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Die Darstellung von zentralen Konflikten im universitären Milieu bei Christoph Hein

Exemplarische Kritik an der Intelligenz

Hausarbeit 2008 26 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Bedeutung von Studenten und Dozenten im Werk Christoph Heins
1.1 Intelligenz
1.1.1 Christoph Heins prinzipielle Kritik an der Intelligenz
1.1.2 Begriff des Intellektuellen bei Hein
1.2 Das universitäre Milieu in Heins Texten
1.2.1 Vorkommen von Studenten und Dozenten im Figurenarsenal von Heins Texten
1.2.2 Rolle der Universität im Werk Heins

2 Konflikte im universitären Milieu
2.1 Gründe für den Ausbruch der Konflikte
2.1.1 Aufbegehren gegen die Obrigkeit
2.1.2 Freiheitsdrang
2.2 Maßnahmen von außen
2.2.1 Strafe
2.2.2 Kritik

3 Reaktion der Figuren auf die Strafmaßnahmen

4 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Die Bedeutung von Studenten und Dozenten im Werk Christoph Heins

1.1 Intelligenz

1.1.1 Christoph Heins prinzipielle Kritik an der Intelligenz

Christoph Hein ist ein Schriftsteller, der seit den 80er Jahren in der DDR und seit 1990 im wiedervereinigten Deutschland seine Texte veröffentlicht. Hein, 1944 geboren, kehrte vom Besuch der Oberschule in Westberlin, der ihm in der DDR verweigert worden war, kurz vor dem Mauerbau ohne Abitur zurück. Sein literarischer Durchbruch erfolgte erst Anfang der 80er, nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 und der darauf folgenden Auswanderungswelle wichtiger Literaten1 in den Westteil Deutschlands. Diese beiden Punkte weisen darauf hin, dass er sich bewusst für das Verbleiben und Arbeiten in einem Staat entschieden hatte2, der es auch ihm nicht einfach machte, zu veröffentlichen, denn Christoph Hein war durchaus kein bequemer Schriftsteller3.

In seiner Dramatik und Prosa setzt er sich kritisch mit der Welt, die ihn umgibt, auseinander. Dabei zieht sich durch Heins Werke besonders ein Motiv: die Kritik an der Intelligenz. Die Helden in Heins Werken, meist mit einer universitären Ausbildung, kommen mit ihrem Leben oder bestimmten Aspekten davon nicht zurecht. Besonders Heins Prosawerke beleuchten das krisenerfüllte Leben dieser Menschen. Er fragt nach Gründen für ihr Scheitern und nach alternativen Möglichkeiten der Lebensabläufe. Dabei stellt Hein diese Fragen, ohne direkte Antworten zu geben, ja, ohne sie vielleicht zu kennen. Was hingegen immer wieder deutlich wird, ist Kritik daran, wie die Intellektuellen mit Problemen und Konflikten umgehen.

In einem Interview von 1984 heißt es auf die Frage, was für Hein das Unerträglichste am Zustand der Intelligenz sei:

Daß die Intelligenz allzu sehr in den Produktionsprozessen, in den normalen Entwicklungsstadien eines Betriebs, einer Gesellschaft aufgegangen ist, dass sie das provokatorische Moment des Neuen, das weiterführen kann auch gegen Bestehendes, aufgegeben hat. Sie arbeitet glänzend und gut und sauber, aber gemäß den Erwartungen. […] es hat nichts mehr von dem, was eigentlich die Intelligenz in den Jahrhunderten geleistet hatte und noch heute zu leisten hat. 4

Im Laufe des Mauerfalls und der Wende äußerte sich Christoph Hein in einem Interview gegenüber dem Spiegel, die Intellektuellen hätten „ein bisschen, ihre Arbeit schon getan. Ein bisschen, sage ich; sie haben zuwenig getan. Intellektuelle sind bedauerlicherweise nicht immer die mutigsten Leute.“5

Diese Zitate zeigen, dass Hein die Intelligenz nicht mehr in der Führungsrolle für die Gesellschaft sieht, die ihr seiner Meinung nach zukäme. Fortschritt ist kaum mehr möglich, da die Intelligenz sich zu sehr von alltäglichen Problemen vereinnahmen lasse. Sie habe „angefangen zu verwalten und aufgehört zu arbeiten.“6.

