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Psychosomatische Störung - Spezialthema Essstörungen

Studienarbeit 2008 77 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Kapitel I – Einleitung
1.1 Grundlagen
1.2 Motivation zum Vertiefungsthema

2 Kapitel II – Psychosomatik
2.1 Psychosomatik und ihre Stellung im Gesundheitswesen
2.2 Abgrenzung psychosomatische und/oder somatoforme Störungen
2.3 Resümee

3 Kapitel III – Spezialthema Essstörungen
3.1 Einleitung
3.2 Adipositas
3.2.1 Definition und Diagnose
3.2.2 Epidemiologie
3.2.3 Ätiologie und hier die Psychodynamik
3.2.4 Folgeerkrankungen, psychosoziale Konsequenzen
3.2.5 Therapie
3.3 Magersucht – Anorexia nervosa
3.3.1 Definition und Diagnose
3.3.2 Epidemiologie
3.3.3 Ätiologie und hier die Psychodynamik
3.3.4 Somatische Folgen
3.3.5 Therapie
3.4 Bulimia nervosa
3.4.1 Definition und Diagnose
3.4.2 Epidemiologie
3.4.3 Ätiologie und hier Psychodynamik
3.4.4 Somatische Folgen
3.4.5 Therapie
3.5 Binge Eating Störung
3.5.1 Definition und Diagnose
3.5.2 Epidemiologie
3.5.3 Ätiologie und ihre Symptome
3.5.4 Therapie

4 Kapitel IV – Therapeutische Überlegungen
4.1 Abgrenzung der hier relevanten psychologischen Berufe
4.2 Erklärungsansätze der Essstörungen
4.3 Therapeutische Überlegungen

5 Kapitel V Schlusswort
5.1 Präventionsmaßnahmen im Gesundheitswesen

6 Literaturverzeichnis

1 Kapitel I – Einleitung

1.1 Grundlagen

Die Basis meiner Abschlussarbeit bildet ein 20monatiger Fernstudiengang zur Psychologischen Beraterin an dem Institut für angewandte Psychologie und Psychosomatik in Düsseldorf sowie die Teilnahme an den hier notwendigen Workshops, die insbesondere die eigene Persönlichkeit reifen ließen, meine vorhandenen Ressourcen herausfilterten und damit meinen gewählten Vertiefungsbereich hilfreich unterstützen.

1.2 Motivation zum Vertiefungsthema

In der Geschichte der Menschheit finden sich bis in die heutige Zeit zahlreiche Berichte über Hungersnöte, die auch im Alten Testament wieder zu finden sind. Die wesentlichen Ursachen der Hungersnöte waren lang andauernde Trocken- oder Frostperioden, exzessive Regenfälle, Naturkatastrophen und Kriege, welche die Ernte verwüsteten. In neuerer Zeit wurde bekanntlich die Bevölkerung Irlands Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine Hungernot um sieben Millionen Menschen reduziert. Im 2. Weltkrieg verhungerten Millionen von Menschen während der Belagerung Leningrads. In vielen Ländern der Dritten Welt stellen Nahrungsmangel und Hungersnöte noch heute den Normalzustand dar. Als Reaktion der Menschen auf Nahrungsmangel wurden eine anfängliche Zentrierung von Gedanken und Verhalten auf Nahrung, der Verlust des sexuellen Antriebs, eine zunehmende Selbstbezogenheit und ein Verlust humaner Werthaltungen und in späteren Stadien der Unterernährung eine charakteristische Inaktivität, Apathie, Rückzug von anderen und eine vermehrte Irritierbarkeit und Reizbarkeit beschrieben.

Die Tradition der willentlichen Nahrungskarenz – des Fastens – aus kultischen oder religiösen Gründen ist in vielen Kulturkreisen verankert. Bemerkenswert ist sowohl im Alten wie im Neuen Testament die gedankliche Assoziation von asketischer Haltung durch Fasten und Reinigung von Sünde und Schuld.

Neben der kathartischen Funktion kann das Fasten jedoch auch andere Bedeutung erlangen. Von besonderem Interesse ist hier die in ethnologischen Berichten dargestellte Möglichkeit, Rache an einem Gegner zu nehmen und ihn zu demütigen, indem man vor dessen „Haustür“ Suizid beging oder „gegen sich fastete“. Dieser Aspekt, aggressive Impulse gegen sich selbst zu richten, um damit andere zu beschämen und zu demütigen, fand sich z.B. in der japanischen Kultur der zurückliegenden Jahrhunderte wieder.

