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Die Aufklärung durch Jean-Jacques Rousseau

Essay 2008 9 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Im 17. und 18. Jahrhundert brachte die Aufklärung Licht in das Dunkel Europas. Die Macht der Kirche und der Monarchen wurde ideologisch untergraben, denn der Verstand und die Vernunft wurden nun dem Glauben gegenübergestellt. Nach Kant war und ist Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Er soll sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen bedienen. Gleichzeitig verband die Aufklärer paradoxerweise ein unbändiger Glaube an den Fortschritt, an eine lineare Perfektionierung der Welt.

Auf dem Höhepunkt der Epoche der Aufklärung, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, erschütterte der 1712 in Genf geborene Jean-Jacques Rousseau diese Fortschrittstheorie. Das macht ihn zu einer äußerst interessanten Person und zum Gegenstand dieses Essays.

Rousseau schwamm gegen den Strom seiner Zeit. Er lebte mit Absicht in Armut und Unabhängigkeit, um die „durch die Meinung der Menschen uns auferlegten Fesseln zu zersprengen“; um sagen und schreiben zu können, was er dachte. In seinen erst posthum publizierten „Bekenntnissen“ stellte er sich als einzigartiges, nur seinem Gewissen und der Wahrheit verpflichtetes Genie dar. Natürlich machte er sich mit seinen Ansichten Feinde, nicht nur in den Reihen der Kleriker und der Adeligen, auch bei den Aufklärern. Im Laufe seines Lebens verfeindete er sich mit seinen früheren Freunden Jean le Rond d’Alembert und Denis Diderot und von Voltaire wurde er leidenschaftlich gehasst. Wegen seiner Hauptwerke, dem „Emile“ und dem „Gesellschaftsvertrag“, wurden in seiner Heimatstadt Genf und in Frankreich, wo er lange Zeit lebte und 1778 starb, Haftbefehle gegen ihn ausgesprochen.

Rousseaus Wirken begann mit seiner „Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste“. Diese Schrift war die Antwort auf folgende Preisfrage der Akademie zu Dijon: „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und der Künste etwas dazu beigetragen, die Sitten zu reinigen?“ Rousseau verneinte. Für ihn war die höfische Gesellschaft von Versailles der Inbegriff der Verlogenheit und des trügerischen Scheins. Hinter dem Deckmantel der Höflichkeit, des „guten Benehmens“, verbarg man Argwohn, Verdacht und Furcht. Rousseau vermisste „aufrichtige Freundschaften“, „wirkliche Hochachtung“ und „rechte Vertraulichkeit“ und damit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit schmerzlich. Den „Sitten“ entsprechend, strebten alle Menschen nach Ruhm und Reichtum. Rousseau diagnostizierte: unmenschliche, verlogene Konkurrenzgesellschaft. Doch damit nicht genug. Er behauptet, früher waren die Sitten zwar einfach und bäurisch, aber natürlich und ehrlich. Nach Rousseau ist der Aufstieg der Wissenschaften und Künste immer mit dem Fall der Tugend einhergegangen. Er stellt damit ein allgemeines Gesetz auf und zieht Beispiele aus der Geschichte zur Unterstützung heran. Alle Völker lebten solange glücklich und tugendhaft, wie sie sich nicht für die „eitle Gelehrsamkeit“ interessierten. Im antiken Sparta hätte man nur von Sitten und Tugend gesprochen, im Frankreich des 18. Jahrhunderts nur von Handel und von Geld. Rousseau war sich sicher: Wissenschaftler und Künstler sind nicht an der Wahrheit interessiert, sondern ebenfalls nur an Ruhm und Reichtum, und würden sich daher immer am Zeitgeist orientieren, um den Lohn noch zu Lebzeiten einstreichen zu können. So zum Beispiel Thomas Hobbes: Er hatte mit seinem „Leviathan“ den Absolutismus gerechtfertigt. Rousseau schrieb, er selbst würde nicht die Wissenschaften misshandeln, sondern die Tugend verteidigen. Dennoch pries er die „glückliche Unwissenheit“. 1750 erhielt Rousseau den Preis und wurde somit schlagartig berühmt.

