Lade Inhalt...

Religion und Evolution - Religiosität als evolutionäres Nebenprodukt normaler psychischer Dispositionen

Masterarbeit 2009 48 Seiten

Didaktik - Englisch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Begriffsklärung

3. Die Evolution des Geistes
3.1. Spezialisierte Systeme versus Mehrzweckintelligenz
3.2. Urmenschen und Affen
3.3. Vom gemeinsamen Vorfahren zu Homo sapiens
3.4. Homo sapiens und kognitive Fluidität

4. Die Organisation des menschlichen Gehirns
4.1. Der mentale Unterbau
4.2. Wissenserwerb und ontologische Kategorien
4.3. Die Erkenntnissysteme des Gehirns
4.4. Intuitives Wissen
4.5. Animismus und intuitiver Theismus

5. Warum sind Religionen, wie sie sind?
5.1. Die gute religiöse Idee
5.2. Das Rezept religiöser Vorstellungen
5.3. Die Attraktivität religiöser Vorstellungen
5.4. False positives
5.5. Bedürfnisse und Schlussfolgerungen
5.6. Moral und Religion

6. Zusammenfassung und Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Praktisch überall auf der Welt gibt es Religionen in vielfältigen Formen. Paradoxerweise scheint es gerade am Anfang des neuen Jahrtausends, „eines Zeitalters beispielloser wissenschaftlicher und technologischer Aufgeklärtheit“[1], zu einer erneuten Blütezeit irrationaler Glaubensüberzeugungen zu kommen. Fragt man jedoch nach dem Grund der Existenz von Religionen, so wird man mit den unterschiedlichsten Ansichten konfrontiert: sie erklären die Welt, spenden Trost, sichern die gesellschaftliche Ordnung oder liefern ein moralisches Leitbild. All diese Ansichten sind jedoch falsch und können das Warum nicht in hinreichender Weise erklären. Wenn die ehemals unergründlichen Rätsel der Welt nach und nach von den Naturwissenschaften gelöst werden, warum wenden sich Gläubige dann nicht von ihrer Religion ab, zumal sich nicht der geringste Beweis für ihre Glaubensinhalte finden lässt?[2] Wenn Religion Trost spendet, warum haben dann gläubige Menschen meist mehr Angst vor dem Tod als Atheisten? Wenn Religion die Moral einer Gesellschaft garantiert, warum sind dann Länder mit hohem Atheismusanteil die sozialsten und wohltätigsten?[3] Vielleicht deshalb, wie David Hume seinerzeit argumentierte, weil Religion „nicht einmal eine Form des Wissens, sondern eher eine komplexe Art des Gefühls [ist]“[4]. Volkstümliche Erklärungen für die Existenz von Religionen sind wohl eben aus diesem Grund post-hoc-Rationalisierungen, weil den Menschen entgegen ihren eigenen Überzeugungen überhaupt nicht klar ist, warum sie eigentlich glauben. Sie tun es einfach. Vielleicht wurzelt die „bemerkenswerte Hartnäckigkeit der Religion in etwas viel Tieferem, Einfacherem“[5] als beispielsweise Verdrängung, wie Freud sie beschrieb, oder psychischer Abhängigkeit und ängstlicher Selbsttäuschung, wie Nietzsche glaubte.

Aus darwinistischer Sicht stellt sich die Frage, welchen Nutzen Religiosität einem Organismus bringen könnte. Ein Grundprinzip der Evolutionstheorie besagt, dass alles, was heute existiert, nur deshalb existiert, weil es sich einst aufgrund eines Selektionsvorteils behaupten konnte. Demnach müsste auch Religiosität eine Funktion erfüllen und per se irgendeinen Vorteil innehaben, der religiösen Menschen die Weitergabe ihrer Gene erleichtert. Da die natürliche Selektion auf der Basis von Individuen arbeitet, ist es jedoch fraglich, worin der individuelle Selektionsvorteil von Religiosität bestehen sollte.

