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Türkische Unternehmer in Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 21 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber

3 Motivation zur Gründung eines Unternehmens
3.1 Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen
3.2 Ethnic Business als Erklärungsfaktor
3.2.1 Erklärungsansatz Nischenmarkt
3.2.2 Erklärungsansatz Kulturmodell
3.3 Wandel der Bleibeabsichten
3.4 Arbeitslosigkeit

4 Strukturen der türkischen Unternehmen
4.1 Soziale Strukturen
4.1.1 Demographie
4.1.2 Bildung
4.1.3 Kultur
4.2 Wirtschaftliche Strukturen
4.3 Problembereiche türkischer Selbstständiger

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In deutschen Großstädten ist es heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr, seinen Hunger in einem Dönerladen zu stillen oder sein Obst von einem türkischen Lebensmittelhändler zu beziehen. Diese Beispiele für geschäftliche Aktivitäten dienen innerhalb der deutschen Gesellschaft als klischeehafte Bilder zur Identifizierung der türkischen Kultur und werden häufig von politischen Entscheidungsträgern für populistische Kampagnen instrumentalisiert. Als Folge der zahlreichen politischen Auseinandersetzungen über die Integration von Migranten bringt die Thematisierung der Selbstständigkeit der Türken in Deutschland einen überaus wichtigen Aspekt zum Ausdruck.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt folglich darin, die Entwicklung der türkischen Unternehmen in Deutschland genauer zu analysieren, die Ursachen für diese Entwicklung zu nennen und zu erklären, um schließlich auf die daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Strukturen näher einzugehen.

Die Beantwortung der Frage nach der Bedeutung dieser Gruppe für den zukünftigen Status der deutschen Volkswirtschaft und Gesellschaft steht bei dieser Untersuchung im Vordergrund.

Als erstes wird kurz erklärt weshalb die Türken als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und wie sich deren sowohl quantitative als auch qualitative wirtschaftliche Entwicklung hierzulande vollzogen hat. Im darauffolgenden Kapitel werden die Motive für die Gründung eines Unternehmens genauer untersucht. Anhand dieser teils externen teils internen Faktoren soll erklärt werden, warum es vor allem innerhalb dieser ethnischen Gruppe zu einem überdurchschnittlichen Anstieg selbstständiger Tätigkeiten bzw. Unternehmensgründungen kam. In dem letzten Teil dieser Arbeit werden schließlich die Auswirkungen der zuvor beschriebenen Entwicklungsstufen auf die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der türkischen Unternehmen analysiert, wobei die Existenz der kulturspezifischen Gegebenheiten von besonderer Bedeutung ist. Hierbei sollen auch die strukturellen Probleme der türkischstämmigen Selbstständigen Erwähnung finden, die einer weiteren positiven Entwicklung entgegen wirken könnten.

2 Vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber

Im Jahre 1961 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen. Noch in demselben Jahr kamen dann die ersten Tausend türkischen Gastarbeiter nach Deutschland, die in feierlichen Zeremonien empfangen wurden. Der Grund dafür war, dass es in Deutschland, zum einen wegen der zahlreichen Kriegsopfer und zum anderen aufgrund des sog. Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre, zu viele unbesetzte Arbeitsstellen gab, während in der Türkei eine sowohl politische als auch wirtschaftliche Unsicherheit herrschte. Der größte Teil der in Deutschland lebenden Türken siedelte in den 1970er Jahren nach Deutschland um. Es handelte sich dabei überwiegend um wenig gebildete ungelernte Arbeitskräfte, die in der Heimat Landwirtschaft betrieben hatten und nun als Gastarbeiter in der Schwerindustrie eingesetzt wurden. Viele hatten die Absicht nur einige Jahre in der Bundesrepublik Geld zu verdienen und anzusparen, um später wieder in die Türkei zurückzukehren und sich dort eine bessere Existenz aufzubauen. Einige verwirklichten diesen Plan auch, andere wiederum merkten, dass sie in ihrer alten Heimat kaum Möglichkeiten zu wirtschaftlichem Fortkommen hatten. Zu diesem Zeitpunkt (1973) lebten bereits 910.000 Türken in der Bundesrepublik. Sie entschieden sich dazu, als Reaktion auf den Anwerbestopp im Jahr 1973, auch ihre Familien nach Deutschland zu holen, wo sie sich einen sicheren Arbeitsplatz erhofften. Der Zuzug der Familie führte dazu, dass sich die Gastarbeiter nun auf einen längeren Aufenthalt einstellten.

Am 31.12.2008 lebten ca. 2,6 Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland, von denen 1.688.000 die türkische Staatsbürgerschaft besaßen.[1] Die große Mehrheit der türkischen Migranten lebt in den Großstädten der alten Bundesländer. Seit dem Inkrafttreten des Abkommens aus dem Jahre 1961 hat sich innerhalb der türkischen Bevölkerung ein deutlicher sozialer Wandel vollzogen. Die ehemaligen Gastarbeiter stellen nur noch eine Minderheit, die große Mehrheit bildet sich aus den Nachgezogenen (die zweite Generation) und den in Deutschland Geborenen (die dritte Generation).[2]

Die Anzahl der von türkischen Migranten gegründeten Unternehmen stieg erst langsam an. So gab es beispielsweise 1975 erst 100 türkische Selbstständige.[3] Seitdem kann man unter der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland ein starkes Wachstum an Unternehmensgründungen feststellen. Von 1985 bis 2000 hat sich die Zahl der türkischstämmigen Selbstständigen, trotz konjunktureller Schwankungen, von 22.000 auf 59.500 erhöht (vgl. Abb. 1). 2007 waren es schon 72.000 Unternehmen hierzulande, die 350.000 Mitarbeiter beschäftigten und deren Gesamtumsatz 36 Milliarden Euro betrug. Das Investitionsvolumen belief sich auf ca. 8 Mrd. Euro.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Entwicklung der türkischen Selbständigen in Deutschland