Kaum ein menschliches Grundbedürfnis ist so vielen individuellen, interpersonellen und soziokulturellen Einflüssen ausgesetzt wie das Essen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in diesem Bereich neurotische Störungen auftreten, die Krankheitswert haben.

Bei einem nur oberflächlichen Blick in die Geschichte wird klar, dass wir Bewohner westlicher Industrienationen in einer fast einzigartigen Situation leben – in der Epoche des Nahrungsüberflusses.

Die Ernährungsweise, die in Deutschland üblich ist, entstammt nicht einer Ernähungstradition, sondern zweier, die überdies noch widersprüchlich sind : der mediterranen und der „barbarischen.“ Ist die erstere maßvoll und vegetarisch, so ist die andere tendenziell maßlos und fleischorientiert. Dass dies zu Konflikten führt, ist nahe liegend. Beim Blick auf die Geschichte wird ebenfalls klar, dass Lebensmittelpräferenzen – unabhängig von dengenannten beiden Ernährungstraditionen – starken gesellschaftlich- kulturellen Einflüssen unterliegen. Warum verbietet z.B. die eine Kultur den Genuss von Katzen und die andere nicht? Wie ist es zu erklären, dass die Kartoffel in unserer Kultur lange verpönt war, sich dies aber dann änderte?

Nahrungsaufnahme ist nicht nur Physiologie, ist nicht nur Psychologie, sie ist auch mit gesellschaftlicher Macht verwoben. Durch fast die gesamte Geschichte hindurch wird z.B. mit Festgelagen oder mit dem Verspeisen von luxuriösen Lebensmitteln gezeigt, in welchen Händen die gesellschaftliche Macht liegt. Nahrungsaufnahme ist ein Indikator, zu welcher gesellschaftlichen Gruppe eine Person gehört. Mit ihrer Hilfe grenzt sich die eine gesellschaftliche Gruppe von der anderen ab.

Eine bestimmte Kultur determiniert nicht nur das Essverhalten. Sie nimmt auch Einfluss darauf, was als Essstörung gilt und was nicht. Im spätantiken Rom wurde bei einem Gelage, um möglichst viel essen zu können, zwischenzeitlich das Vomitorium aufgesucht, in dem man sich durch Erbrechen erleichtern konnte. Die Römer haben dies aber nicht als Krankheit begriffen. Wir tun dies hingegen.

Auch wenn Essstörungen in aller Regel und überwiegend leidvoll sind, so sind sie zugleich ein Teil der Persönlichkeit des jeweiligen Individuums. Die Betroffenen definieren sich über ihre Essstörung, grübeln darüber, warum ausgerechnet sie bulimisch oder adipös sind. Was aber, wenn auch bei Essstörungen die Kultur eine Rolle spielt? Üblicherweise versteht man Essstörungen als Ergebnis von z.B. genetischen Besonderheiten oder als Ausdruck psychischer Konflikte oder als eine Art von Problembewältigung. Keine Frage, dass Essstörungen diesen Hintergrund haben können, aber eine Essstörung ist auch etwas, was zunächst als Essstörung definiert sein muss.

In aller Regel definiert in unserer Kultur der Ärztestand, was als Störung gilt und was nicht als Störung bezeichnet wird. Und diese Definitionen sind relativ variabel. Das bedeutet, dass einmal in einer bestimmten Epoche ein bestimmtes Maß an Übergewicht als Störung gilt, in einer anderen Epoche hingegen als gänzlich normal. Die Betroffenen werden in der Regel die Definition der Experten akzeptieren und sich das eine Mal als krank, das andere Mal als gesund begreifen. Wenn eine Gesellschaft dafür Verständnis hat, dass junge Frauen, um ihr Figurproblem zu lösen, nach den Mahlzeiten erbrechen, dann gibt es keine Bulimia nervosa als anerkanntes Krankheitsbild.

Wenn hingegen wie in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts das Idealgewicht als gesundheitlich optimal angepriesen wird und alles Gewicht, das darüber liegt, als lebensverkürzend gilt, wenn sich zusätzlich das vorherrschende Schlankheitsideal der Frauen der Magersucht annähert, dann sind sozusagen von einem Tag auf den anderen große Bevölkerungskreise übergewichtig und adipös.

