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Der am-Progressiv - Randerscheinung oder doch mehr?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 36 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Norm und Standard
2.1 Was ist Norm?
2.2 Was ist Standard?
2.3 Was ist Substandard?
2.4 Was ist Nonstandard?
2.5 Wer setzt den Standard fest?

3. Was ist Grammatikalisierung?

4 Der am-Progressiv
4.1 Bildung
4.2 Bedeutung
4.3 Verwendung des am-Progressiv in der gesprochenen Sprache
4.4 Verwendung des am-Progressiv in der geschriebenen Sprache
4.5 Verwendung des am-Progressiv in den Grammatiken
4.6 Forschungsstand

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es gibt in der deutschen Sprache so manches, was es offiziell gar nicht gibt. Die so-genannte Rheinische Verlaufsform zum Beispiel. Die hat weniger mit dem Verlauf des Rheins zu tun, dafür umso mehr mit Grammatik. Vater ist das Auto am Reparieren, Mutter ist die Stube am Saugen. Und der Papst war wochenlang im Sterben am Liegen.“ 1

Mit diesen Sätzen leitet Bastian Sick seine Zwiebelfischkolumne „Wie der Rheinländer die Sprache am Verdrehen ist“ ein. Seine Kolumne stammt bereits vom 14. April 2005 und der Titel zeigt, dass die Form des am-Progressivs auch dort schon eine Rolle im Sprachbewusstsein der Menschen gespielt hat. In den letzten Jahren konnte nun be-obachtet werden, dass diese Ausdrucksform in immer markanterer Art und Weise in den alltäglichen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat. Zumindest in der gesprochenen Sprache sind die eingangs erwähnten Beispiele mittlerweile weit verbreitet. Aber trotz-dem wird der am-Progressiv immer noch als Randerscheinung abgetan und in den substandardsprachlichen Sprachgebrauch verbannt. Das Ziel der Arbeit wird es nun sein, diese These zu überprüfen oder festzustellen, ob der am-Progressiv mittlerweile eben doch mehr ist und schon dem schriftlichen Standard zuzurechnen ist. Daher wird zu-nächst einmal festzulegen sein, was eigentlich Norm und Standard sind, um von dieser Abgrenzung weitergehend den Substandard und den Nonstandard genauer zu definieren. Norm liegt immer im Bereich zwischen System und parole2 und ein „wesentlicher In-dikator der Sprachnorm ist die Akzeptabilität und damit verbunden die Gebrauchs-frequenz einer Konstruktion.“3 Nachdem die Abgrenzung erfolgt ist, wird es darum gehen zu klären, wer eigentlich die normsetzenden Instanzen sind. Im Anschluss daran wird erläutert, was unter dem Begriff „Grammatikalisierung“ im Allgemeinen ver-standen wird. Die Beurteilung, was als „grammatisch“ angesehen wird, trifft jeder Sprachnutzer individuell für sich, denn jeder Sprecher geht davon aus, dass sich seine „interne“ Grammatik in Übereinstimmung mit der virtuellen Grammatik der ihn um-gebenen Sprachgemeinschaft befindet.4 Nachdem die theoretische Basis damit gelegt worden ist, erfolgt die Analyse des am-Progressivs. Bevor die Verwendung des am-Progressivs in der gesprochenen und geschriebenen Sprache genauer untersucht wird, um zu einem Ergebnis zu kommen, ob der am-Progressiv mehr als eine Rand-erscheinung ist, wird zunächst die Bildung und die Bedeutung geklärt werden.

