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Schöpfung in den Psalmen

Das Staunen des Menschen als elementare Gottesbegegnung und ihre religionspädagogische Herausforderung

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problembegegnung
1.1 Einführung
1.2 Das Staunen - ein Zugang zum Schöpfungswunder
1.3 Die Liebe - das Wesen Gottes als Schöpfungsgrund
1.4 Von der Notwendigkeit einer staunenden Schöpfungstheologie

2. Das Staunen über die Herrlichkeit des Schöpfers und die Hoheit des Menschen – Psalm 8

3. Das Staunen über die Offenbarung Gottes am Himmel und auf Erden – Psalm 19

4. Das Staunen und die Freude an Gottes Schöpfung – Psalm 104

5. Abriss religionspädagogischer und praktisch- theologischer Aufgaben und Herausforderungen in der Adoleszenz

6. Anlagen
I. Quellentexte der Psalmen
II. Literaturverzeichnis

1. Problembegegnung

1.1 Einführung

Es sind die gewissen Phänomene unseres Lebens, die unseren Alltag entweder kurz unterbrechen oder ihn sogar in andere, als die von uns geplanten Bahnen lenken. Ereignisse, mit denen wir scheinbar unvorhersehbar konfrontiert werden, die aber dennoch ständig um uns herum präsent sind. Einige dieser Erfahrungen rühren uns Menschen in unserem Innern so sehr an, dass sie uns dazu verführen in einen Zustand zu verfallen, der uns unsere Menschlichkeit, unser ganzes Nicht-wie-Gott-Sein, ganz besonders spüren lässt. Dieser Zustand lässt sich am treffendsten mit dem Ausdruck des Staunens beschreiben.

Das Staunen als solches kann wohl als ein typischer anthropologischer Faktor, also als eine dem Menschen typische Eigenschaft, bezeichnet werden. Genau wie das Nachsinnen über die grundlegenden Fragestellungen des individuellen und gemeinsamen Lebens – dem Wohin, Woher und Warum sowie der Frage nach Gott als dem theologisch-philosophischen Streben – ist es eine der „Funktionen“, die uns Menschen (höchstwahrscheinlich) von anderen Lebensformen unterscheidet. Das Staunen als solches könnte ferner als eine treibende und kreierende Kraft bezeichnet werden, da es Wirkungsströmungen beinhaltet, die den Menschen Neues entdecken lässt und ihn folglich zu neuen Gedanken und Taten ermuntert. Der vielleicht als „Wirkungsbereich des Staunens“ passend umschriebene Rahmen kann sich diesbezüglich auf ungekannte Weise ausdehnen und unterschiedlichste Themen sowie Sub- und Objekte implizieren: Das Staunen über einen Menschen oder sein Verhalten, über eine bestimmte Sache, über ein Gefühl, eine Reaktion oder auch über ein bisher nicht wahrgenommenes Detail an einem bisher als bekannt geglaubten Phänomen.

Ein nicht unwesentlicher Teil des Fokus unserer staunenden Betrachtung fällt hierbei jedoch auf die Entstehung und Gestaltung des Lebens und seiner unzählbaren Facetten und Äußerungen im individuellen wie gemeinsamen Kontext. Und gerade für das Glaubensleben eines jeden Christen spielt die staunende Ehrfurcht vor diesem „Bereich“, den wir mit unseren stotternden Worten staunend als „Schöpfung“ umschreiben können, wohl seit Anbeginn der Menschheit eine wichtige (religiöse) Rolle. Darauf werde ich im späteren Verlauf noch etwas intensiver eingehen.

Doch es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass uns Menschen das Staunen über das Mysterium der Schöpfung in unserer postmodernen Zeit zunehmend abhanden gekommen zu sein scheint. Dieses kann unterschiedliche Gründe haben. Vor allem wird es aber im immer weiterreichenden Fortschritt der Bereiche von Wissenschaft, Technik und Medizin einen Ausgangspunkt haben, da sich unter uns Menschen mehr und mehr das Gefühl verstärkt, all das uns Bestimmende zu durchleuchten und erklären zu können.

Dieses Denken, Tun und Fühlen impliziert im gleichen Atemzug jedoch eine Handlungsmaxime oder Zieldevise, welche einen absoluten Nimbus der menschlichen Unbesiegbarkeit anzustreben scheint. Das oben erwähnte Gefühl eines verhaltenden Klein- oder Bescheidenseins angesichts einer zu bestaunenden Sache gerät in Vergessenheit und damit auch die Dinge, Eigenschaften und leider auch Lebewesen, die sich scheinbar nicht mit dieser Maxime vereinbaren lassen. Dennoch ist das wundernde, schauende, erstarrende, befremdende und positiv betäubende Gefühl des Staunens nicht ohne Grund eine uns Menschen wichtige Eigenschaft. Insbesondere dann, wenn wir unseren Blick auf die Herkunft, Hinführung und Gestaltung unseres individuellen und gemeinsamen Lebens, auf das Wunder der Schöpfung, richten.