Diese neue und sehr große Gruppe jetzt Übergewichtiger und Adipöser ist nun darum bemüht, das Gewicht zu reduzieren. Schließlich wird heutzutage Glück mit Schlankheit in Zusammenhang gebracht. Gewicht zu reduzieren gelingt aber nicht allzu häufig. Diäten und andere Formen der Gewichtsreduktion sind langfristig selten erfolgreich. Die um Gewichtsabnahme Bemühten sind angesichts der ausbleibenden Erfolge enttäuscht und essen angesichts der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen potenziell mehr als davor. Diätversuche führen tendenziell zu allen Formen von Essstörungen, also auch zur Bulimia nervosa oder zur Anorexia nervosa.

Angesichts dieses Sachverhaltes ist es nicht unerheblich, dass jedes dritte Mädchen bis zu einem Alter von zehn Jahren über Diäterfahrungen verfügt. (Bruns-Philipps/Dreesman 2004)

Diätversuche in Eigenregie sind allerdings zu unterscheiden von professionell durchgeführten Gewichtsabnahmeprogrammen. Diese münden in der Regel nicht in Essstörungen. Dagegen verursacht kontrolliertes Esssverhalten als alltägliches kulturelles Muster vor allem bei Mädchen und jungen Frauen Essstörungen.

Der eben modellhaft beschriebene Teufelskreis könnte eine Erklärung dafür liefern, warum die Anzahl adipöser Personen zunimmt. Dieser Teufelskreis könnte allerdings auch anders ausgehen; er kann in Anoreixa nervosa oder Bulimia nervosa münden, also einmal in totaler Kontrolle der Essimpulse, das andere Mal in der Korrektur des übermäßigen Essens durch z.B. induziertes Erbrechen. Festzuhalten bleibt, dass möglicherweise gesellschaftliche Einflüsse, nämlich die Setzung des Idealgewichts dazu beigetragen hat, dass die Verbreitung der Adipositas und der Bulimia nervosa deutlich zugenommen hat.

Des Weiteren geht es um die Unterschiede in der Gesellschaft, also um die unterschiedlichen sozialen Schichten, die sich ebenfalls unterschiedlich ernähren. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Personen mit einem geringeren sozioökonomischen Status höhere Morbiditäts- und Mortalitätsraten aufweisen. Gesundheit ist also deutlich mit sozialer Ungleichheit verbunden. Dass Lebensmittel nicht nur Mittel zum Zweck sind, um zu überleben, belegt die Nutzung von Speisen, um sich von anderen zu unterscheiden. Nahrungsaufnahme ist ein Mittel der sozialen Distinktion. Die Geschichte lehrt, dass Essen oder bestimmte Lebensmittel häufig dafür eingesetzt wurden, um Macht und Reichtum zu demonstrieren.

Nicht einmal Essstörungen sind frei von historischen und kulturellen Einflüssen. In einer bestimmten Kultur zu einer bestimmten Zeit gilt Wohlbeleibtheit als Ausdruck von Macht und Ansehen. In einer anderen Kultur in anderen Zeiten ist sie als Krankheit etikettiert und verpönt. Dem Alltagsbewusstsein ist es nicht sehr deutlich bewusst, wie stark soziale Faktoren die Gesundheit und die Nahrungsaufnahme beeinflussen. Die Kluft zwischen arm und reich wird derzeit nicht kleiner, sondern größer. Die Qualität der Herkunftsfamilie und der elterliche Erziehungsstil spielen eine beträchtliche Rolle bei der Herausbildung von gesunder oder ungesunder Ernährungsweise. Was und wie gegessen wird, ist nicht nur individuelle Wahl oder reiner Zufall. Vielmehr repräsentieren und konstruieren die Art der Nahrungsaufnahme und die Küche eine soziale Ordnung.

„Wir müssen also danach trachten, die Bedeutung der Bewegung zu verstehen, denn bliebe diese unbekannt, blieben wir auch im Dunkeln darüber, was die Bedeutung der Natur selbst angeht.“

Aristotels

All das oben Erwähnte ist Grund genug darüber zu schreiben.

