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Teilnehmende Beobachtung: Offen oder verdeckt?

Reflexionen zur Methodik der qualitativen Religionsforschung anhand eines Praxisbeispiels

Forschungsarbeit 2009 36 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die teilnehmende Beobachtung: theoretische Perspektiven
2.1 Allgemeine Überlegungen
2.2 Die Beobachtung
2.2.1 Begriffsklärung
2.2.2 Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Beobachtung
2.2.3 Die qualitative Beobachtung
2.2.4 Prinzipien der qualitativen Beobachtung
2.2.5 Formen der Beobachtung
2.2.6 Die Offenheit der Beobachtung

3. Teilnehmende Beobachtung konkret: praktische Feldforschungen
3.1 Forschungspraxis
3.2 Forschungsablauf
3.2.1 Feldzugang
3.2.2 Rollendefinition
3.2.3 Datenerhebung und auswertung
3.2.4 Feldrückzug
3.3 Einbezug der Beobachteten in die Studie

4. Diskussion der angewandten Methoden
4.1 Forschungspraktische und ethische Fragen
4.2 Grundsätze der Forschungsethik
4.3 Reflexionen zur Methodik im Lichte der vorliegenden Feldforschungen
4.3.1 Allgemein
4.3.2 Zur Teilnahme
4.3.3 Zur verdeckten Beobachtung
4.3.4 Zur offenen Beobachtung
4.3.5 Zum Nähe/DistanzVerhältnis

5. Zusammenfassung

6. Ergebnis

7. Literaturverzeichnis

Anhänge

Disposition Proseminar-Arbeit

Konzeption Feldforschungen

Das „Humanity’s Team“ – ein Porträt

Protokoll Feldforschung #1

Protokoll Feldforschung #2.

Anhänge zu den Protokollen

Forschungsbericht

1. Einleitung

In der Religionswissenschaft sind Methoden, Verfahren und Techniken – das heisst ein geplantes Vorgehen mit dem Ziel der Erhebung von Daten–ein zentraler Bestandteil. Als Student bin ich im vergangenen Herbstsemester 2008 durch ein methodisches Seminar zur qualitativen Religionsforschung erstmals damit in Kontakt gekommen. Im Rahmen einer begleitenden Praxisübung habe ich zudem erste Schritte „im Feld“ gemacht. Durch diese Erfahrungen habe ich die Entscheidung getroffen, die Methode der teilnehmenden Beobachtung näher zu betrachten. Als zusätzliche Motivation sei mit Knoblauch festgehalten: „Die Vielfalt der gegenwärtigen Lebensführung schreit geradezu nach einer Beschreibung, die die Unübersichtlichkeit der eigenen Lebenswelt überwinden hilft. Denn während wir über historische Religionen (und historische Texte heutiger Religionen) enorm viel wissen, beschäftigen sich nur wenige mit dem, was man die gelebte Religion nennen kann.”1

Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem strategischen Problem der teilnehmenden Beobachtung: Es geht um die Frage, ob verdeckt oder offen beobachtet werden soll. Zuerst werden theoretische Standpunkte zur wissenschaftlichen Beobachtung dargestellt. Primär werden allgemeine Theorien für die Sozialforschung verwendet und jeweils da und dort für die Religionsforschung spezifiziert. Im Praxisteil steht dann die unstrukturierte teilnehmende Beobachtung im Zentrum. Es wird jeweils ein theoretischer Überblick gegeben, an den die beiden konkreten Feldforschungen anschliessen. Es handelt sich dabei um eine verdeckte und eine offene Beobachtung bei einer Gesprächsgruppe der Bewegung Humanity’s Team. Die Konzeptionen zur Feldforschung, die Protokolle, die detaillierte Darstellung der Gruppe, der Forschungsbericht und das Forschungstagebuch sind im Anhang2 zu finden.

Vor diesem Hintergrund werden die Ansätze verglichen und reflektiert. Das forschungsleitende Interesse kann somit folgendermassen definiert werden: Was unterscheidet die verdeckte von der offenen teilnehmenden Beobachtung bzw. welcher Ansatz ist für die vorliegenden praktischen Feldforschungen geeigneter? Ferner: Welche anderen inhärenten Aspekte sind wichtig?