1.2 Das Staunen - ein Zugang zum Schöpfungswunder

Wie bereits kurz erwähnt, sind es oftmals die so scheinbar selbstverständlichen Gegebenheiten, die, bei erneuter Betrachtung aus einer anderen Perspektive, den Ausdruck des Staunens hervorrufen können.

Dieses lässt sich auch für den Bereich der göttlichen Schöpfung nicht ausschließen, da Schöpfung all das umfasst, was wir mit unserer Existenz und Wahrnehmung in Verbindung bringen. Somit stellt die Schöpfung bzw. das Geschaffen-Sein auch eine Voraussetzung für das Staunen dar. Da Schöpfung weiterhin nach jüdisch-christlicher Vorstellung kein einmaliger Akt, sondern ein ständig fort lebender (!) Prozess ist, ist es eigentlich unmöglich, sich dem Wunder des immer wieder neu erstehenden Lebens zu entziehen.

Wer sich jedoch als Geschöpf Gottes auf das Erlebnis des Staunens einlassen möchte, ist gerade in unserer schnelllebigen und reizüberfluteten Zeit gezwungen, seine Sinne mit besonderer Aufmerksamkeit auf das zu richten, was eigentlich Selbstverständlich erscheint und deswegen nicht sofort entdeckt oder erkannt wird. Dieses kann schon damit beginnen, z. B. das Aufgehen der Sonne an jedem Morgen immer wieder neu zu bestaunen zu können und zu dürfen (s. Psalm 19, 5-7). Das kann in der Hinsicht weiterführen, sich über das Gesunden eines Kindes oder auch die Vielfalt des Lebens in nur einer Persönlichkeit, etc. zu erfreuen. Die Größe des Leben schaffenden Gottes lässt sich vor allem im Kleinen, im Zarten und (augenscheinlichen und deswegen oft falsch gedeuteten) Zerbrechlichen bestaunen.

Wer nun dieses Staunen vollzieht, ist ebenso versucht, den Ursprung, die „Idee, die hinter dem Projekt des Lebens steckt“ (Ratzinger) zu beleuchten. Spätestens hier beginnt sich der Fragehorizont nach dem Schöpfergott und seinem Wesen zu öffnen.

1.3 Die Liebe - das Wesen Gottes als Schöpfungsgrund

Um das Wesen des Leben schaffenden Gottes näher in die Betrachtung zu nehmen, ist es zuallererst notwendig, einen kurzen religionssoziologischen Exkurs zu unternehmen: Das Thema „Schöpfung“ selbst ist nach wie vor nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, sondern vor allem auch im individuellen Denken unserer Zeit hochaktuell. Vor allem sind es die scheinbaren Differenzen zwischen naturwissenschaftlichen und theologischen Denkrichtungen, die hier für Gesprächspotential sorgen. Denn hochentwickelte Technologien, große naturwissenschaftliche Erfolge und Theorien, die uns immer mehr die Zusammensetzung des Lebens zu erklären vermögen, lassen es uns aufgeklärten und evolutionär denkenden Menschen häufig schwerfallen, z. B. am biblischen Schöpfungsglauben festzuhalten. Doch hier gilt es zu differenzieren: Denn „wir können nicht sagen: Schöpfung oder Evolution. Die richtige Formel muss heißen: Schöpfung und Evolution, denn die beiden Dinge beantworten zwei verschiedene Fragen. Die [Schöpfungs-] Geschichte […] erzählt ja nicht, wie ein Mensch entsteht. Sie erzählt, was er ist. Sie erzählt seinen innersten Ursprung; sie klärt das Projekt auf, das hinter ihm steht. Und umgekehrt: Die Evolutionslehre versucht biologische Abläufe zu erkennen und zu beschreiben. Aber sie kann die Herkunft des 'Projekts' Mensch damit nicht erklären, seinen inneren Ursprung und sein eigenes Wesen. Insofern stehen wir hier vor zwei sich ergänzenden, nicht vor zwei sich ausschließenden Fragen.“[1] Um also den grundlegenden Sinn des Lebens erforschen zu wollen, helfen uns naturwissenschaftliche Erklärungen in der Antwortfindung nicht weiter. Hier gilt es, wie gesagt, nach Höherem und Wahrhafterem - nach Gott - zu fragen.