2 Kapitel II – Psychosomatik

2.1 Psychosomatik und ihre Stellung im Gesundheitswesen

Als sich im 19. Jahrhundert allmählich die naturwissenschaftliche Medizin durchsetzte, etablierte sich parallel dazu die Psychosomatik – als Gegenbewegung zur naturwissenschaftlichen Medizin. Gelang es der naturwissenschaftlichen Medizin immer besser, zahlreiche Erkrankungen als rein biologische Prozesse zu erforschen, so setze sich die Psychosomatik davon ab, indem sie postulierte, das körperliche Erkrankungen nicht nur durch körperliche Faktoren verursacht seien. Vielmehr könnten psychische Konflikte zu körperlichen Erkrankungen führen. Die Psychosomatik ist also das Gebiet der Medizin, das den Einfluss des Seelischen auf die Entstehung und den Ablauf körperlicher Erkrankungen studiert. Schon das Wort „Psychosomatik“ , welches sich aus den zwei griechischen Worten zusammensetzt, „Psyche“ heißt Seele, Hauch, Atem und „Soma“ bedeutet Körper oder Leib, drückt ihre Gegenseitigkeit aus. Die Struktur beider Bezeichnungen impliziert, dass Leib und Seele im Prinzip voneinander unabhängig sind, einander aber gelegentlich auch beeinflussen. Die Psychosomatik im eingeschränkten Sinne, bewegt sich nicht wirklich auf dem Schnittpunkt von Psyche und Soma, weil sie von der Psyche her betrachtet, welche psychischen Zustände welche körperlichen Manifestationen hervorbringen. Außerdem trägt der Terminus Psychosomatik bisweilen zu einer fragwürdigen Einteilung von Erkrankungen bei: Als ob es „somatische“, also körperliche, „psychische“, also seelisch und darüber hinaus noch „psychosomatische“, also gemischte Erkrankungen des Menschen gäbe. Der Ausdruck „psychosomatisch“ legt einen Dualismus nahe, der so nicht existiert.

Die psychosomatische Betrachtungsweise bemisst den seelischen Vorgängen für die Entstehung und Fortdauer körperlicher Krankheiten eine entscheidende Bedeutung bei. Das dualistische Paradigma ist aber im menschlichen Denken tief verwurzelt. Dennoch hofft man, mit beiden Bezeichnungen nicht die dualistische, sondern eine monistische Sicht des Menschen zu fördern, denn jedes Funktionieren und jede Krankheit ist seelisch und körperlich zugleich, da sowohl psychische als auch physiologische Prozesse kontinuierlich vor sich gehen.

Unter Psychosomatik im engeren Sinne werden alle körperlichen Beschwerden ohne organischen Befund verstanden, bei denen ein auslösender seelischer oder sozialer Konflikthintergrund als wahrscheinlich anzunehmen ist. In der extremsten Form werden unter psychosomatischen Krankheiten selbsterzeugte Krankheiten verstanden, die durch Bewusstsein, Verhalten und Gefühl her erzeugt oder zumindest „zugelassen“ werden und die folglich durch Änderung in diesem Bereichen zum Verschwinden gebracht werden können. In diesen Definitionen ist Psychosomatik die Einbahnstraße von primär seelischen Leiden zu sekundär körperlichen Störungen; von der Psyche herkommend wird versucht, eine begrenzte Gruppe bestimmter funktioneller Krankheiten zu verstehen und günstig zu beeinflussen durch Verbindung von somatischen mit psychotherapeutischen Maßnahmen. Hervorgehoben werden muss, dass sie das Prinzip von Ursache und Wirkung in den Vordergrund stellen. Diese Definition hat Schwächen, weil sie eine Korrelation oder gar eine Kausalität von der Psyche ausgehend Richtung Körper annimmt, die im Einzelfall nicht immer belegbar ist.

Psychosomatik in dieser leib-seelischen Perspektive berührt die Grundlagen der gesamten Humanmedizin. „Sie vertritt damit eine Zugangsweise zum Kranken, die nicht nur bestimmte Fachgebiete betrifft, sondern in alle vorklinischen und klinischen Bereiche hineinreicht.“ (Bräutigam et al,2) Es geht also nicht darum, die Psychosomatik als ein medizinisches Spezialfach zu begreifen; vielmehr ist die gesamte Humanmedizin ihrem Wesen nach psychosomatisch – oder hätte es zumindest zu sein.

So hat die somatische Medizin durch die rasch fortschreitende Spezialisierung zu einem Zerfall der großen Fächer, wie z.B. insbesondere der Inneren Medizin, geführt. Diese Spezialisierung auf ein Organ verführt zu einseitiger, somatischer Betrachtungsweise und zwingt zur Konzentration auf immer komplizierter und technischer werdende Spezialmethoden eines immer begrenzteren Gebietes.

