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Die Rolle des Interviewers in narrativen Interviews

Hausarbeit 2003 26 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das narrative Interview als Methode der qualitativen Sozialforschung
2.1 Grundprinzipien qualitative Interviews
2.2 Definition und Besonderheiten des narrativen Interviews

3. Die Rolle des Interviewers im narrativen Interview
3.1 Anforderungen an Interviewern in qualitativen Interviews
3.2 Die Einstellung des Interviewer zum narrativen Interview
3.3 Die unterschiedlichen Rolle des Interviewer im narrativen Interview
3.4 Anforderungen an die Kompetenzen des Interviewers

4. Zusammenfassung und Resümee

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

Als ein zentrales Prinzip des narrativen Interviews, als Form der qualitativen Interviewforschung, wird die „Freisetzung des Erzählschemas“ (Kromrey 2002, S. 4) gesehen. Dieses Prinzip bedeutet, dass die Forschungskontaktsituation so zu gestalten ist, dass sich die gewünschte Stegreiferzählung frei von Beeinträchtigungen entwickeln kann. Anhand dieser Forderung zeichnet sich bereits ab, dass der Interviewer im narrativen Interview nicht Gesprächspartner des Befragen ist, sondern den Erzählvorgang größtenteils als aktiver Zuhörer mit Interessensbekundungen unterstützen darf.

Durch die Offenheit der Kommunikationssituation, durch die der Einfluss des Interviewers bzw. Zuhörers im narrativen Interview im Vergleich mit standardisierten Verfahren betont wird, ergibt sich die Frage nach der Rolle, der besonderen Situation und den nötigen Kompetenzen seitens des Interviewers.

Im Einzelnen leiten sich aus der speziellen Situation im narrativen Interview , unterschiedliche und komplexe Anforderungen an den Interviewer hinsichtlich seiner affektiven, kognitiven und sozialen Kompetenzen ab. Erschwerend kommt bei der Analyse welche Kompetenzen genau gefordert werden hinzu, dass das narrative Interview in seinen verschiedenen Phasen auch unterschiedliche Rollenerwartungen an den Interviewer stellt.

Mit diesen Fragen soll sich in der vorliegenden Hausarbeit beschäftigt werden, indem die Rolle des Interviewers in narrativen Interviews thematisiert wird. Um sich dem komplexen Thema systematisch zu nähern, geht es im ersten Kapitel um die zentralen Prinzipen qualitativer Sozialforschung und daraus abgeleitet, um zentrale Anforderungen an qualitative Interviews. Das Kapitel 2.1 hat somit zur Aufgabe, den sozialwissenschaftlichen und theoretischen Hintergrund für die spätere Analyse der Rolle des Interviewers im narrativen Interview zu klären, um darauf aufbauend in Kapitel 2.2 auf die Besonderheiten des narrativen Interviews als eine Form der qualitativen Interviewforschung eingehen zu können. Dieses Kapitel 2.2 hat nicht den Anspruch, das narrative Interview als Forschungsmethode der qualitativen empirischen Sozialforschung hinreichend und in all seinen Facetten detailliert darzustellen, sondern soll vielmehr erste Ansätze liefern, die in Kapitel 3 aus der Perspektive des Interviewers weiter detailliert werden. Zu Beginn des Kapitels 3 wird ein kurzer Überblick über den Stand der Forschung hinsichtlich der Frage nach dem Einfluss des Interviewers in qualitativen Interviews gegeben. Hieran anschliessend wird in Kapitel 3.1 auf den Zusammenhang zwischen Einfluss des Interviewers und den daraus resultierenden Anforderungen an ihn eingegangen. Kapitel 3.2 liefert widmet sich der Frage, wie sich die Einstellung des Interviewers hinsichtlich der Prinzipien und Merkmale des narrativen Interviews auf den Forschungsprozess und dessen Ergebnisse auswirken kann. Diese Kapitel verdeutlicht noch einmal die Relevanz der in Kapitel 2.1 erläuterten Grundprinzipien eines qualitativen Interviews und bereitet die Frage nach den unterschiedlichen Rollen des Interviewers im narrativen Interview, die in Kapitel 3.3 analysiert werden, vor. In Kapitel 3.2 wird unter Berücksichtigung der Perspektive des Interviewers noch einmal ausführlicher auf das in Kapitel 2.2 angedeutete Ablaufschema des narrativen Interviews mit seinen verschieden Phasen und sich hieraus ergebenden Rollenverständnisse für die Beteiligten eingegangen. Das abschliessende Kapitel 3.4 hat die Aufgabe, einen Konsens aus dem bisher Gesagten zusammen zu fassen, um hieraus konkrete Anforderungen an unterschiedliche Kompetenzen des Interviewers in narrativen Interviews zu generieren.