„The question gains urgency from standard Darwinian considerations of economy. Religion is so wasteful, so extravagant; and Darwinian selection habitually targets and eliminates waste.”[6]

Manche Wissenschaftler wie der Archäologe Colin Renfrew verweisen auf eine positive Gruppenselektion durch Religion. Demnach stärke Religion den Zusammenhalt und die Loyalität innerhalb einer Gruppe[7] und verschaffe ihr so einen Vorteil gegenüber anderen Gruppen. Obwohl diese Theorie in der Fachwelt nur wenig Unterstützung findet, ist sie allein deshalb erwähnenswert, weil sie zumindest eine evolutionäre Erklärung für das Phänomen Religion zu finden sucht. In Viruses oft the Mind liefert Richard Dawkins eine etwas 10 abstraktere darwinistische Erklärung für Glaubensüberzeugungen. Religiöse Ideen seien analog zu Viren nichts anderes als parasitäre Replikatoren, die sich in einer für sie angenehmen Umwelt, den menschlichen Gehirnen bzw. dem menschlichen Geist, durch Kommunikation schlicht um ihrer selbst Willen vermehrten.[8] Dieses Mem-Konzept liefert durchaus eine Erklärung für die Beharrlichkeit von religiösen Ideen, jedoch erst, nachdem sie 15 etabliert sind. Schließlich gibt es zu jeder Zeit Vorstellungen jeglicher Art im Überfluss, nicht nur im gesamten menschlichen Kommunikationsraum, sondern auch im Kopf jedes einzelnen Menschen. Damit aber eine Idee Bestand haben kann, muss sie zuerst aufgrund irgendeiner intrinsischen Eigenschaft positiv selektiert werden.

In der vorliegenden Arbeit soll deshalb der Frage nach dem Ursprung dieser positiven 20 Selektion von religiösen Ideen nachgegangen werden. Warum sind Menschen eigentlich empfänglich für Vorstellungen von übernatürlichen Akteuren? Welche mentalen Prozesse verleihen diesen Vorstellungen Überzeugungskraft und wodurch zeichnet sich eine religiöse Idee überhaupt aus? Ob Religiosität nun einen individuellen oder kollektiven Selektions­vorteil im Sinne eines größeren Überlebens- und Fortpflanzungserfolgs hat, ist für diese 25 Arbeit irrelevant. Hier wird vielmehr argumentiert werden, dass nicht jedes Verhalten einen Selektionsvorteil haben muss. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Motten begehen Massensuizid, wenn sie sich kollektiv in die Flamme einer Kerze stürzen. Solch ein Verhalten hätte durch die natürliche Selektion ausgemerzt werden müssen. Der Grund für den tödlichen Sturzflug liegt in der Orientierung von Motten an natürlichen Lichtquellen wie Mond und 30 Sternen. Aufgrund der riesigen Entfernung dieser Lichtquellen trifft deren Licht parallel auf die Augen der Motten und behält einen konstanten Einfallwinkel. Nähert sich eine Motte jedoch einer Flamme, so ändert sich der Einfallwinkel aufgrund der Nähe dieser Lichtquelle ständig, so dass die Motte ihre Flugbahn kontinuierlich anpasst und schließlich auf einer spiralförmigen Bahn in den Tod fliegt.[9] Mottenselbstmord ist also ein unerwünschtes Nebenprodukt eines evolutionär entwickelten Orientierungssystems, das im Normalfall zuverlässig funktioniert.

Im Grunde verläuft die Argumentationslinie in dieser Arbeit ähnlich diesem Beispiel. Statt zu 5 prüfen, welchen Selektionsvorteil Religion haben könnte, wird vielmehr der Frage nachge­gangen, welche psychischen Dispositionen sich entwicklungsgeschichtlich zu bestimmten Zwecken herausgebildet und etabliert haben und wie sich aus diesen geistigen Veranlagungen Glaubensüberzeugungen als Nebenprodukt evolutionärer Entwicklungen ableiten lassen. Dazu greift diese Arbeit auf den Wissensfundus verschiedener Disziplinen zurück, wie 10 Evolutionsbiologie und -psychologie, Anthropologie, kognitive Psychologie und Archäo­logie, Neurologie und Entwicklungspsychologie. Der erste Teil konzentriert sich auf Erkenntnisse der kognitiven Archäologie, vor allem auf Steven Mithens Theorie der kognitiven Fluidität, um so ein Bild der Architektur unseres Geistes zu zeichnen. Mit diesem Wissen als Grundlage ausgestattet sollen im zweiten Teil bestimmte Aspekte der 15 Funktionsweise unseres Geistes, die für die Aneignung religiöser Vorstellungen relevant sind, erläutert werden. Der dritte Teil widmet sich schließlich religiösen Vorstellungen und geht der Frage nach, welcher Art sie sind und wie sie Bedeutung erlangen.