Quelle: Zentrum für Türkeistudien 2005: 128

Neben der quantitativen ist jedoch auch eine qualitative Entwicklung der türkischen Unternehmen ersichtlich. Aus Imbissbuden wurden Restaurants, aus Flugticketverkäufern serviceorientierte Reisebüros und ehemalige Dönerverkäufer gründeten große Fleischproduktionsstätten.[5]

In der öffentlichen Wahrnehmung hingegen treten türkische Unternehmer in erster Linie als Dönerverkäufer und Lebensmittelhändler auf. Die Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Einzelhandel und in der Gastronomie, da hier verglichen mit anderen Branchen ein geringer Kapitalbedarf und kaum fachliche oder schulische Vorqualifikationen erforderlich sind.

Wie bereits erwähnt, war es vor allem die erste Generation, die eine geringe schulische Laufbahn vorweisen konnte und somit auch jene Branchen für die Selbstständigkeit bevorzugte. Während in diesen Bereichen jedoch Jahr für Jahr ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist, gewinnen zukunftsorientierte Branchen zunehmend an Bedeutung. Die zunehmende schulische und berufliche Qualifikation der jüngeren Türken bietet neue Beschäftigungsmöglichkeiten im wachsenden Dienstleistungssektor. Das türkische Unternehmertum in Deutschland befindet sich somit erst am Anfang seiner Entwicklung und schreitet stetig voran.[6]

Eine Studie, die in Zusammenarbeit der Beratungsgesellschaft KPMG und dem Zentrum für Türkeistudien entstand, bestätigt diesen positiven Trend. Bis zum Jahr 2015 wird ein Anstieg der Zahl türkischer Selbstständiger auf 120.000 erwartet, welche dann ca. 720.000 Mitarbeiter beschäftigen sollen.[7]

3 Motivation zur Gründung eines Unternehmens

3.1 Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen

Als die ersten Gastarbeiter in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, waren die Regelungen des Ausländergesetzes sehr streng. Aufgrund ihres Aufenthaltsstatus bestand für sie keine Möglichkeit zur unternehmerischen Selbstständigkeit. Nahezu alle in Deutschland lebenden Türken durften keine Unternehmen gründen. Die ersten türkischen Unternehmen wurden in der Regel illegal über deutsche Strohmänner gegründet. Seit Ende der 1980er Jahre hat sich diese Situation aber deutlich verändert. Alle Ausländer in Deutschland, die einen Aufenthaltstitel hatten, durften nun selbständige Erwerbsarbeit ausüben. Als dann auch noch im gleichen Zeitraum mehrere Personen unbefristet gesicherte Aufenthaltstitel beantragten, die sie dann schließlich auch bekamen, stieg die Zahl der Betriebsgründungen jährlich stetig an. Im Jahr 2001 verfügten bereits rund 56 % der türkischstämmigen Personen in Deutschland über einen Aufenthaltstatus, der ihnen die Selbstständigkeit gestattete. Für alle anderen war selbstständige Erwerbstätigkeit zwar weiterhin verboten aber das wirtschaftspolitische Interesse an der Förderung kleiner und mittelständiger Betriebe führte in den letzten Jahren dazu, dass immer mehr Anträge zur Aufhebung dieses Verbots genehmigt wurden.[8]

Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt in den speziellen Rechtsvorschriften für bestimmte Tätigkeitsfelder. Davon betroffen sind vor allem jene Ausländer, die das deutsche Ausbildungssystem nicht durchlaufen haben. Als Beispiel wären hier unter anderem die Regelungen im Bereich des Handwerks zu nennen, die insbesondere ein Hindernis für türkische Einwanderer darstellen. Vorraussetzung für die Ausführung der Handwerkstätigkeit ist nämlich eine in Deutschland erworbene Qualifikation wie z.B. ein Meisterbrief. Für die EU-Bürger gilt hingegen seit dem 01.01.1970 eine Ausnahmeregelung unter der Vorraussetzung, dass man in dem entsprechenden Handwerk eine bestimmte Mindestzeit lang tätig war. In der Türkei erworbene Abschlüsse werden aufgrund fehlender Vereinbarungen nicht anerkannt. Kenntnisse und Fähigkeiten die man in der Heimat erlernen konnte, beispielweise durch die Mithilfe im elterlichen Betrieb, werden somit wertlos. Hierdurch wird letztendlich bis heute die sektorale Struktur der Beschäftigungsverhältnisse in gewissem Maße beeinflusst, da als Option oft nur die Gründung in einer Branche verbleibt, für die geringe oder keine Auflagen bestehen. Hierzu zählen beispielsweise „handwerksähnliche“ Gewerbebetriebe wie Änderungsschneidereien und Schuhreparaturen, in denen sich in den vergangenen Jahren besonders viele Unternehmer türkischer Herkunft selbstständig gemacht haben.[9]

[...]


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt

[2] Vgl. Sauer 2004: 7-9

[3] Vgl. Goldberg und Sen 1999: 29

[4] Vgl. Haak, 2009

[5] Vgl. Zentrum für Türkeistudien 2005: 128

[6] Vgl. Zentrum für Türkeistudien 2005: 129

[7] Vgl. Haak, 2009

[8] Vgl. Pütz 2003 (a): 27

[9] Vgl. Pütz 2003 (a): 28

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640576159
ISBN (Buch)
9783640575817
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146673
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Türkische Unternehmer Deutschland

Autor

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Titel: Türkische Unternehmer in Deutschland