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Offshoring - Ein neues Paradigma des Außenhandels?

Diplomarbeit 2009 69 Seiten

VWL - Außenhandelstheorie, Außenhandelspolitik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition des Phänomens

3 Die dritte Welle der Globalisierung
3.1 Historische Einordnung
3.2 Aktuelle Trends der Globalisierung
3.2.1 Der Handel mit Zwischenprodukten
3.2.2 Die Rolle der Entwicklungsländer
3.2.3 Service Offshoring
3.3 Arbeitsmärkte & Einkommensverteilung

4 Der traditionelle Ansatz der Außenhandelstheorie
4.1 Das Standard-Modell der Außenhandelstheorie
4.2 Technologischer Fortschritt als Gegenthese

5 Offshoring – Ein neues Paradigma
5.1 Triebkräfte hinter Offshoring
5.2 Offshoring vs. Factor-biased Technological Change
5.3 Offshoring und Anti-Stolper-Samuelson Effekte
5.3.1 Offshoring mit faktor-spezifischen Tasks
5.3.2 Offshoring mit zwei industrie-spezifischen Tasks
5.3.3 Ein Kontinuum an industrie-spezifischen Tasks
5.4 Diskussion und offene Enden

6 Schlussfolgerung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Abgrenzung von Offshoring und Outsourcing

Abbildung 2: Material- und Service Offshoring (in Prozent)

Abbildung 3: Importanteil der Entwicklungs- und Schwellenländer

Abbildung 4: Service-Offshoring Potential

Abbildung 5: Relativlohn und relative Beschäftigung der USA

Abbildung 6: Harrod-Johnson Diagramm

Abbildung 7: Lerner-Diagramm und technischer Fortschritt

Abbildung 8: Altes vs. neues Paradigma des Außenhandels

Abbildung 9: Output, (Gesamt-)Kosten und Offshoring

Abbildung 10: Offshoring entlang der Wertschöpfungskette

Abbildung 11: Einheitskostenverhältnis

Abbildung 12: Nachfrageverschiebung durch Offshoring

Abbildung 13: Offshoring-Gleichgewicht (für beide Industrien)

Abbildung 14: Reduktion der Offshoring-Kosten

Abbildung 15: Produktionsprozess und Offshoring der Industrie 2

Abbildung 16: Hick’sche Kombination der Einheitswert-Isoquanten

Abbildung 17: Offshoring und Faktorpreise

“We are now, I believe, in the early stages of a Third Industrial Revolution, which has been called the Information Age. The cheap and easy flow of information around the globe has vastly expanded the scope of tradable services. And there is much, much more to come.”

(Alan S. Blinder, 2005)

“It’s no longer safe to assert that trade’s impact on the income distribution in wealthy countries is fairly minor. There’s a good case that it is big, and getting bigger.”

(Paul R. Krugman, 2007)

“To better understand the implications of these trends, we need a new paradigm for studying international trade that emphasizes not only the exchange of complete goods, but also trade in specific tasks, or, what we shall refer to as “offshoring”.”

(Gene M. Grossman & Esteban Rossi-Hansberg, 2006)

1 Einleitung

Wenn es um die Globalisierung und ihre Auswirkungen geht, steht zumeist der zu­nehmende Wett­bewerbs­druck durch die Schwellen- und Entwicklungs­län­der im Vor­der­grund. Die Arbeitnehmer in den Industriestaaten fürchten, dass sie mit der „billiger­en“ Kon­kurrenz aus Osteuropa und Asien nicht mithalten können und durch sie ihren Arbeitsplatz ver­lieren oder Ein­­kom­mens­­­einbuße hinnehmen müssen. Dem­ge­genüber stehen die Wirt­schafts­­wissen­schaftler, die dazu neigen, die Chancen eines intensiveren Außenhandels hervorzuheben. Die Grundlage dieser positiven Sicht­weise baut auf der tra­di­tionellen Außen­han­dels­­theorie auf, die den Ökonomen über­zeu­gende Argumente liefert, warum eine intensivere Globalisierung den be­teiligten Ländern (langfristige) Vor­teile beschert. Die Kern­aussage der tradi­tionellen Theo­rie besagt, dass durch den Außenhandel zwar distributive Effekte inner­halb eines Landes auftreten können, es jedoch als Gan­zes davon profitiert – mit anderen Worten, es gibt zwar auch Ver­lierer durch die Globalisierung, die Gewinne sollten je­doch groß genug sein, um diese negativen Effekte (theoretisch) zu komp­ensieren.