Anschließend wird noch ein Blick in die wichtigsten Grammatiken geworfen, um zu klären, ob und wenn ja, in welcher Form der am-Progressiv Eingang in die normver-mittelnden Regelwerke gefunden hat. Die Entstehung neuer Konstruktionen ist darin begründet, dass sich die Sprache wandeln und neuen Bedürfnissen der Sprachbenutzer anpassen kann. Mit der Bildung eines am-Progressivs hat ein großer Teil der Sprach-gemeinschaft offenbar eine Möglichkeit gefunden, einen bisher bestehenden Mangel auszugleichen und anscheinend bei einer Großzahl von Sprachteilnehmern eine gewisse Akzeptanz erreicht hat. Die Neubildung einer grammatischen Form geschieht aber immer auf der Basis der im System angelegten Möglichkeiten, denn die Grammatikali-tät einer Konstruktion ergibt sich daraus, dass sie nach einem nachvollziehbaren Muster gebildet wird, das übertragbar, generalisierbar und auf vergleichende Fälle anwendbar ist.5

Die Arbeit ist im WS 2008/09 im Rahmen des Seminars Grammatik und Variation unter der Betreuung von Frau Professor Christina Gansel entstanden und baut auf eine Seminarsitzung zum am-Progressiv als eine im Grammatikalisierungsprozess be-findliche Erscheinung auf.

2. Norm und Standard

2.1 Was ist Norm?

Der Begriff der Norm kann sehr weit gefasst und auf viele Bereiche der sozialen Umwelt angewandt werden. Fast alles aus dem Alltag kann genormt werden: das A4 Blatt, die Bleistiftmine, der Zollstock oder der Türrahmen. Für alle diese und viele Be-griffe mehr gibt es eine Norm. Hier soll es nun um die Norm der Sprache gehen. Sprachnorm kann definiert werden als: „Das sprachlich Korrekte, Richtige. [...]“6 Dies stellt aber nur eine Möglichkeit unter vielen dar, Normen zu definieren.

Sprachnormen geben also an, was richtig und was falsch ist. Hat eine Norm lediglich die Qualitätsmerkmale des Angemessenen, Angebrachten und Akzeptierten, so gilt sie als eine Norm im Allgemeinen. Diese Normen stützen sich auf einen belegbaren Usus, die Verbindlichkeit ist ihnen impliziert und sie nähern sich einer Konvention.7 Die Norm befindet sich immer eher im Bereich der Angemessenheit, da sie veränderlich ist und unter anderem von der jeweiligen Situation abhängt. Bei der Norm der Standard-sprache sieht es nun etwas anders aus. Ihre Verbindlichkeit ist bewusster und sie nähert sich ihrer Bestimmung als Richtigkeit. Sie ist kodifiziert und explizit schriftlich aus-formuliert.8 Die Wirkung der Norm wird im Bereich der Hochsprache außerordentlich verstärkt, da sie in Regelbüchern, Grammatiken und Wörterbüchern schriftlich vorliegt und sie über den Weg der Bildungseinrichtungen (Schule, Universität, Berufsschule) einem sehr breiten Adressatenkreis bewusst gemacht wird.9 Somit existieren Normen als Vorschriften, wenn Autoritäten mit glaubhafter Macht sie ausgeben und durch-setzen.10 In der Schule werden die Normen durch die entsprechenden Lehrkräfte ver-mittelt und durchgesetzt. Die Lehrer sind in diesem Fall die glaubhaften Autoritäten gegenüber den Schülern. Da sie aufgrund ihrer Stellung im Bildungssystem zur Norm-vermittlung und Normsetzung angehalten sind, sind die vermittelten Normen als gültig anzusehen, denn die übergeordnete Instanz, das Kultusministerium, verlangt die Ver-mittlung und Einhaltung der Norm in jedem Fall.11