Fünf Jahre später publizierte er seine „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“. Diese revolutionäre Schrift war ebenfalls eine Antwort auf eine Preisfrage der Akademie zu Dijon und machte Rousseau zu einem der Väter des Sozialismus. In den berühmten ersten Zeilen des zweiten Teils seiner Abhandlung macht er die Erfindung des Eigentums für den Niedergang der Menschheit verantwortlich. Niedergang? Ja, denn im (hypothetischen) Naturzustand waren die Menschen „gut“, heute (bzw. im 18. Jahrhundert – das macht keinen Unterschied) sind sie aber unbestreitbar „böse“. Nach Rousseau lebten die Naturmenschen vereinzelt, autark und umherziehend und zeichneten sich durch zwei wesentliche Eigenschaften aus: die Selbstliebe, die zur eigenen Lebenserhaltung antrieb, und das Mitleid für andere empfindende Wesen. Diese Wilden waren friedlich, denn damals gehörte die Erde niemandem, die Früchte der Erde aber jedem. Schon John Locke sagte, dass es kein Unrecht geben kann, wo es kein Eigentum gibt. Die Vergesellschaftung, zu der die Menschen durch Überbevölkerung und Naturkatastrophen genötigt wurden, war der Sündenfall. Die nun zum Zusammenleben gezwungenen Menschen organisierten sich in Familien und begannen, sich zu vergleichen und nach sozialer Anerkennung zu streben. Nach Rousseau war das bereits der erste Schritt zur Ungleichheit. Gefühle wie Eitelkeit, Verachtung, Scham und Neid entwickelten sich und jede mutwillige Beschädigung des Ansehens wurde mit Rache geahndet. Privateigentum gab es noch nicht. Der Abstand von diesen Jägern und Sammlern zum Tier und zum modernen Menschen ist gleich groß. Dies ist das Stadium zwischen Naturzustand und Zivilisation und stellt die „glücklichste und dauerhafteste Epoche“ der Menschheitsgeschichte dar. Auch heute befinden sich noch einige Völker auf dieser Entwicklungsstufe, so zum Beispiel einige Indianerstämme in Nordamerika. Als Beweis dafür, dass diese Menschen glücklicher als die zivilisierten Menschen sind, führt Rousseau den Misserfolg der Europäer an, den sie bei den Versuchen hatten, „Wilde“ aus aller Welt zu ihrer Lebensweise zu bekehren. Jeder „Fortschritt“ über diesen Zwischenzustand hinaus, war „ein Schritt zum Verfall der Gattung“. Die Entwicklung der Metallbearbeitung und des Ackerbaus, zwei Künste, die erstmals Zusammenarbeit erforderten, ist gleichbedeutend mit der Erfindung des Eigentums, denn „die Arbeit allein gibt dem Bebauer das Recht auf die Früchte der Erde“ und bis zur Ernte auch auf den Boden, den er bearbeitet. Von diesem Zeitpunkt an verschwand die Gleichheit. Da die Talente nicht gleich verteilt sind und sich nicht jede Arbeit gleichermaßen lohnt, wuchs die Ungleichheit mit der Arbeitsteilung. Eifersucht, Konkurrenz und Gegensatz der Interessen waren die Folgen des Eigentums und führten nun zu dem Zustand, den Thomas Hobbes als Naturzustand bezeichnete - „Krieg eines jeden gegen jeden“. Es herrscht das Recht des Stärkeren. In ihrer großen Bedrängnis schufen die Reichen den Staat und mit ihm die Gesetze, die die Besitzverhältnisse sicherten. Das war die Zementierung der Ungleichheit. Die Sucht nach Ruhm und Reichtum nahm die Menschen ein. Das natürliche Mitleid wurde durch das sich entwickelnde rationale Denken unterdrückt und die friedliche „Selbstliebe“ schlug in die „Eigenliebe“, den aggressiven Egoismus, um. Die für Rousseau zeitgenössische absolutistische Willkürherrschaft der Monarchen führte zur höchsten Stufe der Ungleichheit. Die Erfindung des Eigentums teilte die Menschen in Reiche und Arme, die Staatsgründung teilte sie in Mächtige und Schwache und der Absolutismus machte aus ihnen Herrscher und Knechte. Die Verwandlung war abgeschlossen. Nun konnte der Unterschied zwischen dem natürlichen und dem zivilisierten Menschen nicht mehr größer werden. Der Wahlspruch der Wilden wäre wohl jener der jakobinischen Phase der französischen Revolution: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Für die Zivilisierten galt dagegen: Knechtschaft, Ungleichheit und ungebremster Egoismus.

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Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640569878
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146755
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Geschichte der Soziologie Aufklärung Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes Emile oder Über die Erziehung Kulturkritik Georg Bollenbeck Zivilisationskritik Perfektabilität

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Titel: Die Aufklärung durch Jean-Jacques Rousseau