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Die Bedeutung der Emotionen innerhalb Walter Benjamins sprachtheoretischem Mimesisbegriff

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 16 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Mimesis-Begriff
2.1 Mimesis bei Aristoteles
2.2 Die Verankerung des Mimesisbegriffs Walter Benjamins innerhalb seiner sprachtheoretischen Ausführungen
2.2.1 Mimesisbegriff Walter Benjamins
2.2.2 Unsinnliche Ähnlichkeit

3. Mimesis und Gefühl
3.1 Mimesis, Erfahrung und Körperausdruck
3.2 Die Bedeutung von Emotionen innerhalb Benjamins Mimesistheorie

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walter Benjamin[1] begründet innerhalb seiner sprachtheoretischen Ausarbeitungen den Begriff der Mimesis. Gleichzeitig zeichnet er mit der Mimesisentwicklung bzw. der Rückentwicklung der mimetischen Fähigkeiten die Entwicklung des Menschen nach, so dass beide eng miteinander verknüpft sind und bei Benjamin von einem anthropologischen Mimesisbegriff gesprochen werden kann.

In der vorliegenden Ausarbeitung möchte ich auf die Bedeutung der Gefühle innerhalb Benjamins Mimesisverständnisses eingehen. Dementsprechend werde ich zunächst auf den seit der Antike etablierten Begriff der Mimesis eingehen, indem ich mich vorerst der Entstehung des Begriffs nach Aristoteles widme, den man als Urheber einer ästhetischen Mimesis bezeichnen kann. Anhand der Aufsätze „Über das mimetische Vermögen“[2] und „Lehre vom Ähnlichen“[3] werde ich dann den sprachtheoretischen Kontext darstellen, an dem Benjamin seinen Mimesisbegriff festgemacht hat. Die beiden genannten Aufsätze stelle ich in einem Kapitel zusammenfassend dar, da viele Überschneidungen in den Texten gegeben sind. Im Folgenden trage ich einige Ergebnisse aus den Aufsätzen zusammen, um den Mimesisbegriff dann durch den Benjaminschen Begriff der „Unsinnlichen Ähnlichkeit“ weiterzuführen.

Anschließend untersuche ich den Stellenwert, den Benjamin den Gefühlen innerhalb des mimetischen Vermögens des Menschen bzw. der transformierten Mimesis beimisst. Bevor es um die Verortung der Emotionen geht, stelle ich den Zusammenhang zwischen ‚Mimesis, Erfahrung und Körperausdruck’ dar. Ziel ist es, aus den Aufsätzen zunächst Benjamins Mimesisbegriff herauszuarbeiten und schließlich aufgrund dessen auf die menschliche Erfahrung, also der Bedeutung des Gefühls bei der Entwicklung des Menschen einzugehen und den Stellenwert von Emotionen innerhalb des Mimesisverständnisses zu untersuchen.

2. Mimesis-Begriff

Der Begriff ‚Mimesis’ beinhaltet verschiedene Bedeutungsdimensionen, die seit der Antike immer wieder verändert und auf unterschiedliche Bereiche bezogen wurden. Allgemeiner Konsens besteht jedoch darin, dass es sich bei Mimesis um eine ‚Nachahmung’ handelt, ausgehend vom griechischen Wort ‚mimos’ (Schauspieler). Auch im literaturtheoretischen Kontext wird Mimesis meist mit Nachahmung übersetzt und verweist damit auf Aristoteles. Auf dessen Begriffsdeutung wird hier zunächst eingegangen und so der Ursprung eines ästhetischen Mimesisbegriffes gekennzeichnet.

Im darauf folgenden Kapitelunterpunkt soll eine anthropologische Deutung der Mimesis nach Benjamin behandelt werden. Mimesis steht für Benjamin „im Zentrum des Verhältnisses des Menschen zur Welt, zum Anderen und zu sich selbst.“[4] Mimetisches Vermögen führe diesem Verständnis entsprechend dazu, Ähnlichkeiten zu empfinden und Übereinstimmungen mit der umgebenden Natur zu schaffen. Durch die Korrespondenz des Menschen mit seiner Umwelt vollzieht sich eine Sinnerfahrung, die über die Wahrnehmung und die Herstellung von Ähnlichkeiten ermöglicht wird. Nach Benjamin wird die Hervorbringung von Ähnlichkeiten als eine der frühesten Fähigkeiten des Menschen angesehen.