Christl Kiewitz hat in ihrer Dissertation Der stumme Schrei. Krise und Kritik der sozialistischen Intelligenz im Werk Christoph Heins anhand ihrer Analyse von 1994 die These vertreten, Hein habe Kritik an der sozialistischen Intelligenz geübt. Dafür betrachtete sie nur die Werke, die Hein noch in der DDR geschrieben hat. Heins nach 1990 erschienene Werke spielen jedoch sowohl in der DDR7 als auch in der ehemaligen oder jetzigen BRD8 oder in beiden Staaten9. Ich halte es für entscheidend, Hein nicht als Schriftsteller zu sehen, der nur in und von der DDR schrieb/schreibt10.

Er thematisiert in seinen Werken Probleme, die allgegenwärtig und nicht auf einen engen topologischen oder gesellschaftlichen Rahmen zu beschränken sind11. Sei es die Vereinsamung des Einzelnen in der modernen Industriegesellschaft12, die Unmöglichkeit einer sinnvollen Revolution13, oder das Verleugnen der unbequemen Vergangenheit14. Er selbst äußert zum Thema ‚Kritik an der Intelligenz’: „Das ist kein spezifisches Problem meines Staates, das hat auch etwas mit Zivilisation zu tun.“15

Ich möchte in dieser Arbeit einen geweiteten Blick auf das bisherige Werk Heins werfen, dass meiner Meinung nach nicht nur eine Kritik an Verhaltensweisen im Sozialismus, sondern am Verhalten der Intelligenz im Allgemeinen übt, wenn auch häufig vor der Folie der DDR-Gesellschaft. In diesem Zusammenhang möchte ich Heins Darstellung von Konflikten im universitären Milieu betrachten, an denen die immer wieder deutlich werdende Kritik am Verhalten der Dozenten und Studenten exemplarisch für Heins Kritik an der Intelligenz im Mittelpunkt steht.

1.1.2 Begriff des Intellektuellen bei Hein

Nach dem Fall der Mauer wurden sowohl der Begriff als auch die Aufgaben des ‚Intellektuellen’ heftig diskutiert. Gingen die einen davon aus, eine Intelligenz hätte es im Osten nicht gegeben, da die Voraussetzungen nach Bourdieu, „Autonomie und kritisches Engagement“16 in der DDR strukturell nicht bestanden hätten, weigerten sich die anderen, ohne Bedenken westliche Definitionen auf die ostdeutsche, aus dem Russischen her ‚Intelligentsia’ genannte, Intelligenz anzuwenden. Christoph Hein spricht in seinen Essays, Reden und Interviews, auch im Rahmen dieser Debatten, häufig über die Intellektuellen, denen er sich zurechnet. Er definiert aber nicht, was unter einem Intellektuellen zu verstehen sei17. Auf die Frage hin, ob Hein die Ärztin Claudia aus Drachenblut als Intellektuelle verstehe, lässt Hein die Frage danach, was ein Intellektueller überhaupt sei, unbeantwortet. Claudia zählt er einerseits von ihrem Berufsbild her dazu, nimmt sie andererseits von ihrer Einstellung her aber aus der Gruppe der Intellektuellen im „engeren Sinne“18 aus. Es wird deutlich, dass er den Intellektuellen hauptsächlich über seine Aufgaben definiert. Die Rolle der Intellektuellen sei es, Kontrolle über die Macht ausübenden Organe zu wahren und diese kritisch zu betrachten. Der Intellektuelle habe aber auch außerhalb der Gesellschaft zu stehen, um ihre Grundlagen zu hinterfragen mit Blick auf ihre Gerechtigkeit und Menschenwürdigkeit. Die unbedingte Loyalität zur Wahrheit, das Aussprechen ebendieser auch auf die Gefahr von Ablehnung und Strafe hin ist höchste Aufgabe des Intellektuellen.19 Dabei scheint Hein die größte Gefahr im oben bereits angesprochenen zu geringen Mut der Intellektuellen zu liegen. Dies wird unter anderem an der Figur des Racine deutlich, der dem Ohnmachtsgefühl des Intellektuellen angesichts brutaler Gewaltausübung folgendermaßen Ausdruck verleiht: „und schließlich, was hätte er ausrichten können, er ein kleiner Geschichtsschreiber, gegen die allmächtige allgegenwärtige Armee“20.