In jüngerer Vergangenheit meldeten allerdings auch einige Ökonomen Zweifel an, ob dieses traditionelle Paradigma der Außenhandelstheorie für die aktuelle Phase der Globali­sierung noch seine Gültigkeit besitzt.[1] Durch das Phänomen Offshoring – also die internationale Arbeitsteilung durch Produktions­ver­lagerung einzelner Arbeitsschritte ins Ausland – ver­muten sie Verteilungs- und Wohlfahrtseffekte, die vom tra­di­tionellen Ansatz ab­weichen und für er­hebliche Schwierigkeiten in den Industriestaaten sorgen könnten.[2]

Mit dieser neueren Debatte um Offshoring wird im Grunde genommen eine aka­de­mische Diskussion der neunziger Jahre fortgesetzt, in deren Mittelpunkt die Ver­tei­lungs­wirkung der Globalisierung stand. Anstoß zu der Debatte gaben vorrangig zwei empirische Beo­bachtungen auf den Arbeitsmärkten der In­dustriestaaten: Einige Staaten (besonders im angelsächsischen Raum) erlebten seit den achtziger Jahren einen stetigen Anstieg der Lohn­un­gleich­heit zwischen quali­fi­zierten und un­qualifizierten Arbeits­kräften, während die Mehrzahl der Länder (Kontinental-) Europas (und Japan) einen kon­tinuierlichen An­stieg der Arbeits­losigkeit im unteren Qualifi­ka­tions­bereich verzeichneten. Als poten­tieller Aus­löser dieser Entwicklungen standen zwei Kandidaten zur Aus­wahl: Auf der einen Seite der tech­nische Fort­schritt der ten­den­ziell hoch quali­fi­zierten Arbeit­­nehmer begünstigt (Skill-biased tech­no­logical change) und auf der anderen Seite die zu­nehmende Globali­sierung, die entlang des Stolper-Samuelson-Theorems Druck auf die gering Quali­­fizierten in den In­dus­trie­­staaten ausübt. Aufgrund einiger Un­zu­läng­lich­keiten der Globali­sier­ungs­­­hypo­these, gab es einen relativ breiten ‚Konsens’ zugunsten des tech­nischen Fortschritts.[3]

An dieser Stelle knüpft die aktuelle Diskussion um Offshoring an die Debatte der neunziger Jahre an. Technischer Innovationen, einem kontinuierlichen Abbau von Handels­hemmnissen und der Anstieg des weltweiten Outputs treiben den Prozess der internationalen Arbeitsteilung weiter voran: Durch verbesserte Ko­or­di­na­tions­möglichkeiten sind die Unternehmen heute in der Lage, vormals voll­ständig integrierte Produktionsprozesse in ihre Teilaufgaben zu zerlegen und diese weltweit an unter­schiedlichen Standorten anzufertigen. Diesem Offshoring-Prozess stehen jedoch die Modelle des traditionellen Ansatzes gegenüber, die noch immer auf einer integrierten Produktion und dem Handel vollständiger Güter fußen und die Ver­la­gerung von einzelnen Teil­auf­gaben unberücksichtig lassen. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Verein­fachung zu groß ist, um die tatsächlichen Auswirkungen der Globalisierung korrekt zu erfassen. Mittlerweile gibt es jedoch eine um­fangreiche theoretische Lit­era­tur, die ver­sucht die aktuellen Entwicklungen in die Mo­delle mit ein­zubeziehen. In der Regel bauen diese auf den tra­ditionellen Modellen der all­ge­meinen Gleich­­ge­wichts­­theorie auf, erweitern sie aber um die Möglichkeit von Off­shoring (Kohler, 2008, S. 3).[4]

Der vorliegende Beitrag versucht eine Brücke zwischen der Debatte der neun­ziger Jahre und der aktuellen Offshoring-Diskussion zu schlagen. Die Arbeit ist dabei wie folgt auf­gebaut: Abschnitt 2 liefert zunächst eine Definition und Abgrenzung des The­mas. Daraufhin ordnet der Abschnitt 3 die aktuelle Phase der Globali­sierung in den historischen Kontext ein und bietet einen Überblick über mo­mentane Trends und Entwicklungen der Weltwirtschaft. Abschnitt 4 zeigt das tra­­di­tio­nelle Paradigma anhand des Standard-Modells der Außenhandelstheorie (2x2 Heckscher-Ohlin Modell), geht auf dessen Un­zulänglichkeiten ein und bietet ferner einen Überblick über den technischen Fortschritt als Gegenthese. Der fünfte Abschnitt beinhaltet den analytischen Kern der Arbeit. Es wird ein neues Paradigma des Außenhandels präsentiert, das einen alternativen Erklärungs­ansatz für die Unzulänglichkeiten der Glo­balisierungshypothese bietet. Dabei wird deutlich, dass die Auswirkungen von Offshoring stark von dem zugrunde liegenden Modellierungsansatz der einzelnen Arbeitsschritte (Tasks) abhängen. Der Abschnitt 6 fasst die Arbeit zu­sammen und zieht einige Schlussfolgerungen.

