Lade Inhalt...

Rudolf Ottos "Religiöser Menschheitsbund"

Einordnung in und Bedeutung für das Projekt Europäische Religionsgeschichte nach Burkhard Gladigow

Hausarbeit 2009 10 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der „Religiösen Menschheitsbund“ in der Europäischen Religionsgeschichte
1. Rudolf Ottos „Religiöser Menschheitsbund“
2. Einordnung in und Bedeutung für die Europäische Religionsgeschichte

3. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Interreligiösen Dialog und den damit verbundenen Aufruf zur Toleranz gibt es seit es Religionen gibt und die Menschen versuchen, einander zu verstehen. In unregelmäßigen Abständen gab es verschiedenste Initiativen in diesem Feld. Zu nennen seien etwa die Säulenedikte des indischen Herrschers Ashoka im dritten Jahrhundert vor Christus.

Das World's Parliament cf Religions im Jahr 1893 in Chicago gilt als erster Versuch, einen weltweiten Dialog der Religionen ins Leben zu rufen und ist daher von besonderer Bedeutung. Seither entstand eine Reihe von weltweit agierenden Organisationen des interreligiösen Dialogs, wie z.B. im Jahr 1970 Religions forPeaœund vor 9 Jahren die United Religions Initiative. Hervorragend in dieser Reihe ist auch der ReligiöseMenschheitsbundRudolf Ottos, der mit religiösem Hintergrund den Völkerbund moralisch erneuern sollte. Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, ebenjenes Engagement Ottos in das Konzept der Europäischen Religionsgeschichte einzuordnen und seine Bedeutung mittels einer Rezeption des Aufsatzes „Rudolf Ottos 'Religiöser Menschheitsbund' - ein Kapitel interreligiöser Begegnung zwischen den Weltkriegen“ von Frank Obergethmann herauszuarbeiten.

2. Der „Religiöse Menschheitsbund“ in der Europäischen Religionsgeschichte

2.1 Rudolf Ottos „Religiöser Menschheitsbund“

„Der Religiöse Menschheitsbund ist Ottos praktische Umsetzung seiner Religionsphilosophie und seiner Ethik“ (Obergethmann 1998, 103). Er war eine interreligiöse Arbeitsgemeinschaft mit dem Ziel der „Schaffung eines 'Weltgewissens', welches in den internationalen Staatenbeziehungen religiös-ethische Werte zur Geltung bringen sollte“ (Ebd., 80). Daher trug er den Beinamen „Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft zur Versittlichung des Volks- und Völkerlebens“. Das Besondere am Bund war unter anderem, dass „soziale und internationale Gerechtigkeit Priorität gegenüber der Friedensidee“ (Ebd., 104) hatten, was ihn von anderen pazifistischen Gruppen und Bewegungen, die zwischen den beiden Weltkriegen entstanden, deutlich unterschied.

Ottos erste Aufsätze zum Religiösen Menschheitsbund stammen aus dem Jahr 1920. Darin lädt Otto prinzipiell alle Interessierten ein: „Wir heißenjeden 'guten Willen', woher er komme, willkommen. Aber wir glauben, daß die starken Wurzeln rechten Wollens im Religiösen liegen, suchen deswegen vornehmlich Leute von religiösem Enthusiasmus und die Inwendig­Brennenden, wie sie nur Religion (bewußte oder unbewußte) erzeugt“ (R. Otto, zitiert in: Obergethmann 1998, 85). Letztere Einschränkung erinnert an die berühmte Seite 8 aus Ottos Werk „Das Heilige“, in dem er alljene, die sich aufkein inniges religiöses Erleben besinnen können, von der Religionswissenschaft ausschließt. Dennoch stieg die Mitgliederzahl innerhalb weniger Jahre rapide an: „Von etwa 100 im Juli 1921 auf 471 im Jahre 1923“ (a.a.O., 86). Die Mitglieder organisierten sich in Ortsgruppenjedoch sollte auch eine weltweite Konferenz stattfinden, die aber aufgrund der Hyperinflation nicht zustande kommen konnte. Der Beginn der Naziherrschaft einige Jahre später bezeichnete gleichzeitig das Ende des Religiösen Menschheitsbundes als solchem.

„Der Religiöse Menschheitsbund vermittelte vor allem Kameradschaft und Freundschaft unter seinen Mitgliedern, blieb aber auf einen relativ kleinen Kreis von Akademikern und interreligiös Engagierten beschränkt, ohne in der breiten Öffentlichkeit eine Wirkung zu erzielen“ (Ebd., 94). Damit könnte man meinen, er sei bedeutungslos für die Europäische (und auch sonstige) Religionsgeschichte. Ist dies aber wirklich der Fall? Hierauf möchte ich im nächsten Kapitel eingehen.

2.2 Einordnung in und Bedeutung für die Europäische Religionsgeschichte

„Eine der impliziten Thesen dieses Ansatzes [der Europäischen Religionsgeschichte, Anm. d. V.] ist es dabei, daß in einer hoch komplexen, mehrfach differenzierten und geschichteten Gesellschaft wie der europäischen, die traditionellen Leistungen von 'Religion' nicht (nicht mehr?) von einer Religion allein wahrgenommen werden können“ (Gladigow 1995, 28).

