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Kant - Was ist die kopernikanische Wende?

Hausarbeit 2009 9 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Philosophiegeschichtliche Hintergründe
2.2 Von der Ontologie zur Transzendentalphilosophie
2.3 Das „Ding an Sich „ als Überleitung zur praktischen Vernunft

3 Zusammenfassung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff „Kopernikanische Wende“ geht auf den polnischen Astronom Nikolaus Kopernikus zurück. Ausgehend von seinen Beobachtungen und Berechnungen erkannte er, dass die bisherige Annahme der Erde als Mittelpunkt der kreisförmigen Planetenbahnen (aristotelisch-ptolemäisch geozentrisches Weltbild) viele Widersprüche hinterließ. Er schlug 1514 ein seinen Berechnungen besser folgendes Modell[1] vor, das den Mittelpunkt der Welt nahe der Sonne fixierte (heliozentrisches Weltbild): „Alle Kreise laufen um die Sonne, als stünde sie in der Mitte von allen, und deshalb liegt der Weltmittelpunkt nahe der Sonne“[2].

Diese Änderung der Sichtweise folgend aus den astronomischen Berechnungen des Kopernikus leitet in der Folge eine Abwendung vom bisherigen geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild ein, die weit mehr als einen astronomisch-physikalischen Perspektivenwechsel darstellte – sie bedeutete den Bruch mit einer jahrhundertealten Lehrmeinung und den Neubeginn einer Änderung der Denkart.

Kant selbst vergleicht in der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft (KrV) seine Änderung der Sichtweise in Bezug auf unsere Erkenntnis von Gegenständen mit dem Perspektivenwechsel, den Kopernikus vollzog: „Es ist hiermit eben so, als mit den ersten Gedanken des Copernikus bewandt, der, nachdem es mit den Erklärungen der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen.“[3]

Nun stellt sich die Frage, worauf der Begriff Kopernikanische Wende sich in der KrV bezieht und welche Auswirkungen er, wie im Zitat erwähnt, auf die Metaphysik besitzt.

Kant beschreibt in der KrV den Gang der bisherigen Metaphysik als unwissenschaftlich. Er beschreibt sie als „Kampfplatz … endloser Streitigkeiten“[4]. „Es ist also kein Zweifel, daß ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen gewesen sei.“[5] Um die Frage zu klären, ob Metaphysik als kritische Wissenschaft möglich ist und sie zu wissenschaftlichen Aussagen über Nicht-Empirisches gelangen kann, ist eine Kritik des menschlichen Erkenntnisvermögens erforderlich. Die bisherige Annahme, dass sich unsere Erkenntnis nach den Gegenständen richte, konnte die Metaphysik nicht entsprechend der Mathematik oder Geometrie, in den Rang einer Wissenschaft erheben. Um zu sicherer Erkenntnis zu gelangen musste ein neuer Weg beschritten werden: „Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit den verlangten Möglichkeiten einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände , ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll.“[6]

Kant erwartet also, daß erfahrungsunabhängige, notwendige sowie allgemeingültige Wahrheit einem aktiv erkennenden Subjekt und nicht den Gegenständen entstammt.

Es soll gezeigt werden, dass erst ein Perspektivenwechsel bezüglich des Erkenntnisvermögens des Menschen die Voraussetzungen schafft, um der Metaphysik den Rang einer möglichen Wissenschaftlichkeit zu erringen.

2 Hauptteil

2.1 Philosophiegeschichtliche Hintergründe

Kants Metaphysikkritik richtete sich gegen die im 17. und 18. Jahrhundert praktizierte Schulmetaphysik, die sich im Anschluss an den Rationalismus von R. Descartes und G. W. Leibnitz etablierte.[7] Durch ein System von Definitionen, Axiomen und Begriffen wurde versucht nach dem Vorbild von Mathematik und Geometrie Erkenntnis vom Wesen der Dinge zu erlangen. Ausgehend von der Doppelthese[8] die Welt und alles in ihr Befindliche sei von durchgängiger Rationalität und daher durch die Vernunft vollständig rekonstruierbar, werden unkritisch unter Umgehung jeglicher Erfahrung und Anschauung positive metaphysische Behauptungen aufgestellt, ohne zu fragen, ob die menschliche Vernunft zu solchen Behauptungen berechtigt ist (Dogmatismus). Kritisch wendet sich Kant gegen diese bisherige Schulmetaphysik in der der unkritische Gebrauch der Vernunft zu „endlosen Streitigkeiten“[9] geführt habe. Als Gegenströmung zum Dogmatismus entwickelte sich der Skeptizismus mit seinem Hauptvertreter David Hume, der bestritt, dass die Vernunft in der Lage wäre zu sicherer Erkenntnis über die wahre Natur der Dinge zu gelangen. Kant lehnte beide Strömungen ab und nahm eine dritte philosophische Position, die des transzendentalen Kritizismus[10] ein.

2.2 Von der Ontologie zur Transzendentalphilosophie

Kants Kritizismus setzte am Grundproblem des menschlichen Erkenntnisvermögens an, zu wissenschaftlichen Aussagen über Nicht-Empirisches zu gelangen: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben; die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft. …. Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar annehmen kann, dass irgendwo verborgene Irrtümer zum Grunde liegen müssen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze, deren sie sich bedient, da sie über die Grenze aller Erfahrung hinausgehen, keinen Probierstein der Erfahrung mehr darstellen.“[11]

Kant forderte, dass sich nicht mehr all unsere Erkenntnis nach den Gegenständen richten dürfe, sondern, dass sich „der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens“[12] richten müsse. Damit begründet Kant „eine neue Stellung des Subjekts zur Objektivität“[13]. Analog zu Kopernikus, der die Sonne statt der Erde in den Mittelpunkt der Welt setzte, rückt Kant das menschliche Erkenntnisvermögen, mithin den Verstand ins Zentrum. Kant vollzieht den Perspektivenwechsel weg von der Metaphysik des Seins und der Dinge, hin zur Transzendentalphilosophie. Sie ist die Untersuchung der Möglichkeiten der synthetischen Urteile a priori: „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit den Gegenständen, sondern mit unseren Begriffen a priori von Gegenständen überhaupt beschäftigt.“[14] Diese apriorischen Möglichkeitsbedingungen sind subjektive Voraussetzungen, sie liegen nicht auf der Seite der Gegenstände, sondern auf der Seite des erkennenden Subjekts.

[...]


[1] Coperncus, De revolutionibus orbium coelestium, Libri VI

[2] Copernicus, 1990, S.4f.

[3] Kant, KrV, BXVI-BXVII

[4] KrV AVIII; IV,7

[5] KrV, BXVI

[6] KrV, BXVI

[7] Beckmann, „Einführung in die Metaphysik“ S. 108

[8] Vgl. hierzu Max Wundt, Die deutsche Schulphilosophie im Zeitalter der Aufklärung, Tübingen 1945

[9] KrV, Vorrede A VII

[10] Beckmann, 1983, S29

[11] KrV, Vorrede zur 1. Aufl. (in der 2. Aufl. von 1787 von Kant weggelassen) A VII

[12] Kant, KrV, B XVI-B XVII

[13] Höffe, 2000, S. 53

[14] Kant, KrV, B XXV

Details

Seiten
9
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640568925
ISBN (Buch)
9783640569328
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146338
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Schlagworte
Kant Kopernikanische Wende Kritik der reinen Vernunft

Autor

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Titel: Kant - Was ist die kopernikanische Wende?