Die Arbeit hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Oft wird daher auf weiterführende Literatur verwiesen. Insbesondere die praktischen Feldforschungen sind als Versuch der Annäherung an die spezifische soziale Wirklichkeit zu sehen. Die Methode des Interviews wird nicht behandelt, obwohl sie nur schwer von der teilnehmenden Beobachtung zu trennen ist. Schliesslich ist zu erwähnen, dass aus Gründen der besseren Lesbarkeit jeweils nur männliche Formen verwendet werden. Selbstverständlich sind implizit die weiblichen Formen mitgemeint.

An dieser Stelle möchte ich mich beim Dozenten des Seminars sowie bei meinen Freunden, Kollegen und Eltern für ihre Unterstützung und Arbeit im Hintergrund bedanken.

2. Die teilnehmende Beobachtung: theoretische Perspektiven

2.1 Allgemeine Überlegungen

Bei empirischen Untersuchungen religiöser Gruppen bedient sich die Religionswissenschaft oft der Methoden ihrer Nachbardisziplinen, besonders der Soziologie und der Ethnologie. Religionswissenschaft untersucht religiöse Tatbestände oder Gruppen empirisch und historischwissenschaftlich.3 Dabei soll kein religiöses Wissen, sondern Wissen über Religion und Religiöses gewonnen und vermittelt werden. Der Forscher will faktenbezogen berichten. Dies geschieht durch historisch-deskriptive Beschreibungen, analytische Untersuchungen und durch das Erörtern von systematisch-theoretischen Zusammenhängen. Es geht darum, überprüfbare und falsifizierbare Aussagen zu machen. Zentral dabei sind die wissenschaftlichen Kriterien der Rationalität und Intersubjektivität (Nachvollziehbarkeit durch verschiedene Personen).4

2.2 Die Beobachtung

2.2.1 Begriffsklärung

„Unter Beobachtung verstehen wir das systematische Erfassen, Festhalten und Deuten sinnlich wahrnehmbaren Verhaltens zum Zeitpunkt seines Geschehens.“5

Wissenschaftliche Beobachtung dient einerseits der Erfassung und Deutung sozialen Handelns, ist andererseits aber selbst soziales Handeln. Ziel ist die Darstellung der sozialen Realität im Lichte einer leitenden Forschungsfrage. Die Ergebnisse werden schliesslich der Kontrolle wissenschaftlicher Diskussionen unterzogen.6

2.2.2 Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Beobachtung

Beobachtung kann sowohl quantitativ7 als auch qualitativ orientiert sein. Im Folgenden wird die Beobachtung im Kontext der qualitativen Sozialforschung (auch freie Feldforschung genannt) beschrieben, da sich der Praxisteil dieser Arbeit ausschliesslich auf diesen Bereich beschränkt.8

2.2.3 Die qualitative Beobachtung

Girtler bezeichnet diese Art von Beobachtung als besonders klassisch und wichtig für qualitative Forschung.9 Gleichzeitig ist es „die vielleicht schwerste Methode“10. Man sucht dabei „den direkten Zugang zum Menschen“11. Dadurch kann man „den Menschen in seinem ganzen sozialen Sein“12 einbeziehen. Das Vorgehen ist hierbei meist induktiv (Schluss vom Einzelnen auf das Allgemeine).13

2.2.4 Prinzipien der qualitativen Beobachtung

Die qualitative Beobachtung ist nach Atteslander durch sechs Grundsätze14 gekennzeichnet:

1) Offenheit: Es werden vorab keine Theorien und Hypothesen formuliert. Der Untersuchungsgegenstand bestimmt die Forschung. Sie ist daher offen und flexibel und verzichtet auf hochstrukturierte und standardisierte Verfahren.
2) Prozesscharakter von Gegenstand und Forschung: Soziale Wirklichkeit wird als dynamische Konstruktion, die auf stetiger Interpretation und Aushandlung der Akteure beruht, begriffen. Die Forschung „rekonstruiert Konstitutionsprozesse sozialer Realität“15.
3) Reflexivität der Forschung: Im laufenden Forschungsprozess werden Begriffe und
Hypothesen generiert, modifiziert und verallgemeinert. Die verschiedenen Forschungsphasen gehen – analog zu den sozialen Interpretationsprozessen – ineinander über.
4) Explikation des Vorgehens: Theoretisches Vorwissen wird offen gelegt, die einzelnen Forschungsschritte und -entscheidungen werden beschrieben und die Interpretation wird nachvollziehbar gestaltet. Explikation sichert so die methodische Kontrolle und ist ein Gütekriterium für die qualitativ gewonnenen Daten.
5) Forschung ist Kommunikation: Forschungsprozesse beruhen auf kommunikativen Vorgängen, wobei die alltagsweltlichen Kommunikationsregeln Anwendung finden.
6) Problemorientierung: Die Auswahl des Forschungsfeldes resultiert aus den vom Forscher wahrgenommenen gesellschaftlichen Problemen. Im Zentrum steht ein praktisches Erkenntnisziel.