Der Traum einer Humanmedizin muss sich verändern: denn Hämatologen, Kardiologen, Gastroenterologen oder Endokrionologen wissen sehr viel mehr über den menschlichen Körper als Psychosomatiker, die sich außerhalb der Organkliniken angesiedelt haben. Wenn sie von dort aus psychosomatische Probleme untersuchen wollen, müssen sie sich bei den Organspezialisten über Immunvorgänge, über Herz- und Kreislaufprozesse und über Abläufe im Magen-Darm-Trakt informieren lassen, ohne zu den einseitigen Körpervorstellungen der Organspezialisten kritisch Stellung nehmen zu können. Das aber wäre für eine Integration psychosomatischer Betrachtungsweise unerlässlich; denn die somatischen Spezialisten haben im Zuge der zunehmenden Fraktionierung der Heilkunde das Mosaik, das den kranken Menschen darstellen soll, über den Einzelheiten ihrer Facetten aus den Augen verloren.

So ist die Heilkunde heute zu einem Milchstraßensystem von Spezialdisziplinen geworden, in dem sich nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte verirren können.

Je nach Grundausbildung wird dabei eher die medizinische Seite oder eher die psychologische Seite betont und behandelt, teils aus Begrenzung des eigenen Faches heraus, teils aus bescheidener Einsicht, dass der Mensch vermutlich niemals wirklich in seiner vollständigen biologischen, psychischen und sozialen Einheit erfasst werden kann.

Diese Wirklichkeit der Heilkunde ruft nach einem anderen Traum: sie muss Modelle zur Lösung der Frage anbieten, wie Teile in einem Ganzen integriert sind. Es ist somit die Aufgabe der dritten Generation von Psychosomatikern, nicht mehr Einführung der psychosomatischen Betrachtungsweise in eine mechanistische Medizin, sondern Entwicklung der Theorie und Praxis einer Heilkunde, die psychische und somatische Abläufe als interdependente und interaktive Funktionen eines einheitlichen Systems begreift. Wie weit ist es möglich, in die Tiefen des Unbewußten zu streifen, in die Feinheiten des neuro-endokrinologischen Systems vorzudringen und wie weit reicht das Lebensumfeld des Menschen, das nicht nur Familie, Beruf und Freunde einschließt, sondern potentiell den gesamten Kosmos? Dieser umfassende Anspruch macht es dem Einzelnen nicht leicht, ihn zu realisieren und wurde bis heute auch nur unzureichend durchgesetzt. Psychosomatik bleibt bis heute eine Spezialgebiet von Ärzten und ein Nebenfach für Psychologen!

2.2 Abgrenzung psychosomatische und/oder somatoforme Störungen

Eine entscheidende Wende in der Geschichte der Psychosomatik bestand darin, nicht mehr nur von den Auswirkungen der Psyche auf den Körper auszugehen, sondern auch die andere, entgegengesetzte Wirkungsrichtung zu berücksichtigen: die somatopsychische. Die von Mirsky ausgehende Forschungsrichtung (Adler 2003) legt darauf Wert, dass somatische Faktoren bei der Entstehung psychosomatischer Erkrankungen beteiligt sind.

Als Sonderform psychosomatischen Geschehens beschäftigt sich die psychosomatische Medizin mit den somatoformen Störungen, bei denen kein organischer Befund nachweisbar ist und psychische Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome eine bedeutsame Rolle spielen. Unklar bleibt dabei, ob der Befund einer Funktionsstörung aus der Wahrnehmung des Patienten resultiert, dass „etwas nicht stimmt“, oder ob diesem Begriff eine ärztliche Interpretation zugrunde liegt, der zufolge die Klagen des Patienten eher eine Fehlfunktion bestimmter Regelvorgänge anzeigen als eine objektivierbare Störung eines Organsystems.

Hier ein Beispiel für einen psychophysiologischen Zusammenhang: Angst führt dazu, dass im Körper Adrenalin ausgestoßen wird, was u.a. die Magen-Darm-Peristaltik hemmt und bei längerem Bestehen zu Verdauungsstörungen führen kann. In vielen Redewendungen des Alltags ist dieser Zusammenhang impliziert: „etwas liegt einem schwer im Magen“, eine Sache geht einem „an die Nieren“ usw.

Auch wenn Beginn und Fortdauer der Symptome eine enge Beziehung zu unangenehmen Lebensereignissen, Schwierigkeiten oder Konflikten aufweisen, widersetzt sich der Patient gewöhnlich den Versuchen, die Möglichkeit einer psychischen Ursache zu diskutieren.

Somatoforme Störungen sind durch die Entwicklung der gebräuchlichen psychiatrischen Diagnosesysteme ICD 10 und DSM-IV zu psychiatrischen Diagnosen geworden, obwohl Patienten aus dieser Diagnosegruppe sehr selten primär einen Psychiater aufsuchen oder von sich aus psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Vielmehr konsultieren diese Patienten Grundversorger wie Allgemeinärzte und Internisten etc.. Von daher geht die Umdeutung dieser Diagnosegruppe in ein rein psychiatrisches Krankheitsbild an der klinischen Realität vorbei.