2 Definition des Phänomens

Die Debatte um Offshoring krankt seit jeher an einem Definitionsproblem. So zählt beispielsweise Alan V. Deardorff in seinem ‚Glossar der Inter­natio­nal­en Öko­nomie’ mittler­­weile fünf­zehn unter­­schied­liche Bezeichnungen auf, die mehr oder weniger einen deckungsgleichen Ansatz ver­folgen.[5] Mit einer klaren De­finition und Abgrenzung des Themen­ge­biets zu beginnen, erscheint auf­grund dessen un­bedingt erforderlich: Zunächst sei zwischen der verti­ka­len und der hori­zon­talen Ebene der Glo­balisierung unterschieden (Sell, 2001, S. 2):

(1) Die horizontale Globalisierung stimmt dabei mit der ‚traditionellen’ Sicht­­­­weise des Außenhandels überein – d.h. durch technische Inno­vation, sinkende Trans­­portkosten und/oder wegfallende Handels­barrieren kön­nen mehr und mehr End­pro­dukte international gehandelt werden. Das Motiv hinter diesem Prozess ist die Markt­ver­sorg­ung mit Gütern und Dienst­leistungen. Pro­minente Bei­spiele im Be­zug auf die aktuelle Phase der Globalisierung lassen sich vor allem im Dienst­­­­leis­tungs­bereich fin­den: Via Internet oder Telefon können heute unter­schiedlichste Dienst­­leist­un­gen gehandelt werden, die vor nicht allzu langer Zeit noch pro­hibitiv hohe Han­­dels­­kosten auf­wiesen (vgl. z.B. Bhag­­wati et al., 2004; Blinder, 2005).

(2) Bei der vertikalen Globalisierung handelt es sich dagegen um die Auf­spalt­­ung (Fragmentation) des vertikal integrierten Produktionsprozesses in seine Teilaufgaben (Tasks)[6], sodass neben den End­­produkten auch die ein­zel­nen Vorprodukte inter­natio­nal gehandelt werden kön­­nen, um so beispielsweise von unterschiedlichen Faktorpreisen im Ausland zu pro­­­fitieren (vgl. z.B. Jones & Kierzkowski, 1990; Gross­man & Rossi-Hans­­­­­berg, 2006).

Es erweist sich als schwierig eine genaue Grenze zwischen diesen beiden Formen der Global­­isier­ung zu ziehen, denn letztendlich verbreitern Beide das Spektrum der inter­national handelbaren Güter: Durch die horizontale Globali­sierung verringert sich der Anteil der nicht-han­del­­baren Güter, während durch die Aufspaltung der Wertschöpfungskette gänzlich neue Produkt­gruppen (Vor­ bzw. Zwischenpro­dukte) hin­zu­ge­fügt wer­den. Das hier betrachtete Phänomen Off­shoring bezieht sich jedoch auf die verti­kale Ebene der Globalisierung: Die Aufspaltung des Pro­duktions­prozesses mit anschließender Verlagerung ein­zel­ner Tasks ins Ausland.

Von den etlichen Bezeichnungen, die neben­einander existieren, sind es vor allem die Begriffe Off­shor­­ing und Out­sourcing, die für einige Verwirrung sor­gen. Sie lassen sich jedoch leicht anhand zwei Kriterien voneinander ab­­gren­zen:

1. Die Ebene des Unter­nehmens (bzw. das Eigentums­ver­hält­nis): Wird der Arbeitsschritt (Task) an eine andere Firma abgegeben oder innerhalb des eigenen Unter­nehmens er­stellt und
2. Die Ebene des Landes (bzw. geographische Lage): Erfolgt die Her­stellung des Tasks im Inland oder im Ausland.

Abbildung 1: Abgrenzung von Offshoring und Outsourcing

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schöller (2006, S. 37)

Abbildung 1 bietet einen Überblick über die vier Kombinationsmöglichkeiten der beiden Kriterien: Es wird ersichtlich, dass es sich um Outsourcing han­delt, sobald das Unternehmen eine Leistung nicht mehr selbst erstellt, unab­hän­gig davon, ob die Leistungs­er­stel­lung im Inland oder Ausland erfolgt. Dagegen be­zieht sich das für die Arbeit re­levante Offshoring auf die Verlagerung der Pro­duktion ins Ausland, unabhängig da­von, ob sie im Un­ter­nehmen ver­bleibt, oder von einer anderen Firma über­nom­­men wird.[7]