2. Kurze Begriffsklärung

20 Der im Titel verwendete Begriff der Religiosität ist nicht gleichzusetzen mit Religion. Letztere bezeichnet einerseits institutionalisierte, schriftbasierte Glaubenssysteme wie das Christentum oder den Islam, aber auch schriftlose, animistische Stammesreligionen mit Dämonen, Geistern und Ahnen. Glaubensüberzeugungen sind höchst unterschiedlich. Vielerorts gibt es nicht einmal eine offizielle Religion, dafür aber eine Vielzahl religiöser 25 Vorstellungen. Es spielt hier absolut keine Rolle, ob Religionen institutionalisiert sind oder animistisch, ob sie von einer Milliarde Menschen akzeptiert werden oder nur von einigen Tausenden, ob sie einen Gott, dutzende oder überhaupt keinen postulieren. Wenn es eine Idee zur Religion gebracht hat, befindet sie sich bereits jenseits der Selektionsschwelle, deren Mechanismus hier analysiert werden soll. Aus diesem Grund bedeutet Religiosität nicht, einer 30 bestimmten Konfession anzugehören, an einen bestimmten Gott wie Allah oder an eine Seele zu glauben. Vielmehr handelt es sich hierbei um den unbestimmten Glauben an übernatürliche Akteure, die sich rationaler Erklärungen entziehen. Wenn jemand einen konkreten Gott akzeptiert, handelt es sich um Religion. Damit es jedoch soweit kommen kann, bedarf es zuerst einer Neigung, die Existenz unbestimmter übernatürlicher Akteure im Allgemeinen als plausibel zu erachten. Diese Neigung soll hier als Religiosität bezeichnet werden.

Der Begriff evolutionäres Nebenprodukt bedeutet, dass religiöse Vorstellungen und Verhaltensweisen zu keiner Zeit in der Entwicklungsgeschichte unserer Vorfahren eine 5 Anpassungsstrategie an etwaige Selektionsdrücke darstellten. Sie sind vielmehr Neben­produkte von Adaptionsleistungen des Gehirns an ganz andere Probleme.

Der Begriff normale psychische Dispositionen bezieht sich auf geistige Veranlagungen, die als vorläufiges Endprodukt der natürlichen Selektion heute in einem normal funktionierenden menschlichen Gehirn anzutreffen sind und allen Mitgliedern der Spezies Mensch zu eigen 10 sind - Männern wie Frauen, Kindern wie Erwachsenen, Aborigines wie Europäern. Es soll gezeigt werden, dass sich die Erklärung für das potentielle Zustandekommen religiöser Überzeugungen und Verhaltensweisen sowie deren spezifische Charakteristika aus diesen universellen menschlichen Veranlagungen herleiten lässt. Religiöse Vorstellungen sind demnach nicht willkürlich, sondern nehmen als Nebenprodukt normaler, unter Selektions- 15 druck entstandener psychischer Dispositionen ganz bestimmte Formen an, die auf der ganzen Welt verbreitet sind und unabhängig voneinander entstanden.

3. Die Evolution des Geistes

3.1. Spezialisierte Systeme versus Mehrzweckintelligenz

Das menschliche Gehirn und seine Funktionsweise sind im Laufe einer Evolutionsgeschichte entstanden und waren dabei stets einem durch Selektionsdrücke hervorgerufenen Wandel unterworfen. Durch diese Selektionsmechanismen wurde das Gehirn wie jeder andere Teil unseres Körpers derartig geformt, dass es Lösungen zu bestimmten Problemen lieferte, die über einen sehr langen Zeitraum die Lebensbedingungen unserer Vorfahren bestimmten. 25 Hierbei liegt die Betonung auf Vorfahren, da der moderne Mensch nur einen winzigen Bruchteil in der Evolutionsgeschichte der Spezies Homo einnimmt und deswegen auch heute noch mit dem genetischen Material ausgestattet ist, dass sich unter vormodernen Lebensumständen als erfolgreich erwiesen hat. „Das ist wichtig, weil die Spuren dieser entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit in vielen Eigentümlichkeiten unseres Verhaltens 30 und, was das Wichtigste ist, in den Organisationsweisen unseres Geistes erkennbar sind.“[10] Die Anpassungsprobleme unserer Vorfahren waren dabei vielgestaltig. Ist diese Frucht giftig? Handelt es sich hier um einen potenziellen Paarungspartner? War dieses Rascheln ein Raubtier oder nur der Wind? Ist das ein Freund oder Feind? Woher bekomme ich Nahrung?