2.2.5 Formen der Beobachtung

Eine Typisierung der wichtigsten Beobachtungsformen kann nach dem Grad ihrer Strukturiertheit, ihrer Teilnahme und ihrer Offenheit vorgenommen werden.16

Die Strukturiertheit bezieht sich auf die Wahrnehmung und die Aufzeichnung – sie befindet sich im Spektrum zwischen strukturiert und unstrukturiert (bzw. systematisch und unsystematisch17 oder quantitativ und qualitativ). Bei einer strukturierten Beobachtung existiert ein bestimmtes Beobachtungsschema. Die zu untersuchenden Elemente sind eng begrenzt und umschrieben. Die Datenerhebung erfolgt durch standardisierte Verfahren. Im Gegensatz dazu gibt es bei der unstrukturierten Beobachtung keinerlei inhaltliche Schemata und Standardisierungen, sondern lediglich die Leitfragen der Forschung. Somit ist die Flexibilität und Offenheit der Beobachtung gesichert. Baumann bezeichnet diese Form als „impressionistisch und dem spontanen Interesse des Beobachters folgend“18. Girtler ist der Ansicht, dass damit komplexe Situationen und Handlungsprozesse „beinahe unbeschränkt“19 erfassbar sind.

Die Teilnahme bewegt sich im Spektrum zwischen passiver und aktiver Teilnahme an der zu beobachtenden sozialen Situation (Oszillation). Passiv teilnehmende Beobachter beschränken und konzentrieren sich auf ihre Beobachterrolle und können so die Interaktionen nicht selbst nachvollziehen. Dafür kennzeichnend ist zum einen die Distanz zur Gruppe und die Aussenperspektive des Forschers, zum andern aber auch der mangelnde Kontakt mit der Gruppe.20 Bei der aktiven teilnehmenden Beobachtung ist die soziale Interaktion des Forschers im Feld ausdrücklicher Bestandteil der Methode. Durch die unmittelbare Beteiligung an den sozialen Prozessen des untersuchten sozio-kulturellen Systems übernimmt der Beobachter eine in diesem System definierte soziale Rolle, wobei immer eine wissenschaftliche Intention verfolgt wird. „Aus dieser ‚ teilnehmenden Anwesenheit ’ im Forschungsfeld ergibt sich […] die Notwendigkeit, dass die Forscher zwischen der nötigen Empathie und der nötigen Distanz entscheiden, d.h. zwischen sozialer Teilnehmerrolle und Forscherrolle abwägen können.“21 Baumann spricht vom „Balanceakt der Distanz in der einfühlenden Teilnahme“22 – dem Einbezogensein durch Teilnahme einerseits und der geistig-reservierten Distanzierung durch Beobachtung andererseits (siehe 4.3.5). Schliesslich ist festzuhalten, dass die Intensität der Teilnahme stets variiert, sei es je nach Veranstaltungstyp oder aufgrund der Gruppengrösse.23

2.2.6 Die Offenheit der Beobachtung

Die Dimension Offenheit 24 wird eingehender betrachtet, da sie für diese Arbeit zentral ist. Sie „bezieht sich auf die Transparenz der Beobachtungssituation für die Beobachteten und kann zwischen verdeckt und offen variieren“25.

Ist die Beobachtung verdeckt, wissen die Beobachteten nicht, dass sie beobachtet werden. Die Beobachteten sollen sich so möglichst natürlich verhalten können bzw. durch die Beobachtung nicht gestört werden. Atteslander bemerkt, dass die Verheimlichung jedoch immer spezifische Nachteile mit sich bringt. Daher wird die verdeckte Beobachtung eher selten und nur in Feldern angewendet, in denen eine offene Beobachtung nicht durchgeführt werden kann. Dies ist dann der Fall, wenn durch die Beobachtung die zu untersuchenden Verhaltensweisen zu stark verändert oder nicht gezeigt werden.