An dieser Stelle muss eine zusätzliche Einschränkung hinsichtlich der ausländischen Direkt­­invest­itionen (ADI) getätigt werden. Nicht bei jeder ADI handelt es sich auch um das Phäno­­men Off­shoring. Wiederum kann zwischen einer ver­ti­kalen und einer hori­­zon­talen Ebene unterschieden werden (Bottini et al. 2007, S.3):

- Auf der horizontalen Ebene eröffnet ein international operierendes Unter­­­­nehmen eine Niederlassung im Ausland, um die Nachfrage des aus­­­­­­ländischen Marktes zu befriedigen, während

- auf der vertikalen Ebene das Un­ter­nehmen eine ausländische Nieder­las­sung eröffnet, um Effizienzvorteile ab­zu­schöpfen (beispielsweise durch niedrigere Löhne), später aber die im Aus­land produzierten Tasks oder zusammengesetzt Endprodukte wie­der in den Heimatmarkt zu­rückführt.

Auch hier be­trifft Offshoring nur die vertikale Ebene. Durch Offshoring treten ausländische Arbeitnehmer in den Wettbewerb mit den inländischen Arbeits­kräften. Dabei konkurrieren sie um einzelne Produktionsstufen, die angefertigt werden, um letzt­endlich den in­ländischen Markt zu bedienen.

Das Phänomen Offshoring betrifft mittlerweile alle Phasen des Pro­duk­tions­prozesses – unabhängig von der Beschaffenheit der einzelnen Tasks. Da jedoch der Handel mit Dienstleistungen in der aktuellen Debatte eine wichtige Rolle spielt, erscheint es sinnvoll zusätzlich zwischen der Art der gehandelten Tasks zu differenzieren: Grundsätzlich kann dabei zwischen ‚materiellen’ und ‚im­materiellen’ Pro­duktions­schritten unter­schieden werden. Ersteres (Material-Off­shoring) betrifft die geläufigere Aus­la­gerung von Tasks im verarbeitenden Gewerbe (die schon seit geraumer Zeit statt­findet), während Letzteres (Service-Offshoring) sich auf die Verlagerung von Dienst­leistungs-Tasks ins Ausland bezieht.

3 Die dritte Welle der Globalisierung

3.1 Historische Einordnung

Während der letzten Jahrzehnte hat die Interdependenz der Weltwirtschaft durch steigenden Außenhandel, vernetzte Kapital- und Finanzmärkte und inter­national verflochtene Pro­duktionsketten weiter zugenommen und die „Globali­sierung“ noch stärker in den Focus der öffentlichen Debatte gerückt. Auch die Finanz­krise, die mom­en­tan die Welt in Atem hält, hat auf schmerz­liche Weise demonstriert, wie stark die wechselseitige Ab­hängig­keit zwischen den ein­zelnen Staaten mittler­weile ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: 1890-1913: Feenstra (1998, Table 1)

1970-2005: EEAG Report (2008, Table 3.1, S. 73)

Um die momentane Phase der Globalisierung einschätzen zu können, drängt sich ein Vergleich mit der Epoche vor dem ersten Welt­krieg auf – die häufig auch als „erste Welle der Globalisierung“ bezeichnet wird (Baldwin & Martin, 1999, S. 4). In der Tabelle 1 kann die Außen­handels­inten­sität – definiert als Summe der Ex­porte und Im­porte als Prozent­satz des BIP – für einige OECD Staaten für den Zeit­raum von 1890 bis 2005 abgelesen werden. Die rechte Seite der Tabelle (1890-1913) zeigt, dass es bereits zw­ischen 1890 und 1913 eine Periode sehr inten­­siven Außenhandels zwischen den Staaten gab, die allerdings 1914 – mit dem Aus­­bruch des ersten Welt­krieges und den darauf folgenden schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise und des zweiten Welt­krieges – ein jähes Ende erlebte.

Aus dem linken Ab­schnitt der Tabelle 2 (1960-2005) wird deut­lich, dass sich der Außenhandel jedoch nach dem zweiten Weltkrieg be­stän­dig erholt hat. Bereits in den achtziger Jahren wurde wieder ein vergleichbares Niveau wie 1913 erreicht, sodass diese Zeitspanne als eine zweite Welle der Globalisierung angesehen werden kann. Seitdem befindet sich die Welt­wirt­schaft alleine von der relativen Größenordnung her in „un­be­kanntem Fahr­wasser“, denn die Glo­bal­i­sierung hat sich seither weiter be­schleu­nigt: Fast jede der größeren Wirt­schafts­­nationen – die USA, Deutsch­land, Frank­reich, Italien, Spanien und Kanada – wies 2005 einen annähernd doppelt so hohen Außen­handels­­umsatz auf wie 1913. Dabei ist be­son­ders die Ent­wick­lung der USA (als größte Volkswirtschaft der Welt) her­vor­zuheben, die heute eine nie ge­kannte inter­nationale Vernetzung über den Außenhandel aufweist.