Bei dem Wesen Gottes handelt es sich meiner Meinung nach um nichts anderes als der größten aller nur vorstellbaren Kräfte - der Liebe. Hier erklärt sich das „mysterium magnum“ - das größte aller nur ersinnbaren Geheimnisse: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm.“[2] Dieser Gott, diese Liebe, ist die Wahrheit, der Ursprung, der Sinn und das Ziel des Universums und seiner Geschichte. Denn wahre und vollkommene Liebe, welche Gott ist, kann niemals für sich selbst existieren. Eine Liebe, welche nicht selbstlos ist, nicht das Gegenüber sucht, bleibt egozentrisch und somit wertlos. Gemeinschaft, Kommunikation und Partizipation sind somit wichtige Eigenschaften dieser Liebe. Dementsprechend wäre meine Theorie, dass mit dem ersten uns vorstellbaren Moment, an dem Gott, die Liebe, bereits existierte[3], diese Macht sofort begann durch ihr Wort „es werde“ Leben zu schaffen. Einzig darin begründet, dass sie nicht für sich selbst existieren konnte. Dieser Logos ist, wie Papst Benedikt XVI. es ausdrückte, die Ur-Vernunft der Schöpfung.[4] Der Mensch, welches als Geschöpf Gottes nach seinem Bilde geschaffen wurde[5], bildet somit die notwendig gewordene und gewollte Veräußerung der vollkommenen göttlichen Liebe. Wie bedeutend das Wesen Gottes nun im Bezug auf das staunende Wahrnehmen der Schöpfung ist, soll folglich bedacht werden.

1.4 Von der Notwendigkeit einer staunenden Schöpfungstheologie

Wie wir gesehen haben, sind aufgrund der göttlichen Macht der Liebe Kommunikation und Partizipation als schöpfende Kräfte von elementarer Bedeutung. Oftmals erhält das Leben z. B. durch einen wieder aufgenommenen Dialog, durch ein versöhnendes Wort, einen Blick des Vertrauens oder eine Geste der Zuneigung einen neuen Sinn; manche Menschen fühlen sich „wie neu geboren“. Bevor es jedoch dazu kommen kann, ist eine (neue) Bereitschaft zum staunenden Entdecken am Gegenüber wichtig. Denn oftmals erstirbt die Liebe in einer Beziehung, da beide Seiten das Staunen am Gegenüber verlernt haben und glaubten, ihr Gegenüber 110%ig zu kennen.

Da jedoch ein jedes Geschöpf eine gewollte Veräußerung der göttlichen Liebe darstellt, darf eine solche Haltung dem Willen und Wesen Gottes nach nicht sein! Das Staunen am Gegenüber zu unterlassen, würde der Tatsache gleichkommen, die Augen vor dem göttlichen Abglanz und somit dem Gott der Liebe selbst zu verschließen! In Geschichte und Gegenwart können wir ein solches Denken und Handeln in Streit, Kriegen, Menschenverfolgungen, Einzel- oder Massenmorden, zugelassenen Hungersnöten, sozialer Ungerechtigkeiten usw. in unterschiedlichem Ausmaße erkennen. Das Staunen über das Wunder des Lebens ist hier verloren (gegangen).

Für das Arbeiten und Forschen im theologischen wie auch im naturwissenschaftlichen Bereich hat dies ferner die Bedeutung, dass beide Seiten den begonnenen Weg des Dialoges fortführen müssen, um ihr unterschiedliches Wissen dem Leben und seiner Bedeutung dienlich zu machen. Dass sich diese beiden Felder im Prozess des Staunens nicht ausschließen, sondern sogar hervorragend vereinbaren lassen, belegt ein Zitat des berühmten Naturwissenschaftlers Albert Einstein: „Sie werden schwerlich einen tiefer schürfenden wissenschaftlichen Geist finden, dem nicht eine eigentümliche Religiosität eigen ist … [Sie] liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, dass alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein gänzlich nichtiger Abglanz ist.“[6]

[...]


[1] Ratzinger, Joseph: Im Anfang schuf Gott; Freiburg 2005; S. 53 ff.

[2] Vgl.: 1. Joh. 4, 16.

[3] Vgl.: 1. Mose 1, 2.

[4] Siehe: Benedikt XVI.: Enzyklika “Deus caritas est”; Augsburg 2006; S. 24.

[5] Vgl.: 1. Mose 1, 27.

[6] Vgl.: Albani, Matthias / Rösel, Martin: Altes Testament; Stuttgart 2007, S. 135 f.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640571369
ISBN (Buch)
9783640570904
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146918
Institution / Hochschule
Fachhochschschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie Moritzburg
Note
2,0
Schlagworte
Schöpfung Psalmen Staunen Menschen Gottesbegegnung Herausforderung

Autor

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Titel: Schöpfung in den Psalmen