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Kommunitarismus - Der neue Weg zur Gemeinschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 34 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das kommunitaristische Denken

2. John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit
2.1. Voraussetzungen für eine Gerechtigkeitskonzeption
2.2.1. Das ungebundene Selbst
2.1.2 .Strategien zur Erstellung einer Gerechtigkeitskonzeption
2.1.3.Die zwei Prinzipien der Gerechtigkeitskonzeption
2.2. Folgerungen aus den Prinzipien
2.2.1. Anforderungen an den Staat
2.2.2. Die Handhabung des Differenzprinzips in der Wirtschaft

3. Die anthropologische Liberalismus-Kritik
3.1. Kritik des ungebundenen Selbst
3.2. Kritik an der liberalen Demokratievorstellung
3.3. Der schrankenlose Pluralismus

4. Kommunitäre politische Theorie
4.1. Aristoteles und Rousseau
4.2. Michael Walzers Prinzip der komplexen Gleichheit
4.3. Charles Taylor und der liberale Republikanismus
4.4. Amitai Etzioni und der Pluralismus in der Einheit
4.5. Der substantialistische Kommunitarismus
4.6. Benjamin Barbers und die starke Demokratie
4.6.1. Partizipatorisch-republikanischer Kommunitarismus
4.6.2. Die Grundkonzeption der starken Demokratie
4.6.3. Kritik an Barbers Grundkonzeption

5. Kommunitarismus in der Kritik
5.1. Die Einschränkung der Rechte des Individuums
5.2. Der Begriff der Volksgemeinschaft
5.3. Nationale Identität im Zeitalter der Globalisierung
5.4. Die fehlenden Voraussetzungen zur Partizipation

6. Schlußbetrachtung: Ist kommunitäre Politik notwendig und auch durchführbar?

1. Das kommunitaristische Denken

Seit Anfang der 80er Jahre wird die politische Debatte durch eine neue, aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommende Bewegung angeheizt. Unter dem Begriff des „Kommunitarismus“ wird zu mehr Solidarität und zu mehr Gemeinschaft aufgerufen. Der Begriff leitet sich aus dem amerikanischen Begriff der „community“ ab und bedeutet so viel wie Gemeinsinn oder Gemeinwesen. Eine Verbindung zum Kommunismus gibt es aber nicht.

Gründer dieser Bewegung sind Soziologen, Politologen und Philosophen, die für eine Reformierung der Gesellschaft und für eine „Politisierung der Bürgerschaft“[1] plädieren. Der neue Weg zur Gemeinschaft geht von der Notwendigkeit aus, das Gemeinwohl wieder zu entdecken und den Gemeinsinn zu fördern. Die zunehmende Individualisierung ist eine Gefahr für die bestehende Gesellschaftsstruktur. „Uneingeschränkte, individuelle Freiheitsentfaltung [...] untergräbt auf die Dauer die Fundamente der Demokratie.“[2] Die Gemeinschaft muß wieder gestärkt werden, damit der Mensch sich als gesellschaftliches Wesen wieder innerhalb einer Gemeinschaft frei entfalten kann. Hat sich die Auflösung der Gemeinschaft einmal vollzogen, dann stehen nach Toqueville „die Menschen nebeneinander, ohne daß ein gemeinsames Band sie zusammenhält.“[3]

Eine Reformierung ist auch notwendig, damit ein neues moralisches und tugendhaftes Handeln entsteht. Die Frage, in wieweit die bestehende Gesellschaft gerecht ist, ist Ausgangspunkt der meisten kommunitaristischen Theorien. Wahre Gerechtigkeit ist nur durch eine Gemeinschaft möglich. Nur dadurch kann auch individuelle Gerechtigkeit erzielt werden. Während die liberalen Vorstellungen dem Individuum alle Rechte zusprechen und die Gemeinschaft dadurch schwächen, versucht der Kommunitarismus diesen Gegensatz zu überwinden.