2. Das narrative Interview als Methode der qualitativen Sozialforschung

2.1 Anforderungen an qualitative Interviews

Im Unterschied zur quantitativen Forschung, die, vereinfacht gesagt, auf der Erhebung und Auswertung von Massendaten und der Überprüfung vorher generierter Hypothesen basiert (vgl. Kromrey 1986), geht es in der qualitativen Forschung eher darum, einen Fall in all seinen Dimensionen zu erfassen, um dadurch zu einem realitätsgerechten Bild der Wirklichkeit zu gelangen.

Wenn man entsprechend im Kontext qualitativer Sozialforschung Interviews durchführen möchte, basiert der gesamte Forschungsablauf von der Planung einer Untersuchung bis hin zur Interpretation und Umsetzung der Ergebnisse auf den Grundprinzipien einer qualitativ-empirischen Methodologie (vgl. Lamnek 1995).

Auf Grund der inhaltlichen und quantitativen Begrenzung dieser Hausarbeit kann und soll nicht auf die einzelnen Grundprinzipien einer qualitativ orientierten Sozialforschung eingegangen werden, so dass hier eine gewisse Vertrautheit mit den historischen, inhaltlichen und methodologischen sowie konzeptionellen Prinzipien und Grundlagen der qualitativ-empirischen Sozialforschung vorausgesetzt wird.

Ziel und Aufgabe dieses einführenden Kapitels ist es vielmehr, die besonderen Anforderungen an qualitative Interviews auf Grundlage einer allgemeinen qualitativ-empirischen Ausrichtung darzustellen und zu analysieren, um hierauf aufbauend die besondere Rolle des Interviewers in narrativen Interviews abzuleiten und verständlich zu machen.

Als zwei grundlegende Prinzipen, die in der Literatur zur qualitativen empirischen Sozialforschung und insbesondere zum qualitativen Interview durchgängig zur Sprache gebracht werden, sind das Prinzip der Offenheit und das Prinzip der Kommunikativität. Für Hoffmann-Riem (1980, S. 343) gesagt das Prinzip der Offenheit „...daß die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückgestellt wird, bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat“.

Nach Lamnek (1995, S. 17ff) bezieht sich dieses zentrale Prinzip der Offenheit auf folgende Aspekte und zwar Offenheit gegenüber:

- der Forschungsfrage (sie ist im Untersuchungsverlauf zu refektieren und dem Forschungsstand anzupassen);
- dem Forschungsablauf (er muss flexibel an den Stand der Forschungsfrage und die spezifischen Materialerfordernisse abgestimmt werden);
- der Auswahl der in die Untersuchung einbezogenen Personen (diese Selektion ist je nach den Anforderungen des Forschungsfeldes und dem jeweiligen Interpretationsstand zu ergänzen):
- dem Forschungssubjekt (so sind den betreffenden Personen keine Vorannahmen aufzudrängen);
- der Untersuchungssituation (die Interviews möglichst im Kontext der interessierenden Lebenswelt durchführen):
- den anzuwendenden Methoden (nicht vorweg auf eine Methode festgelegt );
- den potentiellen alternativen Interpretationen (möglichst viele Interpretationsvarianten mit berücksichtigen)

Das zweite grundlegende Prinzip, dass bei der Durchführung qualitativer Interviews beachtet werden sollte, ist das Prinzip der Kommunikation. Dieses Prinzip besagt nach Hoffmann-Riem „...dass der Forscher den Zugang zu den bedeutungsstrukturierenden Daten im allgemeinen nur gewinnt, wenn er eine Kommunikationsbeziehung mit dem Forschungssubjekt eingeht und dabei das kommunikative Regelsystem des Forschungssubjektes in Geltung läßt“ (1980, S. 347). Wenn soziale System wesentlich auf Kommunikation und den in kommunikativen Prozessen produzierten Bedeutungen und Erwartungen beruhen, so muss der Forschungsprozess diesen kommunikativen Charakter sozialer Systeme einbeziehen. Nach Lamnek (1995, S. 17ff) beruhen Erhebungsdaten, die nicht kommunikativ produziert werden, ausschliesslich auf den Unterscheidungskriterien des beobachtenden Forschers und den von ihm den Forschungssubjekten unterstellten Beobachtungskriterien, vernachlässigen jedoch gerade die im Offenheitsprinzip geforderte Strukturierungsleistung durch die Forschungssubjekte selbst.

