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Anwendung von Selkirks theoretischem Rahmen für Affigierung auf die deutsche und französische Sprache

Hausarbeit 1995 31 Seiten

Romanistik - Fächerübergreifendes

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Darstellung des theoretischen Rahmens Olsens/Selkirks
1.1. Einleitung und Lexikoneintrag für das Affix -er

2. Genauere Betrachtung der Kategorialen Charakterisierung

3. Genauere Betrachtung des Subkategorisierungsrahmens

4. Genauere Betrachtung der Semantischen Charakterisierung
4.1. Regelhafte Operationen auf der Argumentstruktur der Basis- kategorie
4.1.1. Die Argumentvererbung vom Verb über die -er-Suffigierung zum Derivat
4.1.2. Objektstellenbesetzung durch Bildung von Rektionskomposita
4.1.3. Transparentheitsthese vs. Fakultativitätsthese
4.1.4. Akzeptabilitätsempfinden des Native Speaker
4.1.5. Weltwissen, Stereotypenbildung und Usualisierung
4.1.6. Applizierbarkeit des Theta-Kriteriums
4.2. Deutung
4.2.1. Deutung als Agens und/oder Instrument
4.2.2. Deutung als professionelle oder habituelle Tätigkeit

5. Anwendung der Theorie Olsens/Selkirks auf das Französische
5.1. Lexikoneintrag für die Affixe -eur/-ateur

6. Genauere Betrachtung der KC

7. Genauere Betrachtung des SK

8. Genauere Betrachtung der SC
8.1. Regelhafte Operationen auf der Argumentstruktur der Basiskategorie
8.1.1. Argumentvererbung vom Verb über die -eur/-ateur-Anbindung zum Derivat
8.1.2. Besetzung der Objektargumentstelle durch Bildung von präpo- sitionalen Komposita
8.1.3. Weltwissen, Stereotypen, kontextuelles Schließen der Objekt- stelle und Usualisierung
8.1.4. Akzeptabilitätsempfinden des Native Speaker
8.1.5. Applizierbarkeit des Theta-Kriteriums
8.2. Deutung
8.2.1. Deutung als Agens und/oder Instrument
8.2.2. Deutung als professionelle oder habituelle Tätigkeit

9. Abschließende Bemerkung

10. Literaturverzeichnis

Abstract

In dieser Hausarbeit möchte mich besonders mit den theoretischen Rahmen E. Sel- kirks zur Affigierung befassen. Dazu dient eingangs die Erarbeitung S. Olsens Af- fixtheorie, bei der sie im Rahmen Selkirks arbeitet und deren Modell auf die deut- sche Sprache anwendet. Nach genauerer Ausführung mit Beispielen zur deutschen

Suffierung möchte ich dann in einem weiteren Schritt die Anwendbarkeit von Sel- kirks Rahmen auf die französische Sprache überprüfen. Hierbei werde ich mih spe- ziell den -eur/-ateur-Suffigierungen widmen. Ziel soll es sein, die Problematik der Übertragbarkeit eines theoretischen Modells auf eine andere Sprache zu erkennen, Argumentationslücken aufzudecken und abschließend Vorschläge zur Problemlö- oder eigene Ideen zum Thema zu formulieren.

Mir erscheint es wichtig, nochmals im Vorweg zu sagen, daß es sich in dieser Arbeit

nicht im besonderen um Selkirks Affixmodell handelt, welches sie zunächst an ih- rer Muttersprache, Englisch, erarbeitet hat. Sondern es wird hauptsächlich Selkirks

Theorie durch Olsens Anwendung auf die deutsche Sprache erarbeitet werden. Das

Verstehen des Selkirkschen Modells soll dann befähigen, es auch auf eine andere

Sprache in der Anwendung zu überprüfen, in diesem Fall auf die französische Sprache.

An einigen Stellen meiner Arbeit werden noch andere Autoren Erwähnung finden,

sei es, um geeignete Hilfestellungen zur Beschreibung eines Problems zu liefern oder

ihrer abweichenden Meinung Rechnung zu tragen.

1. Darstellung des theoretischen Rahmens von Olsen/Selkirk

1.2. Einleitung und Lexikoneintrag für das Suffix -er

dann für die deutsche Affigierung zugrunde und überprüft ihn anhand von Beispielen.

