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Familienzentrum NRW - Darstellung und kritische Würdigung des Gütesiegels

Referat (Ausarbeitung) 2007 22 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Was ist ein Gütesiegel?

Gütesiegel „Familienzentrum NRW“
1. Entstehung - Pilotphase und zeitlicher Ablauf
2. Gütesiegelfähigkeit
3. Gütesiegelkriterien
4. Familienpolitische Ziele zusammengefasst
5. Interkulturalität als Querschnittsaufgabe

Kritische Stellungnahme

Quellen

Handout

Familienzentrum NRW

Einleitung

„Die Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, Nordrhein-Westfalen zum kin- der- und familienfreundlichsten Land in Deutschland zu machen.“1 Dies sind vielerorts die einleitenden Worte von Herrn Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration (MGFFI) des deutschen Bundeslandes Nordrhein- Westfalen.

Diese Worte finden wir u.a. wieder, wenn Herr Laschet von dem aktuellen Lan- desprojekt „Familienzentrum NRW“ spricht. Kinder und Familien sollen in den Mittelpunkt - ins Zentrum - gerückt werden. Denn vor allem erstgenannte „sind unsere Zukunft“2, wie Herr Laschet betont. Daher sollen Zentren geschaffen wer- den, in denen durch vielfältige Angebote auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Familien eingegangen wird. In verschiedenen Modellformen werden künftig Angebote der Bildung, Betreuung und Erziehung mit Angeboten der Bera- tung und Unterstützung kombiniert. Dabei setzt der Minister auf eine schon vor- handene gute Infrastruktur an Fördereinrichtungen in den Kommunen3. Sein Pro- jekt zielt also hauptsächlich auf deren strukturelle Zusammenarbeit und Vernet- zung ab. Tageseinrichtungen für Kinder (im Folgenden kurz Kitas genannt) sollen als Knotenpunkte bzw. Ausgangspunkte fungieren und zu sogenannten Famili- enzentren (im Folgenden nur noch kurz FZ genannt) weiterentwickelt werden. Durch eine flächendeckende Einrichtung von FZ sollen so neue Netzwerke ent- stehen.

„Familienzentrum NRW“ stellt gleichzeitig ein Gütesiegel dar. Dieses Siegel wird Kitas verliehen, die sich nach entsprechenden Kriterien zu einem FZ weiterentwi- ckelt haben.

Was ist ein Gütesiegel?

Ein Gütesiegel besteht zunächst aus einem stilistisch gestalteten Logo, welches einheitlich für alle damit auszuzeichnenden Produkte oder Dienstleistungen verwendet wird. Damit werden ein hoher Wiedererkennungswert und eine Ab- grenzung gegenüber der Konkurrenz erreicht. Ein Gütesiegel wird nur an ein Produkt oder eine Dienstleistung vergeben, wenn diese/s die dem Gütesiegel zugrunde liegenden Bestimmungen mindestens erfüllt. Durch ein solches Verfahren können dem Verbraucher Hinweise auf bestimmte Qualitätsmerkmale geliefert werden. Ein Gütesiegel kann also eine Norm, eine Richtlinie oder sogar eine Garantie darstellen. Es kann auch - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - Imageund Werbezwecke erfüllen.

Wichtig bei der Entwicklung eines Gütesiegels sind die Eindeutigkeit, Transpa- renz und Überprüfbarkeit seiner Kriterien und die Unabhängigkeit der Instituti- on, welche sich mit der Entwicklung der Kriterien, der Vergabe der Siegel und der Kontrolle befasst.4

Gütesiegel „Familienzentrum NRW“

1. Entstehung – Pilotphase und zeitlicher Ablauf

An der Entwicklung des Gütesiegels wirken eine große Anzahl an Personen mit, die aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen: Ministerium, Verbände, Ver- eine, Bildungsinstitutionen, Kitas, etc. Die facettenreiche Entstehungsgeschichte beginnt nicht erst mit dem Aufruf des MGFFI am 10. Januar 2006 zum landeswei- ten Wettbewerb um das Siegel. Im Vorfeld haben bereits diverse Interviews und Besichtigungen stattgefunden.

Am 28. September 2005 veranstaltete das MGFFI einen Workshop zum Thema Familienzentren, an dem eine bunte Vertreterschar aus dem Ministerium, den Landschaftsverbänden, Jugendämtern, Familienbildungsstätten, kirchlichen Ein- richtungen, Städte- und Gemeindeverbünden, Mütterzentren, Kitas, Fachhoch- schulen u.v.m.5 teilnahmen. Nach ausgiebigem Erfahrungsaustausch und Diskus- sionen wurden wesentliche Ergebnisse dokumentiert. Das MGFFI arbeitete schließlich sogenannte Orientierungspunkte heraus und beauftragte das Koope- rationsinstitut der Freien Universität Berlin pädquis (Pädagogische Qualitäts- Informations-Systeme gGmbH) mit der Festlegung und Herausgabe von Quali- tätskriterien.