So gegensätzlich die Positionen auf dem ersten Blick aber auch sind, in der Zielsetzung gleichen sie sich dann doch. Für die meisten Kommunitarier ist der Kommunitarismus lediglich ein Versuch, die Schwachstellen des Liberalismus zu überwinden und einen neuen kommunitaristischen Liberalismus zu formieren. Die politischen Vorstellungen eines „liberalen Republikanismus“, wie ihn Charles Taylor befürwortet, oder eine kommunitaristisch liberale Demokratie im Sinne von Michael Walzer, beinhalten liberale, aber überarbeitete liberale Ideen. „Paradoxerweise bedingen nämlich Kommunitarismus und Liberalismus einander.“[4]

Die Kritik der Kommunitaristen entzündete sich am Hauptwerk von John Rawls. In seiner Theorie der Gerechtigkeit plädiert Rawls für eine liberale Gesellschaft und nur in einer liberalen Demokratie ist Gerechtigkeit möglich. Rawls betont besonders die Rechte des Individuums und gibt der Freiheit des Einzelnen absoluten Vorrang. Um die Kritik der Kommunitaristen zu verstehen, soll zuerst die Rawlsche‘ Theorie in ihren Grundzügen erläutert werden.

Michael Sandel, ein Schüler von Charles Taylor, setzt mit seiner Kritik an John Rawls Voraussetzungen für eine Gerechtigkeitskonzeption an. Die zwei Grundprinzipien von Rawls führen nach Sandels Meinung zu einem Widerspruch. Diese Kritik an dem ungebunden Selbst soll bei der anthropologischen Liberalismus-Kritik erläutert werden.

Michael Walzer kritisiert aufgrund einer vorherrschenden Verteilungsknappheit und einer Dominanz bestimmter Güter die Rawlsche‘ Theorie des liberalen Menschenbildes. Amitai Etzioni kritisiert den schrankenlosen Pluralismus - wie er in der amerikanischen Demokratie besonders ausgeprägt ist - und will mit seiner politischen Konzeption einen neuen Pluralismus in der Einheit schaffen.

Im vierten Teil soll dann die kommunitäre politische Theorie in ihren Grundsätzen skizziert werden. Als Ausgangspunkt dienen die politischen Theorien von Aristoteles und Rousseau. Charles Taylor untersucht drei Demokratietheorien und entscheidet sich letztendlich für einen liberalen Republikanismus. Benjamin Barber entwickelt eine Theorie der starken Demokratie, einen partizipatorisch-republikanischen Kommunitarismus, der in Grundzügen erläutert wird und anschließend auch Ausgangspunkt für die Kritik am Kommunitarismus ist. Die Betonung der Tradition und der Tugend sind ein wesentlicher Bestandteil der kommunitaristischen Überlegungen. Alisdair MacIntyres Überlegungen führen zu einem Patriotismus, der für ihn bei der Bildung politischer Gemeinschaften unumgänglich zu sein scheint. Kommunitarismus, der die Identifikation als Basis für eine politische Gemeinschaft zu Grund legt, nennt man substantialistischer Kommunitarismus.

Die aktuelle Diskussion um den Kommunitarismus umfaßt viele Bereiche – nicht nur den politischen. Kommunitarismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, daß alle Lebensbereiche umfaßt. Selbst Theologen übernehmen kommunitaristische Ideen. Die Auseinandersetzung mit dem Kommunitarismus fand viele Befürworter, aber auch Gegner und Kritiker. Zweifellos sind kommunitäre Ideen schon Bestandteil heutiger Politik. Der amerikanische Präsident Bill Clinton verwirklichte kommunitäre Ideen und widmet der „Gemeinschaft“ in seinem Buch sogar ein eigenes Kapitel.[5] Auch in Deutschland ist der Kommunitarismus unlängst Gegenstand der aktuellen Diskussion.

Die Zahl der Kritiker ist dennoch groß. Der Kommunitarismus bietet viele Diskussionspunkte und lädt geradezu ein, sich mit diesen Ideen kritisch auseinanderzusetzen. Gerade die Deutschen haben ein zwiespältiges Verhältnis zur „Gemeinschaft“. Noch im dritten Reich wurde der Begriff der „Volksgemeinschaft“ mißbraucht. Auch die Notwendigkeit zur Partizipation ist Gegenstand der Kritik. Sind die Bürger überhaupt in der Lage zu partizipieren? Und wo ist die Grenze zwischen dem Individualismus und der Gemeinschaft? Wieweit darf Gemeinschaft gehen? Als letzter Punkt der vorliegenden Arbeit soll in einer Schlußbetrachtung noch einmal der Gedanke aufgegriffen werden, ob kommunitäre Politik überhaupt notwendig und gegebenenfalls auch durchführbar ist.