Nach Olsen (1986; S. 75 ff.) sieht der theoretische Rahmen für Affixe wie folgt aus:

Zunächst gelten Affixe für sie als lexikalische Einheiten mit einem voll spezifizierten

Lexikoneintrag.1 Hier gibt es also keinen Unterschied zu den „freien“ lexikalischen

Einheiten einer Sprache. Dieser Lexikoneintrag umfaßt die phonologische Charakte-

risierung (PC), die kategoriale Charakterisierung, den Subkategorisierungsrahmen

(SK) sowie die semantische Charakterisierung (SC). In Bezug auf sogenannte Argu-

mentstrukturen ist zu sagen, daß, ausgehend von diesem theoretischen Rahmen, Affi-

xe keine eigene Argumentstruktur besitzen, sie allerdings die Vererbung der Argu-

mentstruktur der Basiskategorie an das gebildete Wort (Derivat) beeinflussen.2 Zur

Wortbildung werden geeignete Wortstrukturregeln benötigt, mit deren Hilfe dann die

morpholexikalische Einsetzung der Affixe geschehen kann. Dazu später nähere Erläu-

terungen. Betrachten wir zur Verdeutlichung des Suffix -er im Deutschen, um den

theoretischen Rahmen darzustellen. Das Derivationssuffix -er dient im Deutschen

hauptsächlich der Bildung von Nomina agentis und auch Nomina instrumenti. Der

Lexikoneintrag sieht nach Olsen folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Eintrag sagt also auf den ersten Blick, daß -er ein Suffix ist, welches sich mit

Verben verbinden (siehe SK) und Nomina bildet (siehe KC). Es ist hier die Bildung

von agentivischen genauso wie auch instrumentellen Nomina möglich. Semantisch

bezeichnet das entstandene Derivat ein Agens oder Instrument, das die Handlung des

Basisverbs ausführt (oder fähig ist, jene auszuführen). Das Subjektargument ist bei

dieser Bildung durch -er gebunden4, während die Besetzung des Objektarguments

noch vorzunehmen ist (siehe SC). Nach dem obigen Lexikoneintrag ist die Sättigung

des Objektarguments obligatorisch und somit auch affixspezifisch. Dazu werde ich

bei der Bearbeitung jedes einzelnen Punktes des Lexikons noch genauere Untersu-

chungen anstellen. Auf die phonologische Charakterisierung, zu der sicherlich auch

einige Aspekte zu benennen wären, möchte ich in dieser Arbeit aus Platzgründen

nicht weiter eingehen. Interessierten Lesern möchte ich dazu die Lektüre von Sel-

kirk empfehlen (1982; S. 63).

2. Genauere Betrachtung der KC

Aus dem Lexikoneintrag kann man entnehmen, daß das -er-Suffix ein nomenbilden-

des Affix ist (Naf). Damit dieses tatsächlich zur Bildung neuer Wörter herangezogen

werden kann, muß nach Olsen die lexikalische Komponente der Grammatik eine Wort-

strukturregel zur Verfügung stellen, welche Wortstrukturen in Übereinstimmung mit

dem grammatischen Regelsystem erzeugt, in denen die Kategorie Xaf vorkommt. Im

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutschen wird diese Suffigierungsregel folgendermaßen angezeigt: X Y Xaf.

Diese Regel zeigt, daß im Deutschen generell der Kopf (die Kopfkonstituente) rechts

steht, man spricht auch von der Right-hand-Head-rule (RHR)5. Bei diesen Suffixbil-

dungen bildet allem Anschein nach das Suffix Xaf den Kopf. Als Beleg kann man her-

anziehen, daß (s. o. angegebene Suffigierungsregel) es nicht der Schwesterknoten ist,

der die Kategorie an den dominierenden Knoten weitergibt. Somit kann nur das Suf-

fix für die Kategorievererbeung verantwortlich sein. Stellt Xaf den Kopf dieser Kon-

struktion dar, überträgt er auch morphosyntaktische Merkmale auf den dominierenden

Knoten X. Olsen spricht hierbei von Perkolation, dem Durchsickern von Merkmalen.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Genauere Betrachtung des SK

Der Subkategorisierungsrahmen legt die Distribution eines Affixes fest. In unserem

zuvor aufgestellten Lexikoneintrag gibt der SK an, daß sich das Suffix -er ausschließ-

lich mit Verben verbindet. Durch diese Bindung mit vorangestellten Verben bildet es

Nomina. Mit Hilfe dieser Informationen können wir die Wortstrukturregel konkreti-

sieren. So wird aus dem Schema X Y Xaf in diesem konkreten Beispiel X V Naf.

