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Interkulturelles Lernen im Geographieunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Didaktik d. Geographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Eine Begriffsbestimmung „Interkulturelles Lernen“

3. Die Entwicklung hin zum interkulturellen Lernen

4. Die Entwicklung des interkulturellen Lernens im Geographieunterricht

5. Interkulturelles Lernen heute - Ein Auszug aus der Praxis

6. Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Interkulturelles Lernen ist ein Thema, das in unserer heutigen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt. Die Welt wächst im Sinne der Globalisierung immer enger zusammen. Expatriates leben auf der ganzen Welt verteilt, um in fremden Ländern für ihre Firmen und Auftraggeber zu arbeiten. Sie müssen dabei mit der ihnen meist fremden Kultur zurecht kommen und mit den Menschen dort arbeiten. Dieses Phänomen wird in Zukunft noch weiter zunehmen und darauf müssen die Schülerinnen und Schüler von heute vorbereitet werden. Doch nicht nur unsere Arbeitswelt und Geschäftspartner befinden sich zunehmend im Ausland. Es kommen auch viele Menschen nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Dies ist besonders mit der EU-Osterweiterung augenscheinlich geworden. Die EU sorgt für einen europaweiten Arbeits- und Bildungsmarkt, in dem sich über 400 Millionen Menschen verschiedener Kulturen frei bewegen können. Europapolitik bestimmt mittlerweile einen großen Teil der nationalen Politik und damit unser Leben. Im Europaparlament müssen 27 europäische Länder miteinander verhandeln. Dies bedarf einer interkulturellen Bildung. Außerdem leben in Deutschland auch noch viele andere Menschen mit Migrationshintergrund. Seit den 1960er Jahren hat sich Deutschland zu einem Einwanderungsland gewandelt (vgl. Budke 2008: 13-15) und seit dem ziehen jedes Jahr mehr Menschen nach Deutschland als es Menschen verlassen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes lebten 2006 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Viele Klassenzimmer in Deutschland sind vom Bild vieler verschiedener Ethnien geprägt und die Schülerinnen und Schüler wachsen zusammen mit anderen als nur der deutschen Kultur wie selbstverständlich auf. Dennoch es ist gerade deshalb wichtig, den Schülerinnen und Schülern ein interkulturelles Verständnis beizubringen, damit sie mit diesen anderen Kulturen besser interagieren können und es zu keinen kulturellen Missverständnissen kommt. Dies gilt natürlich ebenso für die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.

In diesem Sinne versucht diese Arbeit die Geschichte des interkulturellen Lernens in Deutschland im Allgemeinen und im Geographieunterricht im Speziellen zu reflektieren. Anschließend wird versucht die heutige Situation des interkulturellen Lernens in der Praxis des Geographieunterrichts widerzuspiegeln.

2. Eine Begriffsbestimmung „Interkulturelles Lernen“

Interkulturelles Lernen beschreibt die Interaktion mit einer fremdkulturellen Umwelt. Dies ist als ein Prozess zu verstehen, der eine Veränderung im Erleben und Verhalten zustande bringen soll. In Verbindung mit interkulturellem Lernen werden oft auch die Begriffe „interkulturelle Erziehung“ und „interkulturelle Bildung“ verwendet. Dabei kann der Prozess wie auch das Resultat dieses Prozesses gemeint sein. Das Ergebnis soll eben sein, dass die Lernenden diesen Prozess erfolgreich umsetzen und die andauernde Fähigkeit ausbilden, mit Mitgliedern anderer Kulturen interagieren zu können (Grosch & Leenen 1998: 29).

Eine weitere Definition bringt interkulturelles Lernen noch konkreter mit dem Unterricht in Verbindung und lautet: „Interkulturelles Lernen ist ein Unterrichtsprinzip, eine besondere Art des Umgangs mit dem Fremden und Andersartigen, das nicht auf einzelne Unterrichtseinheiten beschränkt bleiben kann“ (Rother 1995:8). Demnach sollte interkulturelles Lernen fächerübergreifend unterrichtet werden und vielleicht sogar in das Leitbild der Schule integriert werden. Fächer, die sich hier besonders anbieten, sind zum einen die Fremdsprachen, da hier besonders authentisch in der Sprache eines anderen Landes kommuniziert wird und dann die gesellschaftspolitischen Fächer, allen voran die Geographie, die sich mit anderen Ländern und Kulturen befasst. Hier muss allerdings eines beachtet werden. Interkulturelle Erziehung und Bildung ist „nicht gleichzusetzen mit kultur- oder landeskundlicher Bildung im Sinne des Erwerbs von Kenntnissen über die anderen Länder und Kulturen“ (Krüger-Potratz 2005:31). Ein klassischer Geographieunterricht führt also nicht automatisch zu interkultureller Bildung.