„Standardsprachnormen sind also gültig, insofern den Normautoritäten ihre Ausgabe und Durchsetzung von übergeordneten Normautoritäten erlaubt und geboten ist. Dies be- schränkt sich auf bestimmte Situationen, z.B. den Schulunterricht.“12 Letztendlich ist neben der Existenz und der Gültigkeit noch die Legitimität zu unter-scheiden, denn Normen gewinnen ihre Legitimität durch Kompatibilität mit an-erkannten Werten.13 In Einrichtungen, bei denen die Einhaltung der Norm verpflichtend ist, zum Beispiel in der Schule, hat eine Nichtbeachtung der Norm entsprechende Sanktionen zur Folge.14 Diese können hart ausfallen und in der Schule in Form von Zensuren Gestalt annehmen. Jene bilden wiederum die Grundlage für eine erfolgreiche Schulkarriere und sind für den Schüler von elementarer Wichtigkeit. Für die Gesamt-sprache Deutsch gibt es eine zugrundeliegende Norm, sie ist für den fundamentalen Bereich (Orthografie, Morphologie, Syntax) über staatliche Rechtschreibregelungen und Grammatiken kodifiziert und toleriert nur im geringen Maß Variabilität.15 Die Norm in der Sprache ist somit das in den Regelbüchern abgedruckte und in einer Kommunikationssituation als Angemessenes betrachtete. Sprachliche Normen haben auch eine soziale Dimension, denn sprachliche Regeln unter Berücksichtigung der sozialen Dimension sind sprachliche Normen und die sind eine Teilmenge der sozialen Normen. Die sozialen Dimensionen sind hierbei alle Anwendungsbedingungen sprach-licher Regeln im Rahmen einer tatsächlich stattfindenden Kommunikation.16 Normen sind somit existent, gültig und legitimiert, sie beziehen einen sozialen Faktor mit ein und regeln den mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch als richtig oder falsch. Besonders im offiziellen Sprachgebrauch ist auf die Einhaltung der Norm besonders zu achten.

2.2 Was ist Standard?

„In Deutschland ist die Standardsprache allgemein die kodifizierte Form öffentlicher Rede und schriftlicher Texte, zumindest der Sach- und Fachtexte.“17

„Oft als Synonym zu Hochsprache, Schriftsprache, Literatursprache, Einheitssprache [...] und Standardvarietät verwendete Bezeichnung für eine in der Regel kodifizierte Sprache. [...] Allgemeine Verbindlichkeit erhält eine Standardsprache, indem sich der Staat dahinterstellt, was oft nicht ohne Weiteres erkennbar ist, sich aber zum Beispiel in Regelungen für den Schulunterricht (Lehrpläne, Lehrmaterialien) oder die Behörden zeigt.“18

„Die Auffassungen, was Standardsprache ist, gehen vom ehemals Elitären, Unerreich-baren über das musterhafte Normale bis hin zum unspektakulären Einfachen.“19 Dies verdeutlicht, dass es nicht einfach ist, genau festzulegen, was Standardsprache ist. Bei der Definition derselben wird auf die Hochsprache verwiesen und sie als eine „über den Mundarten, lokalen Umgangssprachen und Gruppensprachen stehende, all-gemein verbindliche Sprachform; gesprochene und geschriebene Erscheinungsform der Hochsprache“20