2.1 Mimesis bei Aristoteles

Aristoteles verwendet den Mimesisbegriff vor allem im ästhetischen und außerästhetischen Kontext. Er geht von einem Grundbedürfnis des Menschen nach Nachahmung aus, dieses unterscheide den Menschen von anderen Lebewesen. Der Mimesisbegriff umfasst im ästhetischen Zusammenhang die Dichtung, Musik und bildende Kunst, ist demnach allen Künsten gemeinsam. Die Künstler werden zu Produzenten von Ähnlichkeiten. Doch entscheidend ist, dass Mimesis Fiktion produziere, „jeder Bezug zur Wirklichkeit verliert seine Unmittelbarkeit“[5]. Ähnlich der Natur sollen die Künstler ihre Werke schaffen, d.h. es wird keine Nachahmung angestrebt, deren Produkt der Natur gleiche, sondern mit der gleichen Schaffenskraft, die der Natur eigen ist, sollen die Künstler produzieren (vgl. Gebauer/Wulf, 1998, S.84). In diesem Sinne ahmt die Kunst die Natur nach, doch der Ursprung der Kunst sei der Künstler. Durch diesen Anspruch ergibt sich eine Differenz zwischen Natur und Kunst, „die die Kunst als eigenen ästhetischen Bereich entstehen lässt“[6].

2.2 Die Verankerung des Mimesisbegriffs Walter Benjamins innerhalb seiner sprachtheoretischen Ausführungen

In den Aufsätzen „Lehre vom Ähnlichen“ und „Über das mimetische Vermögen“ behandelt Benjamin den metaphysischen Bereich der Sprache, indem er die Transformierung der mimetischen Gabe des Menschen mit der Sprachentwicklung verbindet. Dabei besteht der ein Jahr später entstandene Text „Über das mimetische Vermögen“ (1933) zum großen Teil aus wörtlich übernommen Passagen aus der „Lehre vom Ähnlichen“ (1932). Unterschiede der beiden Aufsätze bestehen darin, dass sich der Umfang in „Über das mimetische Vermögen“ im Gegensatz zu dem früheren Aufsatz verringert hat und zwar unter Beibehaltung verwendeter mystischer Terminologie. Deshalb werden in diesem Kapitel in zusammengefasster Form beide Texte dargestellt, jedoch vornehmlich die „Lehre vom Ähnlichen“.

Benjamin eröffnet seinen Aufsatz „Lehre vom Ähnlichen“, indem er betont, dass eine Einsicht in die Bereiche des „Ähnlichen“ mit dem Wissen über metaphysische Bereiche einherginge. Doch gehe es nicht um das Aufzeigen angetroffener Ähnlichkeiten, sondern um wiedergegebene Prozesse, „die diese Ähnlichkeiten erzeugen.“[7] Er geht auf die Mimikry ein und verdeutlicht so zunächst, dass die Natur Ähnlichkeiten erzeugt. Darauf führt er seine Ausgangsthese an: „Die allerhöchste Fähigkeit im Produzieren von Ähnlichkeiten aber hat der Mensch.“[8] Das mimetische Vermögen des Menschen hat nach Benjamin eine historische und eine anthropologische Geschichte. Zur Veranschaulichung der ontogenetischen Seite nennt er das Kinderspiel als Beispiel, das nicht nur durch die Nachahmung anderer Menschen bestimmt ist, sondern auch durch die Nachahmung von Objekten wie beispielsweise einer Eisenbahn oder einer Windmühle (vgl. Benjamin, 1991, S.205).