Im Mai 2006 wurden aus den über 1000 angemeldeten Kitas 250 Einrichtungen ausgewählt, um an einer Pilotphase teilzunehmen. Es wurde darauf geachtet, dass Kitas mit verschiedenen Trägerstrukturen und zudem mit unterschiedlichen Ausgangslagen ausgewählt wurden, um während der Entwicklungsphase zu mög- lichst realitätsgetreuen, aber auch interessanten und mannigfaltigen Ergebnissen zu gelangen. In dieser Phase (Mai 2006 bis März 2007) sollten sich die Kitas zu FZ weiterentwickeln. Sie erhielten währenddessen eine wissenschaftliche Beglei- tung, individuelle Coachings, kostenlose Fortbildungen und nahmen an einem ständigen Wissensaustausch teil.

Im Mai 2006 wurden unter den 250 Piloteinrichtungen außerdem sechs ausge- wählt, die schon solch hervorragende, FZ-charakteristische Arbeit leisten, dass sie als Best-Practice-Einrichtungen ausgezeichnet wurden. Eine von ihnen nennt sich „Blauer Elefant“, liegt in Essen-Karternberg und wurde bereits 1991 vom Kinderschutzbund Essen gegründet. Diese sechs Einrichtungen fungierten als Impulsgeber für die anderen Kitas während der Pilotphase auf dem Weg zum FZ. Während der Pilotphase wurde auch mithilfe der gesammelten Erfahrungen das Gütesiegel weiterentwickelt, welches im Juni 2007 im Rahmen einer Abschluss- veranstaltung den erfolgreichen Einrichtungen verliehen wird. Gleichzeitig er- folgt der Startschuss für die flächendeckende Einrichtung von FZ in ganz Nord- rhein-Westfalen. Ausgehend von jedem Jugendamtsbezirk sollen bis zum Jahre 2012 insgesamt 3000 Kitas zu FZ weiterentwickelt werden und jedes eine jährli- che finanzielle Förderung von 12.000 Euro erhalten.

Im Folgenden möchte ich auf die inhaltlichen Kriterien des Gütesiegels eingehen und beziehe mich dabei auf das Papier des pädquis gGmbH, Stand 12.03.2007.

2. Gütesiegelfähigkeit

Das Gütesiegel „Familienzentrum NRW“ ist konzeptgebunden und zielt insbe- sondere auf Leistungen und Strukturen ab, welche eine Kita über ihren Kernauf- trag der Bildung, Erziehung und Betreuung hinaus als FZ qualifizieren. FZ- charakteristische Leistungen und Strukturen ermöglichen ein niederschwelliges, an dem spezifischen Umfeld ausgerichtetes Angebot der Förderung, Beratung und Unterstützung von Kindern und Familien. Das Gütesiegel zertifiziert also „nur“ Umfang und Niveau von Dienstleistungen und macht keine explizite Aus- sagen weder über sein anthropologisches Menschenbild und sein Bild vom Kind, noch über den Bildungsbegriff, noch über pädagogische Konzeptionen oder di- daktische Vorgehensweisen!

Das Gütesiegel gliedert sich in jeweils vier Leistungsbereiche (Teil A) und vier Strukturbereiche (Teil B), die weiter unten detailliert behandelt werden. Die Basis- leistungen des Teil A enthalten Angebote, die ein FZ in jedem Fall leisten muss. Es werden auch mögliche Aufbauleistungen genannt; außerdem können auch ähnliche innovative und kreative Angebote erdacht und bereitgestellt werden. Den Teil B betreffend werden wieder verpflichtende Basisstrukturen vorgegeben; und durch die Angabe von Aufbaustrukturen die Möglichkeit einer individuellen Weiterentwicklung aufgezeigt. Insgesamt stellt das Papier des pädquis 112 Ideen zu acht verschiedenen Bereichen bereit.

Die Gütesiegelfähigkeit errechnet sich folgendermaßen: Für jedes Kriterium kön- nen maximal jeweils sechs Punkte vergeben werden. Die Vergabe eines Punktes bedeutet, dass die Voraussetzungen nicht oder noch nicht vorhanden sind. Zwei Punkte gibt es für ein sich entwickelndes, aber noch nicht ausreichendes Ange- bot. Ab drei Punkten ist die jeweilige Einrichtung in dem betreffenden Kriterium gütesiegelfähig! Mit vier Punkten werden zusätzliche und mit fünf Punkte sehr gute Qualitäten ausgezeichnet. Sechs Punkte schließlich stehen für herausragen- de Qualität.

