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68er als sprachhistorisches Ereignis

Die Sprache der 68er

von Sylvia Meier (Autor)

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 Die politischen Verhältnisse in der BRD um 1968
2.2 Studentenbewegung/ -revolte (Gesellschaftskritik)

3. Die Sprache der 68er
3.1 Die Sprache der APO
3.1.1 Sprachkritik
3.2 Die Sprache der SPD
3.2.1 Kampf um Wörter
3.2.2 Hochwertvokabeln

4. Kritische Betrachtung der „linken Sprache"
4.1 Sprachherrschaft
4.2 Diskrepanz zwischen Sprache und Realität

5. Zusammenfassung und Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

7. Appendix

1. Einleitung

Die 68er- ein grosser Begriff. Doch was sind sie denn nun wirklich, diese ominösen 68er- Jahre? Ein fernes Zeitalter? Für mich sind sie jedenfalls nicht ganz greifbar, wenn auch legendär und irgendwie mythologisiert. Kraushaar beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Frage und kommt dabei zur Annahme, dass die 68er bei vielen Jüngeren wohl Unverständnis, gar Argernis auslöse oder zumindest auf Desinteresse stosse. Trotzdem sei es kein fernes Zeitalter, da noch „zuviel von dem lebendig" sei, „was eine junge Generation vor drei Jahrzehnten auf die Stragen getrieben" habe. Kraushaar (2000: 7) Es ist nicht zuletzt die Fülle an Literatur, die unterschtreicht, dass dieses Zeitalter eine Zäsur, einen wichtigen, bewegenden Einschnitt in der Geschichte der BRD darstellt. Zweifelsohne sprechen wir von einem historischen Ereignis. Die Revolten dieser jungen, neuen Generation, die die Gesellschaft ihrer Zeit hinterfragt, sind uns bekannt. Doch was mich nun interessiert, ist, wie sie sich artikuliert, wie sie ihre Sprache einsetzt, um ihre Bedürfnisse wirksam auszudrücken. Die 68er- sind sie auch in sprachhistorischer Hinsicht ein Ereignis? Fungiert die Sprache gewissermassen als Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen, die sich in der BRD um 1968 zutragen? Welche Wirkungskraft erzielt sie tatsächlich auf politischem Gebiet? Welchem Vokabular bedient sie sich und welche linguistischen Formen machen ihr Wesen aus? Wer ist für ihre Konstituierung verantwortlich und bemächtigt sich ihrer? Welche Ziele werden mit Hilfe der Sprache angestrebt und werden sie auch erreicht? Wie wird dabei auf den neuen Sprachgebrauch reagiert — und dies sowohl von Seiten der politischen Gegenparteien wie auch der Bevölkerung?

Aufgrund dieser Uberlegungen kristallisiert sich für meine Proseminararbeit folgende Leitfrage heraus: Wie ist die Sprache der 68er konzipiert und auf welche Weise tritt sie mit ihrem gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umfeld in einen Dialog?

Um mich in der Flut der vorhandenen Literatur nicht zu verlieren, werde ich mich nur auf den historischen Kontext und den sprachlichen Gebrauch in der BRD beschränken. Durch die linguistische Analyse der 68er- Sprache und die Beleuchtung verschiedener Kritikansätze, werde ich ihre Vorteile, Defizite und Besonderheiten skizzieren. Für meine Analyse werde ich Werke, die sich mit der politischen Sprache auseinandersetzen, sowie auch Originaltexte verschiedener Kritiker (z.B. H. Marcuse oder K. Biedenkopf) beiziehen. Als Hintergrund dienen mir Flugblätter aus der Zeit, die als sprachhistorisches Zeugnis repräsentativ sind. Indem ich stets Bezüge zur Politik und Gesellschaft schaffe, will ich den Stellenwert der Sprache in ihrem historischen Umfeld veranschaulichen.

2. Historischer Kontext

Damit die Sprache einer Generation verstanden werden kann, muss erst der historische Kontext, in dem die Menschen sich bewegen, bekannt sein. Bevor ich mich also der Sprache der 68er widme, soll ein Eindruck von ihrem politischen und gesellschaftlichen Umfeld gegeben werden. Ebenfalls unverzichtbar filr meine Analyse ist die Schilderung ihrer Ideologien und Reformideen — welche gewissermassen den Nährboden filr ihre Sprache bilden.