Benjamin fragt nach dem Nutzen durch die Übung des mimetischen Verhaltens und erläutert im Folgenden die phylogenetische Seite des mimetischen Vermögens. Der Mikro- und Makrokosmos war der Lebenskreis, der ehemals von dem Gesetz der Ähnlichkeit durchwaltet schien. Für heutige Erfahrungen lasse sich behaupten: „die Fälle, in denen sie im Alltag Ähnlichkeiten bewusst wahrnehmen, sind ein winziger Ausschnitt aus jenen zahllosen, da Ähnlichkeit sie unbewusst mitbestimmt.“[9] Benjamin betont, dass die nicht mehr bewusst wahrgenommenen Ähnlichkeiten gegenüber den bewusst Wahrgenommenen überwiegen. Benjamin weist darauf hin, dass diese „Korrespondenzen“ „grundsätzlich, Stimulantien und Erwecker jenes mimetischen Vermögens sind, welches im Menschen ihnen Antwort gibt.“[10] Weder die mimetischen Kräfte noch die mimetischen Objekte seien im Laufe der Zeit die gleichen geblieben. Die mimetische Kraft und später die mimetische Auffassungsgabe seien mit der Zeit aus gewissen Feldern geschwunden, Benjamin räumt als Begründung dafür ein, dass sie sich möglicherweise in andere Bereiche verlagert hätten (vgl. Benjamin, 1991, S.205).

Da Benjamin die historische Entwicklung des mimetischen Vermögens nachzeichnen möchte, folgert er erst eine Hinfälligkeit des mimetischen Vermögens, da „die Merkwelt des modernen Menschen sehr viel weniger von jenen magischen Korrespondenzen zu enthalten [scheine] als die der alten Völker“[11]. Er fragt nun, ob es sich wirklich um eine Hinfälligkeit des mimetischen Vermögens handele oder ob es sich mit der Zeit verändert habe. Am Beispiel der Astrologie verdeutlicht der Autor, dass es sich vielmehr um eine stattgefundene Wandlung des mimetischen Vermögens handelt. Die Wahrnehmung von Ähnlichkeiten sei in jedem Fall – Benjamin vergleicht sie mit dem Augenblick der Geburt – an ein Zeitmoment gebunden (vgl. ders., S.206f).

Benjamin führt nun den Begriff der unsinnlichen Ähnlichkeit ein, dieser sei relativ, „er besagt, daß wir in unserer Wahrnehmung dasjenige nicht mehr besitzen, was es uns möglich machte, von einer Ähnlichkeit zu sprechen, die bestehe zwischen einer Sternenkonstellation und einem Menschen.“[12] Mit dem Begriff ‚Unsinnliche Ähnlichkeit’ werden demnach Ähnlichkeiten beschrieben, die nicht mehr unmittelbar lesbar sind, sondern entziffert werden müssen. Es handelt sich um unbewusst wahrgenommene Ähnlichkeiten. Früher habe es eine direkte Beziehung zur sinnlichen Ähnlichkeit durch bestimmte Rituale, Tänze, die Sterne gegeben, doch diese hat sich mit der Entwicklung des modernen Menschen gewandelt und ist uns nun nicht mehr in dem Maße zugänglich oder bewusst. Doch er lenkt ein, dass der Mensch den Kanon der Sprache besäße, durch den „die Unklarheit, die dem Begriff der unsinnlichen Ähnlichkeit anhaftet, einer Klärung näher bringen läßt“[13]. Sprache wird somit zum Mittel.

Benjamin verknüpft nun die Geschichte des mimetischen Vermögens mit der Entstehung und Entwicklung der Schrift. Er führt die These Rudolf Leonhards an: „Jedes Wort ist – und die ganze Sprache ist – onomatopoetisch.“[14] Nach Benjamin liege der Schlüssel, welcher diese These eigentlich erst völlig transparent machte, in dem Begriff einer unsinnlichen Ähnlichkeit versteckt. Wenn Wörter verschiedener Sprachen, die das gleiche bedeuten, um das zu Bedeutende als ihren Mittelpunkt geordnet werden, so wäre nach Benjamin zu untersuchen, wie ähnlich sie dem zu Bedeutenden in der Mitte sind (vgl. Benjamin, 1991, S.207). Diese Art der Auffassung sei den mystischen Sprachlehren auf das engste verwandt, die sich jedoch nicht nur mit der Sprache begnügten, sondern im gleichen Sinne auch mit der Schrift zu tun hätten. Er betont nun, „daß diese [Schrift], vielleicht noch besser als gewisse Lautzusammenstellungen der Sprache, im Verhältnis des Schriftbildes von Wörtern oder Lettern zu dem Bedeuteten bezw. dem Namengebenden das Wesen der unsinnlichen Ähnlichkeit erklären.“[15]