Nach der dort gegebenen Beschreibung schildert der Patient die Symptome so, als beruhten sie auf der körperlichen Erkrankung eines Systems oder Organs, das weitgehend oder vollständig vegetativ innerviert und kontrolliert wird. Die somatoforme autonome Funktionsstörung wird als eine Kombination von vegetativen Symptomen und zusätzlichen unspezifischen Beschwerden oder Klagen charakterisiert; dabei beharren die Patienten in der Regel darauf, ein bestimmtes Organsystem verursache die Störung. Gemeint sind störende und quälende körperliche Beschwerden ohne medizinischen Befund aber in psychisch-situativen Zusammenhängen. Dabei bedeutet „somatoform“ ungefähr: im Körperlichen sich äußernde Störung mit psychischen Zusammenhängen im Sinne eines somatischen Äquivalentes. Dabei sind die körperlichen Beschwerden „multipel“, d.h. sie betreffen nicht ein Organsystem. Geläufige Bezeichnungen hierfür sind auch psychovegetatives Syndrom oder allgemeines psychosomatisches Syndrom.

Definition der somatoformen Störungen (F 45) nach ICD 10:

Das Charakteristikum ist die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischer Untersuchung trotz wiederholter, negativer Ergebnisse und Versicherung der Ärzte, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind.

Sind aber irgendwelche körperlichen Symptome vorhanden, dann erklären sie nicht die Art und das Ausmaß der Symptome oder das Leiden und die innerliche Beteiligung des Patienten..

Innerhalb der Gruppe somatoformer Störungen werden Störungsbilder unterschieden, die sich im Wesentlichen an der Ausrichtung des Beschwerdebildes bzw. an dem am häufigsten betroffenen Organsystem orientieren (F 45.3). Dabei legt die Terminologie nahe, dass bei diesen Störungsbildern eine Beteiligung autonom vermittelter Funktionsstörungen für wesentlich gehalten wird: Entsprechend dem hauptsächlich betroffenen Organsystem werden autonome Funktionsstörungen des kardiovaskulären Systems, des oberen und unteren Gastrointestinaltrakts, des respiratorischen Systems und des urogenitalen Systems unterschieden.

Psychosomatische Störungen können nur in Kombination mit der somatischen Krankheitsform und der Kategorie F 54 klassifiziert werden. Nur die Essstörung ist relativ differenziert beschrieben und durch diagnostische Kriterien definiert. Psychosomatische Störungen im engeren Sinne sind Krankheiten, bei denen ein seelischer Einfluß auf Entstehung und Verlauf der Krankheit angenommen wird und die organdestruktiv verlaufen. Es handelt sich um körperliche Erkrankungen mit fassbaren, morphologischen Veränderungen, in deren Entstehung und Verlauf Lernvorgänge, psychische Belastungen und Konflikte nachweislich eine wesentliche Rolle spielen. Vielen Patienten mit schweren psychosomatischen Leiden ist es unmöglich, die eigenen Affekte und Gefühlszustände zu beschreiben und zu differenzieren. Sie beschreiben sich und ihre Umwelt in einer äußerlich-technichen, emotionslosen Weise und gehen davon aus, dass andere Menschen prinzipiell gleichartig wie sie selbst denken und handeln. Die Patienten, die in ihrer Erlebnisfähigkeit zu stark eingeengt sind, um seelische Prozesse, unter anderem innere Konflikt und Widersprüche zu erleben, das heißt psychisch zu repräsentieren, können schwerwiegende emotionale Belastungen überhaupt nicht seelisch verarbeiten. Die andrängenden Emotionen werden nur dadurch beherrscht, dass sie auf eine biologische Ebene abgeleitet werden; an die Stelle der seelischen Verarbeitung tritt, gleichsam als Ventil, die biologische Verarbeitung, die Krankheit.