1.2 Das universitäre Milieu in Heins Texten

1.2.1 Vorkommen von Studenten und Dozenten im Figurenarsenal von Heins Texten

Die in zwei Bänden veröffentlichte Kurzprosa Heins besteht aus zwanzig Kurzgeschichten/Erzählungen und einer kurzen Zusammenstellung mit dem Titel: Aus: Ein Album Berliner Stadtansichten von sieben Anekdoten21 mit einer Länge von je zwei bis elf Seiten. In fünf dieser Geschichten und Anekdoten sind entscheidende Protagonisten Studenten und Dozenten.

So erzählt in Charlottenburger Chaussee, 11. August ein „Philosoph, Dozent an der Berliner Humboldt-Universität“22 von seiner Zeit als Student, in Der Sohn23 fällt ein junger Student seinen Nachbarn negativ auf. In Die Vergewaltigung24 studierten die Hauptcharaktere Ilona und ihr Mann zusammen, „beide wurden danach Assistenten an der Humboldt-Universität und verfassten ihre Dissertationen. Ihr Mann […]zählte dort zu den jüngsten Professoren“25 . Zwei Studenten verweigern in Unverhofftes Wiedersehen26 die freiwillige Verpflichtung für die Nationale Volksarmee. Und schließlich befragt in Auf den Br ü cken friert es zuerst27 eine junge Universitätsmitarbeiterin einen aus dem Universitätsdienst ausgeschiedenen Dozenten über sein Verhältnis zu einem ehemaligen Kollegen.

Vier weitere Geschichten beinhalten Erinnerungen an die Zeit der Protagonisten an der Universität28.

[...]


1 Wie Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Günter Kunert, Jurek Becker u.a. Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin: Aufbau Taschenbuch, 1996, 257.

2 Hein blieb aus familiären Gründen, aber auch, weil er es als Herausforderung ansah. Sigrid Löffler, Interview mit Christoph Hein vom 11./12.3.1990. - In: Lothar Baier (Hrsg): Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, 43.

3 Gustav Just: Er speiste nie an der Tafel der Mächtigen. - In: Lothar Baier (Hrsg): Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, 188-191.

Ricarda Schmidt: Erlaubte und unerlaubte Schreibweisen in Honeckers DDR. Christoph Hein und Monika Maron. - In: Robert Atkins und Martin Kane (Hrsg.): Retrospect and review. Aspects of the literature of the GDR 1976-1990. Amsterdam/Atlanta: Editions Rodopi B.V., 1997, 177.

4 Hans Brender und Agnes Hüfner, Die Intelligenz hat angefangen zu verwalten und aufgehört zu arbeiten, Interview mit Christoph Hein vom 9.3.1984. - In: Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, 156f.

5 Die DDR ist nicht China, Interview mit Christoph Hein, Spiegel, 23.10.1989 - zit. nach: Christoph Hein: Als Kind habe ich Stalin gesehen. Essais und Reden. Berlin/Weimar: Aufbau, 1990, 164.

6 Ebd.

7 Christoph Hein: Von allem Anfang an. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997.; Christoph Hein: Landnahme. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004.

8 Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2005.; Christoph Hein: Willenbrock. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2000. Zitiert wird der Roman im Folgenden aus dieser Ausgabe unter der Sigle W, Seitenzahl nachstehend.

9 Christoph Hein: Das Napoleonspiel. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1993. Zitiert wird der Roman im Folgenden aus dieser Ausgabe unter der Sigle N, Seitenzahl nachstehend. Christoph Hein: Frau Paula Trosseau. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007. Zitiert wird der Roman im Folgenden aus dieser Ausgabe unter der Sigle P, Seitenzahl nachstehend.

10 Hans Brender und Agnes Hüfner, Die Intelligenz hat angefangen zu verwalten und aufgehört zu arbeiten, Interview mit Christoph Hein vom 9.3.1984. - In: Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. 157.