4. Genauere Betrachtung der SC

4.1. Regelhafte Operationen auf der Argumentstruktur der Basiskategorie

4.1.1. Die Argumentvererbung vom Verb über die - er-Suffigierung zum Derivat

Wie schon ganz zu Anfang gesagt, hat nach Olsen ein Affix keine eigene Argument-

struktur, es beeinflußt allerdings die Vererbung derjenigen der Basiskategorie, hier

der des Verbs. An den folgenden Bispielen soll dieser Vorgang veranschaulicht wer-

den. Dabei wird die Argumentstruktur des Basisverbs vollständig oder in veränder-

ter Form übernommen. In Anlehnung an Toman (1983) spricht Olsen von Argument-

vererbung. Teil der Semantik ist also eine regelhafte Operation, welche auf der Argu-

mentstruktur des Basisverbs erfolgt und bewirkt, daß bei der Verkettung von V + - er

das Subjektargument des V von - er gebunden und das Objektargument, wei es die

Struktur der Basis verlangt, an das Derivat vererbt wird.

Dazu betrachtet Olsen zunächst die Argumentstruktur (AS) des Basisverbs.

Das Derivationsaffix - er verbindet sich häufig mit transitiven Verben wie z.B. wa-

schen, beringen, hemmen, verteilen.

Jedes Verb hat eine eigene Argumentstruktur, welche im Theta-Raster deutlich wird.7

Kurz zusammenfassend kann man sagen, daß transitive Verben in der Regel zwei The-

ta-Rollen aufweisen, die externe und interne Theta-Rolle. Die externe Theta-Rolle for-

dert ein Subjektargument, die interne ein Objektargument.

„hemmen“ Instrument (Subjektargument, externe Theta-Rolle)

Thema (Objektargument, interne Theta-Rolle)

Das Verb „hemmen“ hat zwei Theta-Rollen (interne und externe) und somit müssen

Subjektargument- und Objektargumentstellen bei der Verwendung dieses Verbes ge-

sättigt werden. Wirft man einen Blick auf die Syntax, werden die zu besetzenden Ar-

gumentstellen noch einleuchtender: das Medikament hemmt den Appetit. „Das Medi-

kament“ sättigt das Subjektargument und „Appetit“ das Objektargument. Dies läßt

erkennen, daß es gewisse Zusammenhänge zwischen Syntax und Morphologie gibt,

auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte (s. 4.1.5. Applikation des

Theta-Kriteriums). Bildet man nun das Derivat aus dem Verb und dem Derivations-

suffix, ergibt sich folgendes für *„Hemmer“:

*„Hemmer“ Instrument (gebunden durch - er)

Thema (bleibt ungesättigt)

Bei der Bildung von *„Hemmer“ wird das Subjektargument von dem Suffix - er ge-

bunden, die Stelle des Objektarguments ist allerdings unbesetzt geblieben. Da Olsen

davon ausgeht, daß die Vererbung des Objektarguments obligatorisch geschehen muß

(nähere Erläuterungen sie Abschnitt 4.1.3.), gilt dieses Wort *„Hemmer“ demnach

als nicht wohlgeformtes Wort. Ungrammatische Wörter wie dieses werden mit einem

Sternchen gekennzeichnet. Auch ist zu erkennen, daß die Argumentstruktur nicht

komplett übernommen und an das Derivat weitergegeben wird, denn auf dem Weg

der lexikalischen Einsetzung von - er wird die interne Theta-Rolle (Subjektargument)

schon gebunden.

Argumentstruktur. Für meine Arbeit übernehme ich ihre Beschreibungen, ohne

auf die Unterschiede genau einzugehen.