Um diese Probleme ökonomisch zu lösen, dass heißt mit möglichst wenig Zeitaufwand und unter möglichst geringer Ressourcenverschwendung wie z.B. Energie oder zerebraler Speicherkapazität, hat sich das menschliche Gehirn nach Ansicht vieler Evolutions­psychologen als eine Ansammlung spezialisierter Systeme entwickelt und nicht als eine generalistische Mehrzweckintelligenz. Diese spezialisierten Systeme werden als Module, kognitive Domänen oder neuronale Netzwerke bezeichnet und lassen sich unter dem Oberbegriff Intelligenzen subsummieren. Sie übernehmen verschiedene Aufgaben wie Spracherwerb, Werkzeuggebrauch oder soziale Interaktion.[11] Erst Evolutionspsychologen haben festgestellt, dass diese Module bereits von Geburt an in jedem Menschen vorhanden sind. Ihr besonderes Merkmal:

„These modules have a critically important feature [...]: they are "content rich'. In other words, the modules not only provide sets of rules for solving problems, but they provide much of the information that one needs to do so. This knowledge reflects the structure of the real world - or at least that of the Pleistocene in which the mind evolved.”[12]

Manche Module arbeiten sofort nach der Geburt, wie beispielsweise das für Augenkontakt mit der Mutter. Andere, wie das für Spracherwerb, nehmen ihre Arbeit erst später auf. Der Vorteil der evolutionspsychologischen Herangehensweise besteht darin, dass durch die Formulierung eines evolutionären Kontexts Vorhersagen getroffen werden können, welche Module aufgrund diverser Anpassungsprobleme vorhanden sein sollten, um ihre Existenz anschließend durch Experimente zu bestätigen. Obwohl ein spezialisierter modularer Geist Lösungen für spezielle Probleme bietet, bleibt doch ein Problem, das sich durch dieses Modell nicht erklären lässt. Abstraktes Denken, Phantasie, mentale Konzepte, Kreativität und auch Religion sind kein Teil der realen Umwelt und erst recht kein Problem unserer Vorfahren, das einer Anpassung bedurfte. Wie können also einzelne, isolierte Module zu derartigen Vorstellungen führen?

Steven Mithen begegnet dieser Frage, indem er die Entwicklungsgeschichte unseres Geistes vom gemeinsamen Vorfahr bis zum modernen Menschen rekonstruiert. Dabei werden archäologische Funde wie Knochen und Werkzeuge benutzt, um Rückschlüsse auf die jeweiligen Lebensumstände und geistigen Fähigkeiten unserer Vorfahren zu ziehen. Das Problem der isolierten und zweckgebundenen Module löst Mithen, indem er den menschlichen Geist in seiner Entwicklung begreift - von einfacher modularer zu komplexer fluider Struktur. Aus der Entwicklungspsychologie weiß man, dass bereits Kleinkinder in drei kognitiven Domänen über intuitives Wissen verfügen: intuitive Psychologie, intuitive Biologie und intuitive Physik. Mithen begreift dieses intuitive modulare Wissen als Folgeerscheinung von sozialer, naturkundlicher sowie technischer Intelligenz. So bestand der Geist unserer entfernten Vorfahren wie der von vielen Tieren heute einst lediglich aus einer allgemeinen Intelligenz. Nach und nach bildeten sich jedoch spezialisierte Intelligenzen heraus, die komplexere Verhaltensmuster zuließen, jedoch relativ isoliert und randständig blieben. So waren die Besitzer eines derartigen Geistes ebenso wie heutige Schimpansen beispielsweise nicht in der Lage, ihr technisches Wissen mit ihrem naturkundlichen zu vereinen, um ein Werkzeug zur Jagd herzustellen. Heute zeichnet sich unser Geist dadurch aus, dass Wissen aus verschiedenen Domänen aller Intelligenzen beliebig in andere integriert werden kann und so ganz neue Denkprozesse ermöglicht werden.[13] Die nächsten drei Abschnitte sollen diese Entwicklung von modular isoliertem zu fluidem Geist verständlicher machen. Dazu wird zunächst ein Blick auf die geistigen Fähigkeiten unserer nächsten Verwandten, der Schimpansen, geworfen, da bisher keine Fossilien des gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch entdeckt wurden, die Rückschlüsse auf sein Verhalten zulassen würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit teilen Schimpansen aber viele Merkmale mit unserem gemeinsamen Urahn, wie Gehirngröße und Anatomie.[14]