Wie beschrieben sollte interkulturelles Lernen als ein andauernder Prozess verstanden werden, bei dem die erworbenen Kompetenzen ständig erweitert werden. Dieser Prozess des interkulturellen Lernens kann wiederum in verschiedene, meist auf sich aufbauende Stadien unterteilt werden. Zu Anfang steht der Ethnozentrismus, welcher ein natürliches Verhalten von Menschen darstellt. Dies bezeichnet, dass die Menschen sich selbst und ihre Gruppe für mehr Wert halten als andere Menschen, die nicht zu ihrer Gruppe gehören. Dies gilt es zu durchbrechen. Das kann dadurch geschehen, dass auf Fremdes aufmerksam gemacht wird und damit bewusst gemacht wird, was es sonst noch auf der Welt gibt. Gleichzeitig sollte hier nicht nur auf Unterschiede hingewiesen werden, sondern auch auf die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kulturen aufmerksam gemacht werden. Dabei darf vor allem die eigene Kultur nicht vergessen werden. Ist dies soweit geschehen, besteht das nächste Stadium darin, diese fremde Kultur mit ihren Differenzen und Gemeinsamkeiten zu akzeptieren und zu respektieren. Danach sollten eine Bewertung und eine Beurteilung erfolgen, bei der die oder der Lernende sich die Stärken und Schwächen der anderen, aber auch der eigenen Kultur vor Augen führt und dies in sein Wertesystem einordnet. Das letzte Stadium liegt nun in einer selektiven Aneignung von diesen neu gewonnen Einstellungen. Der oder die Lernende sollte sich nun entsprechend der gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen verhalten (vgl. Rinschede 2005: 196,197).

Nach Essinger ist interkulturelle Bildung auch eine Erziehung zu einer Weltzivilisation. Aber um diese zu erreichen, müssen fünf Prinzipien erfüllt werden. Diese Prinzipien beziehen sich auf einzelne Ziele der Erziehung, nämlich die Erziehung zur Empathie in andere Kulturen, Erziehung zur Solidarität, Erziehung zum kulturellen Respekt, zur Wertschätzung der Andersartigkeit und des Fremden, Erziehung zum Universalismus, also gegen das Nationaldenken, Überwindung des Ethnozentrismus und Erziehung gegen Rassismus. Als Ziel steht dann das nach Essinger höchste Ziel der Menschheit, nämlich dass die Lernenden zu humanistischen Erkenntnissen gekommen sind und sich humanistische Verhaltensweisen angeeignet haben. Dies entspräche einer Weltzivilisation und würde das Überleben der Menschheit sichern (1991: 17).

Warum interkulturelles Lernen heute so wichtig ist, zeigen drei verschiedene politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Zum einen ist dies die internationale Migration und hier ist Deutschland als Zuwandererland besonders betroffen. Des Weiteren trägt die europäische Einigung zu vermehrtem Kontakt mit „Fremden“ bei und auch hier, als größter Arbeitsmarkt Europas, ist Deutschland wieder sehr gefragt. Als dritter Punkt ist das Zusammenwachsen der Märkte, Länder und Gesellschaften, also die Globalisierung zu nennen (Krüger-Poratz 2005: 15). Auernheimer sieht dies sehr ähnlich und beschreibt drei Herausforderungen und Anlässe für die interkulturelle Erziehung, die im Prinzip dasselbe aussagen: „Erstens die innergesellschaftliche, vor allem migrationsbedingte, Multikulturalität, zweitens die Vereinigung Europas mit seinen unterschiedlichen Sprachen, Traditionen und Kollektivgeschichten, drittens die Herausbildung der Weltgesellschaft mit ihrer kulturellen Vielfalt, mit der Tendenz zu kulturellen Grenzziehungen einerseits und dem Zwang zu Kooperation und zum interkulturellen Dialog andererseits“ (2007: 9). Er spricht hier die Multikulturalität an, die schon im eigenen Land, im Prinzip vor der Haustür, anzutreffen ist. Interkulturelle Kompetenz ist also nicht nur wichtig, wenn fremde Länder bei Reisen, Arbeits- oder Studienaufenthalten besucht werden, sondern vor allem auch, um zu Hause ein friedliches Miteinander zu ermöglichen.

3. Die Entwicklung hin zum interkulturellen Lernen

Bis sich die Idee des interkulturellen Lernens durchsetzte, war es ein langer Weg. Anfang der 80er Jahre war erstmals von „interkultureller Erziehung“ die Rede. Dies war die Zeit in der schon die Kindergeneration der Gastarbeiter in die deutschen Schulen ging, aber trotzdem waren die Bemühungen zu einer interkulturellen Erziehung nur halbherzig und wenig effektiv. Ein Problem war, dass die meisten Migranten zu diesem Zeitpunkt in Deutschland, anders als in den USA oder Großbritannien, noch keine staatsbürgerlichen Rechte besaßen und somit es auch nicht riskierten ihrem Unmut über die unzureichende Bildung ihrer Kinder Luft zu machen (vgl. Auernheimer 2007: 34).