Genauso ist auch die Beobachtung bei z.B. „Teilnehmer“. Die Argumentstruktur

von „teilnehmen“ verlangt ein Objekt- und ein Subjektargument. Bei der Derivat-

bildung wird dann das Subjektargument wieder durch - er gebunden und das Ob-

jektargument als zu besetzende interne Theta-Rolle an das Derivat vererbt. Das ge-

bildete Wort *„Teilnehmer“ sättigt allein eben nicht das Objektargument und gilt

damit nach Olsen als ungrammatisch. Nach Olsen ist bei der Derivatbildung mit

dem Suffix - er in Verbindung mit transitiven Verben, wie es auch „teilnehmen“

und „hemmen“ sind, die Besetzung des Objektarguments von großen Interesse. Sie

spielt eine zentrale Rolle in ihrer Bearbeitung des gesamten Suffixthemas. Ihre so-

genannte „Transparentheitsthese“ besagt, daß die Besetzung der Objektstelle ein-

deutig obligatorisch stattfinden muß. zu der Transparentheitsthese und der Fakul-

tativitätsthese, die einige andere Autoren ihr entgegensetzen, gehe ich später ein.

4.1.2. Objektstellenbesetzung durch Bildung von Rektionskomposita

Die Besetzung der Objektargumentstelle geschieht bei Olsen durch die Bildung ei-

nes Rektionskompositums. Bei Rektionskomposita (auch synthetische Kompositio-

nen genannt) handelt es sich um ein Kompositum, dessen zweite Konstituente aus

einem transitiven Verb abgeleitet ist (z.B. das Derivat „Hemmer“ ist von dem tran-

sitiven Verb „hemmen“ abgeleitet), welches der Ergänzung einer ersten Konstituen-

te (hier: Nomen) bedarf. Zwischen diesen beiden Konstituenten entsteht eine gram-

matische Rektion, welche zur Deutung eines Kompositums dient. Grundsätzlich ha-

ben Rektionskomposita nur eine Möglichkeit der Interpretation, und diese entsteht

durch die Vererbung der internen Objektargumentstelle.

Ein Beispiel zur Besetzung der Objektargumentstelle liefert das Rektionskomposi-

tum „Appetithemmer“. Der erste Schritt ist die Bildung des Derivats „Hemmer“, ab-

geleitet von „hemmen“, bei dem das Subjektargument durch - er gebunden ist. Nun

wird als zweiter Schritt die Objektargumentstelle durch „Appetit“ gesättigt, indem

diese Konstituente als erste vorangestellt wird. Es kommt also zur Bildung eines

Rektionskompositums, und zwar „Appetithemmer“. „Appetit“ und „Hemmer“ ste- hen hier in einer grammatischen Relation. Man kann z.B. formulieren: der Hemmer

des Appetits. Dabei liefert „Appetit“ eine nähere Erklärung zu „Hemmer“. Somit

[...]


1 Anders bei Scalise (1988), dort haben Affixe keinen eigenen Lexikoneintrag.

2 neuere Diskussionen: Lieber wendet sich dagegen, Argumentvererbung über

Perkolation zu erfassen (1992; S. 86 - 99/ S. 116 ff.)

3 Selkirks Lexikoneintrag ist nur minimal abweichend, indem sie den PC als letzten Punkt im Lexikon aufführt (1982; S. 64)

4 Olsen benutzt den Begriff „gebunden“ nicht. Bei ihr würde es heißen, das Subjektargument muß nicht besetzt werden

5 Die RHR trifft nicht auf alle Sprachen zu, zum Beispiel ist sie nur für eine Teilmente der französischen Komposita zutreffend.

6 vgl. Selkirk (1982; S. 74 ff.)

Weitere Informationen zum Thema Kopf bietet Scalise (1988; S. 230)

7 Olsen differenziert in ihrer Abhandlung nicht genau zwischen Theta-Raster und

Details

Seiten
31
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638199971
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14655
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Romanisches Seminar
Note
2
Schlagworte
Anwendung Selkirks Rahmen Affigierung Sprache Meyer Linguistik-Seminar Wortbildung Französischen Italienischen Sicht

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Titel: Anwendung von Selkirks theoretischem Rahmen für Affigierung auf die deutsche und französische Sprache