Insgesamt qualifiziert sich eine Einrichtung zur Gütesiegelfähigkeit, wenn sie in mindestens drei Leistungsbereichen und in mindestens drei Strukturbereichen mindestens drei Punkte erreicht. Bereiche mit weniger als drei Punkten müssen durch entsprechende Punkte in anderen Bereichen ausgeglichen werden. Letzte Voraussetzung ist, dass insgesamt mindestens 24 Punkte gesammelt werden müssen. Durch genau festgelegte sprachliche Formulierungen wie „Das FZ ver- fügt über...“ oder „Das FZ sorgt für...“ wird die Angebotsart der jeweiligen Leis- tung oder der Organisationsgrad der jeweiligen Struktur möglichst eindeutig spezifiziert.

3. Gütesiegelkriterien

Vorab stelle ich eine schematisch-übersichtliche Auflistung der acht wichtigsten Krite- rien, die weiter oben schon benannt wurden und weiter unten nun genau ausgeführt werden.

Leistungsbereiche (Teil A)

A1. Beratung und Unterstützung von Kindern und Familien
A2. Familienbildung und Erziehungspartnerschaft
A3. Kindertagespflege
A4. Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Strukturbereiche (Teil B)

B1. Sozialraumbezug
B2. Kooperation und Organisation
B3. Kommunikation
B4. Leistungsentwicklung und Selbstevaluation

Zu den Leistungsbereichen (Teil A)

Die einzelnen Leistungsbereiche beziehen sie hauptsächlich auf die Frage: WAS soll angeboten werden? Zu den Leistungsbereichen nun im Einzelnen:

A1: Beratung und Unterstützung von Kindern und Familien

Zu Beratung und Unterstützung von Kindern und Familien zählen alle Formen von Beratungs- und Förderangeboten, Therapien sowie sonstigen Hilfestellungen. Diese können von der Erziehungsberatung, der Familienberatung über Früher- kennung und Frühförderung von sprachlichen oder motorischen Schwierigkeiten bis hin zu Psychotherapie und Ergotherapie. Je nach Lebenssituation der Famili- en oder der Kinder sind Angebote weiterer Institutionen wie Frauenhäusern oder Selbsthilfegruppen, Angebote zu Gesundheit, Bewegung oder Hochbegabung wichtig und hilfreich.

Erste Ansprechpartner sollen dabei immer die Mitarbeitern des FZ sein. Zu die- sem Zweck soll eine offene Sprechstunde eingerichtet werden. Die in der Kita tätigen Erzieherinnen können natürlich auch jederzeit während des Kita-Alltags von Eltern angesprochen werden. Sie übernehmen die erste Beratung, bieten wei- terführende Maßnahmen an und machen auf passende Angebote des FZ auf- merksam. Jedes FZ muss außerdem ein Verzeichnis bereithalten, welches umlie- gende Einrichtungen mit ihren jeweiligen Ansprechpartnern auflistet. Diese Liste sollte außerdem eine genaue Beschreibung des jeweiligen Angebots, Adresse und Wegbeschreibung, Telefonnummern und Öffnungszeiten etc. enthalten.

Therapien, Frühförderung, themenspezifische Seminare oder weitere Beratungs- gespräche können entweder von den Mitarbeitern des FZ selbst im eigenen Haus angeboten werden. Oder das FZ organisiert Kooperationen mit externen Anbie- tern. Denkbar wäre zum Beispiel, dass ein Ergotherapeut seine Praxis direkt in einem der Räume des FZ einrichtet. Falls dies nicht möglich ist, könnte eine Ver- einbarung mit ihm getroffen wird, dass er ein- oder zweimal pro Woche in die Kita kommt, die Kinder beobachtet und mit ihnen spricht. Er kann unmittelbar vor Ort mit den Eltern sprechen und umgehend Termine vereinbaren.

Die Mitarbeiter des FZ begleiten und unterstützen Eltern nicht nur bei der Wahrnehmung von Angeboten, sie betreiben überdies sog. aufsuchende Elternarbeit, d.h. sie besuchen Eltern gegebenenfalls zu Hause, um dort Beratung anzubieten und Unterstützung zu leisten.

Sehr wichtig gerade zur Unterstützung von jungen Familien und Familien mit kleinen und mehreren Kindern sind Eltern-Kind-Gruppen für unter dreijährige Kinder. Mit der Einrichtung solcher Gruppen beteiligen sich die FZ am Ausbau des Betreuungsangebotes von unter dreijährigen Kindern, welchen das MGFFI beabsichtigt und vorantreiben möchte.

Ziel dieses Kriteriums ist die Bereitstellung von einem möglichst niederschwelligem Angebot der Beratung und Unterstützung. Der Angebotsvielfalt sind dabei keine Grenzen gesetzt.

[...]


1 Ministerium für Generationen, c) S. 1.

2 ebenda, S. 1.

3 vgl. ebenda, S. 1.

4 vgl. Wikimedia, Stichwort: Gütesiegel (zuletzt: April 2007).

5 vgl. Ministerium für Generationen, d) S. 28f.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640554096
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146382
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
Familienzentrum NRW Gütesiegel Kindergarten Vernetzung Kindertagesstätte

Autor

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