Doch die Tabelle 1 kann nur einen Teil der Geschichte wiedergeben, denn nicht nur die Handels­intensität unterscheidet die aktuelle Phase der Globa­lisierung von vorangegangenen Epo­chen. Einige Öko­nomen vertreten die Meinung, dass sich die Welt­wirtschaft durch das Phänomen Offshoring am Rande einer dritten Ära der Global­isierung befindet. Bei­spielsweise schreibt Feenstra (2008, S. 1) über ein neues, goldenes Zeitalter des Außen­­handels, angetrieben durch den fortschreitenden Pro­zess der vertikalen Arbeits­teilung. Hingegen glaubt Baldwin (2006) an ein ‚Second Un­­bund­ling’ durch Off­shoring, das den Wettbewerb von der Unternehmensebene auf die Ebene der einzelnen Arbeits­schritte verlagert, während Blinder (2005, S. 7) gar pro­phezeit, dass die ent­wick­elten Länder eine neue ‚In­dus­trielle Re­vo­lu­tion’ erleben könnten und hebt da­bei be­son­ders das enorme Offshoring-Po­ten­tial des Dienst­leist­ungs­­sektor hervor (Blinder, 2007a, 2007b).

3.2 Aktuelle Trends der Globalisierung

Dieser Abschnitt versucht die Ausmaße des Phänomens einzugrenzen. Zu Be­ginn sei darauf hingewiesen, dass es sich als aus­ge­sprochen schwierig er­weißt exakte Daten über Offshoring zu bekommen. Die Gründe für diese Un­schärfe liegen zum einen in den amtlichen Statistiken, die häufig „zu grob“ ge­gliedert sind, um das Phänomen richtig zu erfassen, bzw. manche Daten (insbesondere im Bereich der Dienstleistungen) überhaupt nicht ermitteln. Zum anderen verwenden die nationalen und internationalen Organi­­sationen und Statistik­ämter verschiedene Kon­zepte, um diese „Lück­en“ zu schließen. Hinzu­kommend findet ein Teil des neuen Offshoring-Han­dels (wie aus der Definition des Abschnitts 2 ersichtlich wurde) in­ner­halb der Unternehmen statt, für den ebenfalls nur unzureichende Daten­sätze vorhanden sind. Unternehmen könnten bei­spielsweise aus Steuer­grün­den Anreize entwickeln, um die wahren Aus­maße des Intra-Firmen Han­dels zu verschleiern. Und letztendlich ermitteln die Statistiken nur die Brutto­ströme des Außen­handels, während für Off­shor­ing alleine die hinzugefügte Wert­­schöpf­­ung von Belang wäre (Grossman & Rossi-Hansberg, 2006, S. 6).[8] Dennoch sprechen zumindest drei Anzeichen deutlich dafür, dass die Ver­flechtung der Weltwirtschaft weiter zu­ge­nom­men hat: (1) die zu­nehmende Di­ver­si­fikation des Produktionsprozesses (durch Offshoring), welche hier an­hand des Han­dels mit Zwischenprodukten gezeigt wird, (2) die wachs­­ende Be­deu­tung des Nord-Süd Handels mit den Entwicklungs- und Schwellenländer und (3) die relativ neue Form des Service-Offshorings, welche ebenfalls beständig an Be­deut­ung ge­winnt.

3.2.1 Der Handel mit Zwischenprodukten

Obwohl über den Handel mit Zwischen­pro­dukten nur die groben Aus­maße von Offshoring abgeschätzt werden können (nicht jedem Handel mit Zwischen­pro­dukten liegt auch eine Produktionsverlagerung zugrunde), greifen die meisten Studien auf diese Kennzahl als Approximation zurück.[9] Die Ermittlung des Zwischenprodukthandels erfolgt dabei häufig über Input-Out­put Tabellen, aus denen allerdings nicht direkt auf die tatsächlichen Ausmaße geschlossen werden kann. Sie geben zwar Aufschluss darüber, inwieweit Zwischen­pro­dukte in der jeweiligen Industrie genutzt werden, doch sie sagen nichts über deren Herkunft (Inland oder Ausland) aus. Aufgrund dessen werden Maßzahlen des Zwischen­pro­dukt­handels in Relation zu aggregierten Außen­­­­handelsdaten oder Daten bezüglich der Gesamt­pro­duktion gesetzt, um die Ausmaße von Off­­shoring abschätzen zu können.

