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Die algerischen und ägyptischen Militärreformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts - Ein Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 29 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum militärische Reformen?
2.1. Ursachen der militärischen Unterlegenheit
2.2. Erste Reformen im Osmanischen Reich

3. Die Militärreformen in Ägypten
3.1 Entstehung einer modernen Armee
3.2 Probleme der Aufrüstung
3.3 Zusammenfassung

4. Die Militärreformen in Algerien
4.1 Aufbau einer modernen Armee
4.2 Probleme der Aufrüstung
4.3 Zusammenfassung

5. Vergleich

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es in mehreren muslimischen Ländern zu umfassenden militärischen Reformen. Ausgehend vom Osmanischen Reich entwickelten sich zunächst in Ägypten, dann in Persien und schließlich in den Maghrebstaaten, oftmals halbherzige, Reformprogramme, deren Ziel es war, die militärische Unterlegenheit gegenüber Europa auszugleichen. Dabei erwachte der Wille zu wirklichen Reformen meist erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät war.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beherrschte das Osmanische Reich noch immer Südosteuropa und Nordafrika bis nach Marokko. Doch die Unterlegenheit seiner Armee gegenüber seinen europäischen Feinden hatte sich inzwischen allzu deutlich gezeigt. Traditionell stellte das Janitscharenkorps den Kern der osmanischen Armee und dominierte auch die militärische Entwicklung in den Provinzen. Hierbei handelte es sich ursprünglich um christliche Kinder, die versklavt, zum Islam bekehrt, militärisch ausgebildet und anschließend freigelassen wurden. Durch diese Ausbildung waren sie nicht nur exzellent trainiert, sondern auch diszipliniert und vor allem dem Sultan gegenüber loyal. Im Laufe der Zeit kam es jedoch, beeinflusst durch einen allgemeinen Niedergang der osmanischen Macht, zum Verfall des Janitscharenkorps, welches sich zunehmend in die Politik einmischte.1

Erste Versuche das Militär zu reformieren gingen auf das 18. Jahrhundert zurück, blieben jedoch erfolglos. Noch war die militärische Unterlegenheit nicht so groß, dass radikale Reformen in Angriff genommen worden wären. Doch als sich dann die autonomen Provinzgouverneure ebenfalls daran machten, moderne Streitkräfte aufzustellen, konnten sie bereits auf die ersten Reformen im Osmanischen Reich zurückgreifen.

Einer dieser Provinzgouverneure war Muhammad ‘Al! in Ägypten. Er kam als Angehöriger einer osmanischen Armee in diese Provinz, um die dort gelandeten Franzosen zu vertreiben. Zu dieser Armee gehörten auch neue, reformierte osmanische Einheiten, die ihn stark beeindruckten.2 Ein weiterer Herrscher war ‘Abd al-Qädir in Algerien, der auf seiner Pilgerfahrt nach Mekka mit den Reformen in Ägypten in Kontakt gekommen war.3

Beide Herrscher bauten ihre Armeen nach europäischem Vorbild auf, beide bedienten sich dabei massiver europäischer Hilfe und beide scheiterten letztendlich.

Gegenstand dieser Arbeit soll es sein, ihre Reformen zu vergleichen und zu schauen, wo es Gemeinsamkeiten gab, welche Probleme sich ergaben, und ob diese Probleme vielleicht identisch waren.

Zu diesem Zweck erscheint es notwendig, zunächst einmal klar zu machen, weshalb Militärreformen überhaupt nötig geworden waren.

Anschließend werden die Reformen in Ägypten dargestellt werden, wie es dazu kam, wie sie abliefen und dann welche Probleme sich hierbei ergaben. Nach dem gleichen Muster sollen auch die Reformen in Algerien betrachtet werden. Schließlich wird auf dieser Grundlage ein Fazit gezogen.

Datumsangaben richten sich dabei nach dem gregorianischen Kalender. Im Deutschen gebräuchliche Städte- und Ortsnamen werden in ihrer deutschen Schreibweise wiedergegeben.

2. Warum militärische Reformen?

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts strebten das Osmanische Reich und die christlichen Großmächte Europas dem Höhepunkt ihrer militärischen Konfrontation entgegen. In Nordwestafrika und auf dem Balkan kam es zu lang andauernden Kriegen, in denen keine der beiden Seiten einen entscheidenden Vorteil erringen konnte. Nach den schweren Auseinandersetzungen entwickelte sich in Nordwestafrika eine Art „Kalter Krieg“4, in dem beide Seiten Korsarenflotten einsetzten. Diese erwiesen sich als billigeres und effektiveres Mittel der Kriegführung auf einem Kriegsschauplatz, auf dem militärischer Erfolg eng verknüpft war, mit der Versorgung über See. Es waren daher auch die immensen Kosten der Versorgung und Verstärkung eigener Truppen, welche beide Seiten - Osmanisches Reich und Spanien - zwangen, Mitte des 16. Jahrhunderts die Kampfhandlungen in Nordwestafrika weitestgehend einzustellen. Spanien orientierte sich nach Nordwesteuropa und für die Osmanen war der Balkan wichtiger.5 Doch auch hier mussten nach langen Kämpfen Verhandlungen aufgenommen werden, die den Status Quo zementierten.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich beide Seite in einer militärischen Pattsituation. Europäische Söldnerheere hatten sich wiederholt den Muslimen als unterlegen erwiesen. Keine europäische Armee jener Zeit (16. Jahrhundert) war in der Lage, die Janitscharenarmee des osmanischen Sultans in offener Feldschlacht entscheidend zu schlagen. Dennoch war das Osmanische Reich nicht mehr in der Lage, diese Überlegenheit in weitere Expansionen umzuwandeln. In zunehmendem Maße litten seine Truppen an Versorgungsproblemen, die immer größer wurden, je weiter sich die Grenzen ausdehnten und die Armee von ihren Versorgungsbasen entfernt operieren musste. Es war dann auch dieses logistische Problem, welches zu ersten militärischen Rückschlägen führte, auch wenn der allgemeine militärische Niedergang sich bereits abzeichnete.6

Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die osmanische Armee stark genug, um verloren gegangenes Territorium zurückzuerobern, sodass man noch keine Notwendigkeit zu grundlegenden Neuerungen sah. Innerhalb von weniger als 50 Jahren änderte sich die Situation dann jedoch grundlegend. In den osmanisch-österreichisch- russischen Kriegen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erwies sich das Osmanische Reich seinen Gegnern als militärisch absolut unterlegen.7 8 Die hier eingesetzte osmanische Armee „failed completely“ , die osmanische Marine wurde völlig zerstört und Offiziere wie Soldaten bewiesen einen eklatanten Mangel an taktischem Verständnis.9

2.1 Ursachen der militärischen Unterlegenheit

Die Gründe für die Unterlegenheit der muslimischen Armeen ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind vielfältig und sie im Detail herauszuarbeiten, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Dennoch sollen an dieser Stelle einige Ursachen und ihre Hintergründe genannt werden.

Zunächst hatte Europa keinerlei besondere Vorteile gegenüber seinen muslimischen Gegnern.10 Im 17./18. Jahrhundert kam es dann jedoch zu einigen Veränderungen, auch im Militärwesen. Mit der Entdeckung Amerikas kam es immer öfter zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen europäischen Mächten, in denen der Handel in zunehmendem Maße auch zu einer Waffe wurde. Monarchen und Regierungen sahen hier ein Instrument der Staatsmacht.

Indem Handel zunehmend staatlich organisiert und kontrolliert wurde, erhielten die Europäer die finanziellen Mittel um große, stehende Heere aufzubauen. Diese waren notwendig, um die immer größeren Gebiete auch in Übersee beherrschen und gleichzeitig die Interessenssphären in Europa verteidigen zu können, und erwiesen sich gleichzeitig als zuverlässiger und loyaler als Söldnerheere. Da die Soldaten nun ständig trainierten und auch ein regelmäßiges Einkommen erhielten, wurden die europäischen Armeen zu professionellen Kriegsinstrumenten. Zunehmende Zentralisierung führte in Europa dazu, dass die Staaten verstärkt in der Lage waren, diese professionalisierten Armeen in relativ schneller Zeit effektiv zum Einsatz zu bringen.11

Rollmann sieht zeitgleich eine gegenteilige Entwicklung in der muslimischen Welt. Die Macht der Regierungen war hier im Rückgang begriffen, während lokale Notabeln an Bedeutung gewannen und versuchten ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Dies führte zu Aufständen und Bürgerkriegen, welche die politische und militärische Macht der Herrschenden weiter schwächten.12

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden weiterhin technologische Fortschritte in der Waffentechnik gemacht. Waren Musketen und Geschütze im 16./17. Jahrhundert noch teuer, unhandlich und unzuverlässig, wurden sie nun schnell technologisch ausgereifter.13 Sie wurden leichter bzw. kleiner und ihre Reichweite steigerte sich zunehmend. Dadurch wurde die Infanterie zur Massenwaffe und verdrängte die ihr nun unterlegene Kavallerie als die das Schlachtfeld beherrschende Waffengattung.14

Dadurch wurde die Produktion dieser Waffen jedoch immer komplizierter und es fehlte in den muslimischen Ländern verstärkt ausgebildetes Personal, um solche Waffen herzustellen.15 Schon ab dem 16. Jahrhundert waren viele muslimische Herrscher auf den Import von Waffen aus Europa angewiesen, da die lokal produzierten Musketen von schlechter Qualität waren. Diese Abhängigkeit steigerte sich dann noch im 19. Jahrhundert, als die Neuerungen in immer kürzeren Abständen vorkamen.16

Aus dem verständlichen Bemühen heraus, sich nicht von einem Handelspartner abhängig zu machen, wurde es unter den muslimischen Herrschern üblich, Waffen aus unterschiedlichen Ländern einzukaufen. Dadurch konnte zwar, zumindest zeitweise, der technologische Vorsprung der Europäer aufgeholt werden. Es ergaben sich jedoch auch neue Probleme. Instruktionen zu Wartung und Handhabung der Waffen wurden in unterschiedlichen Sprachen mitgeliefert und die Soldaten wurden an unterschiedlichen Modellen ausgebildet, worunter die allgemeine Kampfkraft litt. Zusätzlich musste auch unterschiedliche Munition bereitgestellt werden, da die Kalibergrößen von Lieferland zu Lieferland unterschiedlich waren. Gleichzeitig wurde eine intensive Ausbildung der Soldaten an den Waffen, am Umgang mit ihnen und ihrer Wartung und Pflege, zu einem der wichtigsten Ausbildungsbestandteile.17