Als ein weiteres Prinzip, das unmittelbar an das Prinzip der Kommunikation anknüpft, nennt Lamnek (1995, S. 19f) das Prinzip der Naturalistizität. Für Lamnek (1995) ist es dem Forscher dadurch, dass er eine der alltäglichen Kommunikation ähnelnde Situation schafft, möglich, unnatürliche bzw. dem Untersuchungsobjekt fremde Situationen zu vermeiden, um dadurch ein realitätsgerechtes Bild der Wirklichkeit zu erhalten. Obwohl das Problem der Künstlichkeit beispielsweise während einer Befragung auch in der qualitativen Forschung nie ganz aus der Welt zu schaffen ist, wird dieses Problem nach Lamnek (1995) kaum jene Relevanz erhalten, die es beispielsweise bei standardisierten (quantitativen) Interviews einnimmt.

Diese genannten Grundprinzipen qualitativer Interviews werden je nach Literaturquelle unterschiedlich ergänzt, so dass Lamnek (1995, S. 24f.) beispielsweise zusätzlich zu den Prinzipen der Offenheit, Kommunikativität und Naturalistizität den Prozesscharakter sozialer Phänomene, das Prinzip der Reflexivität sowie das Prinzip der Explikation betont.

Der Prozesscharakter verweist nach Lamnek (1995) einerseits auf die Bedeutung der Genese sozialer Phänomene und ihrer permanenten Veränderung im (Re-) Produktionsprozess, andererseits auf den Prozesscharakter der Forschung mit der Anforderung nach permanenten Modifikationen der Vorgangsweise und Zielrichtungen entsprechend den Bedingungen des Forschungsfeldes. Kleining (1982, S. 243) beschreibt den letztgenannten Prozess als Zirkularität der Forschung. Seiner Meinung nach, muss man im Forschungsprozess immer wieder Ergebnisse antizipieren, die im weiteren Schritt zu prüfen und zu ergänzen sind. Die Interpretation kehrt im Sinne eines hermeneutischen Zirkels immer wieder an seinen modifizierten Ausgangspunkt zurück. Forschungsergebnisse sind von daher nach Kleining (1982) immer wieder im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess neu zu erschliesen.

Das Prinzip der Reflexivität bezieht sich bei Lamnek (1995) auf die permanente Überprüfung der Beziehung zwischen Forscher und den untersuchten Personen, auf das Verhältnis zwischen dem Forschungsprozess und den darin produzierten Ergebnissen, sowie auf die Verbindung zwischen Einzelheiten und ihrem jeweiligen Kontext.

Unter Explikation schliesslich, versteht Lamnek (1995, S. 24f.) grundsätzlich die Forderung nach Offenlegung der Vorgehensweise im Forschungsprozess.

2.2 Definition und Besonderheiten des narrativen Interviews

Das narrative Interview hat seit Mitte der 70er Jahre wachsende Bedeutung für die qualitative Sozialforschung erlangt und insbesondere innerhalb der Biographieforschung als Methode der Datenerhebung größere Verbreitung gefunden (vgl. Koller 1993, S. 34).

Inzwischen ist es nach Meinung verschiedener Autoren (vgl. Lamnek 1995, Koller 1993) die in der qualitativen Sozialforschung am weitesten entwickelte Interviewtechnik. Friedrichs sieht als Ziel des narrativen Interviews „...genauere Informationen vom Befragten mit besonderer Berücksichtigung seiner Perspektive, Sprache und Bedürfnisse...“ (1985, S. 224) erlangen zu können und stellt im Vergleich zu eher standardisierten Interviewverfahren fest, dass das narrative Interview nur anhand eines sehr grob strukturierten Schemas (Leitfaden) geführt wird und der Interviewer deshalb stärker als in standardisierten Verfahren auf den Befragten eingeht, so dass sich der Spielraum erhöht, Fragen zu formulieren, anzuordnen und Nachfragen zu stellen. Friedrichs (1985, S. 224ff.) betont in diesem Zusammenhang jedoch auch, dass solche Interviews immer Vorkenntnisse über den Befragten und seine Lebenswelt voraussetzen.