erklärt. Standardsprache ist somit eine Erscheinung, die sprachstilistisch über anderen steht und einen verbindlichen Charakter hat. Sie verfügt demzufolge über eine über-regionale Geltung. Sie wird schriftlich und mündlich gebraucht und in Formalen und Bildungskontexten für die angemessene Form gehalten. 21 Kennzeichnend für den Standard ist, dass er eine sehr enge Beziehung zu staatlichen Institutionen hat, denn diese verhelfen ihm zu einem höheren Verbindlichkeitsgrad, indem er den Standard über Regelwerke und Vorschriften für den öffentlichen Schrift- und Sprachgebrauch, insbesondere in den Schulen und den Behörden, festlegt.22 Der Begriff „Standard-sprache“ darf aber nicht als völlige überregionale Einheitlichkeit missverstanden werden. Die Einheitlichkeit ist zwar enorm groß, jedoch gibt es auch in der Standard-sprache gewisse regionale Unterschiede innerhalb des Deutschen sowohl im schrift-lichen als auch insbesondere im mündlichen Gebrauch. 23 Standarddeutsch variiert regional in verschiedenen Hinsichten. Zum einen in nationaler, zum Beispiel zwischen Deutschland und Österreich (demzufolge Variation zwischen verschiedenen Nationen), zum anderen in subnationaler (Variation innerhalb einer Nation), als auch sowohl in nationaler wie subnationaler Hinsicht in der gleichen Variablen: In Österreich speist man Fleischlaibchen, in den neuen Bundesländern Buletten, in Nord- und Mittelwestdeutschland Frikadellen und Weiteres mehr.24 Der offensichtliche Haupt-zweck einer Standardisierung der Sprache besteht darin, dass dadurch dialektale Kommunikationsschranken überbrückt werden und damit theoretisch eine Kommunikation im gesamten deutschen Sprachgebiet möglich ist.25 Besonders dem gesprochenen Standard wohnt meist der regionale Akzent des Sprechers inne, sodass er dadurch zumeist seine großräumige Herkunft preisgibt.26 Ausschließlich Berufssprecher und -sprecherinnen verwenden eine reine Hochlautung, die sich innerhalb von Deutsch­land keiner bestimmten Region zuordnen lässt.27 Die mangelnde Verwendung und Be-herrschung von Standardsprache gilt bei Erwachsenen oft als Zeichen mangelnder Bildung,28 kann aber nicht generell pauschalisiert werden, da auch Dialektsprecher einen hohen Bildungsgrad haben können und umgekehrt ein Standardsprecher einen eher geringen Bildungsstand haben kann. Trotzdem gibt es einen Unterschied im Ge-brauch von Standardsprache zwischen den einzelnen sozialen Schichten, allerdings ten-dieren alle im öffentlichen Gebrauch eher zum Standard und im Privaten eher zum Dialekt.29 „Wenn es um Standard geht, geht es nicht nur um die richtige Aussprache, sondern auch um die richtige Verwendung der Fälle, verschiedener Wörter und Aus-drücke.“30

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Standardsprache explizit festgelegt ist, von einem Normsetzer stammt, faktisch wirkt, vorsätzlich gegeben und veränderlich ist.31 Sie findet besonders im Bildungswesen und in den Behörden Verwendung, sie ist kodi-fiziert und am strengsten für die Rechtschreibung geregelt.32 Ihre Verbindlichkeit hat sie durch die staatlichen Regelungen und unterstützt wird diese durch Verschriftlichung in ausgewiesenen und allgemein akzeptierten Regelwerken.

2.3 Was ist Substandard?

Substandard oder Umgangssprache ist der Bereich der Sprache, der wohl in den meisten Kommunikationssituationen verwendet wird. Wenn Standardsprache die angestrebte Hochform der Sprache ist, so befindet sich der Substandard unterhalb dieser. Er ist wohl die Sprachform, die in der alltäglichen Kommunikationssituation am populärsten ist und von den meisten Sprechern benutzt wird.

Umgangssprache wird als „Bereich zwischen Dialekten und Gemeinsprache beziehungsweise Hochsprache be-schrieben, mittlerer Bereich dessen, was U. Ammon die dialektale Stufenleiter von der niedersten zur höchsten Sprachebene nennt. [...] Umgangssprache ist eine mündliche, nicht schriftlich fixierte Sprachform. Sie gilt als Hauptvarietät der Alltagssprache und wird auch in die Literatur und Fachsprache übernommen. Da Umgangssprache primär gesprochene Sprache ist, ist sie eine Sprachform des unmittelbaren Kontakts. [...].“33

Substandard kann somit als mittlerer Gegenbegriff zum Standard gebraucht werden.34 Der Substandard oder die Umgangssprache kann in zwei Bereiche gegliedert werden: Zum einen in die standardnahe und zum anderen in die dialektnahe Umgangssprache. Diese Zuteilung erweist sich als plausibel, da viele Sprecher in ihrer alltäglichen, um-gangssprachlichen Umgebung einen Unterschied zwischen Hochdeutsch und Dialekt registrieren und ihren eigenen Stil dem einen oder anderen zuordnen.35 Sprachanwender erkennen also die Unterschiede zwischen Sprachstandard und Nonstandard und sind sich auch bewusst, welchem Stil ihre eigene Sprachverwendung am nächsten kommt.