Um verdeckt beobachten zu können, braucht der Forscher eine „Tarnung“26. Dies geschieht „entweder durch eine vorhandene oder neu geschaffene Rolle […] oder aber durch räumliche Bedingungen, wie z.B. einseitig durchsichtige Spiegel“27. Die Tarnung durch eine Rollenübernahme ist problematischer. Zwar ermöglicht sie weit reichende Einblicke und Erkenntnisse in die natürliche Lebenswelt des Feldes, aber stellt überaus hohe Anforderungen an den Beobachter. Er muss nämlich neben der Rolle des Forschers auch die eines Teilnehmers einnehmen und dabei seine Tarnung durchgehend aufrechterhalten und für sich selbst legitimieren. Es besteht stets die Gefahr einer „Enttarnung“, was normalerweise den Abbruch der Feldforschung bedeuten würde. Ausserdem ist verdeckte Beobachtung forschungsethisch bedenklich, da das Vertrauensverhältnis zwischen Beobachter und Beobachteten missbraucht wird (siehe 4.1).

Ist die Beobachtung offen, wissen die Beobachteten, dass sie beobachtet werden. So sind ein offener Auftritt des Forschers und ein grösserer Verhaltensspielraum möglich. Anfänglich kann dies zwar zu Misstrauen und Verhaltensänderungen führen, jedoch verschwinden diese methodenbedingten Verzerrungen in vielen Feldern im Laufe der Untersuchung. Die Untersuchungspersonen gewöhnen sich in der Regel schnell an den Beobachter und beginnen, ihn aktiv in ihre Lebenswelt zu integrieren. Positiv ist, dass so ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden kann, „das einen Informationsaustausch und ein Verstehen der fremden Lebenswelt ohne Täuschung ermöglicht“28.

Atteslander bezeichnet diese Form deshalb als „angenehmer und unbelastender“29 für den Beobachter.

3. Teilnehmende Beobachtung konkret: praktische Feldforschungen

Dieser praxisbezogene Teil ist folgendermassen aufgebaut: Zunächst kommt jeweils ein Kurzüberblick zur Theorie der einzelnen Schritte. Wenn sinnvoll, werden sie anschliessend aufgrund der praktischen Feldforschungen ausgeführt (kursiv). Dort sind die Verweise auf Literatur als praktisch angewandte theoretische Leitgedanken und nicht als Zitate zu verstehen.

3.1 Forschungspraxis

Die qualitative Methode zeichnet sich in der Praxis durch den offen-reflexiven Forschungsablauf, die intensive Feldarbeit, den Wechsel zwischen Datenerhebung und -auswertung und das direkte Verhältnis bzw. den persönlichen Bezug des Forschers zum Feld aus. Die teilnehmende Beobachtung setzt die Bereitschaft voraus, den Schreibtisch zu verlassen und sich in neue, vorerst ungewohnte Situationen zu begeben.30

3.2 Forschungsablauf

Der Forschungsablauf besteht nach Atteslander aus folgenden vier Phasen31: (1) Feldzugang; (2) Rollendefinition; (3) Datenerhebung und -auswertung; (4) Feldrückzug. Der Forschungsprozess verläuft jedoch nicht linear, sondern zyklisch. Die Arbeitsschritte werden also nicht aneinander gereiht; sie beziehen sich vielmehr aufeinander und wechseln sich gegenseitig ab.32 Nach Baumann ist dieses Modell ein „Übersetzungsprozess“33 von im Feld vorfindbaren Daten. Die Forschung wird dabei von einer steten kritischen Überprüfung des Vorverständnisses geleitet. Zunächst wird das Forschungsvorhaben formuliert und dann werden ethnographische Daten durch Beobachtungen und detaillierte Notizen gesammelt. Auch scheinbar Unwichtiges wird aufgezeichnet, um zu einer möglichst vollständigen Deskription zu gelangen. Es folgt eine erste Analyse der Daten, woraus sich wiederum neue Fragen entwickeln. So wird ein weiteres Sammeln von Daten nötig, die dann erneut analysiert werden. Das Forschungsvorhaben, das Vorverständnis und die Ausgangsfragen können in diesem Zyklus gemäss den Gegebenheiten immer kritisch begutachtet, näher definiert und modifiziert werden. Abschliessend wird ein Bericht über die Ergebnisse der Forschung erstellt. Baumann empfiehlt zusätzlich als Vorbereitung, dass sich der Beobachter möglichst umfassend über Schriften der Gruppe (Primärquellen) und über Publikationen zum Untersuchungsgegenstand (Sekundärquellen) informiert. Die Beschäftigung mit gruppenspezifischen Organisationsstrukturen, die räumliche Ausdehnung sowie Zahl und Typisierung der agierenden Personen sind ebenso angebracht.34