Abbildung 2: Material- und Service Offshoring (in Prozent)

(a) Material-Offshoring

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(b) Service-Offshoring

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD Employment Outlook (2007, S. 112)

Hummels et al. (1999) berechnen beispiels­weise den Anteil ausländischer Zwischen­­­produkte, der im heimischen Export enthalten ist. In ihrer Studie für insgesamt vierzehn Länder kommen sie zu dem Ergebnis, dass zwischen 1970 und 1990 Off­shoring[10] ins­ge­samt um ca. 28 % ­ge­stiegen ist und für 30 % des Export­wachstums der Länder in diesem Zeitraum verantwortlich ist. Sie treffen dabei die Annahme, dass der Anteil der verwendeten Zwischenprodukte im Ex­port sich pro­portional zu dem An­teil der verwendeten Zwischenprodukte für heim­ische Produkte ver­hält.[11] Die Ergebnisse einer vergleichbaren Studie der OECD (2007) für 17 OECD-Staaten sind in Abbildung 2 (a) und (b) für Material-Off­shor­ing bzw. Service-Offshoring zwischen 1995 und 2000 ein­ge­tra­gen. Auch wenn die Studie einen etwas anderen Ansatz wählt als Hum­mels et al. (1999), kann aus ihr ge­schlos­sen werden, dass die Offshoring-Inten­sität zwar weiter zunimmt, sich der Prozess jedoch in den OECD-Staaten im Ver­­gleich zu den neunziger Jahren etwas abgekühlt hat (OECD, 2007, S. 110).

3.2.2 Die Rolle der Entwicklungsländer

Der internationale Handel mit den Entwicklungsländern hat in der jüngeren Ver­­gangen­heit für besonderes Aufsehen gesorgt. Dabei hat China im Bereich des Material-Offshorings – als „Werkbank der Welt“ – eine vor­herrsch­ende Stellung eingenommen, während Indien vor allem mit Service-Offshoring für Furore sorgte. Ab­bildung 3 zeigt den Handel der entwickelten Länder (OECD bzw. EU15) mit den Schwellen- und Entwicklungsländern seit Ende der acht­ziger Jahre. Es wird deutlich, dass obwohl der Handel mit den Ent­wick­lungs- und Schwellen­ländern immer noch verhältnismäßig gering aus­fällt (unter 30 bzw. 20 % der Gesamtimporte für die OECD bzw. EU 15 – vgl. Ab­bildung 3), ist seine Bedeutung dennoch im Ver­gleich zum Intra-OECD bzw. Intra-EU Handel be­ständig an­gestiegen.[12]

An der Spitze dieser Entwicklung steht China: 1980 machten die Warenexporte Chinas für die OECD Staaten nur ungefähr 1 % der Gesamtwarenimporte aus, die sich bis 1990 auf 2 % erhöhten. Seitdem hat sich der Prozess enorm beschleunigt. Innerhalb von fünfzehn Jahren hat sich der Anteil verfünffacht: 2005 betrug Chinas Anteil am Gesamtwarenhandel etwa 10 %. Auch der Waren­handel mit Indien ist signifikant an­ge­stiegen, aller­dings nicht in dem gleichen Maße wie der mit China. Vielmehr reflektiert der Dienst­leistungshandel mit Indien eine weitere neue Dimension der Globali­sierung. Zwischen 1994 bis 2003 wuchsen die Dienst­leistungs­ex­porte Indiens um an­nähernd 700 %, allerdings von einem niedrigen Niveau kommend: 2005 betrug der indische Anteil der globalen Dienst­leist­ungs­exporten nur 2,3 % im Vergleich zu 15 % der USA (OECD, 2007, S.110).[13]

Abbildung 3: Importanteil der Entwicklungs- und Schwellenländer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EEAG Report (2008, S. 74, Figure 3.3).

Notizen: Die Entwicklungs- und Schwellenländer sind definiert als Nicht-OECD und Nicht-OPEC Staaten.

OECD: hier ohne Tschechien, Ungarn, Island, Mexiko, Polen, Slowakei und die Türkei, da der Fokus auf die wohlhabenden Länder gerichtet ist.

EU15: Mitglieder der EU vor dem 1. Mai 2004.

3.2.3 Service Offshoring

Bei der Diskussion um Service Offshoring stehen zwei Fragen im Vordergrund: Einmal wie viele Arbeitsplätze bisher ins Ausland verlagert wurden, vor allem jedoch, wie viele „Jobs“ sind potentiell durch Service-Offshoring ‚gefährdet’? Auf beide Fragen gibt es im Grunde genommen keine zufrieden stellende Ant­wort. Die Gründe hierfür liegen einerseits in den im Abschnitt 2 erörterten Ab­grenzungs­schwierigkeiten. Das Hauptproblem stellen allerdings die bisher nur un­zu­reich­enden vorhandenen Daten dar. Die verfügbaren Schätzungen zeigen in der Regel, dass Service-Offshoring bislang recht begrenzte Aus­maße besitzt, gleich­­wohl ein großes Potential bietet.