Dies bleibt aber im Wesentlichen auf die mündliche Kommunikation beschränkt. Um-gangssprache oder Substandard ist ein Terminus für den großen heterogenen Bereich von Sprachvarietäten zwischen Standard und Nonstandard, sie ist eine Ausgleichsvarie-tät zwischen Hochsprache und Dialekt und weist eine deutliche regionale Färbung, jedoch keine extremen Dialektismen auf.36 Als Zwischenposition ist sie somit genau wie die Standardsprache weit verbreitet, unterliegt aber in den einzelnen Regionen noch einem mehr oder weniger starken dialektalen Einfluss, wird aber trotzdem von den meisten verstanden. Weiterhin ist der Substandard eine Stilschicht, die für informellere, private Situationen angemessener erscheint als die eher auf die formellen Situations-kontexte beschränkt bleibende Hochsprache.37 Die Normen des Substandards sind im Gegensatz zum Sprachstandard nicht38 oder nur teilweise normiert und kodifiziert.39 Die teilweise Kodifizierung zeigt sich darin, dass einige umgangssprachliche Wörter Ein-gang in die Nachschlagewerke gefunden haben. So wird das Wort Schnatterliese 40 im Duden explizit als umgangssprachlich für schwatzhaftes Mädchen gekennzeichnet und das Wort Fluppe41 ebenfalls als umgangssprachlich für Zigarette ausgewiesen. Der Substandard ist teilweise überregional, eher mündlich, aber auch schriftlich und auch nur teilweise für den Ausländerunterricht geeignet, obwohl er das ist, was man bei einem Sprachaufenthalt im Ausland erlernen sollte.42 Da aber die Vermittlung der Standardsprache das erklärte Ziel ist, ist davon auszugehen, dass es mindestens zwei nebeneinander existierende Systeme gibt. Zum einen den Standard und zum anderen den Substandard, der zwar Eingang in die kodifizierten Nachschlagewerke findet, dort aber eindeutig markiert wird. Das stellt somit einen Grad an Akzeptanz dar, der aber nicht als allgemeinsprachlich gilt. Das bedeutet, dass die Sprachkompetenz des Nutzers, zu unterscheiden was Standard und was Nonstandard ist, nicht zu unterschätzen ist und demzufolge auch die Kompetenz, den Standard zu benutzen, eine wichtige Rolle spielt.

2.4 Was ist Nonstandard?

Der Substandard wurde als der mittlere Gegenbegriff zum Standard bezeichnet. Darauf aufbauend lässt sich der Nonstandard demzufolge als vollständiger Gegenbegriff zum Standard beschreiben.43 Damit wird bereits klar, dass die Kategorien, die für den Standard angelegt und herausgearbeitet wurden, in reziproker Bedeutung für den Non­standard gelten. Das bedeutet, dass sich der Dialekt besonders im Vergleich mit dem Standard darstellen lässt und es wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Sprach-formen gibt. Da in 2.3 der Substandard in standardnah und dialketnah eingeteilt wurde, ist zu bemerken, dass sich der Nonstandard in gewisser Weise dem Substandard von unten nähert, aber noch nicht dessen Kategorien erfüllen kann. Der Nonstandard oder Dialekt hat die Merkmale, dass er eine Ähnlichkeit und partielle, wechselseitige Ver-stehbarkeit zu anderen verwandten Systemen aufweist, regional gebunden ist und keine schriftliche Fixierung durch normierte orthografische und grammatische Regeln hat.44 Im Gegensatz zum Standard ist der Nonstandard also regional beschränkt. Diese Be-schränkung ist der Grund für die Entstehung von dialektalen Grenzen, die sich aus-formen, wenn sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Sprachmuster aus-bilden und Verwendung finden. Der regionale Dialekt bleibt somit auf einen be-stimmten Sprecherkreis reduziert, obwohl Ähnlichkeiten zu anderen Dialektsystemen bestehen können und deshalb die Kommunikation auch über den eigentlichen Dialekt-raum hinaus funktionieren kann. Das Merkmal, das Nonstandard nicht schriftlich in den Regelwerken fixiert ist, zeigt aber auch, dass es keine überregionale Größe ist, die es zu normieren gilt und damit eine stärker mündlich geprägte Form ist. Die Nichtschriftlich-keit ist dabei ein entscheidendes Merkmal für die Beschreibung des Nonstandards. Die Beurteilung, was Nonstandard ist, obliegt dabei Normautoritäten und Sprachexperten, die festlegen was Standard und was Nonstandard ist.45 An den Nonstandard werden geringere Ansprüche gestellt als an den Standard. 46 Er weicht am stärksten vom Standard ab,47 lässt sich als Gegenpol beschreiben und die Nichtaufnahme in die ein-schlägigen Kodizes verdeutlicht die eher regional bezogene Wirkungsweise. Als Gegenpol zum Standard findet Nonstandard somit keinen Eingang in Fach- und Sach-texte, außer als Gegenstand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen, er ist nicht kodi-fiziert und damit unverbindlich und hat speziell regionale Geltung. Die Verwendung des Nonstandards liegt damit vorwiegend im privaten Bereich.

