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"Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit" - Untersuchung des Kapitels aus Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft"

Referat (Ausarbeitung) 1999 11 Seiten

Leseprobe

Vorbemerkung

Der inhaltlichen Darstellung des Kapitels "Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit" aus der "Kritik der Urteilskraft" von Immanuel Kant soll die Erwähnung einzelner Aspekte voran­gehen, die mir als Leser dieses Kapitels problematisch erschienen.

Vordergründig sind dies die Aspekte der Vermittlung von Zweck­freiheit einerseits und Zweckgebundenheit andererseits durch den Schönheitsbegriff als eine widerspruchsfreie und eines damit unmittelbar einhergehen­den Verhältnisses von Realitäten, die den einzelnen Erkenntnis­kräften Verstand, Vernunft und Urteilskraft im Sinne der An­schauungsform ihrer jeweiligen Begriffe je zugrunde liegen.

Zweckrationale Neuorientierung(?)

Der Titel des Kapitels Paragraph 59 evoziert in einem ersten Moment den Eindruck, Kant wolle nun doch so etwas wie eine Zweckrationalität, dem der schöne Gegenstand unterworfen ist, einführen, um auf diesem Wege seine bisherigen Reflexionen um diesen Gegenstand zu modifizieren. Denn der schöne Gegen­stand galt ja innerhalb der Kantischen Reflexion bislang als autonom und zweckfrei, dies auf jeden Fall in der Vorstellung, welche sich die Urteilskraft von diesem Gegenstande macht, dessen Urteil sich ohne einem Interesse und ohne einem Begriff vollzieht, eine Urteilskraft, die in diesem Sinne unbedingten Anspruch auf Allgemeingültigkeit ihres Urteils erhebt. Jedoch ist diese realitätsstiftende Vorstellung durch die Urteilskraft eine ästhetische und somit notwendig unterschieden von der, die nach den Zwecken Ausschau hält und nach dem Gesetz des Verstandes sich den Begriff der Schönheit selbst zum Gegenstande erhebt.

In diesem Sinne gilt es zunächst, diese beiden Realitätsebenen von te­leologischer einerseits und ästhetischer Urteilskraft anderer­seits als zwei selbstständige Realitätsvermögen kenntlich zu machen, um den obigen Titel des Kapitels nicht als eine sich in Widersprüche verfangende Kehrtwendung der Kantischen Reflexion mißzuverstehen, sondern als den Übergang des Vollzuges des einen Realitätsvermögens in die andere.

Realität und Anschauung

Die Annahme einer ästhetischen und teleologischen Urteilskraft als ein je spezifisches Vermögen des Menschen, lässt wiederum eine naturgegebene Realität not­wendig erscheinen, zu der beide Urteilskräfte einen jeweils spezifischen Zugang haben und die sich deshalb (für den Menschen) in eine ästhetisch und eine theoretisch fassbare Realität auf­fächert.

Kant bestimmt die Realität der Begriffe als eine durch die Anschauung erst herzustellende, d.h. die Begriffe bedürfen der Versinnlichung, um Realität innezuhaben. Die Ästhetisierung der Begriffe ist zum einen bereits in der Natur vollzogene Ästhetisierung, zum anderen gibt es Begriffe, die in der Natur als reine Anschauungen nicht vor­findbar sind, worunter vornehmlich die reinen Verstandesbegriffe und die Vernunftsbegriffe zu rechnen sind.

In diesem Sinne unterscheidet Kant drei Kategorien von Begriffen, deren jede eine bestimmte Form der Anschauung entspricht:

a) die empirischen Begriffe,
b) die reinen Verstandesbegriffe und
c) die Vernunftsbegriffe (Ideen).

