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"World Polity"

Eine Darstellung des neo-institutionalistischen Ansatzes am Beispiel Iran

Referat (Ausarbeitung) 2010 13 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. World-Polity-Ansatz

2. Iran – Teil der Weltkultur?
2.1 Existenz des Nationalstaats
2.2 Form des Nationalstaats
2.3 Bildung
2.4 Wissenschaft
2.5 Wohlfahrt, Bevölkerung und Gesundheit
2.6 Wirtschaft
2.7 Umweltschutz
2.8 Menschenrechte und das Individuum

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

Abstract

Die Referatsausarbeitung gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Ersterer stellt die theoretischen Grundlagen des neo-institutionalistischen World-Polity-Ansatzes nach John W. Meyer dar und erklärt die ihm zugrunde liegenden Begrifflichkeiten und Kategorien. Im zweiten Teil schließlich wird das Modell auf das empirische Beispiel Iran angewendet. Dieses Beispiel bietet einerseits eine gute Möglichkeit zur Illustration der Theorie und andererseits eine neue Perspektive, die deutlich macht, dass der Ansatz weitaus mehr Faktoren von Diffusion und Homogenisierung im Fokus seiner Betrachtung hat als lediglich das, was tagespolitisch als „Verwestlichung“ gilt. In einem abschließenden Fazit werden noch einmal Stärken und Schwächen des Modells gegenübergestellt.

1. World-Polity-Ansatz

Der World-Polity-Ansatz attestiert der Weltgesellschaft eine global gültige, von westlichen Prinzipien geprägte Weltkultur, die auch als „world polity“ bezeichnet wird. Der Ansatz wurde maßgeblich durch den Soziologen John Meyer entwickelt und entstand aus dem neo-institutionalistischen Theoriegebäude heraus, welches sich bis dato vor allem organisationssoziologischen Fragestellungen gewidmet hatte. Der Blickpunkt der Neo-Institutionalisten liegt dabei auf der Untersuchung von Strukturähnlichkeiten bei Organisationen, welche mit dem Prozess der Institutionalisierung erklärt werden. Strukturähnlichkeiten – im theoretischen Kontext als Isomorphie bezeichnet – sind demnach Resultate der Einwirkung von Institutionen auf organisationale Akteure. Institutionen sind nach neo-institutionalistischer Lesart definiert als „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen und sie in einen größeren Rahmen integrieren“ (Meyer / Boli / Thomas 2005: 18). Institutionalisierung bezeichnet demnach den „Prozeß, durch den bestimmte Einheiten und Handlungsmuster normative und kognitive Gültigkeit erlangen und praktisch als Selbstverständlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten akzeptiert werden“ (ebd.: 18).

Projiziert man mittels des World-Polity-Ansatzes diese Prämisse auf die Ebene einer Weltgesellschaft, so wird man feststellen, dass unzweifelhaft eine der prägendsten Institutionen der Nationalstaat war und noch immer ist. In der Weise, in der die bürokratische Organisation des Staates nach Max Weber die Funktion hat, über rationale Entscheidungen effizient zu arbeiten und dadurch Legitimation gegenüber der Bevölkerung sicher zu stellen (vgl. Weber 1980: 548), so erfüllt Nationalstaatlichkeit eine ähnliche Funktion nach außen. Über die Installation nationalstaatlicher Strukturen – z.B. Behörden und Ministerien, eine Verfassung usw. usf. – wird die oben beschriebene „innere Legitimation“ zugleich auch zu einer äußeren Legitimation, indem nach außen hin dargestellt wird, dass man ein erfolgreiches politisches Modell aufgegriffen und installiert hat. Vollendet ist die äußere Legitimation schließlich in dem Moment, in dem führende Nationen und die UN den neuen Nationalstaat anerkennen. Die „Belohnung“ besteht aus politischer Souveränität. Dieses Muster hat über die vergangenen Jahrhunderte dazu beigetragen, dass Nationalstaatlichkeit, wie in der obigen Definition ausgedrückt, kognitive und normative Gültigkeit erlangt hat und als Gesetzmäßigkeit und Selbstverständlichkeit politischer Entscheidungen akzeptiert worden ist – sogar noch zu einer Zeit wie der heutigen, in der Nationalstaatlichkeit eigentlich längst nicht mehr der einzige politisch entscheidende Faktor ist. Hier zeigt sich einmal mehr die Stärke der allgemeinen Zurechnungspraxis, die Institutionen nach ihrer Herausbildung nicht so schnell wieder verlieren, selbst wenn sich die Lage de facto vielleicht schon verändert hat.