Hinzu kamen taktische Neuerungen ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dann durch die Napoleonischen Kriege. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten sich Schlachten mehr oder weniger zufällig entwickelt. Entscheidend für den Sieg waren dann oftmals Zufall und die individuelle Tapferkeit und Ausbildung der Soldaten, oder schlichtweg numerische Überzahl. Doch ab den Schlesischen Kriegen in der Mitte des 18. Jahrhunderts und dann den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Kriegführung zu einer Wissenschaft. Schlachten wurden unter Berücksichtigung der Topographie, der gegnerischen Versorgungslage und -wege und den Wetterbedingungen richtig geplant. Man versuchte durch großräumige Manöver den Gegner an einem für ihn ungünstigen Ort zur Schlacht zu zwingen. Strenge Disziplin und das Einhalten von Gefechtsformationen machten dabei aus den Armeen straff geführte Einheiten, die den „unorganisierten“ Heeren der muslimischen Länder überlegen waren.18

2.2 Erste Reformen im Osmanischen Reich

Im Osmanischen Reich war es Sultan Selim III. (1789-1807), der nach den schweren Niederlagen gegen Österreich und Russland die Notwendigkeit zu militärischen Reformen sah. Nachdem es schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts erste halbherzige Reformversuche gegeben hatte, waren seine Reformen der erste Versuch, die militärische Ordnung des Reiches auf eine neue Grundlage zu stellen.19 Und obwohl er letztlich scheiterte, hatten seine Reformversuche weitreichende Auswirkungen auf spätere Versuche in anderen muslimischen Ländern.20

Zunächst hatte er noch die Absicht die bestehenden Institutionen, das Janitscharenkorps und die Kavallerie, zu reformieren. Dies war notwendig geworden, da die Kampfkraft der Janitscharen stark rückläufig war. Sie bildeten ursprünglich den Kern der osmanischen Armee und zeichneten sich durch starke Disziplin, absolute Loyalität gegenüber dem Sultan und eine exzellente Ausbildung aus. Doch bereits Ende des 16. Jahrhundert gab es erste Einbrüche in diesem System. Die wirtschaftliche Kraft des Osmanischen Reiches ließ nach, sodass die finanziellen Aufwendungen für die Janitscharen nicht mehr in dem Maße getragen werden konnten, wie bisher. Viele Soldaten begannen daraufhin, sich nebenbei als Händler zu betätigen, und ihre Ausbildung zu vernachlässigen.21

Dies hatte zur Folge, dass viele Einheiten in der Realität wesentlich schwächer waren, als auf dem Papier, da die Soldaten einfach nicht erschienen, oder die Offiziere Verluste nicht weitergaben, um weiterhin für diese Soldaten Sold zu erhalten.22

Selim III. ordnete nun eine Überprüfung aller Soldaten und Offiziere auf ihre Ehrlichkeit und Qualifikation hin an, und ließ unehrliche oder unausgebildetes Personal aus dem Dienst entfernen. Beförderungen sollten sich nur noch nach der jeweiligen Qualifikation richten und nicht mehr nach Beziehungen bzw. Bezahlung.

[...]


1 Ralston: European Army, S. 46.

2 Fahmy: Pascha’s men, S. 80-82.

3 Danziger: Abd Al-Qadir, S. 56.

4 Rollmann: New Order, S. 97.

5 Abun Nasr: Maghrib, S. 158; Sievers: Nordafrika, S. 515.

6 Ralston: European Army, S. 45.

7 Ralston: European Army, S. 43.

8 Rollmann: New Order, S. 102.

9 Rollmann: New Order, 101-104.

10 Ralston: European Army, S. 1.

11 Ralston: European Army, S. 3ff; Rollmann: New Order, S. 98f.

12 Rollmann: New Order, S. 99f, 125f.

13 Sivers: Nordafrika, S. 519f.

14 Ralston: European Army, S. 3.

15 Rollmann: New Order, S. 193.

16 Rollmann: New Order, S. 96f, 193; Sivers: Nordafrika, S. 531.

17 Rollmann: New Order, S. 193f.

18 Fahmy: Pascha’s men, S. 112-116; Rollmann: New Order, S. 192.

19 Ralston: European Army, S. 43; Rollmann: New Order, S. 138f.

20 Fahmy: Pascha’s men, S. 80.

21 Ralston: European Army, S. 44-46.

22 Shaw: Selim III., S. 144.

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640568994
ISBN (Buch)
9783640569199
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146954
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Asien-Afrika-Institut, Abteilung für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients
Note
1,3
Schlagworte
Militärreformen Algerien Ägypten 19. Jahrhundert

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