2.1 Die politischen Verhältnisse in der B RD um 1968

Von 1966 — 1969 ist Kiesinger (CDU) Bundeskanzler in der BRD. Die Ara Adenauer, die Wiedervereinigungspolitik war gescheitert und „seit 1963 drohte die Entspannungspolitik der Grogmächte ilber die Köpfe der Deutschen hinweg zu entscheiden. Die BRD war zu einer schrittweisen Lockerung ihrer starren Haltung gezwungen." Boesch (2004: 267) Dies wird aber erst 1969 unter der Filhrung von Willy Brandt (SPD) realisiert werden können. Vorerst aber grilndet Kiesinger die Grosse Koalition. Das zunächst anschwellende Wirtschaftswachstum ist um 1967 rilckläufig, was immer höhere Arbeitslosenraten zur Folge hat. Am 30.5. 1968 wird die Anderung des Grundgesetzes („Notstandsverfassung") angenommen. Befilrchtet wird bei den neuen Notstandgesetzen, dass eine mögliche Einschränkung der Grundrechte eintreten könnte. Proteste kommen in Gang, die um den „Notstand der Demokratie" filrchten. (wikipedia- Deutsche Notstandsgesetze)

2.2 Studentenbewegung/ -revolte (Gesellschaftskritik)

Der Zustand in der Bundesrepublik ist das, was die Studentenbewegung zu ihren berilhmten Revolten und Provokationen der 68er animiert. Es ist hier die Rede von einer antiautorit ' ren Revolte, einer, die moralisch und politisch geltende Werte und Normen wie „Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika, Antikommunismus, Ordnung, Fleiss und Sauberkeit, Tabuisierung von Sexualität, Achtung von staatlicher Autorität" (Miermeister /Staadt 1980: 7) radikal hinterfragt. Wie Miermeister (1980: 8) sagt, ist es „die Unbedingtheit der Kritik und des Protests" die fasziniert, mitreisst. Ins Feuer der Kritik und des Protests geraten dabei die unterschiedlichsten gesellschaftlichen, wie auch politischen Themen: Aktionskunst, Haschisch, Sexualit ti t, Marxismus, Freuds Psychoanalyse, Ordinarienuniversit a t usw.

Doch durch welche Kanäle wird diese Kritik an die Offentlichkeit getragen? In welcher Form und durch wen äussert sie sich? Es sind Studenten, Schiller und junge Arbeiter, die die sogenannte Studentenbewegung in Gang setzen. Oft wird dabei die APO (Ausserparlamentarische Opposition) als Synonym filr die Studentenbewegung verwendet. Die Studentenbewegung ist jedoch im Prinzip nur eine von drei Strömungen der APO. Die APO wird im Wesentlichen durch den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) getragen. Ihre politischen Forderungen und utopischen Vorstellungen von einer besseren Zukunft tun sie in grossen Diskussionsveranstalungen, Demonstrationen, Zeitschriften und Flugblättern kund. Ihre Waffe, ihr Ausdrucksmittel im „ Kampf" ist dabei stets die Sprache - ihre Sprache, die in pejorativer Weise oft auch marxistische oder linke Sprache genannt wird.

3. Die Sprache der 68er

Bevor ich mich der genauen, linguistischen Analyse der 68er-Sprache zuwende, möchte ich auf einen Sachverhalt hinweisen, der in jeder Sprache Gültigkeit findet. Es handelt sich hierbei um das Verhältnis von Sprache und Ideologie. In meinen folgenden Erläuterungen beziehe ich mich auf Heiko Girnth (2002: 4), wenn ich sage, dass Sprache der Ort ist, indem sich Ideologien manifestieren. Das heisst, die Sprache fungiert als wichtiges Ausdrucksmittel der Denkmuster und Wertvorstellungen einer bestimmten Gesellschaft. Zu betonen ist dabei, dass der Ideologiebegriff nicht von allen wertneutral verstanden wird. Dieckmann beispielsweise schreibt der Ideologie eine negative Konnotation zu, indem er sich auf den Sprachgebrauch des politischen Gegners bezieht. Dieser Sprachgebrauch wird als „unangemessen und Wahrheit verzerrend" bezeichnet, während der eigene als wahrheitsgetreu empfunden wird. Die Auffassungen von Ideologie und somit auch von Sprache, sind also stets von der Perspektive, aus der sie betrachtet werden, abhängig. Und genau diese Meinungsverschiedenheiten bezüglich Wertvorstellungen und politischer Gesinnung der einzelnen Parteien und Gruppen führt schliesslich in den 68ern zu einem bewegten Wandel in Politik und Sprache.