11 Beispielsweise stimmt Hein der Ansicht zu, Die Ritter der Tafelrunde sei „eine europäische Geschichte“ und gehe „über Systemgrenzen hinweg“ (Podiumsgespräch mit Christoph Hein, Thomas Wirt und Stefan Krimm. - In: Stefan Krimm (Hrsg.): Der Engel und die siebte Posaune… Endzeitvorstellungen in Geschichte und Literatur. Hohenschwangau: Bayerischer Schulbuch Verlag, 1999, 103.)

12 Christoph Hein: Der fremde Freund/Drachenblut. Novelle. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1982.; Christoph Hein: Der Tangospieler. Erzählung. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002. Zitiert wird die Erzählung im Folgenden aus dieser Ausgabe unter der Sigle T, Seitenzahl nachstehend.

13 Christoph Hein: Die wahre Geschichte des Ah Q. Nach Lu Xun. - In: Ders: Die Ritter der Tafelrunde und andere Stücke. Berlin/Weimar: Aufbau, 1990, 5-60.; Christoph Hein: Die Ritter der Tafelrunde. Ebd., 131-193.

14 Die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Horns Ende (Christoph Hein: Horns Ende. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003. Zitiert wird der Roman im Folgenden aus dieser Ausgabe unter der Sigle HE, Seitenzahl nachstehend.), der Vertreibung in Landnahme und der DDR-Unrechtsgesellschaft in den Erinnerungspassagen von Willenbrock.

15 Hans Brender und Agnes Hüfner, Die Intelligenz hat angefangen zu verwalten und aufgehört zu arbeiten, Interview mit Christoph Hein vom 9.3.1984. - In: Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. 157.

16 Jörg Magenau: Strukturelle Befangenheiten. Die Intellektuellendebatte. - In: Karl Deiritz und Hannes Krauss (Hrsg.): Verrat an der Kunst. Rückblicke auf die DDR-Literatur. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 1993, 53.

17 Damit steht er nicht alleine. Beispielsweise merkt Jörg Magenau an, dass es keine verbindliche Definition des Begriffes gäbe. Ebd., 48-63.

18 Hyunseon Lee: Günter de Bruyn - Christoph Hein - Heiner Müller. Drei Interviews. Siegen: MuK, 1995, 43.

19 Christoph Hein: Ich hielte gerne Frieden und Ruhe, aber der Narr will nicht. - In: Ders.: Der Ort. Das Jahrhundert. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003, 89-101.

20 Christoph Hein: Einladung zum Lever Bourgeois. - In: Ders.: Einladung zum Lever Bourgeois. Prosa. Berlin/Weimar: Aufbau, 1980, 11.

21 Zur Gattungsbezeichnung dieser Kürzestgeschichten greife ich zurück auf Klemens Renolder: Vom Pathos der Sinnlichkeit. Der Erzähler Christoph Hein. - In: Lothar Baier (Hrsg.): Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990, 128.

22 Christoph Hein: Ein Album Berliner Stadtansichten: 4. Charlottenburger Chaussee, 11. August. - In: Ders.: Einladung zum Lever Bourgeois. 42f

23 Ebd, 55-62.

24 In: Christoph Hein: Exekution eines Kalbes. Berlin/Weimar: Aufbau, 1994, 131-138.

25 Ebd. 133.

26 Ebd. 101-108.

27 Ebd. 145-180.

28 1. Christoph Hein: Leb wohl mein Freund es ist schwer zu sterben. - In: Ders.: Einladung zum Lever Bourgeois. 63-72. 2. Christoph Hein: Exekution eines Kalbes. - In: Ders.: Exekution eines Kalbes. 7-72. 3. Christoph Hein: Eine Frage des Gesetzes. - In: Ders.: Exekution eines Kalbes. 92-95. 4. Christoph Hein: Ein Exil. - In: Ders.: Exekution eines Kalbes. 139ff.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640559619
ISBN (Buch)
9783640560097
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145636
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistisches Institut
Note
Schlagworte
Christoph hein Universität Konflikte der fremde Freund Frau Paula Trosseau Literaturwissenschaft DDR-Literatur

Autor

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