Benjamin folgert nun, dass das mimetische Vermögen, welches auf diese Weise in der Aktivität des Schreibenden zum Ausdruck kommt, von größter Bedeutung für die Entstehung des Schreibens gewesen ist: „Die Schrift ist so, neben der Sprache, ein Archiv unsinnlicher Ähnlichkeiten, unsinnlicher Korrespondenzen geworden.“[16] Im Akt des Lesens gilt es, das Erscheinen unsinnlicher Korrespondenzen zu entschlüsseln. Von Benjamin werden zwei Seiten der Sprache aufgezeigt: die magische Seite der Sprache, die Schrift und die semiotische Seite der Sprache. Diese liefen nicht beziehungslos nebeneinander einher, „alles Mimetische der Sprache ist eine fundierte Intention“[17], die nur durch das Semiotische, Mitteilende der Sprache als ihrer Grundlage in Erscheinung treten kann. „Alles Mimetische der Sprache kann vielmehr, der Flamme ähnlich, nur an einer Art von Träger in Erscheinung treten. Dieser Träger ist das Semiotische.“[18] Da Sprache und Schrift zum „Archiv unsinnlicher Ähnlichkeit“[19] geworden sind, können die entsprechenden mimetischen Erfahrungen – in ihrer höchsten Verwendung – nur noch in der Sprache gemacht werden.

Der Sinnzusammenhang der Wörter oder Sätze ist der „Träger, an dem erst, blitzartig, die Ähnlichkeit in Erscheinung tritt“[20]. So sei es nicht unwahrscheinlich, dass die Schnelligkeit des Schreibens und Lesens die Verschmelzung des Semiotischen und Mimetischen im Sprachbereich steigere. Die unsinnliche Ähnlichkeit wirkt in alles Lesen hinein, so dass sich ein Zugang zu dessen Doppelsinn öffne: Lesen in seiner profanen und magischen Bedeutung. Der Schüler liest das Abc-Buch, der Astrologe aus den Sternen. Somit erhält sich im Lesen von Schrift etwas von der Fähigkeit des Menschen, aus der Konstellation der Sterne oder aus den Eingeweiden das Schicksal zu lesen (vgl. Benjamin, 1991, S.209).

[...]


[1] Im Folgenden abgekürzt Benjamin genannt.

[2] Benjamin, Walter: Über das mimetische Vermögen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann [Hrsg.]: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991².

[3] Benjamin, Walter: Lehre vom Ähnlichen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991².

[4] Gebauer, Gunter/Wulf, Christoph: Mimesis. Kultur – Kunst – Gesellschaft. Reinbek 1998. S. 374.

[5] dies., S. 84.

[6] Gebauer, Gunter/Wulf, Christoph: Mimesis. Kultur – Kunst – Gesellschaft. Reinbek 1998. S. 374.

[7] Benjamin, Walter: Lehre vom Ähnlichen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991². S. 204.

[8] ebd.

[9] Benjamin, Walter: Lehre vom Ähnlichen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991². S. 205.

[10] ebd.

[11] ders., S. 206.

[12] ders., S. 207.

[13] Benjamin, Walter: Lehre vom Ähnlichen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991². S. 207.

[14] Leonhard zitiert in: ebd.

[15] ders., S. 208.

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] Benjamin, Walter: Über das mimetische Vermögen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991². S. 213.

[19] Benjamin, Walter: Lehre vom Ähnlichen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991². S. 209.

[20] Benjamin, Walter: Über das mimetische Vermögen. In: Tiedemann, Rolf/Scheppenhäuser, Hermann: Gesammelte Schriften. Band 2. Frankfurt am Main 1991². S. 213.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640564682
ISBN (Buch)
9783640564767
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146048
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
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