Einen ähnlichen Gedanken wie den Burkhard Gladigows kann man auch bei Rudolf Otto finden. So ist er der Meinung, dass der Völkerbund, also „Einrichtungen, Gesetze, Beschlüsse, Verhandlungen [..] für sich allein machtlos [sind], wenn ihnen nicht das geweckte Gewissen der Allgemeinheit [...] dauernd zur Seite steht. Wer ist aber mehr berufen, diese Weckung des Gewissens [...] in den Völkern und in ihrer Oeffentlichkeit zu betreiben als die Gemeinschaften und Organisationen, denen vornehmlich die Gewissensbildung und die Willensbildung in großen sittlichen Fragen obliegt oder obliegen sollte, nämlich die Kirchen, die religiösen Gruppen und Gemeinschaften und ihre Vertreter und Leiter!“ (R. Otto, zitiert in: Obergethmann 1998, 83). Auch Otto ist also der Meinung, dass die Aufgabe, ein Weltgewissen zu schaffen, nicht von einer Religion allein wahrgenommen werden kann, sondern nur von einem Zusammenspiel verschiedener Vertreter verschiedener Religionen.

Jede Religion muss dazu ihren Beitrag leisten und „keine Religion darf sterben, bevor sie nicht ihr Letztes und Tiefstes sagen konnte“ (Ebd., 81).

Ist er heute auch vornehmlich als Religionsphänomenologe bekannt, muss man an dieser Stelle betonen, dass er darauf achtete, dass „unter dem Eindruck der Analogien und Übereinstimmungen die spezifischen und individuellen Besonderheiten, die über der generischen Einheit der Religionen liegen, nicht übersehen werden“ (Obergethmann 1998, 99) dürfen. Ergo „soll vor einem solchen interreligiösen Forumjedes religiöse Bekenntnis seine Eigenständigkeit bewahren“ (Ebd. 84). Es geht nicht darum, „die Religion selber zu vermischen oder in eine Esperantoreligion aufzulösen, was ein sinnloses höchst kulturwidriges Unterfangen wäre“ (R. Otto, zitiert in: Obergethmann 1998, 84), sondern um den konkreten, individuellen Beitrag einerjeden Religion zum Menschheitsgewissen und damit letztendlich zum Frieden.

Eine weitere Verbindung zwischen dem Religiösen Menschheitsbund und der Europäischen Religionsgeschichte findet sich im sogenannten Vertikalen Transfer. Gladigow weist daraufhin, „daß der 'vertikale Transfer' von Ergebnissen, Thesen der Geistes- und Naturwissenschaften in den Bereich von Religion ebenso mitbedacht werden muß wie die 'sinnstiftende Funktion' von Literatur und neuen Medien“ (Gladigow 1995, 29).

Die von Otto angedachte Begegnung der verschiedenen Religionen sollte auf dem Feld der Ethik und Moral stattfinden, da er hier fruchtbaren Boden dafür sah. Jeder, der am Religiösen Menschheitsbund teilnahm, bekam aber auch die Aufgabe über den Bund hinaus zu agieren und auf seine jeweilige Religionsgemeinschaft rückzuwirken, was für Otto von besonderer Wichtigkeit war und ihm als das entscheidende Instrument zur Wirksamkeit schien. Er verspricht sich großen Erfolg, „wenn etwa alle drei Jahre die Vertreter der einzelnen Völker­Gewissen, wenn führende und einflußreiche Vertreter und Abgesandte der Kirchen aller Welt im Angesichte der Welt zusammenträten, die großen Menschheitsanliegen gemeinsam verhandelten, das verbundene Menschheits-Gefühl persönlich darstellten und den Willen zur Menschheits-Gemeinschaft immer aufs Neue vermehrt in ihre Heimkreise zurücktrügen“ (R. Otto, zitiert in Obergethmann 1998, 83). So hatjeder Teilnehmer die Aufgabe, „diese Ideen und Ziele innerhalb der eigenen Gemeinde durch Predigt und Erziehung immer mehr zu verbreiten und in dieser Hinsicht eine gemeinsame öffentliche Meinung und ein allgemein verbreitetes Verantwortungsgefühl zu schaffen“ (Ebd., 84). Dadurch wiederum könne erreicht werden, „ein moralisches Forum herzustellen, das mit den Mitteln sittlichen Eindrucks auf die öffentliche Meinung der Welt und auf das Handeln der politischen Machthaber einzuwirken versucht“ (Ebd., 84).

3. Schlusswort

Trotz seiner kurzen und nur mäßig effizienten Wirkungsdauer finden sich in Rudolf Ottos Aufsätzen zum Religiösen Menschheitsbund eine Vielzahl von sozialethischen Ideen, die noch heute den interreligiösen Dialog und damit eine Reihe von sinnstiftenden Institutionen prägen. Aus den hier gewählten Punkten geht hervor, dass Ottos Religiöser Menschheitsbund einen wichtigen Gegenstand der Europäischen Religionsgeschichte darstellt und daher an anderer Stelle noch weiter und ausführlicher behandelt werden muss.

Literaturverzeichnis

Gladigow, Burkhard (1995): „Europäische Religionsgeschichte“, in: Hans G. Kippenberg u.a. (Hrsg.): Lokale Religionsgeschichte, Marburg, 21-42

Obergethmann, Frank (1998): „Rudolf Ottos 'Religiöser Menschheitsbund' - ein Kapitel interreligiöser Begegnung zwischen den Weltkriegen“, in: ZfR 6 (1/1998), Marburg, 79-106

Details

Seiten
10
Jahr
2009
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147152
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Interfakultärer Studiengang Religionswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Rudolf Otto Interreligiöser Dialog Europäische Religionsgeschichte Religiöser Menschheitsbund

Autor

Zurück

Titel: Rudolf Ottos "Religiöser Menschheitsbund"