2.3 Resümee

Für den Gegenstand Ernährungspsychologie ist dann die Leitfrage, wie die Nahrungsaufnahme die Psyche beeinflusst. Heutige Fragen zu Essstörungen basieren vielfach auf Problemstellungen der Psychosomatik und deren Weiterentwicklung – so etwa die Frage, ob der Bulimia nervosa eine typische Persönlichkeit zugrunde liegt. Die klassische Psychosomatik als Gegnerin der naturwissenschaftlichen Medizin versuchte zu belegen, dass bestimmte körperliche Beschwerden psychische Ursachen haben. Freud führte so körperliches Leiden wie Lähmungen oder Sehstörungen auf psychische Traumata oder psychische Konflikte zurück. In der Geschichte der Psychosomatik kristallisierte sich bald heraus, dass nicht nur die Psyche den Körper beeinflusst, sondern dass auch umgekehrte Wirkrichtungen bestehen.

So gibt es Lebensmittel, deren Genuss stimmungsaufhellend sein kann, wie z.B. Schokolade. Oder es sind Drogen wie Kaffee oder Tee konsumierbar, die eine belegende Wirkung besitzen. Diese beiden Wirkrichtungen, 1.) Psyche – Soma, 2.) Soma – Psyche, wurden bald ergänzt um eine dritte Dimension: die soziale. Damit wird angenommen, dass soziale Faktoren sowohl den Körper als auch die Psyche beeinflussen, wie umgekehrt psychische und somatische Prozesse Auswirkungen auf Soziales haben. Unterschiedliche soziale Lebenslagen spielen eine bedeutsame Rolle hinsichtlich dessen, wie gesund jemand ist und wie lange diese Person lebt.

3 Kapitel III – Spezialthema Essstörungen

3.1 Einleitung

Essstörungen sind in den letzten Jahrzehnten sowohl in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt als auch zu einem intensiv erforschten Untersuchungsgegenstand in der Forschung geworden. Die Medien berichten über die Adipositaslawine, sie zeigen Filme über monströse Adipöse. Junge Mädchen werden interviewt, warum sie an Bulimia nervosa oder Anorexia nervosa erkrankt sind. Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich mit der Frage, warum die Verbreitung der Adipositas zunimmt und warum kein langfristig erfolgreiches Behandlungkonzept gegen Adipositas zur Verfügung steht. Die heute aktuelle Definition der Bulimia nervosa gibt es erst seit einigen Jahrzehnten. Diese Essstörung und ihre historischen Vorläufer haben davor kaum wissenschaftliche Beachtung gefunden. Ob sich die Anorexia nervosa in den letzten Jahrzehnten stärker verbreitet hat, ist umstritten. Unstrittig aber ist, dass die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesen Essstörungen zugenommen haben.

Das Thema Essstörung liegt sozusagen in der Luft. Es ist nicht abzulösen von der Gesellschaft, in der wir leben. Mit unserer Gesellschaft ist gemeint: die westlichen Industrienationen mit einem spezifischen westlichen Lebensstil, der ein zentraler Prädiktor für Diätverhalten, also für restriktive Nahrungsaufnahme, ist.

Die von Essproblemen oder Essstörungen Betroffenen erkennen im westlichen Lebensstil selbstredend nicht die Ursache ihres Leidens. Sie erleben subjektiv eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.

Essstörungen als Modeerkrankungen werfen ein Licht auf eine Gesellschaft, in der die Zügelung des Essverhaltens offenbar insgesamt zu einem Problem geworden ist. Unsere Überflussgesellschaft scheint das Essverhalten restriktiv kontrollieren zu wollen, damit die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft erhalten bleibt. Hier muss die Frage gestellt werden, ob die gesellschaftlichen Gegensteuerungen zur Überflussgesellschaft nicht Essstörungen mit produzieren. Wenn der Überfluss die Idee einer maßvollen und gesunden Ernährung wieder aufleben lässt, dann könnte dieses allseits propagierte Ideal einen massiven Widerstand hervorrufen. Jeder Zwang, jede Norm bringt ihre Übertretung und Verwerfung mit sich. Der Weg zur Adipositas oder zur Bulimia nervosa ist damit geebnet. Wenn das Süße oder das Fette verdammt wird, dann gewinnt es an Attraktivität. Die Verdammnis wertet sie auf als etwas Verruchtes und Verbotenes. So nimmt es nicht wunder, dass Bulimikerinnen in Essanfällen bevorzugt die „bösen“ Lebensmittel bevorzugen.

Ähnlich ist es mit der Nahrungsaufnahme. Wird das Schlankheitsideal immer rigider, dann können wir immer weniger essen, um noch normal zu sein. Jede Abweichung von der Norm wird pathologisch. Und alle Abweichenden konstituieren ihre Identität über die Abweichung. Sie, die Essgestörten, denken darüber nach, warum sie anders als die anderen sind. Die von vielen Forschern festgestellte Präokkupation der Essgestörten mit dem Thema Nahrungsaufnahme ist dann weniger individuelle Pathologie, sondern Reaktion auf gesellschaftliche Restriktionen.