Dem empirischen Begriff ordnet Kant das Beispiel als seine Anschauungsform zu. Diese Anschauungsform ist in erster Linie durch die Erscheinung eines natürlich gegebenen Gegen­standes, auf den der Mensch sich mit Hilfe des Begriffs referenziell beziehen kann, gegeben. Ein natürlich gegebener Gegenstand steht in diesem Sinne stellvertretend und als ein Beispiel für alle die Gegenstände, den der Begriff allgemein bezeichnet. Andererseits ist aber auch dieser natürlich gege­bene Gegenstand die eigentliche Form der Anschauung, die po­tentiell die Anschauungsform von Verstand und wahrscheinlich auch die der Vernunft enthält. So kann die Anschauung der Sonne beispielsweise als die natürliche Repräsentation des Begriffs aufgefasst werden, andererseits kann über dieselbige Anschauung auch konstatiert werde, dass die Sonne ein kreisrunder Körper, mithin eine Anschaungsform des Verstandes konfiguriert und schließlich kann die natürliche Anschauung dieses Himmelskörpers ‚gedankliche Höhenflüge’ evozieren, die die Begriffe der Vernunft an einem bestimmten Punkt einfordern, nämlich dann, wenn beispielsweise die Sonne als ein Gleichnis oder als eine Allegorie für eine Idee der Vernunft aufgefasst wird..

Dem reinen Verstandesbegriff ordnet Kant das Schemata als Anschauungsform zu.

Darunter sind m.E. vorwiegend geometrische Figuren zu verstehen, die nach bestimmten Regeln des Verstandes konstruiert sind. Überhaupt bleibt anzunehmen, dass es die Konstruktion ist, die im Sinne anschaulicher Modelle theoretischer Überlegungen, konstitutiv für diese Anschauungs­formen des reinen Verstandes sind.

Dem Vernunftsbegriff fehlt nach Kant dagegen die Anschauungs­form vollständig. Dieser Begriff kann nur auf dem Umwege der Analogie bzw. der symbolischen Darstellung zur Anschauung ge­langen, wie z.B. die Sittlichkeit nicht unmittelbar, jedoch nach Kant vermittelt durch die Schönheit symbolisch angeschaut werden kann.

Da der empirische Begriff lediglich des gegenständlichen Bei­spiels bedarf, um angeschaut zu werden, ist ihm die Notwendig­keit seiner Darstellung zwecks Erhellung seiner ihm eigentüm­lichen Realität nicht immanent, während der reine Verstandes­begriff und der Vernunftsbegriff empirisch nicht unmittelbar gegeben ist, somit die Freisetzung ihrer Realität notwendig an die Hervor­bringung ihrer Anschauung gebunden bleibt.

Intuitive Vorstellungsart

Die Darstellung von reinen Verstandesbegriffen und Vernunfts­begriffen bestimmt Kant als eine intuitive Vorstellungsart, dies insofern, als diesen Begriffen apriori eine Anschauung unterlegt werden. Diese Zuordnung von Begriff und Anschauung kann empirisch der Natur nicht abgeschaut werden und setzt in diesem Sinne die Intuition voraus.

Entsprechend dem schematisierenden Vermögen des Verstandes bezeichnet Kant die Anschauung der Verstandesbegriffe als Sche­mata. Entsprechend dem Vermögen der Urteilskraft, sowohl die je besondere Regel aus einem beobachteten Vorgang zu erkennen, als auch den Vorgang aufgrund einer Regel bestimmen zu können und auf andere Fälle zu übertragen, bezeichnet Kant die Anschau­ung der Vernunftsbegriffe als Symbole, dies insofern, als das Symbol auf die Übertragung einer bestimmten Regel der Reflexion eines bestimmten Begriffs auf einen ganz anderen, angewiesen ist.

Es erweist sich somit das Schemata als eine direkte und das Symbol als eine indirekte Darstellung bzw. Anschauung des Be­griffs, wobei das erstere den reinen Verstandesbegriff demonstriert und das Symbol den Vernunftsbegriff quasi paraphrasiert, indem ein anderer Begriff zur Darstellung gelangt, der mit der Regel der Reflexion des Vernunftsbegriffs konform geht. Kant de­monstriert dies anhand eines Beispiels, in welchem der despo­tische Staat zum einen mit einem beseelten Körper und zum an­deren mit einer Handmühle verglichen wird, um über dem Wege der Identität ihrer Regel in der Reflexion den Staat zum einen zu symbolisieren, wie er nach inneren Volksgesetzen und zum anderen, wie er als ein despotisch regierter aussieht.