2. John Rawls Theorie der Gerechtigkeit

2.1. Voraussetzungen für eine Gerechtigkeitskonzeption

2.1.1. Das ungebundene Selbst

Das 1971 erschienene Buch „Theory of Justice“ von John Rawls entfachte eine neue politische Debatte um die Grundlagen einer liberalen Gesellschaft. Rawls entwickelte eine Gerechtigkeitstheorie, in der die zu dieser Zeit bestehenden Ansätze aus Soziologie und Wirtschaftswissenschaften zu einer neuen umfassenden Theorie zusammengeführt und weiterentwickelt wurde.[6]

Rawls umfangreiche Abhandlung beinhaltet eine Theorie der politischen und sozialen Gerechtigkeit, bei der es in erster Linie um ein moralisches Beurteilungskriterium grundlegender sozialer Institutionen geht. Erst danach richtet sich die Untersuchung auch auf Personen und Handlungen. Rawls greift die Kerngedanken Immanuel Kants auf. Eine politische Ethik dürfe nicht ein Konzept des Glücks und des guten Lebens zu ihrem Grundprinzipien nehmen, weil diese Konzepte nicht unterschiedlich sind oder zufällig zustande kommen. Vielmehr kommt es darauf an, den Bürgern innerhalb eines Staates die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Zielvorstellungen zu verwirklichen. Das Allgemeinwohl darf nicht die individuelle Rechte eines jeden untergraben. Das Gerechte hat bei Rawls absoluten Vorrang.

Eine Gesellschaft, die das Glück einiger zugunsten einer Allgemeinheit opfern würde, wäre ungerecht. Gerechtigkeit ist die wichtigste Tugend sozialer Institutionen. Darum stellt sich Rawls die Frage, welches soziopolitisches Konzept der Bürger wählen würde, wenn er frei und ohne Parteilichkeit bei einer Versammlung entscheiden könnte. Welche obersten Prinzipien würden die Entscheidenden in dieser Versammlung festlegen, die schließlich zu einer öffentlich anerkannten Gerechtigkeitskonzeption führen würde?

Als Voraussetzung für eine wirklich unbeeinflußte Entscheidung, die letztendlich durch das Zusammenwirken der einzelnen die Grundstrukturen einer Gesellschaft konstituiert, entwirft Rawls ein Konzept, in der die einzelnen Mitglieder einer Versammlung unabhängig von ihren Eigeninteressen ein gleiches Grundwissen haben. Niemand weiß um seinen sozialen Status. Traditionelle oder familiäre Verpflichtungen gibt es nicht, d.h. Rawls geht von einem „Schleier des Nichtwissens“[7] aus, der für alle Entscheidenden zutrifft. Da sich dadurch alle gleich rational verhalten und ein Allgemeinwissen haben, werden alle gleich entscheiden. Darum reicht es, die Wahl einer zufällig ausgewählten Person zu betrachten. Es wird nach generellen Abwägungen entschieden, die Partikularinteressen der einzelnen findet bei den Entscheidungen keine Berücksichtigung.

Weitere Vorgaben zur Entscheidungsfindung sind Rahmenbedingungen und Annahmen über die Gesellschaftsmitglieder. Rawls geht davon aus, daß bei der Gerechtigkeitskonzeption zwischen der Gesellschaft und deren Mitgliedern größtenteils Konformität herrscht. Außerdem nimmt Rawls an, daß Verteilungsprobleme aufgrund einer Knappheit der Güter zu lösen sind. Unter all diesen Berücksichtigungen ist dann die Entscheidung für eine Gerechtigkeitskonzeption zu treffen.[8]

2.1.2. Strategien zur Erstellung einer Gerechtigkeitskonzeption

Unter Berücksichtigung all dieser Vorgaben schränkt Rawls die unendlich vielen Alternativen auf eine Liste üblicher Möglichkeiten ein.[9] Möglich wäre demnach Rawls Konzeption, die nachher noch näher erläutert wird. Außerdem gibt es noch die Gruppe der klassischen Konzeptionen, zu denen auch der Utilitarismus gehört. Die Gesellschaft ist nach diesen Theorien auf ein Ziel ausgerichtet. Beim Utilitarismus ist dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen alles andere untergeordnet. Dann gibt es auch noch eine Gruppe gemischter Konzeptionen, die verschiedene utilitaristische Gedanken mit Elementen zum Schutz der Freiheit verbinden. Intuitionistische Konzeptionen beruhen auf den auf den ersten Blick einleuchtenden Grundsätzen. Egoistische Konzeptionen folgen den eigenen Interessen.