Ein wesentlicher Vorteil, der dem narrativen Interview zu geschrieben wird, ist Möglichkeit der Erfassung der sozialen Wirklichkeit. Dieser Vorteil resultiert aus der Erfordernis, die subjektive Wirklichkeit der Befragten und dabei die Prozesshaftigkeit des Sozialen erfassen zu wollen (siehe auch 2.1 Prozesshaftigkeit als Prinzip der qualitativen Sozialforschung, Lamnek 1995, S. 24f.).

Schütze (1983, S. 285f.) beschreibt den Vorgang der Erfassung der subjektiven Wirklichkeit durch das narrative Interview wie folgt: „Das auobiographische narrative Interview erzeugt Datentexte, welche die Ereignisverstrickungen und die lebensgeschichtlichen Erfahrungsauf-schichtungen des Biographieträgers so lückenlos reproduzieren, wie das im Rahmen systematischer sozialwissenschaftlicher Forschung überhaupt möglich ist (...). Das Ergebnis ist ein Erzähltext, der den sozialen Prozeß der Entwicklung und Wandlung einer biographischen Identität kontinuierlich (...) darstellt und expliziert.“

Haupert (1991, S. 215) sieht einen weiteren Vorteil des narrativen Interviews in der Möglichkeit, „den kritischen Charakter der empirischen Sozialforschung zu erweitern, da eine wesentliche Bedingung, nämlich die „Sicht der Sache selbst“ von diesem Verfahren eingelöst wird“. Ziele der Analyse von narrativen Interviews sind seiner Meinung nach:

- die Generierung sozialwissenschaftlicher Typen
- die Herstellung von allgemeinen Mustern
- die Explikation von Strukturelementen (Haupert 1991, S. 215)

Eine Besonderheit des narrativen Interviews, auf die in Kapitel 3 in Zusammenhang mit der Rolle des Interviewers in narrativen Interviews noch ausführlich eingegangen wird, ist das Ablaufschema des narrativen Interviews als erzählgenerierende Gesprächsstrategie. Bude gliedert auf Basis dieser Strategie das narrative Interview in drei Phasen:

„Der erzählgenerierende Impuls löst die erste Phase der autobiographischen Haupterzählung aus. Für den Interviewer gilt in dieser Phase die Regel der absoluten Nichteinmischung. Er hört still zu. Hat der Informant seine Erzählung abgeschlossen, beginnt die zweite Phase der narrativen Nachfragen. In dieser Phase bedient sich der Interviewer einer Rückgriff-Frage-Strategie () Dabei spricht der Interviewer berührte, aber wieder abgebrochene Erzähllinien und Stellen mangelnder Plausibilität im Text der gehörten Haupterzählung an und bittet den Interviewten um die Schließung dieser offenen Stellen. Schließlich folgt die dritte Phase der Bilanzierung () Die eigentätigen Bilanzierungen des Erzählers, aber auch theoretische Kommentare, die durch argumentative Stimuli des Interviewers (Warum-Fragen) angeregt worden sind, werden in dieser Phase erhoben“ (1985, S. 324).

Schütze (1983, S. 285f.) unterteilt diese letzte Phase der Bilanzierung ebenso wie Kromrey (2002) in zwei Arten von Nachfragetypen: Erst wenn die Detaillierungsfragen (Phase 3a), das heisst die Fragen zu Einzelheiten, die nicht deutlich geworden sind bzw. zu denen der Interviewer sich mehr Informationen wünscht, abgearbeitet sind, besteht die Möglichkeit, anhand von vorbereiteten Leitfadenfragen Themen anzuschneiden, die in der Erzählung vielleicht nicht berührt wurden, aber aus einem speziellen Forschungsinteresse heraus für wichtig gehalten werden. Diese Nachfragen heißen bei Schütze (1983) exmanentes Nachfragen (Phase 3b), während Detaillierungsfragen immanente, dass heisst erzählimmanente Nachfragen sind.

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Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638199940
ISBN (Buch)
9783638837880
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14652
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
sehr gut (Kommentar)
Schlagworte
Rolle Interviewers Interviews Methoden Sozialforschung

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