3.2. Urmenschen und Affen

Schimpansen benutzen Werkzeuge wie Zweige zum Fangen von Insekten oder Steine zum Knacken von Nüssen. Das deutet zunächst auf eine technische Intelligenz hin, scheint jedoch vielmehr ein Kulturprodukt zu sein. Manche Schimpansengruppen beherrschen diese Technik, andere jedoch nicht. Wäre technische Intelligenz vorhanden, so wäre dieses Verhalten früher oder später von allen Gruppen entdeckt worden. So spricht vieles dafür, dass irgendwann ein Individuum einer Gruppe zufällig den Gebrauch eines Werkzeugs entdeckt hat und andere dieses Verhalten imitieren, ohne Ziel und Zweck ihrer Handlung zu erkennen. Die Herstellung eines Werkzeugs durch Verwendung eines anderen Werkzeugs ist Schimpansen völlig fremd. Zudem scheint es ihnen ziemliche Schwierigkeiten zu bereiten, vermeintlich einfache Techniken wie den Einsatz eines Steines zum Zerschmettern einer Nuss zu lernen.

„They do not fully acquire the skill before adulthood und require four years of practice before any net benefits are achieved. Juveniles seem to spend a lot of time hitting hammers directly against anvils without putting a nut between them, or bringing nuts to anvils without hammers.”[15]

Dies alles spricht lediglich für eine allgemeine Intelligenz, die sich durch Versuch und Irrtum sowie assoziatives Lernen auszeichnet. Die naturkundliche Intelligenz dagegen, also die kognitiven Prozesse zur Informationsbeschaffung und -Verarbeitung von Ressourcen wie Pflanzen, Tieren und Rohstoffen, scheint etwas weiter entwickelt zu sein, wenn auch immer noch rudimentär. Zwar verfügen Schimpansen über „kognitive Geländekarten“[16], anhand derer sie Futterstellen wiederfinden. Allerdings sind sie äußerst unflexibel, wenn sich Veränderungen ergeben und nicht in der Lage, Theorien über die Verteilung neuer, noch nicht entdeckter Futterstellen zu entwickeln. Sie scheinen ähnlich wie Vögel lediglich bestimmte Orte zu erinnern, die sie zufällig entdeckten. Auch ihr Jagdverhalten lässt auf instinkt­gesteuerte Entscheidungen schließen und nicht auf das Ergebnis einer flexiblen Informations­verarbeitung.[17] Da Schimpansen in Gruppen leben, sehen sie sich auch speziellen Problemen ihres sozialen Milieus ausgesetzt. Sie konkurrieren um Paarungspartner, Nahrung und Status innerhalb der Gruppe, gleichzeitig kooperieren sie aber auch. So formen junge Schimpansen temporäre Allianzen mit anderen Männchen, um das Alpha-Männchen zu entthronen und sichern sich die Unterstützung der Weibchen, indem sie Fellpflege betreiben oder mit dem Nachwuchs spielen. Die soziale Intelligenz von Schimpansen nimmt so ausgeprägte Züge an, dass es sogar einen ganzen Katalog zu diesem Thema gibt, den St. Andrews-Katalog der taktischen Täuschungen unter Primaten .[18]

„The two centrepieces of social intelligence are the possession of extensive social knowledge about other individuals, in terms of knowing who allies and friends are, and the ability to infer the mental states of those individuals. When we watch chimpanzees engage in deception of others, we can be confident that both are working together smoothly.”[19]

Allerdings darf man die Theory of Mind von Schimpansen, also die Fähigkeit, die Bewusstseinsvorgänge anderer nachzuvollziehen, nicht überschätzen. In Experimenten konnte nachgewiesen werden, dass diese Theorie des Geistes nur bei ausschließlich sozialen Interaktionen und nur bei Interaktionen mit Mitgliedern der eigenen Spezies funktioniert. So unterrichten Mütter ihren Nachwuchs nicht im Nussknacken, weil sich ihr Wissen um die geistige Verfassung ihrer Kinder nicht auf den Werkzeuggebrauch übertragen lässt, sondern allein der sozialen Domäne überlassen bleibt. Bei speziesübergreifenden Experimenten mit Menschen versagen Schimpansen manchmal auf ganzer Linie, sogar Hunde scheinen hier teilweise ein besseres Sozialverständnis zu besitzen.[20]