Die Vorbereitung der Feldforschungen umfasste zunächst das Auswählen eines Feldes und dann das Sammeln erster Informationen zur Untersuchungsgruppe. Ich habe mich für eine Gesprächsgruppe zu Büchern des Autors Neale Donald Walsch entschieden. Die Gruppe versteht sich als Teil der von Walsch ins Leben gerufenen Bewegung ‚Humanity’s Team’. Die Bücher und das Internet35 (sofern es sich um Selbstdarstellungen handelte) habe ich als Primärquelle genutzt. Wissenschaftliche Sekundärquellen habe ich keine gefunden. Mein Vorwissen durch mein persönliches Interesse an den Büchern in der Vergangenheit habe ich als positiv empfunden, denn dies erlaubte mir bereits eine gewisse Innenperspektive und Nähe zum Thema (siehe 4.3.5). Aufgrund der gesammelten Daten habe ich dann die Feldforschungen konzipiert. Die Fragestellung war zu Beginn sehr einfach gehalten (‚Wie verläuft ein Treffen dieser Gesprächsgruppe?’) und wurde dann im Verlauf modifiziert.

3.2.1 Feldzugang

Nach den Vorarbeiten wird geklärt, „unter Nutzung welchen Feldzuganges und vermittelt durch welche Kontaktpersonen geforscht werden kann, […]“36. Dabei ist wichtig, ob es sich um ein offenes (z.B. Restaurant), halboffenes (z.B. Universität) oder geschlossenes Feld (z.B. Gefängnis) handelt. Danach richten sich die Zugangsvoraussetzungen und -möglichkeiten und die Wahl von Kontaktpersonen.37

Bei der gewählten Gruppe handelt es sich um ein halboffenes bis geschlossenes Feld. Auf dem Internet fand ich Kontaktinformationen zum Leiter der Gruppe (W.), welche ich dann gleich nutzte. Er war erfreut über einen ‚Interessenten’ und lud mich ein, teilzunehmen. Meine Forschungsabsicht habe ich gemäss der Konzeption noch nicht offengelegt. W. war demnach der „Türsteher“38, der den Zugang zur Gruppe ermöglicht hat.

3.2.2 Rollendefinition

Sehr wichtig ist die Frage nach den im Feld einzunehmenden sozialen Rollen und der Verbindung der Forscherrolle mit der Teilnehmerrolle. Damit sind vier Hauptprobleme39 verbunden: (1) Teilnehmerrollen müssen flexibel sein, damit der Forscher im Feld agieren kann; (2) Rollen sollten dem Feld entsprechen (oder bestenfalls schon vorhanden sein) und es möglichst nicht verändern; (3) Die Frage, ob die Forscherrolle offengelegt oder verdeckt bleibt; (4) Klärung des Verhältnisses zwischen Forscher- und Teilnehmerrolle.

Die Gruppe war sehr klein. Wir waren – den Leiter und mich mitgezählt – nur vier Teilnehmer. Meine Rolle war bei der ersten Feldforschung getarnt: Ich habe mich als Interessenten ausgegeben. Ich musste mich zunächst zurechtfinden. Doch das war einfach. Ich musste einfach merken, wann ich mich am besten am Gespräch beteiligen sollte. Die Rolle als Teilnehmer existierte schon und wurde von der Gruppe akzeptiert. Ich versuchte aber, nur eine Art Nebenrolle einzunehmen. Da ich als Neuling auf irgendeine Weise ‚geprüft’ wurde, musste ich mich möglichst natürlich beteiligen, um so die Tarnung aufrechterhalten zu können. Die Situation nicht zu verändern, war in dieser kleinen Gruppe unmöglich.