Dies führt zu einer maßgeblichen Erweiterung des weberschen Ansatzes durch den Neo-Institutionalismus. Bereits in der kurzen Beschreibung der Institution „Nationalstaat“ wurde deutlich, dass das essenzielle Kriterium der Legitimation für Neo-Institutionalisten nicht in dem De-Facto-Vorhandensein von Effizienz und Rationalität liegt, sondern in dessen gelungener Darstellung. Theoretisch könnten die vom neuen Nationalstaat aufgebauten Ministerialbehörden in großem Umfange ineffektiv arbeiten – relevant für Legitimationszwecke ist zunächst allein ihr Vorhandensein, nicht etwa der Output ihrer Funktionsprozesse. In noch größerem Ausmaß wird dies bei der Betrachtung von mit Nationalstaatlichkeit einhergehenden Institutionen deutlich, die insbesondere seit 1945 globale Verbreitung erfahren haben, wie etwa Sozial- oder Rechtsstaatlichkeit und verfassungsmäßig etablierte Grundrechte, Demokratie und Partizipation sowie die von Meyer untersuchte Implementierung von Lehrplänen in nationalen Bildungssystemen. Zahlreiche Staaten der Peripherie haben diese Mythen immer wieder kopiert, verbreitet und sogar argumentativ nach außen vertreten, haben Verfassungen mit Bürgerrechtskatalogen installiert, sie in der Praxis jedoch missachtet oder Wahlen angesetzt, jedoch die Ergebnisse verfälscht. Form und Inhalt sind in diesen Fällen nur lose gekoppelt oder gar voneinander entkoppelt (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 99 ff.), und in vielerlei Fällen scheint diese „Institutionalisierung an der Oberfläche“ zur Legitimation auszureichen. Nicht zuletzt hinsichtlich politischer Organisationen hat der Soziologe Nils Brunsson die Entkopplungsproblematik weiter untersucht und hierauf basierend sein Modell von „talk“ und „action“ entwickelt, wobei auch deutlich wurde, dass dieses Phänomen durchaus nicht nur ein Merkmal der Peripherie, sondern auch der Nationalstaaten des Zentrums ist (vgl. Brunsson 1989). Falsch wäre allerdings, an diesem Punkt reflexartige Bewertungen vorzunehmen: Entkopplung ist nicht zwingend Ausdruck von Hinterhältigkeit, Heuchelei oder gezieltem, bewusstem Lügen, sondern kann sogar zur politischen Notwendigkeit werden, sobald eine Organisation divergierenden Umwelterfahrungen unterliegt und all diese in irgendeiner Form befriedigen muss.

Auf welche Weise werden nun Mythen wie die oben genannten weltweit verbreitet, auf welche Weise vollzieht sich die globale Institutionalisierung, wie kommt Isomorphie zustande und somit: Wie wird die von westlichen Prinzipien getragene Weltkultur generiert? Die Neo-Institutionalisten Walter W. Powell und Paul J. DiMaggio haben 3 Mechanismen der Institutionalisierung bei Organisationen identifiziert (vgl. Hasse / Krücken 2005: 25 ff.), welche in dieser Form auch auf die „world polity“ übertragbar sind: Zwang, Imitation und normativer Druck. Zwang bezeichnet dabei die sich alternativlos vollziehende Institutionalisierung, die durch Verpflichtung zustande kommt: Insbesondere Gesetze sind hier auf nationaler Ebene typische Wegbereiter, international fallen darunter beispielsweise die Implementierung von Institutionen durch Weltbank-Konditionen für Kredite oder aber etwa die Installation politischer Strukturen durch militärische Gewalt (Irak-Krieg). Imitation beschreibt das freiwillige Kopieren von Institutionen aus eigener Initiative, etwa weil sie sich zuvor anderswo bewährt oder sich dort als vorteilhaft erwiesen haben; Beispiele hierfür wären Privatisierung oder Erlauben freien Handels. Normativer Druck liegt vor, wenn Akteure dem Druck zur Professionalisierung und Qualifizierung ausgesetzt sind, um in verschiedenen Bereichen international bestehen zu können: Der Bologna-Prozess bildet hierfür ein gutes Beispiel, da er ein Beispiel für Fälle bildet, bei denen Staaten dem Druck ausgesetzt sind, gemeinsame Standards zu schaffen, um in den Sektoren Wirtschaft und Wissenschaft sowohl anschluss- als auch konkurrenzfähig zu bleiben. Wichtig bei der Einordnung in all diese drei Kategorien ist jedoch, dass sie analytischer Natur sind – in der Empirie können die beschriebenen Mechanismen durchaus gemeinsam oder vermischt auftreten (vgl. DiMaggio / Powell 1991 a: 67).

2. Iran – Teil der Weltkultur?

Hinsichtlich der Identifizierung einer global institutionalisierten Weltkultur erlaubt der Iran eine besondere Perspektive, die über allgemein grassierende Vorstellungen von Isomorphie westlicher Prinzipien hinausgeht. Der Iran ist seit der Islamischen Revolution in seinen Selbstbeschreibungen darauf bedacht, sich vom Westen möglichst energisch abzugrenzen, sowohl politisch als auch kulturell. Insbesondere unter dem Hardliner-Präsidenten Ahmadinedschad hat diese Politik eine Renaissance erfahren. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu beobachten, wie weit dieser Kampf gegen „Verwestlichung“ tatsächlich geht – und ob die islamische Theokratie Iran sich tatsächlich so sehr der „world polity“ entzieht, wie sie es vermutlich postulieren würde.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146751
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
Schlagworte
World Polity Eine Darstellung Ansatzes Beispiel Iran

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Titel: "World Polity"