Wenn sich also die geistigen Fähigkeiten von Schimpansen in etwa auf unseren gemeinsamen Vorfahren übertragen lassen, so lässt sich festhalten, dass er ohne Zweifel ein cleveres Tier war, seine Cleverness aber aus einer allgemeinen Intelligenz bezog, die Lernen durch Versuch und Irrtum sowie durch Assoziationen ermöglichte. Technische und naturkundliche Intelligenz sind allenfalls im Ansatz vorhanden. Die soziale Intelligenz lässt auf einige Komplexität schließen, bleibt jedoch isoliert von anderen Intelligenzen:

„We can explain this [...] by the very different types of processes used by chimpanzees to interact with physical objects (general intelligence) and those used for social interaction (social intelligence). In short they seem unable to integrate their thoughts about toolmaking with their thoughts about social interaction. They may be able to read each other's minds, but not when a mind is 'thinking' about tool use. I suspect that this is because they have no mental awareness of their own knowledge and cognition concerning making and using tools.”[21]

3.3. Vom gemeinsamen Vorfahren zu Homo sapiens

Die archäologischen Funde aus der Zeit vor sechs Millionen Jahren, als sich die Entwicklungslinien von Affen und Menschen von der eines gemeinsamen Vorfahren trennten, bis vor ca. zwei Millionen Jahren, als das erste Exemplar der Gattung Homo (Homo habilis) erschien, sind äußerst fragmentarisch und lassen aufgrund ihrer Spärlichkeit keine Rückschlüsse auf Werkzeuggebrauch und Nahrungsbeschaffung zu. Erst mit Homo habilis sind ausreichend Belege vorhanden, um Vermutung über seine Lebensweise und Intelligenz anstellen zu können.[22] Für die Entwicklung einer kognitiven Theorie ist diese archäologische Lücke jedoch nicht weiter tragisch. Der Geist von H. habilis scheint in sich in vier Millionen Jahren kaum verändert zu haben. Die allgemeine Intelligenz dominiert weiterhin sein Denken. Technische, naturkundliche und soziale Intelligenz fristen - wenn auch etwas ausgebildeter - ein Randdasein ohne wirkliche Integration und Zusammenarbeit.[23]

So benutzte er zwar scharfe Steinsplitter, deren Herstellung gewisse Fähigkeiten wie Winkelberechnung und die korrekte Schlagstärke erfordern, die Schimpansen selbst nach Unterweisung nicht erlernen konnten. Dennoch scheint dies schon die Spitze der technischen Intelligenz dieses Vorfahren gewesen zu sein, da alle Splitter relativ simpel sind und als Allzweckwerkzeug benutzt wurden, obwohl sich durch geringfügige Veränderungen der bearbeiteten Steine so viele andere Verwendungsmöglichkeiten hätten ergeben können.[24]

Ansammlungen von Steinwerkzeugen und Knochen lassen darauf schließen, dass Homo habilis sie zur Bearbeitung von Tierkadavern verwendete. Um überhaupt an Fleisch zu kommen, muss es zumindest eine rudimentäre naturkundliche Intelligenz gegeben haben: „[...] The switch to a higher meat diet may have required a more sophisticated ability to predict resource locations than that needed by the predominantly vegetarian australopithecine forebears. Random searching for animals or carcasses [...] is unlikely to have been feasible within such predator-rich environments.”[25]

Rückschlüsse auf die soziale Intelligenz von H. habilis lassen sich aufgrund eines Rechenmodells ziehen, das Gruppengröße und Gehirngröße bzw. Gehirngröße und Anzahl an Täuschungsversuchen bei Primaten in einen positiven Zusammenhang setzt. Demnach berechnete der britische Anthropologe Robin Dunbar die Größe der kognitiven Gruppe von H. habilis - d.h. aller Mitglieder der Gruppe, von denen ein Individuum sozial relevante Kenntnis hat - auf etwa 82, im Gegensatz zu 60 bei Schimpansen.[26] Gruppengröße als auch Gehirngröße lassen also auf eine etwas weiter entwickelte soziale Intelligenz schließen.