Bei der zweiten Forschung habe ich dann meine Forscherrolle offengelegt und auch über die erste Forschung aufgeklärt. Ich kommunizierte auch mein schlechtes Gefühl, die Beobachteten beim ersten Mal nicht über meine eigentlichen Absichten informiert zu haben. Die Gruppe hat aber auch das akzeptiert.

3.2.3 Datenerhebung und -auswertung

Ein Forscher als Beobachter kann als Wahrnehmungsinstrument verstanden werden. Die Fragen, wann, was und wie zu beobachten ist, hängt von den Entscheidungen und Interessen des Forschers ab. Es ist nützlich, parallel zum Forschungsprozess ein Forschungstagebuch zu führen. In diesem können persönliche Eindrücke, Widersprüche und sozial unerwünschte Impressionen festgehalten und reflektiert werden.

Protokolle sollen „möglichst bald und noch mit der lebhaften Erinnerung an die Situationen“40 angefertigt werden. Erste Aufzeichnungen (Stichworte, Kurznotizen, Aufnahmegeräte, Fotos) können auch während der Arbeit im Feld erfolgen, vorausgesetzt es ist möglich und nicht störend.41 Die Sprache des Protokolls soll die von der Gruppe verwendeten Begriffe bzw. ihr Vokabular wörtlich wiedergeben (Sprachidentifikations-Prinzip) und Berichtetes ist wortgetreu festzuhalten (verbatim-Prinzip). Eine möglichst konkrete, detaillierte und faktenbezogene Darstellung wird angestrebt (Prinzip der Konkretheit). Dabei sollten Sorgfalt und das Forschungsinteresse leitend sein.42 Nach Atteslander können „bereits während der Feldarbeit erste Interpretationen und Hypothesenbildungen“43 erfolgen. Zur Auswertung der Felddaten dienen Verfahren wie objektive Hermeneutik oder qualitative Inhaltsanalyse44. Im laufenden Forschungsprozess werden dann nach und nach Daten und Hypothesen verknüpft.45

Bei der ersten Feldforschung musste ich mentale Notizen46 ‚speichern’ und dann auf der Heimreise gleich erste Feldnotizen erstellen. Bei der zweiten Session konnte ich dann schon während des Gesprächs Kurznotizen machen (was die Gruppe nicht gestört zu haben scheint) und diese dann wieder auf der Heimreise in ein ausführliches Protokoll einfliessen lassen. Ich habe dabei bewusst auf ein Aufnahmegerät verzichtet.47

Beim Protokollieren umschrieb ich zunächst den zeitlichen Ablauf in einer Kurzübersicht und skizzierte die räumlichen Gegebenheiten.48 Dann folgte die Darstellung der Teilnehmer und der abgelaufenen Interaktionen bzw. des Gesprächsinhalts.49 Während der Niederschrift habe ich Einfälle und Assoziationen sofort am rechten Rand neben dem Text notiert. Solch persönliche Eindrücke und subjektives Wissen sind nicht nur nebensächlich, sondern bilden eines der zwei Standbeine der Beobachtung.50 Die Protokolle sind frei (in Alltagssprache) verfasst.

[...]


1 Knoblauch, 2003, S. 24f.

2 Teilweise wird auch im Anhang Literatur zitiert. Sofern es sich um Werke handelt, die in dieser Arbeit verwendet werden, sei auf die bibliografische Dokumentation im Literaturverzeichnis verwiesen.

3 Die Frage, ob Religion und Religiöses überhaupt wissenschaftlich erforschbar ist, wird hier nicht behandelt. (Siehe dazu z.B. Baumann, 1998, S. 9f.)

4 vgl. Baumann, 1998, S. 7ff. Knoblauch, 2003, S. 34, weist auch auf zwei ähnliche grundlegende Kriterien hin,nämlich die logische Konsistenz und die empirische Überprüfbarkeit.

5 Atteslander, 2008, S. 67.

6 vgl. ebd., S. 67. Siehe dazu auch Girtler, 2001, S. 63.

7 Quantitative Beobachtungen sind hochstrukturiert, theoriegeleitet und kontrolliert. Das Verfahren ist meist deduktiv (Schluss vom Allgemeinen auf das Einzelne). Dabei geht es in erster Linie um die Überprüfung der Validität, Reliabilität, Repräsentativität und der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit von Theorien und Hypothesen (vgl. Atteslander, 2008, S. 70). Die Vor- und Nachteile der beiden Ansätze werden hier nicht diskutiert. (Siehe dazu z.B. Girtler, 1984 und Knoblauch, 2003.)