Für die USA gibt beispielsweise Blinder (2005, S. 2) weniger als eine Million Arbeitsplätze an, die bisher aufgrund von Service-Offshoring ausgelagert wurden. Auch Amiti & Wei (2004a) ermitteln für das verarbeitenden Gewerbe der USA in dem Zeitraum zwischen 1992 und 2000 nur geringe Effekte durch Service-Offshoring. Sie zeigen, dass der Handel mit Dienstleistungen zwar stetig an Bedeutung gewinnt, die negativen Effekte jedoch (je nach Aggre­gationslevel der ver­wen­de­ten Messmethode) entweder sehr gering ausfallen oder komplett verschwinden. Sie betonen insbesondere, dass es sich bei den USA um einen Nettoexporteur von Dienstleistungen handelt (Inshoring-Effekte). Zu einem ver­gleichbaren Schluss kommen Amiti & Wei (2004b) auch in einer Studie für das Vereinigte König­reich, während Schöller (2006) für Deutschland hingegen einen etwas stär­keren negativen Effekt durch Service-Offshoring ermittelt. Aller­dings fällt auch dieser relativ moderat aus: Sie schätzt, dass zwischen 1991 und 2001 lediglich 0,34 % der Beschäftigten negativ durch Service Offshoring be­trof­fen waren.[14]

Auch die Antwort auf die zweite Frage bleibt unbefriedigend, denn die Prog­nosen bezüglich des Potentials von Service-Offshoring variieren enorm.[15] Eine viel beachtete Studie von Forrester Research (2002) kommt bei­spielsweise zu dem Ergebnis, dass die Vereinigten Staaten bis 2015 nur 3,3 Millionen Arbeits­plätze im Dienstleistungssektor durch Off­shoring verlieren werden. Diese Zahl erscheint verschwindend gering im Ver­gleich zu den Er­geb­nissen, zu denen Blinder (2007a, S. 35) gelangt. In seiner Studie differenziert er zwischen per­sön­lichen Dienstleistungen, die die Anwesenheit von Anbieter und Kunde am sel­ben Ort erfordert und unpersönlichen Dienstleistungen, die auch elek­tro­nisch – via Telefon oder Internet – über eine weite Distanz hinweg geliefert werden können. Seinen Berech­nun­gen zufolge umfassen 22 bis 29 % aller US-Arbeitsplätze des Jahres 2004 unpersönliche Dienstleistungen, die durch Service-Offshoring „be­droht“ sind.[16] Dies ent­spricht einer Größen­ordnung von 29 bzw. 38 Millionen Beschäftigten.

[...]


[1] Besonders intensiv wurde diese Frage 2004 während des US-Präsident­schafts­wahl­kampfes diskutiert. Einen Überblick über die Debatte und die mediale Aufmerk­sam­keit, die Service Off­shor­ing in dieser Zeit erhielt, bieten Mankiw & Swagel (2006).

[2] Dabei erregten besonders die Artikel von Samuelson (2004) und Blinder (2005) er­heb­liches Auf­sehen.

[3] Ausnahmen von diesem vermeintlichen ‚Konsens’ sind beispielsweise Wood (1994), der dem Außenhandel eine relativ hohe Bedeutung zumisst, oder Feen­stra & Hanson (1996), die bereits früh Offshoring als dritte Er­klär­ungsmöglich­keit in Betracht zogen.

[4] Ein Großteil der Literatur baut dabei auf dem Heckscher-Ohlin Ansatz auf: Bei­spiels­weise Arndt (1997, 1998), Feenstra & Hanson (1996), Jones & Kierzkowski (2000, 2001), Jones (2000), Deardorff (1998, 2001, 2004), Kohler (2003, 2004a, 2008), Grossman & Rossi-Hansberg (2006, 2008) und Baldwin & Robert-Nicoud (2007). Daneben ver­wenden Samuelson (2004) und Deardorff (1998a) einen Ricardo Perspektive, während Kohler (2001, 2004b) und Bhagwati et al. (2004) die eines Spezifischen-Fak­tor (Ricardo-Vin­er) Modells wählen. Einige jüngere Arbeiten, wie Ekholm & Ullt­veit-Moe (2007) und Grossman & Rossi-Hans­­berg (2009) be­rück­sichtigen unvoll­kom­men­en Wett­be­werb in ihren Modellen.

