und (häufig dunkle) Tonung zu verleihen, über die sich die Aussage der Filme artikuliert."[14]

Doch neben der Erinnerung an die deutsche Stummfilmzeit, würdigt Tim Burton in vielen seiner Filme ebenso den klassischen Horrorfilm, für den die Universalstudios in den 1930ern und "40ern bekannt waren. Mit denen hat er seine Kindheit und Jugend verbracht, so dass der „billige Schock und Horror" und die „Asthetik des cheap thrill"[15] ihn auch heute noch beschäftigen. In Anerkennung an einen Regisseur dieses Genres verfilmte Burton 1994 sogar das Biopic Ed Wood, welches vom angeblich schlechtesten Regisseur aller Zeiten handelt.

Ben Andac, ein britischer Journalist und Kinoliebhaber, bestimmt Vincent Price und seine Filme als ausschlaggebenden Initiator fur Tim Burtons visuellen Blick.[16] Dieser hatte nämlich schon von Beginn an seiner Kinorezeption Burtons Bewunderung sicher. Schlieillich handelt sein erster Kurzfilm Vincent von einem Jungen, der gern wie Vincent Price wäre und bei Edward Scissorhands abernimmt Price sogar eine kurze Gastrolle. Burton äuilert sich dazu folgendermailen: „Embracing death and the catharsis of 'Oh my God, I'm going to die' and The Fall of the House of Usher and The Raven and Edgar Allan Poe and Vincent Price helped me to live. 'That's why I think all that [morbid imagery] in heavy metal is valuable. I don't subscribe to the idea that it causes death"[17]

Tatsächlich beschäftigen sich die Werke der burtonschen Filmografie aberwiegend mit dem Thema Tod oder zumindest todesnahen Parallelwelten. In Corpse Bride verheiratet sich der Protagonist Victor per Zufall mit einer verstorbenen Braut und in Beetlejuice von 1988 muss dich ein frisch verstorbenes Pärchen mit ihrem neuen Leben der Geisterwelt zurecht finden. Auch der erst 2007 erschienene Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street beschäftigt sich mit einem mordendem Barbier, der seine Kunden nach der Tatung zu schmackhaften Fleischpasteten verarbeiten lässt.

Burton-Filme zeichnen sich allerdings nicht nur durch ihre dunkle Aura und makaberen Darbietungen, sondern vielmehr durch ihre knallig bunten Phantasiewelten aus. Hier kommt Burtons Liebe zu Märchen[18] ans Tageslicht und sein Hang zum, wie er selbst behauptet, manisch-depressiven.[19] Ebenso lässt sich seine Devise "When things get really bad, the final straw is to laugh. That's my release."[20] an den Kombinationen von duster-traurigen Figuren und Umgebungen mit hoch euphorischen grellen Elementen begreifen. Ein typisches Beispiel hierfür ist Charlie and the Choclate Factory, wo die graue verarmte Lebenswirklichkeit Charlies dem zauberhaften Reich Willy Wonkas mit all seinen unvorstellbaren Erfindungen und Kreaturen weicht. Ein ähnliches Bild findet sich auch bei The Nightmare before Christmas, wo es den Bürgermeister von „Halloween Town" Jack Skellington ins wunderbar harmonische „Christmas Town" zieht, welches das komplette Gegenteil seiner grausigen Heimat ist.

In den Werken Tim Burtons ist Asthetik aber nicht nur eine designte Oberfläche. „Zwar unterwirft der Regisseur die verwandten Zeichensysteme seinem Stilwillen und ordnet sie einem Gesamteindruck zu. Doch will er damit in erster Linie ein Gefuhl fur den stilgeschichtlichen Vorrat an Zeichensystemen vermitteln. Einem Recycling-Prozel vergleichbar, gelangt Burton so zu neuen Werkintentionen: Aus dem Alten eine Perspektive des Neuen zu schaffen und aus dem Vorhandenen und Gebrauchten zu einer originären Ausdrucksweise zu gelangen — so lie¡e sich seine Herangehensweise beschreiben. Burton orchestriert sein Material zu einer visuellen Partitur."[21] Demnach ist Tim Burton ein hervorragendes Beispiel fur einen postmodernen Auteur. Diese Art von Symbolismus findet sich beispielsweise in Edward Scissorhands, in dem die Darsteller mit Reliquien aus verschiedenen Jahrzehnten ausgestattet sind und somit ihre Zugehorigkeit zu einer Generation oder Gruppe ausdrucken.

[...]


[1] vgl. D,,nnebacke 2006.

[2] Vieira, Mark A. 2003: S.16.

[3] Dunnebacke, Katja 2006.

[4] Vieira, Mark A. 2003: S.18.

[5] Stresau, Norbert 1987: S.39f.

[6] vgl. Vieira 2003: S.18.

[7] Dünnebacke, Katja 2006.

[8] Mayer, Gerhard 2007: S.1.

[9] vgl. Mayer, gerhard 2007: S.1.

[10] Mayer, Gerhard 2007: S.2.

[11] Salisbury, Mark 2006: S.XViii.

[12] vgl. Woods, Paul A. 2002: S.S.

[13] Merschmann, Helmut 2000a: S.26.

[14] Merschmann, Helmut 2000b: S.140.

[15] Merschmann, Helmut 2000a: S.26.

[16] Andac, Ben 2003.

[17] Edelstein, David 1990.

[18] vgl. Woods, Paul A. 2002:S.60.

[19] vgl. Edelstein, David 1990.

[20] Edelstein, David 1990.

[21] Merschmann, Helmut 2000b: S.144.

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640564040
ISBN (Buch)
9783640564361
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145487
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Filmwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Tim Burton Edward Scherenhände Horror Film Ästhetik Vincent Suburbia

Autor

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Titel: Kitsch und Horror