Die Essgestörten bilden so die Spitze des Eisbergs einer Gesellschaft, die die Nahrungsaufnahme mit Hilfe des Schlankheitsideals prinzipiell problematisiert hat.

3.2 Adipositas

In unserer abendländlichen Kultur gab es schon immer ein ambivalentes Verhältnis gegenüber der Adipositas. Einerseits wurde sie als positiver Indikator für Wohlstand begriffen oder als Ausdruck von Macht und Stärke. Wenn die Menschheitsgeschichte, auch die im Abendland, überwiegend von der Angst vor dem Verhungern geprägt ist, dann ist Wohlbeleibtheit unausweichlich ein Anzeichen glücklicher Jahre. Anderseits galt sie als Zeichen der Unfähigkeit, seine inneren Impulse zu bändigen. In der Schlankheit der antiken Statuen dokumentiert sich dieses Ideal der Selbstkontrolle und der Mäßigung.

Angesichts unserer derzeitigen Lebenssituation und unserer aktuellen Lebensgewohnheiten sollten wir eigentlich nicht darüber staunen, dass die Verbreitung von Adipositas zunimmt. Körperliche Arbeit wird von immer weniger Menschen ausgeübt. Technische Hilfsmittel wie Autos und Fahrstühle machen auch die Freizeit bewegungsärmer. Der zeitliche Aufwand für Fernsehen und Computerspiele begünstigt keine körperliche Aktivitätssteigerung. Lebensmittel sind im Überfluss vorhanden. Unter diesen günstigen Bedingungen kann sich unsere evolutionäre Programmierung, möglichst viel – vor allem Fett und Süßes – zu essen, voll entfalten.

3.2.1 Definition und Diagnose

Übergewicht und Adipositas werden als übermäßige Anhäufung von Fett im Körper definiert und gelten als Risikofaktoren bei der Entstehung von kardiovaskulären, endokrinen und neoplastischen Erkrankungen. Als Berechnungsgrundlage für die Gewichtsklassifikation dient dabei der sogenannte Körpemassenindex (Body Mass Index, BMI), der sich aus dem Körpergewicht in kg geteilt durch die Körpergröße in m zum Quadrat ergibt. Laut Festlegung der Weltgesundheitsorganisation gilt ein BMI zwischen 25 und 29,9 als Übergewicht, bei einem BMI von mehr als 30 als Adipositas. Der BMI korreliert hinreichend mit dem Körperfettanteil. Allerdings lässt sich alleine mit Hilfe des BMI zukünftige Morbidität und Mortalität ungenügend voraussagen. Morbidität und Mortalität werden auch determiniert durch die Verteilung des Fettes am Körper. Deshalb wird der Taillenumfang mit einbezogen. Bei einem Taillenumfang von mehr als 80 cm bei Frauen bzw. mehr als 94 cm bei Männern ist das Risiko für Folgeerkrankungen erhöht. Bei einem Umfang von mehr als 88 cm bei Frauen bzw. mehr als 102 cm bei Männern liegt eine Bauchfettsucht (abdominale Adipositas) mit einem deutlich erhöhten Risiko für Stoffwechsel- bzw. Herz-Kreislauferkrankungen vor. Bei Kindern und Jugendlichen werden Übergewicht und Adipositas auch über den BMI ermittelt. Allerdings müssen alters- und geschlechtspezifische Einflüsse berücksichtigt werden. Deshalb werden individuelle BMI-Werte mit Hilfe von populationsspezifischen Referenzwerten eingeschätzt. Zu berücksichtigen ist, dass bei Kindern und Jugendlichen die Grenzwerte für Übergewicht und Adipositas nicht im Zusammenhang mit belegbarer Gesundheitsgefährdung stehen. Hierzu gibt es keine ausreichende Datengrundlage.

Vergleichbar wie bei den Erwachsenen erschöpft sich die Diagnostik nicht mit der Ermittlung des BMI. Zahlreiche somatische und psychosoziale Faktoren können Eingang in die Diagnostik finden. So können z.B. der Blutdruck, die Blutfettwerte und eine Familienanamnese gemessen bzw. erhoben werden.

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Details

Seiten
77
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640563180
ISBN (Buch)
9783640563289
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147087
Note
gut
Schlagworte
Psychosomatische Störung Spezialthema Essstörungen

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Titel: Psychosomatische Störung - Spezialthema Essstörungen