Mit dem Auftauchen von Homo erectus vor 1,8 Millionen Jahren beginnt eine Periode zunehmender archäologischer Funde. Daher weiß man, dass seine Gehirngröße bis vor 0,5 Millionen Jahren relativ konstant blieb, dann jedoch mit Homo heidelbergensis rapide zunahm und vor etwa 200.000 Jahren die Größe des heutigen menschlichen Gehirns erreicht hatte. Die Umstände, die nicht nur in dieser Periode, sondern auch schon vorher letztlich zu dieser Zunahme führten, wie klimatische, geologische und ökologische Veränderungen, Zweibeinigkeit, Umstellung der Ernährung sowie anatomische und biologische Veränderungen können hier aus Platzgründen nicht erläutert werden. Allerdings scheint sich trotz vergrößerten Gehirnvolumens geistig ohnehin wenig getan zu haben:[27]

„After the initial appearance of the handaxe 1.4 million years ago, we have a single major technical innovation at around 250.000 years ago with the appearance of a new production technique called the Levallois method. But other than this there seem to be hardly any changes in material culture. Indeed many of the props seem little different from those used by H. habilis [...]. As a whole, the archeological record between 1.4 million and 100.000 years ago seems to revolve around an almost limitless number of minor variations on a small set of technical and economic themes.”[28]

Wie lässt sich die rapide Vergrößerung des Gehirns mit dieser Quasi-Stagnation in Einklang bringen? Warum beschränkten sich Frühmenschen, bis vor 100.000 Jahren, auf wenige Rohstoffe zur Herstellung von Werkzeugen und warum hatten diese Werkzeuge immer noch Allzweckcharakter, statt zweckgebunden und zielgerichtet zu sein? Steven Mithen gibt eine einfache Antwort auf diese Frage. Technische und naturkundliche Intelligenz waren immer noch isoliert voneinander. So wurden beispielsweise Tierknochen trotz ihrer hervorragenden Eigenschaften schlicht deshalb nicht als Werkzeuge benutzt, weil sie als Teil von Tieren in den Bereich der naturkundlichen Intelligenz fielen und die Frühmenschen nicht in der Lage waren, den konzeptuellen Sprung zur technischen Domäne zu machen.[29] Spezialisierte Waffen für die Jagd auf bestimmte Tiere wurden nicht hergestellt, weil die Barriere zwischen Biologie und Technik nicht überbrückt werden konnte. Anders die soziale Intelligenz.

[...]


[1] Newberg et al.: Der gedachte Gott, S. 178

[2] Vgl. Dawkins: The God Delusion, S. 400

[3] Vgl. Harris: Letter to a Christian Nation, S. 46

[4] Wolpert: Unglaubliche Wissenschaft, S. 242

[5] Newberg et al.: Der gedachte Gott, S. 178

[6] Dawkins: The God Delusion, S. 190

[7] Vgl. ebd., S. 198 ff.

[8] Vgl. Dawkins: Viruses of the Mind, in: A Devil's Chaplain, S. 151 ff.

[9] Vgl. Dawkins: The God Delusion, S. 201

[10] Boyer: Und Mensch schuf Gott, S. 146

[11] Vgl. Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 10

[12] Ebd., S. 43

[13] Vgl. Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 70 ff.

[14] Vgl. Weber: Der domestizierte Affe, S. 34

[15] Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 84 f.

[16] Weber: Der domestizierte Affe, S. 95

[17] Vgl. Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 85 ff.

[18] Vgl. Urban: Warum der Mensch glaubt, S. 63

[19] Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 90 f.

[20] Vgl. http://www.scinexx.de/dossier-detail-324-5.html

[21] Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 100

[22] Vgl. ebd., S. 105 f.

[23] Vgl. ebd., S. 128

[24] Vgl. ebd., S. 106 ff.

[25] Ebd., S. 115

[26] Vgl. Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 118 f.

[27] Vgl. Weber: Der domestizierte Affe, S. 58

[28] Mithen: The Prehistory of the Mind, S. 131

[29] Vgl. ebd., S. 147

Details

Seiten
48
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640581177
ISBN (Buch)
9783640582037
Dateigröße
824 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147238
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Religion Evolution Religiosität Nebenprodukt Dispositionen

Autor

Zurück

Titel: Religion und Evolution - Religiosität als evolutionäres Nebenprodukt normaler psychischer Dispositionen