[5] Genau genommen führt das Glossar das Thema unter dem Stichwort: Frag­mentation – ein Begriff für Offshoring, der von Jones & Kierz­­kow­ski (1990) ge­prägt wurde. http://www-personal.umich.edu/~alandear/glossary/ (Zugriff: 20.06.2009)

[6] Ich werde im Verlauf der Arbeit in der Regel den relativ neuen Begriff ‚Task’ für die einzelnen Arbeitsschritte bzw. Teil­auf­gaben der Produktion verwenden. Der Begriff wurde von Grossman & Rossi-Hansberg (2006) in die Lit­eratur eingeführt und seit­dem als neuer Standard verwendet (vgl. Kohler, 2008, S. 6).

[7] Dieser letzte Aspekt, die Ent­scheidung über die Organisationsstruktur des Unter­nehmens, ist sowohl aus be­triebs­­wirt­schaft­­licher, als auch aus wirt­schafts­theo­retisch­er Sicht von erheblicher Be­­deu­tung. Dessen ungeachtet, werde ich im Verlauf der Ar­beit in beiden Fällen von Offshoring sprechen. Aus der hier ge­gebenen Definition wird zusätzlich deutlich, dass Outsourcing ein eher ‚un­glück­lich’ gewählter Begriff für das Phänomen ist: Es fehlt der direk­te Bezug zur Verlagerung ins Ausland (ähn­liches gilt für Frag­men­tation).

[8] Einen Überblick über die Schwierigkeiten (insbesondere im Bereich der Dienst­leis­tungen) gibt der U.S. GAO Report (2004, S. 59).

[9] Bottini et al. (2007, S.22 ff.) listen eine Reihe wichtiger Studien und deren verwendete Datensätze auf.

[10] Hummels et al. (1999) verwenden den Ausdruck „vertical specialisation“ für Off­sho­ring.

[11] Diese „Proportionalitäts-Annahme“ ist nicht ganz unproblematisch. Koopman et al. (2008) zeigen, dass es beispielsweise im chinesischen Exportsektor, aufgrund einiger Aus­nahme­regel­ungen (z.B. Steuer- und Tarif­vor­teile) zu Verzerrungen kommt. Durch die Ausnahmeregel werden im Exportsektor überproportional viele Inputs aus dem Aus­­land verwendet (Veredelungs­ex­porte). Koopman et al. (2008) verwenden eine Me­thode, die derartige Ver­zerrungen berücksichtigt. Sie kommen zu dem Schluss, dass Be­rech­nungen, die auf der „Proportionalitäts-An­nahme“ fußen, den Importanteil in den chine­sischen Ex­porten systematisch unterschätzen. So beträgt der ausländische Wert­­schöpf­ungs­­an­teil der chinesischen Warenexporte mit der ‚angepassten’ Methode an­­nähernd 50 %, im Ver­gleich zu nur 26 % bei Hummels et al. (1999).

[12] Für die USA markierte das Jahr 2006 einen Wendepunkt, da zum ersten Mal der Waren­handel mit den Entwicklungsländern einen größeren Anteil ausmachte, als der Warenhandel mit den entwickelten Ländern (Krug­man, 2008, S. 6).

[13] Die Dienstleistungsexport (Business Service) sind hier definiert als Gesamt-Dienst­leist­ungsexporte minus Transport, Tourismus und Dienstleistungen der Re­gier­ung. Neben Indien hat auch der Service-Handel mit andern Entwicklungsländern erheblich zugenommen: z.B. mit China, Argentinien und Brasilien um mehr als 200 % (World Bank, 2007, S. 121, Figure 4.5).

[14] Das entspricht lediglich 42.800 Arbeitsplätzen (Schöller, 2006, S. 24).

[15] Blinder (2007a, S. 20 ff.) bietet einen Überblick über einige der einflussreichsten Studien.

[16] Bei Blinder (2007) finden sich allerdings weder genauere Angaben über diejenigen Arbeitsplätze, die letztendlich ausgelagert werden, noch Angaben hinsichtlich der Ge­schwin­digkeit, mit dem sich dieser Prozess vollzieht. Er bietet lediglich eine vage Schätz­­­­ung von mehreren Jahrzehnten an (Blinder, 2007a, S. 9).

Details

Seiten
69
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640564491
ISBN (Buch)
9783640564835
Dateigröße
817 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145611
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Wirtschaftstheorie
Note
1,3
Schlagworte
Offshoring Internationale Wirtschaft Wirtschaftstheorie Außenhandelstheorie Outsourcing Fragmentation Nearshoring SBTC-Hypothese Internationaler Handel

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Titel: Offshoring - Ein neues Paradigma des Außenhandels?