3.1 Die Sprache der APO

Der ausschlaggebende Impuls für diese Wende wird durch die Studentenbewegung ausgelöst. Wie schon gesagt, handelt es sich dabei um die sogenannte APO, die Erneurungen in den politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen der BRD fordert. (siehe 2.2 )

Dies manifestiert sich auch in ihrer neukonstituierten Sprache. Ihr Einfluss lässt sich auf die Frankfurter Schule bzw. die Kritische Theorie, Herbert Marcuse oder Theodor W. Adorno zurückführen. Somit seien nur ausgewählte Persönlichkeiten, respektive Theorien/ Schulen genannt, die in meiner Arbeit eine Rolle spielen werden.

3.1.1 Sprachkritik

Die Studentenbewegung ist unglücklich über die herrschende Selbstzufriedenheit der Wirtschaftswunder -Republik und die „Nazi — Vergangenheit ihrer Elterngeneration". (vgl. Stötzel 2002: 385) Durch das Heranziehen der oben bereits erwähnten Kritischen Theorie und Marcuse' Sprachkritik als Herrschaftskritik gelingt es ihnen, der bestehenden Gesellschaft ein Gegenmodell entgegenzusetzen. Folgende Argumentationen werden von der APO gewissermassen als Muster und später als Legitimation für ihren neuen Sprachgebrauch verwendet.

Herbert Marcuse:

Aus „Versuch über die Befreiung", 1984:

Politische Linguistik ist [...] eine der wirksamsten ,Geheimwaffen' von Herrschaft und Verleumdung. Die herrschende Sprache von Gesetz und Ordnung, die von Gerichtshöfen und Polizei für gültig erklärt werden, ist nicht nur die Stimme, sondern auch die Tat der Unterdrückung. Die Sprache definiert und verdammt den Feind nicht nur, sie erzeugt ihn auch; und dieses Erzeugnis stellt den Feind nicht wirklich dar, wie er ist, sondern viel mehr, wie er sein muß, um seine Funktion für das Establishment zu erfüllen. (Marcuse 1984: 302)

Damit hält Marcuse dazu an, die „Geheimwaffe", also die politische Sprache, den Herrschenden zu entziehen, um den Feind, der unterdrückt und verdammt, zukünftig selbst „erzeugen" zu können. Doch wie soll es der APO gelingen, gegen die „Herrschende" (CDU) vorzugehen? Marcuse schlägt vor, die politische Herrschaft unter „Ideologieverdacht" (Bergsdorf 1983: 238) zu stellen. Ein negatives Begriffsfeld soll die Herrschaft denunzieren, sie in ihrer schlechten Herrschaftsweise entblössen, kritisieren. Denunzierendes, negatives Begriffssystem: Herrschaft, Establishment, Unterdrikkung, Polizei, Ordnung, Repression, Entfremdung, Struktur, Frustration usw. ... ( Vgl. Bergsdorf 1983: 238)

Die eigenen Interessen (also die der APO) sollen hingegen durch das von Marcuse benannte „Positiv-Vokabular" (ebd.) ausgedrückt werden. Bsp.: Emanzipation, Freiraum, Befreiung.

Folgendes Zitat zeigt die Defizite der Sprache der BRD auf und schlägt vor, wie die Sprache konkret „verbessert" werden kann.

Aus „Der eindimensionale Mensch", 1969: die Anstrengung, Wörter (und damit Begriffe) von der nahezu totalen Entstellung ihres Sinns zu befreien [...]. GleichermaBen muß das soziologische und politische Vokabular umgeformt werden: es muß seiner falschen Neutralität entkleidet werden; es muß methodisch und provokatorisch im Sinne der Weigerung ,moralisiert' werden. ( Stötzel 1995: 387)

Marcuse schlägt vor, dass man sich weigern soll, das bestehende soziologische und politische Vokabular zu benutzen, da es sich dabei um „eindimensionale Begriffe" handle. Die politische Linguistik soll verändert werden. Die Begriffe sollen von ihrer Neutralität gelöst werden, moralisiert, ideologisiert werden und an Aussagekraft gewinnen. Sie sollen nicht nur die Realität abbilden, sondern auch „veränderndes Potential"(Stötzel 1995: 387) enthalten. Dass diese Idee von den nicht-eindimensionalen Begriffen aufgegriffen wird, werden wir in den nachfolgenden Kapiteln feststellen.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640573646
ISBN (Buch)
9783640573448
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146627
Institution / Hochschule
Universität Basel – Deutsches Seminar
Note
gut
Schlagworte
68er-Sprache Jugendsprache Achtundsechziger Die Sprache der 68er Sprache der Revolte

Autor

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    Sylvia Meier (Autor)

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