Wie kommt es jetzt aber aufgrund der im letzten Punkt genannten Voraussetzungen zu einer Gerechtigkeitskonzeption? Rawls führt einige Strategien an. Bei der Maximax-Strategie ist die Alternative zu wählen, die im besten Fall zum besten Ergebnis führen wird. Bei der Nutzenmaximierungs-Strategie werden alle möglichen Resultate einer Alternative jeweils mit ihre Wahrscheinlichkeit gewichtet. Die Summe gibt den Ausschlag, welche Alternative sich am Ende durchsetzt. Die Maximin-Strategie führt zu einer Auswahl der Alternative, die im schlechtesten Fall das für den Entscheidenden beste Ergebnis bringt. Diese Strategie wird von Rawls bevorzugt. Dafür gelten zwei Prinzipien.[10]

2.1.3. Die zwei Prinzipien der Gerechtigkeitskonzeption

Jede Person hat ein gleiches Recht auf ein völlig adäquates System gleicher Grundrechte und Grundfreiheiten, die für alle Menschen innerhalb eines Systems zutreffen müssen. Das zweite Prinzip handelt von den sozialen und ökonomischen Ungleichheiten, die in jedem System aufgrund der Knappheit von Gütern zutreffen. Diese Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen. Zum einen muß jedem Mitglied einer Gesellschaft jedes Amt und jede Position offenstehen. Neben dieser Chancengleichheit müssen sie außerdem zum größten Vorteil für die am wenigsten begünstigten Mitglieder sein.[11]

Das heißt konkret, daß alle Primärgüter der Gesellschaft gleich verteilt sein müssen, wenn nicht eine ungleiche Verteilung auch zum Vorteil des Benachteiligten ist. Das zweite Prinzip, das sogenannte Differenzprinzip, soll für das Wohlergehen der Benachteiligten sorgen, während das erste Prinzip ihnen die Freiheit garantiert.[12]

2.2. Folgerungen aus diesen Prinzipien

2.2.1. Anforderungen an den Staat

Als Beispiel für eine mögliche Verfassung eines Staates nennt Rawls die liberale Demokratie. Der Staat muß einige Kriterien erfüllen, um die Gerechtigkeit der einzelnen Mitglieder zu erfüllen. Im wesentlichen sollen sich die staatlichen Institutionen darauf beschränken, Ordnung und Sicherheit aufgrund eines gemeinsamen Interesses zu gewährleisten. Die Freiheit des Individuums darf aber niemals eingeschränkt werden. Der Staat muß als Zusammenschluß gleicher Bürger agieren. Der freien Entfaltung des Individuums dürfen keine Beschränkungen oder Gesetze entgegengesetzt werden. Gewissensfreiheit muß allen gewährt werden – selbst den Intoleranten, sofern die Verfassung gesichert ist.

[...]


[1] Otto Kallscheuer: Gemeinsinn und Demokratie, in: Christel Zahlmann (Hrsg.): Kommunitarismus in der Diskussion – Eine streitbare Einführung, Hamburg 1994, S. 115

[2] Irene Albers: Kunst der Freiheit – Kommunitaristische Anleihen bei Toqueville in: Christel Zahlmann, a.a.O.

[3] Alexis de Toqueville: Über die Demokratie in Amerika, Zürich 1987, S. 432

[4] Micha Brumlik: Der Kommunitarismus – Letzten Endes eine empirische Frage?, in: Zahlmann, a.a.O., S. 101

[5] Bill Clinton: Zwischen Vision und Wirklichkeit, München 1996, S. 125-183

[6] Vgl. John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt 1975

[7] ebenda, S. 159-166

[8] ebd., S. 291-368

[9] ebd., S. 144-148

[10] ebd., S. 174 ff.

[11] ebd., S. 81ff.

[12] ebd., S. 81

Details

Seiten
34
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638108966
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1455
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Politikwissenschaftliches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Kommunitarismus Politische Theorie John Rawls Liberalismus-Kritik Amitai Etzioni Gemeinschaft Gemeinwesen

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