In diesem Zusammenhang weist Kant auf die Konsequenz hin, welche die Verwechslung von Schemata und Symbol im Sinne zweier möglicher Einstellungen in der nach Erkenntnis ausgerichteten Betrach­tung nach sich zieht. So würde beispielsweise die Erkenntnis, die wir von Gott als einen der Vernunft entstammenden Begriff haben, als eine schematisch (und nicht symbolisch) genommene, in den Anthropomorphismus führen. Der Begriff Gott würde gleich­sam zu einer leeren Hülse geraten, statt seiner würden wir den Menschen in einem Zustand der Vollkommenheit vor uns haben. Aber auch dieser Zustand der Vollkommenheit ist ein Vernunfts­begriff, der seinerseits nur symbolhaft aufgefüllt zu werden vermag. In diesem Sinne hätte die Unmöglichkeit der Intuition und mit ihr die Unmöglichkeit des symbolhaften Erkennens die Erkenntnislosigkeit schlechthin zur Folge.

In diesem Sinne schreibt Kant: "... so ist unsere Erkenntnis von Gott bloß symbolisch, und der, welcher sie mit den Eigenschaften Verstand, Wille usw., die allein an Weltwesen ihre objektive Realität beweisen, für schematisch nimmt, gerät in den Anthro­pomorphismus, so wie, wenn er alles Intuitive weglässt, in den Deism, wodurch überall nichts, auch nicht in praktischer Absicht erkannt wird ...".1

Schönheit und Sittlichkeit

Kant macht nunmehr den entscheidenden Schritt und bestimmt das Schöne als das Symbol des Sittlichen. Damit hat Kant m.E. eine formale Bestimmung jenes materialen Überhangs vorgenommen, der in Form des Anspruchs auf allgemeine Gültigkeit des ästhetischen Urteils das intellegible Moment zum eigentlichen Inhalt hat. Dieses Intellegible hat nunmehr einen Begriff, nämlich den Vernunftsbegriff des Sittlichen, auf welchem der Geschmack hinaussieht, jedoch nicht als ein Schemata (denn dies würde bedeuten, dass der Gegenstand als ein sittlicher gefällt), sondern als ein Symbol.

Um nunmehr diese Bestimmung verstandesmäßig weiter auszubauen, macht Kant, wie er es vorher schon am Beispiel von "despoti­schem Staat und Handmühle" demonstriert hat, auf Analogien zwischen den Regeln der Reflexion, wie sie einerseits dem Be­griff der Schönheit und andererseits dem Begriff der Sittlich­keit immanent sind, um die möglicherweise noch offenen Fugen zu schließen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu guter Letzt benennt Kant noch die Form der Sprache, die versucht den schönen Gegenstand zu benennen, als eine die Sitt­lichkeit selbst umspannende und macht in diesem Sinne auf die dem gemeinen Verstande wohl selbstverständliche Art aufmerksam, Schönheit und Sittlichkeit als ineinander verwoben zu reflek­tieren, weshalb nach Kant der Geschmack "... gleichsam den Über­gang vom Sinnenreiz zum habituellen Interesse ohne einen zu gewaltigen Sprung ...“2 beschreibt.

[...]


1 Kant, 5.21

2 Kant, S.215

Details

Seiten
11
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783640581092
DOI
10.3239/9783640581092
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Erscheinungsdatum
2010 (März)
Note
"mit gutem Erfolg"
Schlagworte
Ästhetik Ethik Kunsttheorie

Autor

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Titel: "Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit" - Untersuchung des Kapitels aus Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft"