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Der Irak-Konflikt und die Rolle der UNO – Darstellung der Reichweite von Theorien am Beispiel des Neorealismus und des Institutionalismus

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorstellung der Theorien „Neorealismus“ und „Institutionalismus“
2.1 Der Neorealismus
2.2 Der Institutionalismus

3 Praxisbeispiel: Der Irak-Konflikt und die Rolle der UNO
3.1 Vorstellung des Praxisbeispiels
3.1.1 Darstellung des Konfliktes
3.1.2 Die Vereinigten Staaten und ihr Verhalten zur UNO
3.2 Betrachtung des Konfliktes aus „neorealistischer“ Perspektive
3.3 Betrachtung des Konfliktes aus „institutionalistischer“ Perspektive

4 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das internationale System der Gegenwart ist gekennzeichnet durch eine Vielfalt von Akteuren, Prozessen und Strukturen. Neben den Nationalstaaten und ihren Regierungen sind als Handlungsträger gesellschaftliche Gruppen und wirtschaftliche Verbände vorzufinden.

Die geistige Bewältigung jener Vielfalt „ist nicht möglich ohne vorgefasste oder systematisch ausgewählte gedankliche Filter, Ordnungs- und Erklärungsschemata, welche die Fülle des Wahrgenommenen überschaubar machen. Im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess sind Theorien jene gedanklichen Konstrukte, die es uns ermöglichen, die vorgefundene Kom-plexität zu reduzieren, zu ordnen und schließlich zu erklären. Formal sind Theorien Sätze von Aussagen, die in einem logischen Zusammenhang stehen und die beanspruchen, der Wirklich-keit in überprüfbarer oder nachvollziehbarer Weise strukturell zu entsprechen. Sie dienen einer wissenschaftlichen Untersuchung als analytischer Bezugsrahmen, ermöglichen eine begrifflich-systematische Ordnung der Daten und befähigen dazu, aus den gewonnenen Ergebnissen Schlüsse zu ziehen.“[1]

Kurzgefasst sind Theorien als Sets von Aussagen zu verstehen, die zueinander in angehbaren Beziehungen stehen.

Anhand dieser Definition lässt sich zwar erkennen, dass es verschiedene Theorien gibt, die es uns erleichtern, einen politischen Zusammenhang zu verstehen, es ist jedoch nicht nachvoll-ziehbar, inwieweit jene auf die verschiedensten Untersuchungsgegenstände anwendbar sind.

Aufgabe dieser Hausarbeit soll es daher sein, anhand eines Praxisbeispiels die Reichweite von Theorien zu untersuchen. Dabei werde ich mich auf die Theorien „Neorealismus“ und „Insti-tutionalismus“ beschränken.

Nachdem die beiden ausgewählten Theorien im Punkt 2 kurz vorgestellt wurden, ziehe ich es unter 3.1 vor, das Praxisbeispiel „Der Irak-Konflikt und die Rolle der UNO“ vorzustellen, bevor ich das Beispiel im Punkt 3.2 und 3.3 aus der Sichtweise der jeweiligen Theorie betrachte, um dann schließlich im letzten Abschnitt (Punkt 4) die bisherigen Ergebnisse zusammenzufassen und davon ausgehend auf die Reichweite von Theorien zu schlussfolgern.

2 Vorstellung der Theorien „Neorealismus“ und „Institutionalismus“

2.1 Der Neorealismus

Der Terminus „Neorealismus“ bedeutet zunächst nur, dass die Forscher/-innen, die sich dieser Richtung zugehörig fühlen, sich nicht völlig mit der Tradition des „klassischen“ Realismus Hans Morgenthaus identifizieren können. Die Auffassung, dass es `den` Neorealismus in der Theorie der internationalen Politik gäbe, ist dagegen völlig verfehlt. Es gibt lediglich ein neorealistisches Paradigma, dem verschiedene neorealistische Ansätze zugehören. Die drei bekanntesten Ansätze sind der ökonomische Ansatz von Robert L. Gilpin, der von Gottfried-Karl Kindermann begründete synoptische Realismus der Münchner Schule und der struk-turelle Ansatz von Kenneth N. Waltz, auf den ich mich in meinen weiteren Ausführungen beziehen werde.

Waltz` Ansatz entwickelte sich in den 70er Jahren. Die Grundgedanken hat Waltz schließlich 1979 zu einer Theorie der Internationalen Politik ausgearbeitet, die von systemtheoretischen Überlegungen angeleitet ist.

„Ein System (also auch ein internationales System) besteht aus einer Struktur und aus Einheiten, die interagieren, d. h. aktiv miteinander in Beziehung treten, aber das System ist nicht die Summe der Interaktionen. Das System ist eine Abstraktion, Systeme kann man nicht sehen, sie handeln auch nicht selbst, aber sie bilden eine Struktur, die das Handeln der Akteure beeinflusst. Die Struktur setzt natürlich die Akteure voraus, aber sie unterliegt nicht ihrer Kontrolle. [...] Es gibt zwei Ordnungsprinzipien für politische Systeme: Hierarchie und Anarchie.“[2] Anarchie bedeutet also in den internationalen Beziehungen das Fehlen einer über-geordneten Regelungs- und Sanktionsinstanz. Demnach steht es den Staaten frei, ob sie den Forderungen anderer Staaten oder internationaler Organisationen Folge leisten. Zwischen ihnen stehen keine Herrschaftsverhältnisse. Das Staatensystem ist nicht hierarchisch, sondern horizontal aufgebaut. Allerdings kann unter der Voraussetzung der Anarchie niemand die Sicherheit der einzelnen Staaten garantieren. Somit wird das Überleben zur Grundlage und Voraussetzung für die Realisierung aller weiteren Ziele. „As Kenneth Waltz puts it, states operate in a `self-help` system.”[3] Allgemeine Unsicherheit über das Verhalten anderer Staaten bewirkt, dass Staaten in der internationalen Politik vorrangig auf Sicherheit und Machterhalt abzielen. Das Bild der internationalen Beziehungen entspricht daher dem Billiardkugel-Modell, im dem alle Staaten unabhängig voneinander agieren und sich gegenseitig behindern oder ausstechen können. Allgemein sieht der Neorealismus nach Kenneth Waltz Staaten als einheitliche, uniforme, homogene und rationale Akteure, d. h. der einzige Unterschied zwischen den Staaten ist ihr Machtpotential.

Aufgrund der anarchischen Struktur der Weltpolitik (das anarchische Prinzip leitet Waltz von der Wirtschaftswissenschaft ab, denn der Markt ist auch eine herrschaftsfreie Angelegenheit; vgl. Hartmann, Jürgen 2001) und der daraus resultierenden Unsicherheit ist kooperatives politisches Verhalten nicht selbstverständlich. „When faced with the possibility of cooperating for mutual gains, states that feel insecure must ask how the gain will be an expected gain is to be divided, say, in the ratio of two to one state may use its disproportionate gain to implement a policy intended to damage or destroy the other. Even the prospect of large absolute gains for both parties does not elicit their cooperation so long as each fears how the other will use its increased capabilities.”[4]

Nach Auffassung der Neorealisten handeln Staaten nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip. Die internationalen Beziehungen stellen sich als ein Nullsummenspiel dar, denn was eine Partei gewinnt, verliert eine andere. Vor diesem Hintergrund werden die Möglichkeiten zur inter-nationalen Kooperation eher skeptisch eingeschätzt. Zwischenstaatliche Kooperation er-scheint aus drei Gründen riskant: Erstens gibt es keine übergeordnete Instanz, die die Einhaltung internationaler Abmachungen überwachen könnte. Es besteht immer die Gefahr, dass ein Staat die Abmachung bricht und somit von der Kooperationsbereitschaft des anderen Staates profitiert, ohne selbst eine Gegenleistung zu erbringen. Zweitens befürchten Staaten meist, dass der Kooperationspartner mehr von der Zusammenarbeit profitieren könnte als sie selbst. Und drittens sind Staaten immer bestrebt, funktionale Abhängigkeit von anderen Staaten zu vermeiden (vgl. Hellmann, Gunther/Wolf, Reinhard 1993). Dementsprechend schließen Neorealisten die Möglichkeit für Kooperation praktisch aus. Nur unter Hegemonial-einfluss oder zur Bündnisbildung gegen eine Übermacht wird intensive und langfristige Zusammenarbeit als wahrscheinlich erachtet. Aus Letzterem lässt sich ableiten, dass Neo-realisten vor allem eine Balance-of-Power-Strategie vorschlagen. „Waltz treats states as unitary actors who, at a minimum, seek their own preservation and, at a maximum, drive for universal domination. Therefore, in the realist tradition, he points to the necessary emergence of a balance of power.”[5] Aufgrund des Selbsthilfeprinzips handeln Staaten demnach so, dass ein permanenter Balancierungsprozess stattfindet, der eine Machtzentralisierung verhindert. Staaten versuchen demzufolge nicht, ihre Macht zu maximieren, sondern ihre Position im System zu halten.