8 vgl. Atteslander, 2008, S. 69. Näheres zu Eigenschaften qualitativer Sozialforschung und dem ihr zugrunde liegenden interpretativen Paradigma ist zu finden bei Atteslander, 2008, S. 70ff., Knoblauch, 2003, 30ff. und Merkens, 1989, 10f.

9 vgl. Girtler, 1984, S. 9.

10 ebd., S. 131.

11 ebd., S. 11.

12 ebd., S. 125.

13 vgl. Beer, 2008, S. 12. Eine Ausführung zu den einzelnen Bestandteilen qualitativer Beobachtung bietet Atteslander, 2008, S. 73-79.

14 vgl. Atteslander, 2008, 71f. Siehe dazu auch Girtler, 1984, 38ff.

15 Atteslander, 2008, S. 71.

16 vgl. Atteslander, 2008, S. 79ff. Siehe dazu auch Girtler, 2001, S. 61f.; Knoblauch, 2003, S. 73. Eine andere Einteilung der Formen bietet Merkens, 1989, 14ff.

17 vgl. Baumann, 1998, S. 18.

18 ebd.

19 Girtler, 1984, S. 46.

20 vgl. Baumann, 1998, S. 19.

21 Atteslander, 2008, S. 88.

22 Baumann, 1998, S. 24.

23 vgl. ebd., S. 23. Weitere Differenzierungen z.B. bei Girtler, 1984, S. 48.

24 vgl. Atteslander, 2008, S. 83ff. Eine sehr ausführliche Betrachtung dazu bietet Knoblauch, 2003, S. 76-81.

25 Atteslander, 2008, S. 83.

26 Atteslander, 2008, S. 84.

27 ebd.

28 ebd., S. 85.

29 ebd.

30 vgl. Atteslander, 2008, S. 89 und Baumann, 1998, S. 12f.

31 vgl. Atteslander, 2008, S. 90 und 2.2.4. Siehe dazu auch Girtler, 1984, S. 54ff. und Knoblauch, 2003, S. 98.

32 Siehe dazu die Darstellung des hermeneutisch-zyklischen Forschungsprozess-Modells bei Baumann, 1998, S.15: Schaubild 1.

33 Baumann, 1998, S. 14.

34 vgl. ebd., S. 21 und Atteslander, 2008, S. 91. Dazu siehe Anhang III.

35 Siehe dazu u.a. die Website des ‚Humanity’s Team’ Schweiz: www.humanitysteam.ch

36 Atteslander, 2008, S. 90.

37 vgl. ebd., S. 90f. Siehe dazu auch Baumann, 1998, S. 21f. und Girtler, 1984, S. 78.

38 Diese Bezeichnung stammt von Knoblauch, 2003, S. 82.

39 vgl. Atteslander, 2008, S. 92. Ergänzungen bei Baumann, 1998, 23f.

40 Baumann, 1998, S. 25.

41 vgl. ebd.

42 vgl. ebd. S. 26 und Aster & Repp, 1989, S. 131.

43 Atteslander, 2008, S. 93.

44 Auf diese spezifischen Methoden wird nicht weiter eingegangen. Siehe dazu z.B. Atteslander, 2008, S. 181-207.

45 vgl. Atteslander, 2008, S. 92f. Siehe dazu auch Girtler, 1984, S. 132-143; Knoblauch, 2003, S. 167 und Baumann, 1998, S. 25f.

46 Diese Kategorisierung der Notizen ist zu finden bei Knoblauch, 2003, S. 91f.

47 Dies empfiehlt Girtler, 1984, S. 140.

48 vgl. Baumann, 1998, S. 25.

49 vgl. Atteslander, 2008, S. 93.

50 vgl. Knoblauch, 2003, S. 95.

Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640574964
ISBN (Buch)
9783640575206
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147540
Institution / Hochschule
Universität Luzern – Religionswissenschaftliches Seminar
Note
1.0
Schlagworte
Teilnehmende Beobachtung verdeckt offen qualitative Methode Feldforschung Religionsforschung

Autor

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Titel: Teilnehmende Beobachtung: Offen oder verdeckt?