[...]


1 http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,350958,00.html, eingesehen am 27.02.2009.

2 Vgl. Hundt 2005, S. 24.

3 Hundt 2005, S. 25.

4 Vgl. Hundt 2005, S. 18.

5 Vgl. Hundt 2005, S. 24

6 Ammon 2005b, S. 623.

7 Vgl. Dovalil 2006, S. 16.

8 Vgl. Dovalil 2006, S. 16.

9 Vgl. Moser 1967, S. 9.

10 Vgl. Ammon 2005a, S. 39.

11 Vgl. Ammon 2005a, S. 39.

12 Ammon 2005a, S. 39.

13 Vgl. Ammon 2005a, S. 40.

14 Vgl. Dovalil 2006, S. 16.

15 Vgl. Schmidt 2005, S. 299.

16 Vgl. Huesmann 1998, S. 17.

17 Ammon 2004, S. XLIV.

18 Ammon 2005c, S. 643.

19 Löffler 2005, S. 13.

20 Löffler 2005, S. 13.

21 Vgl. Dovalil 2006, S. 53.

22 Vgl. Dovalil 2006, S. 53.

23 Vgl. Ammon 2004, S. XLV.

24 Vgl. Ammon 2005a, S. 29.

25 Vgl. Ammon 2005a, S. 29.

26 Vgl. Ammon 2004, S. XLV.

27 Vgl. Ammon 2004, S. XLV.

28 Vgl. Ammon 2004, S. XLV.

29 Vgl. Ammon 2004, S. XLV.

30 Löffler 2005, S. 15.

31 Vgl. Dovalil 2006, S. 55.

32 Vgl. Dovalil 2006, S. 55.

33 Raith 2005, S. 704.

34 Vgl. Löffler 2005, S. 18.

35 Vgl. Barbour/Stevenson 1998, S. 150.

36 Vgl. Löffler 2005, S. 18.

37 Vgl. Löffler 2005, S. 18.

38 Vgl. Dovalil 2006, S. 71.

39 Vgl. Löffler 2005, S. 18.

40 Duden 2006, S. 900.

41 Duden 2006, S. 412.

42 Vgl. Löffler 2005, S. 18.

43 Vgl. Löffler 2005, S. 17.

44 Vgl. Löffler 2005, S. 17.

45 Vgl. Dovalil 2006, S. 65.

46 Vgl. Barbour/Stevenson 1998, S. 61.

47 Vgl. Barbour/Stevenson 1998, S. 62.

Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640584109
ISBN (Buch)
9783640583843
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147554
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Germanistik Sprachwissenschaften Haptseminararbeit rheinische Verlaufsform am-Progrssiv Standard Substandard Nonstandard Standardsprache

Autor

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Titel: Der am-Progressiv - Randerscheinung oder doch mehr?