2.2 Der Institutionalismus

Das institutionalistische Paradigma ist mittlerweile ebenso vielseitig geworden wie das des Neorealismus. Neben der neuen institutionalistischen Kooperationstheorie, vor allem in ihrer Ausprägung als Regimetheorie, ist besonders der neoliberale Institutionalismus (von Robert Keohane begründet; auch unter dem Begriff `rationalistischer Institutionalismus` bekannt) von Bedeutung. Darüber hinaus ist gegenwärtig eine weitere institutionalistische Theorie im Entstehen begriffen: der Multilateralismus. Ich werde mich an dieser Stelle auf den rationalis-tischen Institutionalismus in Zusammenhang mit Keohane konzentrieren, der mit dem strukturellen Neorealismus einige Gemeinsamkeiten hat. Die Institutionalisten stellen Staaten genauso in den Mittelpunkt der Analyse und gehen auch davon aus, dass Anarchie eine große Bedeutung für die Gestaltung zwischenstaatlicher Beziehungen zukommt. Sowohl dem Neorealismus als auch dem rationalistischen Institutionalismus liegt ein neoposivistisches Wissenschaftsverständnis zugrunde. „Demnach bemisst sich für ihre Vertreter die Qualität einer Theorie danach, wie genau die aus ihr abgeleiteten Hypothesen Ereignisse erklären und vorhersagen können.“[6] Weitere Gemeinsamkeiten sind, dass...:

- ... davon ausgegangen wird, dass Staaten die Weltpolitik dominieren (damit wird nicht ge-leugnet, dass andere Akteure in das politische Geschehen eingreifen können);
- ... der Staat als rationaler Egoist verstanden wird, d. h. als ein einheitlicher Akteur, der ziel-bewusst die ihm verfügbaren Mittel einsetzt, um seine eigenen Interessen durchzusetzen; und
- ... Staaten meist als „black boxes“ behandelt werden.

Trotz der Gemeinsamkeiten ergeben sich dennoch aus beiden Theorieansätzen unterschied-liche Sichtweisen. So vertreten Institutionalisten ein wesentlich optimistischeres Bild der internationalen Politik. Während Neorealisten Kooperation fast völlig ausschließen und daher vorrangig auf Sicherheit abzielen, glauben Institutionalisten fest an die Möglichkeit kooperativer Beziehungen. „Langfristige Kooperationsbeziehungen lassen sich [...] auch ohne eine Regeln durchsetzende Hegemonialmacht oder gemeinsame Gegner aufrechterhalten. Vielmehr verfügen Staaten nach Ansicht der Institutionalisten in der Form internationaler Institutionen über wichtige Instrumente, um kooperative Beziehungen zu fördern und zu erhalten.“[7] „Therefore, the theory largely ignores security issues and concentrates instead on economic and, to a lesser extent, environmental issues.”[8]

[...]


[1] Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik. 4. Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 1990. S. 480/481

[2] Krell, Gert: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen. 1. Auflage. Nomos Verlagsgesellschaft. Baden-Baden 2000.

[3] Mearsheimer, John J.: The False Promise of International Institutions. In: The Perils of Anarchy. Contemporary Realism and International Security. Brown, Michael E. u.a. (Hrsg.). The MIT Press 1995. S. 338

[4] Waltz, Kenneth N.: Theory of International Politics. Reading Mass. 1979

[5] Dougherty, James E./Pfaltzgraff, Robert L.: Contending Theories of International Relations. A Comprehensive Survey. Third Edition. HarperCollins Publishers. New York 1990. S. 120

[6] Hellmann, Gunther/Wolf, Reinhard: Systemische Theorien nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Bilanz und Perspektiven der Neorealismus-Institutionalismus-Debatte. In: Österreichische Zeitschriften für Politikwissen-schaft. Wien 22 1993. S. 156

[7] Hellmann, Gunther/Wolf, Reinhard: Systemische Theorien nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Bilanz und Perspektiven der Neorealismus-Institutionalismus-Debatte. In: Österreichische Zeitschriften für Politikwissen-schaft. Wien 22 1993. S. 158

[8] Mearsheimer, John J.: The False Promise of International Institutions. In: The Perils of Anarchy. Contemporary Realism and International Security. Brown, Michael E. u.a. (Hrsg.). The MIT Press 1995. S. 342

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640581535
ISBN (Buch)
9783640582068
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147632
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Schlagworte
Neorealismus Institutionalismus Irak-Konflikt UNO Reichweite von Theorien Internationales System

Autor

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