W. Nieke hat die Entwicklung des interkulturellen Lernens seit den 1980er Jahren beobachtet und diese in Phasen unterteilt. Im Laufe der Zeit hat er ständig neue Phasen, den ursprünglich nur drei, hinzugefügt. Diese sind „I. Gastarbeiterkinder an deutschen Schulen: `Ausländerpädagogik als Nothilfe`, II. Kritik an der `Ausländerpädagogik`, III. Konsequenzen aus der Kritik: Differenzierung von Förderpädagogik und interkultureller Erziehung, IV. Erweiterung des Blicks auf die ethnischen Minderheiten, V. Interkulturelle Erziehung und Bildung als Bestandteil von Allgemeinbildung und VI. Neo-Assimilationismus“ (2008: 13-14). Diese Phasen sind chronologisch geordnet und entsprechen in gewisser Maßen der Migrationsgeschichte in die Bundesrepublik. Diese wird im Folgenden etwas näher beleuchtet.

In den 1960er Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Die meisten waren jung und kamen alleine. Nur wenige brachten ihre Familien mit, da sowohl sie selbst wie auch die staatlichen Institutionen in Deutschland davon ausgingen, dass die Arbeiter, nachdem sie genug verdient hatten, wieder nach Hause gingen. Es kamen also nur wenige ausländische Kinder nach Deutschland und ihnen wurde demnach auch wenig Beachtung geschenkt. Lediglich die Schulpflicht wurde auf sie ausgeweitet, aber ansonsten gab es keine Auswirkungen auf die Pädagogik. Auch in der Bildungsreformdebatte der 1960er und 70er Jahre fanden die Gastarbeiterkinder keine Beachtung. Selbst als in den 1970er Jahren immer mehr Familien nach Deutschland nachzogen, wurde hier wenig geändert, da immer noch davon ausgegangen wurde, dass die Familien bald wieder in ihre Heimat ziehen würden. Das Problem drängte sich aber immer weiter auf. Dies führte dazu, dass die Sprachbarrieren der Migrantenkinder abgebaut werden sollten und deren soziale Integration zentrale Themen der Bildungsdebatte wurden. Das Thema der Sprachschwierigkeiten der Migrantenkinder war dann auch ein wichtiges Thema in den 70er Jahren, zu dem viel Literatur publiziert wurde. Hier wurde also ins besondere der Fremdsprachenunterricht angesprochen. Dabei sollten die Migrantenkinder vor allem Deutsch lernen, um am kompletten Unterricht teilnehmen zu können, während durch Ergänzungsunterricht durch Muttersprachler in ihrer Muttersprache die Rückkehr in ihre Heimat offen gehalten werden sollte. Dies stellte eine Doppelstrategie dar, nämlich die schulische Integration bei gleichzeitiger Wahrung der kulturellen Identität. Doch die meisten Migranten entschlossen sich dazu in Deutschland zu bleiben und Ende der 1970er und Anfang der 80er Jahre strömten immer mehr Kinder der Gastarbeiter auf den Arbeitsmarkt, so dass dieser sich nun verstärkt mit diesem Thema beschäftigen musste und Forderungen an Bildung und Politik stellte. Die `berufliche Bildung` spielte nun eine wichtige Rolle und rückte auf der Agenda weit nach vorne. Da es auch für die Politik wichtig war, die zweite Generation der Migranten in die Arbeitswelt einzubringen, zog dies Forschungsgelder an. In den 1980er Jahren wuchs schließlich die Einsicht, dass Deutschland von einem „Land für Gastarbeiter“ zu einem Einwanderungsland geworden ist. Dieses Wort impliziert, dass die Migranten dauerhaft in Deutschland bleiben wollten und auch staatsbürgerliche Rechte, wie Einbürgerung, kommunales Wahlrecht und anderes, bekommen sollten. Doch diese Rechte blieben ihnen weiterhin verwehrt. Es war nun klar, dass ethnische Minderheiten einen dauerhaften Bestandteil der multikulturellen Gesellschaft darstellten und berücksichtigt werden mussten. Dem Problem wurde sich auch angenommen, allerdings mussten dafür Grundsatzfragen zum Kulturbegriff angegangen werden. Es wurde nun zwischen der Herkunftskultur und der Migrantenkultur unterschieden. Auf letztere wurde sich konzentriert, da die Migranten in Deutschland anders lebten als in ihrer Heimat davor. Es entwickelten sich kontroverse Linien. Die eine Gruppe von Wissenschaftlern sah das Problem der Migranten nahezu ausschließlich in den fehlenden Rechten und Diskriminierung. Gleichzeitig sahen sie hier aber auch einen Weg zur Lösung der Probleme. Die andere Gruppe, die sich schließlich auch durchsetzte, sah die Lösung in einer Erziehung zum interkulturellen Verständnis. Dadurch sollten Diskriminierung und Benachteiligung abgebaut werden und die Verständigung zwischen den Kulturen belebt werden. Eine weitere Meinung, die aber keine Chance zur Durchsetzung in dieser Zeit hatte, waren Vertreter der Migranten, die eine stärkere Berücksichtigung der Muttersprache forderten (Auernheimer 2007: 34-40).

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Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640556304
ISBN (Buch)
9783640556434
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146619
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2.0
Schlagworte
Interkulturelles Lernen Geographieunterricht

Autor

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Titel: Interkulturelles Lernen im Geographieunterricht